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22.09.2014, 14:10 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte

Kleine Einführung in Jean Pauls „Selberlebensbeschreibung“ II

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In der zweiten Vorlesung widmet sich „gegenwärtiger Professor der Geschichte von sich“ dem Pfarrdorfe Joditz und den damit verbundenen Dorfidyllen: „Da mein Vater schon im Jahre 1765 als Pfarrer nach Joditz berufen worden: so kann ich mein Wonsiedler Kindheitreliquiarium destor reiner von den ersten frühen Joditzer Reliquien und Erinnerungen abscheiden.“ „Hans Paul“ und seine drei jüngeren Brüder Adam, Gottlieb und Heinrich werden vom Vater täglich sieben Stunden lang unterrichtet, wobei der Unterricht nur aus Auswendiglernen von Sprüchen, des Katechismus, von lateinischen Wörtern und Langens Grammatik besteht. Gleichwohl lobt Jean Paul sich und seinen Lehrer. Niemals wird er „ausgeprügelt“, stets weiß er „das Seinige“. Die Liebe zu den Buchstaben ist das erste Schulereignis seiner Joditzer Dorfidyllen. Nicht der Geist, sondern der „Leib“ einer Sprache fährt in ihn zunächst hinein, zumal das Inhaltliche Sache der Mutmaßung und der Sehnsucht bleibt. Der orbis pictus und die „Gespräche im Reiche der Toten“ gehören zu den ersten skripturalen Offenbarungen in Jean Pauls „geistiger Saharawüste“.

Unter den vier „Idyllenquatembern“ fängt Jean Paul mit dem Winter und Januar an. Da freut er sich, wenn bei grimmigem Frostwetter der lange Tisch der Wärme wegen an die Ofenbank geschoben wird oder die alte Botenfrau mit ihrem Warenkorb zu ihnen kommt und „wir alle im Stübchen die ferne Stadt im kleinen und Auszuge vor uns hatten und vor der Nase wegen einiger Butterwecken!“ Im Sommer dann tollen „Paul und seine Brüder“ in der frischen Abendluft herum und ahmen die über ihnen kreuzenden Schwalben nach oder jagen unter den Augen der Mutter nach einigem „Grenzwildpret des Dorfs“ nach, wobei der kleine Paul sich besonders hervortut, indem er in der Scheune einen freiliegenden Balken erklimmt und hinab ins Heu springt, „um unterwegs das Fliegen zu genießen.“ Der „schönste Sommervogel“ indes wird seine erste Liebe zu einem blauäugigen Bauernmädchen namens Augusta oder Augustina. Der Vater nimmt ihn an schönen Sommertagen nach Köditz zu den Pfarrleuten mit oder sogar nach Zedwitz, an den Hof der Patronatherrschaft der Joditzer Pfarrer.

Der Marsch zu den Großeltern nach Hof stellt einen Höhepunkt in Pauls Sommeridyllen dar, bringt er doch der zuweilen darbenden Familie einen vollen Sack Lebensmittel, die im Dorf nicht zu haben sind, zumindest nicht um den geringeren Stadtpreis. Die letzte und größte Sommeridylle fällt indessen nach Jakobi auf den Beginn des Hofer Jahrmarkts – es ist zugleich die Geburtsstunde von Jean Pauls dichterischem ‚Lechzen‘ nach Tönen:

Gänge in tiefer Dämmerung und halber Nacht berauschen und begeistern die Jugend. In ihr zog nun an den Markttagen die Janitscharenmusik durch die Hauptstraßen; und Volk- und Kindertroß zog betäubt und betäubend den Klängen nach, und der Dorfsohn hörte zum ersten Male Trommeln und Querpfeifchen und Janitscharenbecken.

Mit dem Schildern des Herbstes und Pauls Weihnachtsfest schließen die Joditzer Idyllen. Jean Paul gesteht, dass er immer schon eine Neigung zum „Häuslichen, zum Stilleben, zum geistigen Nestmachen“ gehabt hat, die er in seinen Figuren Wutz, Fixlein und Fibel fortsetzte. Er begründet dies damit, dass ihm das nur enge Menschliche „nicht klein genug, aber die weite Natur nicht zu ausgedehnt sein [kann]; denn die Kleinheit der Menschenwerke verkleinert sich durch ihr Vergrößern.“ Die Imagination wächst mit dem Zurücktreten der Außenwelt und wird absolut, während die zu schildernde Realität buchstäblich in den Hintergrund tritt.

Den dritten Teil der Selberlebensbeschreibung hören Sie hier ...


Sekundärliteratur:

Jean Paul: Lebenserschreibung. Veröffentlichte und nachgelassene autobiographische Schriften. Hg. von Helmut Pfotenhauer unter Mitarbeit von Thomas Meißner. Carl Hanser Verlag, München u.a. 2004.


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