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01.04.2013, 13:03 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [116]: Jacobi kennenlernen

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Ein Mann mit vielen Gesichtern auf vielen Gemälden: Friedrich Heinrich Jacobi

Gestern schrieb ich, bedingt durch den Reisezufall, in meinem letzten Sektor, über Friedrich Heinrich Jacobi – und heute lässt ihn Jean Paul selbst auftreten!

Nämlich so: er entwirft das Bild des Kommerzienagenten Röper, indem er seine Schrullen beschreibt. Kauft er sich ein Fleisch, so verwertet er es zunächst eine Woche lang, indem er nur den „vegetabilischen Teil“ konsumiert und es als Stammwürze für Kräuter und Gemüse verwendet, bis endlich der Sonntag erschien, wo das ausgelaugte Fleischgeäder selber zum Essen, aber in einem andern Sinn, kam und Röper das Fleisch wirklich aß.“ Nun kommt die Jacobi-Stelle: „Ebenso kann man mit einem Pfund Leibnizischer, Rousseauischer, Jakobischer Gedanken ganze Schiffkessel voll schriftstellerischen Blätterwerks kräftig kochen.“ Die Fußnote ergänzt dies, als müsste man dem Leser erklären, wer Jacobi ist: „Friederich Jakobi in Düsseldorf. Wer an seinem Woldemar – das Beste, was noch über und gegen die Enzyklopädie geschrieben worden – oder an seinem Allwill – wodurch er die Stürme des Gefühls mit dem Sonnenschein der Grundsätze ausgleichet – oder an seinem Spinoza und Hume – das Beste über, für und gegen Philosophie – die zu große Gedrungenheit (die Wirkung der Bekanntschaft mit allen Systemen) oder den Tiefsinn oder die Phantasie oder einige Züge, die gewisse seltnere Menschen heben, bewundert: einem solchen wird dabei das erste Anbellen, unter welchem Jakobi in den Tempel des deutschen Ruhm treten musste, sehr widrig ins Ohr fallen...“

Jean Pauls Lob betrifft einen Mann, der seinerzeit zu den Düsseldorfer Geistesgrößen gehörte, mit anderen heute noch bekannten Größen zusammenarbeitete – etwa als Mitherausgeber des Deutschen Merkur –, sich mit etlichen dieser Bekannteren verkrachte, im Freundschaftstempel des Gleimhauses in Halberstadt landete (wo auch Jean Paul hängt), kurzfristig (1779) Geheimrat in München wurde, bevor er sich wieder nach Düsseldorf, genauer: auf sein Gut Pempelfort [1] zurückzog. Er ging dann aber doch an die Isar, über die Zwischenstationen Holstein, Hamburg, Eutin und Wandsbek – letzterer Ort wurde durch den gleichnamigen Boten, also den kostbaren Claudius berühmt, vorletztere – nicht durch die Mutter des Bloggers, die im WK Zwo hier als Krankenschwester stationiert war. Jacobi war vor den Revolutionstruppen aus dem Rheinland geflohen, in Eutin holte meine Mutter der Krieg ein. Tote und Verwundete. Gehen wir lieber ins sonnig-südliche München, mit Jacobi, da es ihn 1804 denn doch in die Voralpenlandschaft verschlägt, wo er zusammen mit Schelling Philosophie lehrt, sogar – von 1807 bis 1812 – Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ist. Jean Paul kennt ihn, den Autor, seit seiner Jugend; Jacobi gehört zu seinen Sternen. Noch die ausführliche Fußnote des 18. Sektors, in der der Denker mit Leuten wie – aber es gibt keine Leute wie – Goethe, Herder, Kant, Klopstock und Hamann verglichen wird, da er ebenso angefeindet wurde wie jene – noch die Fußnote kündet vom einstigen Ruhm und dem Eindruck, den er auf Leute wie – aber es gibt keine Leute wie – Jean Paul gemacht hat. Wer Jean Pauls Erzählungen, Romane, Traktate und Briefe liest (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge), kann erahnen, was Jacobis Einsatz für die „Gefühlsphilosophie“ für den jungen Mann bedeutet hat, der, noch voll formbar, mit 17, 18, 19 Jahren den Woldemar und den Alwill, also Eduard Alwills Briefsammlung las (die man übrigens auch wieder im neu eröffneten Bayreuther Jean-Paul-Museum, in der Abteilung Bekannte Zeitgenossen, anschauen darf, auch Jean Pauls Briefe an Friedrich Heinrich Jacobi (Berlin 1828) und das Überflüssige Taschenbuch für das Jahr 1800, das von Jacobi herausgegeben wurde und Jean Pauls Huldigungspredigt enthält).

Wie sah der wahre Jacobi aus? Wir können es ahnen: hager und humorlos. „Hab' ich ihn nur gesehen, hatt' ich bisher gedacht, so werd' ich ein neuer Mensch und begehre weiter keinen edel-berühmten Mann mehr zu sehen.“ Ach!

Bei Jacobi konnte sich der junge Mann bestätigt fühlen, der zwar Kants Denken faszinierend fand, aber dessen Kritik der reinen Vernunft den Menschen als gottverlassene Denkmaschine entblößte. Der Pfarrerssohn brauchte, um nicht zu verzweifeln, philosophistische Helferlein wie Jacobi: Denker, die das Denken nicht als Absolutum erklärten, sondern einen Mittelweg zwischen Gefühl und Vernunft begehen wollten. Wer mehr darüber erfahren will, sollte zu Hanns-Joseph Ortheils erstklassiger Jean-Paul-Biographie greifen, die die Gemengelage beim jungen Jean Paul trefflich beschreibt – und wo Jacobi bei der Ausbildung von Jean Pauls Menschensicht eine wesentliche Rolle spielt. In der Fußnote der Loge gibt der Schwarzenbacher Erzieher und Dichter dann noch zurück, was er einige Jahre zuvor von Jacobi und dessen schön unsystematischem Denken empfangen hatte: einerseits eine Glaubensgewissenheit, über die nicht zu handeln sei, andererseits das Bewusstsein einer persönlichen Freiheit, die sich im diskursiven Streit entladen sollte (um nur das Mindeste anzudeuten).

Das Original des Ideals (1830) und die Kopie der Enttäuschung (1801) oder Ein zweifelhaftes Nürnberger Gipfeltreffen: Der alte Jacobi brachte kein Verständnis auf für das Ding in mir, das wider seinen Wunsch den Katzenberger und Fibel geschrieben.

Und nun, 1812, sollte er den Mann endlich treffen, der ihm durch die Schriften vertraut war, und mit dem er viele Briefe gewechselt hatte. Jacobi, der in diesem Jahr mit der Herausgabe seiner Gesammelten Werke begann, lebte zwar in München, aber man traf sich in Nürnberg. Zunächst verfehlte man sich in den gegenseitigen Wohnungen, dann umarmte man sich: „Um 11 Uhr aber hatte ich ihn an meiner Brust. Ich hielt einen alten Bruder und Bekannten meiner Sehnsucht im Arme. Kein Weltmann – außer im schönsten Sinne – der stille, edle Alte! Mir war, als säh' ich ihn bloß wieder. Überall Zusammenpassen – sogar seine Schwestern gefielen mir.“ Die Euphorie des Dichtes sollte nicht lange währen: Jacobi erwies sich als Egomane, sprach nur von seinen eigenen Arbeiten, fragte nicht nach Jean Pauls, mochte auch – der Mann war offensichtlich humorfrei – die neueren Erzählungen nicht. Wieder eine Enttäuschung – aber die huldigende Fußnote wurde nie gestrichen, auch nicht während der späteren Überarbeitung des Romans.

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[1] Klingt der Name nicht so, als hätte ihn Jean Paul erfunden?



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