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05.05.2013, 13:56 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [147]: Zweite Fortsetzung des Bamberger Berichts

1821 also fährt der Meister nach Bamberg: zu Herrn Kunz. Kunz wohnte damals schon nicht mehr dort, wo ihn Jean Paul das erste Mal aufgesucht hat. In Rainer Lewandowskis gutem Kurzführer durch E. T. A. Hoffmanns Bamberg, den sich der Blogger zulegte, als er mal einige herrliche Sommerwochen am Theater hospitieren durfte, das man nach dem berühmtesten ehemaligen Mitarbeiter benannt hat – in dem Führer des Hoffmannologen und langjährigen Theaterintendanten findet man auch die Informationen über Kunzens verschiedene Geschäftslokale und Wohnungen. Abt. 9: Das 'Haus zum Marienbild' – Pfahlplätzchen Nr. 5. Um 1812 ist Kunz hier mit seiner Leihbibliothek und seinen Flaschenweinen eingezogen; kein Wunder, dass ihn Hoffmann so schätzte (als Weinhändler, weniger als Verleger). Als Jean Paul im Jahre 1821 nach Bamberg reiste, lebte Hoffmann längst in Berlin; in Bamberg fand Jean Paul nur noch den Mann vor, den Hoffmann einst gemalt hatte.

Kleiner kunsthistorischer Einschub, nicht in Callots Manier

E. T. A. Hoffmann war bekanntlich ein Multitalent: als Dichter, Musiker, Jurist – und Maler. Mag sein, dass die Kunsthistoriker seine vielen Karikaturen und „ernsten“ Porträts als Werke eines Dilettanten abtun, die nur deshalb interessant sind, weil sie eben von Hoffmann stammen. In ihrem grellen, farbigen, gleichsam „anderen“ Strich, der gerade durch den Dilettantismus – die angewandte Liebhaberei also – befördert wurde, erkennen wir den echten Hoffmann. Er ist hier ebenso am Werk wie in seinen genial-grotesken Erzählungen. Sie wären vielleicht weniger authentisch, würden sie eine vollkommene Glätte der Zeichnung anzeigen, die in den (wunderbaren) Kammermusikkompositionen oder den Opern E. T. A. Hoffmanns – auf den Spuren Mozarts und der „Romantik“ – vorherrscht.

Apropos: Wer das Beste des Komponisten Hoffmann hören will, muss zu einer Aufnahme des Harfenquintetts greifen – am Besten zur Aufnahme, die man vor vielen Jahren mit der erstklassigen Harfenistin Marielle Nordmann gemacht hat. Es ist schön zu sehen, dass Madame Nordmann immer noch konzertierend tätig ist – denn diese Aufnahme, die der Blogger in den 70er Jahren mit den primitivsten Mitteln vom Radio auf die Musikkassette übertragen hat, leuchtet immer noch in die Gegenwart des Musikliebhabers hinein, der damals einen anderen, nicht minder beeindruckenden Hoffmann kennengelernt hat. Zusammen mit dem Sandmann ergab das eine Art von Parallellektüre, die zweierlei Zauber barg: den des Schauders und den der melancholisch angehauchten Schönheit.

Eher der Welt des Sandmanns gehören auch die Gemälde Hoffmanns an. Die Familie Kunz hat er im Winter 1813[1] in einer Gouache verewigt – kurz, bevor er die Stadt an der Regnitz Richtung Sachsen verließ. Er hat sie im Haus am Pfahlplätzchen gezeichnet: den Mann mit dem großen Embonpoint, seine Frau Wilhelmine (die ihn verlassen sollte), seine älteste Tochter Emilie – und eine Frau, in der man bislang seine Schwägerin erkannte. Wahrscheinlicher aber ist es, dass Hoffmann hier seine eigene Frau, die Polin Michalina, ins Bild gesetzt hat.[2]

Nein, das Bild ist nicht „schön“ – aber es ist ausdrucksstark und sehr persönlich: eine Art Biedermeieridyll mit leicht verzerrten, doch nicht boshaften Zügen. Man sitzt am bürgerlichen Tisch, er ist gedeckt, hinten kann man durch ein Fenster schauen, das sich zur Altenburg[3] hin öffnet. Man wohnt im Rückgebäude, nicht vorn, wo man zur ehemaligen Synagoge und aufs Pfahlplätzchen mit dem Hegelhaus blicken konnte. Kunz hatte, vermute ich, seine nun schon reduzierten Geschäftsräume im Vorderhaus: die Leihbibliothek und das Weindepot. Nach dem Konzert, das er zusammen mit Jean Paul gehört hatte, wünschte sich der Dichter, den Abend allein mit Kunz und seiner Familie zu verbringen. Leider existiert das Gebäude, in dem er ein paar Stunden mit den Kunzens verbrachte, nicht mehr: ein hochweises Stadtregiment hat das Haus zum Marienbild, das 1653 fertig gestellt wurde, gut 300 Jahre später dem Erdboden gleichgemacht, um einen Neubau an die Stelle zu setzen, der wie die Faust aufs Auge passt.

Hier war Jean Paul „den ganzen Abend hindurch in der heitersten Gemütsstimmung“, der über seine wohlgeratene Familie und das jeanpaulsche Tierleben berichtete und kleine Schnurren erzählte – und wer weiß: vielleicht berichtete er auch, welche Schwierigkeiten er gerade in diesen Wochen mit der Überarbeitung der Unsichtbaren Loge habe, zu deren Vollendung ihm die Muße und die Eingebungen fehlten.

Das Haus am Pfahlplätzchen 5, wo Jean Paul 1821 zu Gast war: damals und heute.

Dem guten Lewandowski[4] entnehme ich auch, dass Kunz im Jahre 1821 in das nächste Quartier zog: zum Zinkenwörth Nr. 39, was vermutlich identisch ist mit dem Haus Schillerplatz 4: gleich gegenüber dem Theater, nur ein paar Meter rechts von Hoffmanns zweitem Bamberger Wohnhaus entfernt. Mag sein, dass Jean Paul ihn dort besuchte – ich möchte annehmen, dass der Umzug in einen späteren Monat fiel. Es wäre auch relativ gleichgültig – aber es ist schön zu wissen, dass hier am Pfahlplätzchen einmal ein Haus stand, in dem er ein paar Stunden zu Gast war, und in dem er in der unmittelbaren Nähe eines Hauses war, in dem nur wenige Jahre zuvor der Doktor Hegel wohnte, der ihm später, in Heidelberg, Ehre erweisen würde.

Gegenüber von Kunzens Geschäftshaus hat sich nicht allzu viel geändert. Die Unterschiede zur historischen Situation von 1821 sind leicht zu entdecken. (Fotos: Frank Piontek, 3.5. 2013)

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[1] Genauer: er hat sie am 13. Februar 1813 vollendet – also am Sterbetag Richard Wagners, der regelmäßig mit der berühmten, auf den zukünftigen Dichterkomponisten gemünzten „Prophezeiung“ zusammengebracht wird, die Jean Paul in eben diesem Jahr 1813 – dem Geburtsjahr Richard Wagners –, in Wagners letztem Wohnort Bayreuth sitzend, in seiner Vorrede zu Hoffmanns Fantasiestücken in Callots Manier niedergeschrieben hatte.

[2] Auch diese Vermutung verdanke ich Rainer Lewandowski, der sie in seinem Sammelband Lichte Stunden eines wahnsinnigen Musikers nicht grundlos äußert.

[3] Der Blick erinnert mich wieder an das Jahr 1996, wo ich in der unteren Altenburger Straße saß, als ich bei Rainer Lewandowski eine schöne Hospitanz beim Sommernachtstraum in der Alten Hofhaltung machen konnte. Wie Jean Paul schon sagte: „Die Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht getrieben werden können.“ Ich würde den Satz präzisieren: Die schönen Erinnerungen sind dieses Paradies (denn schreckliche Erinnerungen sind die Hölle, sind ein Trauma). Es sei denn, dass wir uns wieder in dieses Paradies hinein wünschen, weil wir tatsächlich aus ihm vertrieben wurden – aber was sind eigentlich Erinnerungen, wenn wir noch in irgendeinem Paradies sitzen? Im Übrigen geht der Spruch noch weiter: „Sogar die ersten Eltern waren nicht daraus zu bringen.“ Wirklich nicht? Wirklich nicht?? - Ein typischer Fall, bei dem man ins Grübeln gerät, wenn man über scheinbar selbstverständliche Aphorismen Jean Pauls nachzudenken beginnen.

[4]Und nun beziehe ich mich auf sein 1995 publiziertes Buch: Fiktion und Realität. E. T. A. Hoffmann und Bamberg.



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