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Singer-Songwriting (1): Von Verseschmiedern und Brettlpoeten

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Aber sage mir einmal, warum in diesen Liedern immer so viel von Liebe die Rede ist?“

Geschichte der Liedermacher in Bayern

 

Spätestens seitdem das Schwedische Nobelpreiskomitee 2016 verlautbaren ließ, der amerikanische Songwriter Bob Dylan bekomme den Literaturnobelpreis, ist klar: großartige Literatur und Musik müssen sich keineswegs ausschließen. Tatsächlich haben schon immer Lyriker auch Texte geschaffen, die sie entweder selbst mit Musik versahen oder vertonen ließen. Die Dichterin Anna Louise Karsch, die neben Sophie von La Roche als erste deutschsprachige Berufsschriftstellerin gilt, bezeichnete sich selbst als „Liedermacherin“, da sie gerne zu festlichen Anlässen – oft sehr spontan – Lobeshymnen erdichtete.

Doch wie steht´s um den Begriff des Liedermachers? Was macht ihn aus? Was unterscheidet ihn vom Schlagerinterpreten, vom Volksmusikanten oder vom Popmusiker? Müssen seine Lieder politisch geprägt sein? Eine Identifikation mit dem arbeitenden Volk zulassen, wie es Wolf Biermann forderte, der dieses Wort Anfang der 1960er-Jahre in Anlehnung an Bertolt Brechts Begriff des „Stückeschreibers“ erneut in die Welt setzte?

In Lexika finden sich unterschiedliche Definitionen. Während der Duden Liedermacher als „Musiker, die Lieder mit aktuellem Text selbst verfassen, komponieren, singen und begleiten“ definiert, fasst es das Mackensen´sche Deutsche Wörterbuch knapp zusammen: „wer eigene Texte vertont und vorträgt.“ Also keinerlei politischer Wille, kein aktueller Bezug, keine Identifikation mit dem arbeitenden Volk nötig. Tatsächlich lässt sich´s darauf beschränken. Allein die Frage der persönlichen Identifikation des Autors mit seinem Text ließe sich stellen. Denn hier ergäbe sich eine Unterscheidung zum „Auftragsdichter“ wie auch zum mittelalterlichen Minnesänger – auf den ansonsten alle drei Teile der Definition – Autor, Komponist und Interpret in einer Person – zutreffen und der somit zumindest für den deutschen Sprachraum als der Ur-Vater des Liedermachers zu gelten hätte. Sicherlich gibt es auch immer wieder Künstler, die nicht eindeutig einem Genre zugeordnet werden können. Sicherlich gibt es Streitpunkte. Gilt zum Beispiel Udo Jürgens als Schlagerkomponist oder als Liedermacher? Darf ein Liedermacher mit weiteren Musikern im Bandgefüge auftreten? Darf er elektronisches Schlagzeug, Samples oder einen DJ an seiner Seite begrüßen?

Kommen wir zu Bayern! Lassen wir nach unserer Definition getrost Walther von der Vogelweide als bayerischen Liedermacher beiseite. Ebenso die Literaten und Künstler im Kreise des Alten Simpl wie Frank Wedekind oder Karl Valentin, der nun definitiv der Definition des Liedermachers entspricht. Was die 1903 in der Schwabinger Türkenstraße 57 gegründete Kneipe jedoch vor allem aufzeigt: Orte sind für die Entwicklung von Kunst enorm wichtig. Und so können wir uns auch über Orte bzw. Bühnen den Bayerischen Liedermachern nähern. Dabei kommen wir unweigerlich in die Zeit, die man landläufig unmittelbar mit dem Begriff „Liedermacher“ verbindet: die Zeit der politischen Diskussionen, des kritischen Umgangs mit der Eltern-Generation: der Nach-68er-Zeit.

In den 1970er-Jahren – der Biermann´sche Begriff des „Liedermachers“ ist bereits allgemein anerkannt – finden sich gleich mehrere „Wiegen“ für literarisch-musikalische Interpreten. Zentral ist hier das „MUH“ zu nennen, das „Musikalische Unterholz“, welches im März 1972 in der Hackenstraße in der Münchner Innenstadt gegründet wurde. Eigentlich als Übergangslösung für das abgebrannte Song Parnass in der Haidhausener Einsteinstraße gedacht, hält es sich bedeutend länger als gedacht. Auf seiner Bühne versammeln sich alle die Interpreten, die wir heute gemeinhin als die Urgesteine der bayerischen Liedermacherszene bezeichnen: Fredl Fesl, Konstantin Wecker, Willy Michl, die Biermösl Blosn, Willy Astor oder Georg Ringsgwandl.

Und auch die 1976 in der Münchner Dreimühlenstraße gegründete „Liederbühne Robinson“ ist zweifelsohne ein Ort, der wichtig für die Szene ist. Hier machte zum Beispiel Hans Söllner seine ersten Bühnenerfahrungen.

Auch wenn der Beginn des bayerischen Liedermachertums schleppend begann: Inzwischen ist die Szene groß und bunt – nicht zuletzt durch die Renaissance, die das Dichten und Singen in der Muttersprache in den letzten Jahren erfahren hat. Ob diese Muttersprache nun dialektal geprägt ist oder nicht, ist zweitrangig. Zentral ist: Der Inhalt der Texte ist den Künstlern von zentraler Bedeutung. Und dies ist es ja wohl, was den Liedermacher zum Liedermacher macht.

 

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