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Selberlebensbeschreibung: Entstehung

Eine eigene Biografie über sein Leben zu schreiben, ist Johann Paul Friedrich Richter alias Jean Paul (1763-1825) nicht leicht gefallen. Und das, obwohl er sein Vorhaben, „Aufzeichnungen und Erinnerungsnotizen“ zu seinem Leben zu machen, ernsthaft aufgenommen hat: Zwischen 1813 und 1817 sammelt er Nachrichten über seine Eltern und seine Kindheit, am 4. Juli 1818 sichtet er das Material und beginnt zehn Tage später mit der Niederschrift. Wie also ist der dichterische Unmut über ein an sich geläufiges Unterfangen, sein gelebtes Leben schriftlich in Worte zu fassen, bei Jean Paul zu verstehen? Laut Vaterblat seiner Schriften (dem Verzeichnis ihrer Entstehungsdaten) bricht Jean Paul am 22. Januar 1819 die Niederschrift endgültig ab mit den Worten, er sei „nicht der Mühe werth gegen das was ich gemacht“. Davor, am 3. August 1818, hat er seinem Freund Emanuel Osmund berichtet, er sei „durch die Romane so sehr ans Lügen gewöhnt, daß ich zehnmal lieber jedes andere Leben beschriebe“ als das eigene. Das gelebte faktische Leben auf der einen, das erfundene erst noch zu schreibende Leben auf der anderen Seite sind für den Dichter Jean Paul zwei Gegensätze, die nicht übergangen, geschweige denn aufgelöst werden können: Das gelebte Leben ist durch seine strenge Faktizität begrenzt und dadurch der Beschreibung ‚unwert‘ („nicht der Mühe werth“); das erfundene Leben bietet dagegen dem Schriftsteller Freiräume, die nur er mit Inhalten füllen kann, weil sie in seiner dichterischen Fantasie existieren, vor der Allgemeinheit aber bloße ‚Lügengeschichten‘ („Romane“) darstellen. Einen Satz wie den des US-amerikanischen Romanautors John Irving, „Wenn wir über die Vergangenheit reden, lügen wir mit jedem Atemzug“ (Bis ich dich finde, dt. 2006), hätte Jean Paul nicht ohne Weiteres unterschreiben können, auch wenn er sich permanent in seinen eigenen Werken ‚fiktiv-lügend‘ an diese persönliche Vergangenheit heranwagt.

Noch glaubt Jean Paul an eine Zusammenführung der beiden unterschiedlichen Lebensbeschreibungsmodelle. Das Interessante dabei ist, dass er sie gerade nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft verlegt. „Konjekturalbiographie“ nennt er das – eine Biografie des künftigen (gemutmaßten) Lebens, die innerhalb von Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf 1799 in Leipzig erscheint. „Opera posthuma“ – nicht „omnia – tituliert er dementsprechend seine gesammelten Werke, denn „das Publikum soll meine Reihe voraussehen“, nicht subskribieren (Merkblatt 1820). Auch in seinen fiktiven Roman-Biografien schreibt Jean Pauls biografisches Ich sich immer wieder ein, besonders im Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal (1793), im Leben des Quintus Fixlein (1796) oder im Leben Fibels (1812). Seine ersten literarischen Beobachtungen über menschliches Verhalten, die Bemerkungen über den Menschen, gehen bereits auf das Jahr 1782 zurück. Die schreibende Anverwandlung des menschlichen Lebens hält in Jean Pauls Vita über die Leipziger Studienzeit hinaus eine Zeitlang produktiv an.

So ist denn auch seine „Selbst-Lebensbeschreibung“, die Jean Paul seinem Mentor und Freund Pfarrer Vogel am 10. November 1810 ankündigt, als Teil eines größeren fiktiven Romanwerks zunächst geplant. Seit 1811 arbeitet er an einem komischen Roman, der Komet oder Nikolaus Marggraf heißen soll (1820/22 bei Reimer in Berlin erschienen). Die Geschichte des Fürstapothekers Nikolaus Marggraf, der in donquijotischer Fantasie umherzieht, soll sich mit derjenigen des Dichters und Verfassers der Geschichte Jean Paul abwechseln. Im Roman tritt dieser dann persönlich auf, wird er doch als junger Kandidat Richter aus Hof und als von der Welt geschätzter Autor des Hesperus und Titan ins Gefolge des falschen Fürsten aufgenommen, damit er ihm das Wetter vorhersagt – wie man weiß, auch beim echten Jean Paul eine wahre Leidenschaft. Streckenweise liest sich der Roman wie eine abgründig ironische Fantasie über Jean Pauls Leben.

Dass es dennoch nicht zur vollendeten Verschränkung von Roman und Autobiografie gekommen ist, verdankt sich unter anderem Jean Pauls Einsicht, dass ein solches Zwitterwesen auf beiden Seiten letztlich nicht glücken könne, weder literarisch noch biografisch. Die Form des Erzählens wird ohnehin mehr zum eigentlichen Inhalt des autobiografischen Schreibens, das über das bloß zu Erzählende hinausgeht. Im Winter 1818/19 trifft Jean Paul zwei weitreichende Entscheidungen: zum einen beschließt er, die humoristische Idylle ähnlich wie bei den Lebensgeschichten von Wutz, Fixlein oder Fibel für die ersten Lebensabschnitte seiner Biografie einzusetzen; zum anderen wählt er – sich selber ironisierend – die historische Vorlesung eines „Professors der Geschichte von sich“ als Darstellungsform. Damit werden zugleich die Grenzen des Erzählens abgesteckt. Einmal, weil klar wird, dass die verklärende Sicht auf die Vergangenheit durch die Idylle nur das Weitzurückliegende im Blick haben kann; aber auch, weil die Selbststilisierung zu einem Professor der „Selbergeschichte“ die nötige Distanz schafft, die eigene Zufälligkeit, wenn auch ironisch, in einen größeren Welt-Zusammenhang zu stellen.

Verfasser: Peter Czoik