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22.09.2014, 14:10 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte

Kleine Einführung in Jean Pauls „Selberlebensbeschreibung“ III

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Der Tod des Pfarrers Barnickel bringt schließlich den Umzug nach Schwarzenbach an der Saale, da der Vater jetzt dessen Pfarrstelle einnehmen kann. Die dritte Vorlesung lässt den jungen Helden in das „kleine Städtchen oder großen Marktflecken“ einziehen, in der Hoffnung, mehr vom Leben des Hauptakteurs zu zeigen als „die bloßen Kinderschuhe, wie leider bisher.“ Vor allem die Schulzeit dominiert hier das Geschehen. Der jetzige Romanschreiber verliebt sich „ordentlich in das hebräische Sprach- und Analysier-Gerümpel und Kleinwesen“ und borgt sich für seine Wortanalyse „aus allen schwarzenbachischen Winkeln hebräische Sprachlehren“ zusammen:

Darauf nähte er sich ein Quartbuch und fing darin bei dem ersten Buche Mosis an und gab über das erste Wort, über seine sechs Buchstaben und seine Selblauter und das erste Dagesch und Schwa so reichliche Belehrungen aus allen entlehnten Grammatiken mehre Seiten hindurch, daß er bei dem ersten Worte ‚anfangs‘ [...] auch ein Ende machte, wenn es nicht bei dem zweiten war. Was noch von des Quintus Fixlein Treibjagd in einer hebräischen Foliobibel nach größern, kleinern, umgekehrten Buchstaben (im ersten Zettelkasten) geschrieben steht, ist wörtlich mit allen Umständen auf Pauls eignes Leben anzuwenden.[1]

Wieder verschwimmen die Grenzen zwischen dem Romanschreiber, dem Romanhelden (Fixlein) und dem Akteur der Selberlebensbeschreibung, diesmal in einer einzigartigen Buchstabenliebhaberei, „die ganze Welten schafft und dabei selbst noch die Urszene aller Schöpfung, die Genesis, übertrumpft und überwuchert“ (Helmut Pfotenhauer). Neben fremden Schriftzeichen und der deutschen Literatur erlernt Paul das Klavierspiel und bekommt vom Kaplan Völkel Unterricht in Philosophie und Geographie. Noch wichtiger aber wird dessen „Anleitung zur sogenannten natürlichen Theologie“, zumal Paul aus den verzifferten theologischen Beweisen und Andeutungen – „wie nach Goethens botanischen Glauben“ – seine eigenen Oktavblätter entfalten kann.



[1] Vgl. Quintus Fixlein, Erster Zettelkasten: „Stand nicht hinter der Kanzeltreppe die Sakristei-Kajüte, worin eine Kirchenbibliothek von Bedeutung – ein Schulknabe hätte sie gar nicht in seinen Bücherriemen schnallen können – unter dem Grauwerk von Pastell-Staub eigentlich lag? und bestand sie nicht noch aus der Polyglotta in Folio, die er – angefrischt durch Pfeiffers critica sacra – in frühern Jahren Blatt für Blatt umgeschlagen hatte, um daraus die litteras inversas, majusculas, minusculas etc. mit der größten Mühe zu exzerpieren? Er hätt' aber heute lieber als morgen dieses Buchstaben-Rauchfutter in einen hebräischen Schriftkasten werfen sollen, an den die orientalischen Rhizophagen gehangen sind, da sie ohnehin fast ohne alles Vokalen-Hartfutter erhalten werden.“


Sekundärliteratur:

Jean Paul: Lebenserschreibung. Veröffentlichte und nachgelassene autobiographische Schriften. Hg. von Helmut Pfotenhauer unter Mitarbeit von Thomas Meißner. Carl Hanser Verlag, München u.a. 2004.


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