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04.05.2013, 14:28 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [146]: Fortsetzung des Bamberger Berichts

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Zwei Monate, bevor Jean Paul die zweite Vorrede zur Unsichtbaren Loge schrieb, besuchte er zum zweiten Mal die Stadt Bamberg. Wieder besuchte er, wie beim ersten Mal, den Buch- und Weinhändler Carl Friedrich Kunz, der glücklicherweise so klug war, auch als Autor in Erscheinung zu treten. Als solcher hat er 1839 ein Buch über ihn geschrieben: Erinnerungen aus meinem Leben in biographischen Denksteinen und andern Mitteilungen III. Jean Paul Friedrich Richter. Er habe, schreibt Berendt in seiner wunderbaren Sammlung Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen, seine Memoiren gelegentlich romanhaft ausgeschmückt; mag sein, dass das eine oder andere Detail eher einer Novelle als einem nüchternen Lebensbericht entstammt, aber klar scheint zu sein, dass Jean Paul im April 1821 nach Bamberg reiste, um dort die „gefeierte Catalani“ zu hören. Der Dichter liebte die Musik, wir können uns vorstellen, dass er, inspiriert von der Konzertmitteilung, flugs ein Ticket bestellt und sich bei seinem früheren Vermieter auf Zeit (oder in einem Hotel) anmeldet.

Und wie sah die „gefeierte Catalani“ nun aus, als Jean Paul sie erlebte? Wie sie sang: das erfahren wir aus dem Bericht, den Funck hinterließ – wenn wir der Einschätzung des Musikfreundes Jean Paul und dem Bericht selbst trauen dürfen.

Der erste Eindruck, den sie[1] auf Jean Paul machte, schreibt Funck, sei nicht günstig gewesen: Die Prätension, mit der sie auftrat, gefiel ihm nicht, und er sagte mir leise ins Ohr: ‚Auch eine Theaterprinzessin!‘“ Es trifft sich mit der Beobachtung, dass die Catalani, die inzwischen 40 Jahre zählte, einige Jährchen zuvor eine Stimmkrise hatte und ihren vokalen Zenit wohl schon überschritten hatte. Als man in der Gaststube ein Bier trank, meinte der Dichter, dass es ein übles Zeichen sei, „wenn inmitten eines Kunstgenusses irgendein körperliches Bedürfnis sich in mir regt“. Der zweite Teil aber hat ihn begeistert, nach dem abschließenden God save the King „geriet er fast außer sich“ (schreibt Kunz). „Da war Seele im Lied! Ja, ich gestehe Ihnen, ohne dies Lied würde mich meine Fahrt nach Bamberg gereut haben.“

Dass Jean Paul seit je ein inniges Verhältnis zum Gesang hatte, erfahren wir aus seinen Erzählungen – Beata ist ja auch so eine (noch junge) Sängerin, die den Musiklehrer und Erzähler hinreißt. Mag sein, dass er 1821 das partiell vergangene Idealbild einer Sängerin mit jenen Frauen verglich, die in seinem Werke singen.

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[1] Ich nehme an: im Theater, vor dem jetzt die Jean-Paul-Säule steht.



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