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22.09.2014, 14:10 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte

Kleine Einführung in Jean Pauls „Selberlebensbeschreibung“ I

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Die drei Vorlesungen, die aus Jean Pauls Feder geflossen sind, zählen mithin zu dem Besten, was er je geschrieben hat. Sie sind aber nicht nur Zeugnis heiteren Gelingens, sondern auch trostlosen Scheiterns, hervorgerufen durch Skrupel und Zweifel sowie durch eine Scheib-Hemmnis, die zugleich Ausdruck eines bekümmerten Lebens ist. Jean Paul hat seine Selberlebensbeschreibung selbst nie veröffentlicht. Sie wird schließlich abgebrochen und, trotz anderslautender Ankündigungen, nie wieder von ihm aufgenommen. Über die Kindheitsgeschichte, über die Orte Wunsiedel (Erste Vorlesung), Joditz (Zweite Vorlesung) und Schwarzenbach an der Saale (Dritte Vorlesung) ist er nicht mehr hinausgelangt. Zwar macht er noch knappe Notizen zu den Folgekapiteln „Hof Gymnasium“, „Leipzig Student“, „Hof Kandidat“ etc. – allein seinem Sohn Max schreibt er am 4. September 1821, dass er nicht weiterkommt wegen seines Abscheus vor dem Erzählen, der Gleichgültigkeit gegen sein Ich und der Lust, Neues zu schaffen.

Die erste Vorlesung der Selberlebensbeschreibung, wie Jean Paul seine ‚Autobiografie‘ in einer sprachlichen Neuschöpfung übersetzt, beginnt mit der Geburt Jean Pauls, dem Großvater, Wonsiedel („unrichtiger Wunsiedel“). Die zweite Vorlesung umfasst den Zeitraum von 1765 bis 1775, in ihr werden die Zeit in Joditz beschrieben und die Dorfidyllen gegeben. Die dritte Vorlesung behandelt Schwarzenbach an der Saale. An ihren Schluss hat Jean Pauls Freund Christian Otto noch die Bruchstücke „Kuß“, „Scherz mit dem Rektor“ und „Abendmahl“ nach eigenem Gutdünken gereiht. Den ganzen fragmentarisch gebliebenen Text hat er zudem unter dem missverständlichen Titel Wahrheit aus Jean Paul's Leben 1826 aus dem Nachlass herausgegeben.

Der Anfang der Selberlebensbeschreibung stellt gewissermaßen eine Kontrafaktur, einen Gegenentwurf, zu Goethes Autobiografie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (1811/33) dar. Über Goethes Geburt tun sich Sonne, Jupiter und Venus in „glücklicher“, „freundlicher“ Konstellation zusammen, die Stellung der Gestirne zum Zeitpunkt der Geburt richtet diese gleichsam nach oben hin aus. Bei Jean Paul hat das „Schicksal“ selber ein Wortspiel wie ein „Nestei“ gelegt, über dem er sein Leben lang sitzen und brüten muss, nämlich „daß ich und der Frühling zugleich angefangen“. Das Ich verkümmert aber nicht als Abweichung, als Digression, als Witz, sondern wird – wie das zeitgleiche Blühen von „Scharbock- oder Löffelkraut“, von „Ackerehrenpreis oder Hühnerbißdarm“ – vielsagend, eben weil es klein ist. Die Geburt des Ichs ist deshalb nach unten gerichtet.

Geboren wird Jean Paul im Jahr 1763, „wo der Hubertusburger Friede zur Welt kam“, zu Frühlingsanfang am Morgen um 1.30 Uhr in „Wonsiedel“. Sein Vater heißt Johann Christian Christoph Richter und ist Tertius und Organist in Wunsiedel; seine Mutter Sophia Rosina ist die Tochter des Tuchmachers Johann Paul Kuhn in Hof. Der Name Jean Paul entsteht aus den Namen der beiden Taufpaten Johann Paul, seines Großvaters, und Johann Friedrich Thieme, eines Buchbinders. Der Großvater väterlicherseits heißt Johann Richter und arbeitet als Rektor in Neustadt am Kulm; an „dieser gewöhnlichen baireuthischen Hungerquelle für Schulleute“ steht und schöpft er 35 Jahre lang. Jean Pauls Vater wird am 16. Dezember 1727 dort geboren, studiert statt der Tonkunst in Jena und Erlangen Theologie, um sich bis 1759 als Hauslehrer in Bayreuth „abzuplagen“. Ein Jahr später erringt er die Stelle als Organist und Lehrer in Wunsiedel. Am 13. Oktober 1761 heiratet er Jean Pauls Mutter Sophia Rosina.

Wunsiedel ist für Jean Paul eine Stadt, in die seine Kindheit nicht nur tief hineinreicht, sondern an die er sich auch noch in späteren Jahren gern zurückerinnert:

Ich bin gern in dir geboren, Städtchen am langen hohen Gebirge, dessen Gipfel wie Adlerhäupter zu uns niedersehen! – Deinen Bergthron hast du verschönert durch die Thronstufen zu ihm; und deine Heilquelle gibt die Kraft – nicht dir, sondern dem Kranken, hinaufzusteigen zum Thronhimmel über sich und zum Beherrschen der weiten Dörfer- und Länderebene. Ich bin gern in dir geboren, kleine, aber gute lichte Stadt! –

Den zweiten Teil der Selberlebensbeschreibung hören Sie hier ...


Sekundärliteratur:

Jean Paul: Lebenserschreibung. Veröffentlichte und nachgelassene autobiographische Schriften. Hg. von Helmut Pfotenhauer unter Mitarbeit von Thomas Meißner. Carl Hanser Verlag, München u.a. 2004.


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