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17.12.2017, 09:57 Uhr
Armin Kratzert
Text & Debatte
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© Will McBride / P. Kirchheim Verlag

Ein Auszug aus dem neuen Roman von Armin Kratzert

Armin Kratzert (geboren 1957 in Augsburg) studierte Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik in München, wo er heute als Autor und Journalist lebt. Kratzert arbeitet als Fernsehredakteur für den Bayerischen Rundfunk und gehört dort zu den Initiatoren der Sendungen Capriccio und Druckfrisch. Für das Literaturmagazin LeseZeichen im Bayerischen Fernsehen interviewte Kratzert hunderte Autorinnen und Autoren. Daneben ist er als Produzent für Dokumentarfilme über Kunst und Literatur tätig und kuratierte für das Literaturhaus München bereits mehrere Ausstellungen, u.a. zu Martin Walser, Franz Kafka und Max Frisch. Als freier Autor verfasst Kratzert Romane, Gedichte und Theaterstücke, zuletzt erschienen Beckenbauer taucht nicht auf und Berggasse 19 im P. Kirchheim Verlag sowie das Theaterstück World of Nibelungen. 2017 ist im Secession Verlag der Roman Wir sind Kinder erschienen, aus dem wir einen Auszug veröffentlichen.

*

Wir sind Kinder

Eigentlich ist Nelson ein unauffälliger Typ: ein Junggeselle mittleren Alters in einer unaufregenden Stadt, deren Umland mit seinen Berge und Seen dazu verführt, einmal mehr zu verweilen. Frauen gab und gibt es in seinem Leben, von dem er aber nicht so recht weiß, was er mit ihm anstellen soll. Sein Hauptproblem: Der Kontostand mahnt mehr als dringlich einen Plan an.

Johnny hingegen, irgendwie vermögend, ohne dass man genau wüsste woher, hat die Welt, genauer: ihre virtuelle Version, immer fest im Blick. Für ihn zählt vor allem eins: Informationsvorsprung. Doch ihn selbst umgibt ein Geheimnis. Was treibt er, was führt er im Schilde? Niemand weiß etwas Genaues. Es sind schließlich seine Freunde, die Nelson anheuern, um Johnny zu beobachten, ihn zu beschatten, um endlich seinen Machenschaften auf die Spur zu kommen.

Nelson hat keine Ahnung, warum er diesen auffällig gut bezahlten Auftrag bekommt, es scheint auch nicht wichtig. Er beginnt eine Freundschaft zu Johnny zu spinnen und fühlt sich dabei immer besser, immer vertrauter. Er bewundert den jungen Mann, ohne genau zu wissen, warum, er lässt sich auf seine Gedanken ein, findet Gefallen und Interesse an seinen merkwürdigen Äußerungen zur Welt und ihrem virtuellen Pendant.

Doch trotz aller Begegnungen und Beobachtungen, trotz aller Gespräche mit Bekannten aus Johnnys Umfeld bleiben alle Schlüsse über die wahre Person des Johnny Permaneder merkwürdig unscharf. Nur eines ist klar: Johnny erwartet ein katastrophales Ende dieser Welt, die sich den Zugriffen des Virtuellen nicht mehr entziehen kann. Das Netz scheint ein Spiel um die Herrschaft über die wirkliche Welt zu führen. Es sind nicht nur gefährliche Ideologen, es sind auch Einzelgänger, die zu einer gespenstisch unsichtbaren Macht werden …

Ein Roadmovie auf den schwer zu fassenden Spuren einer virtuellen Welt, die einem langsam aber sicher eine kalte Hand auf die Schulter legt und dabei noch immer lächelt.

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Natürlich wäre er gern wie Johnny gewesen. Der hatte so ziemlich alles, was Nelson fehlte. Das Geld seiner Familie. Oder war es sein eigenes? Spielte keine Rolle. Die Ideen, Geschichten, die spontanen Aktionen. Die Stimme, der Charme. Frauen sahen ihm nach. Barkeeper hörten auf ihn. Und dieses vollkommen unbefangene, dreist selbstbewusste Leben im eigenen Körper. Nichts war ihm peinlich. Abgerissene Hemdknöpfe, kaputte Schuhe, Riss in der Badehose. Der Bauch. Die Frisur. Benehmen. Alles.

Was Nelson morgens von seinen Träumen erinnerte, waren Ängste, schreckliche Situationen, Fallen. Seine Nacktheit oft. Ohne Kleider, unter Leuten, in der Stadt. Pissen müssen, nicht aufhören können zu pissen. Alle schauen ihn an, und er weiß nicht warum. Wegrennen! Aber er steht da wie im Boden verankert. So etwas.

Und Johnny? Johnny kannte das nicht. Er war der glänzende Mittelpunkt der Welt. Seiner Welt. Jeder glaubte es. Alles drehte sich um ihn.

Kleiner Johnny. Das fünfte oder siebte von fünf oder sieben Kindern. Immer der jüngste. Durfte alles. War geliebt. Vater, Mutter, Hausmädchen. Sie waren zu seiner Versorgung da. Nachbarskinder, Schulkameraden, Fußballmannschaft. Zu seinem Vergnügen.

Wenn er sich in den Garten legte, schien natürlich die Sonne. Wenn er die Blumen gießen sollte, gab es einen Wolkenbruch. Wenn er keine Lust hatte, für eine Mathematikprüfung zu lernen, wurde die Lehrerin krank. Das hübscheste Mädchen der Klasse wies er ab. Ein Auto bekam er vom Großvater. Rolex geerbt und gleich verloren. Dann Studium in Chicago. Was auch immer.

Es wurden tolle Geschichten über Johnny erzählt.

Und Johnny grinste dazu. Streckte seinen Bauch raus. So sah es aus.

Nelson schaute ihm beim Telefonieren zu. Johnny hatte mit müdem Blick die Tasten gedrückt, er speicherte aus Prinzip keine Nummern. Dann den Apparat zwischen Schulter und Kinn geklemmt, dem Tuten gelauscht und dabei eine Zigarette angezündet. Oberschenkel über die Lehne des Sessels gehängt.

Etwas quakte aus dem Lautsprecher. Johnny nahm das Gerät wieder in die Hand und schaute angewidert auf das Display.

»Permaneder hier«, sagte er.

Aus dem Telefon hohe Töne, Knistern, Pfeifen. Johnny hielt es mit ausgestrecktem Arm von sich.

»Ich verstehe sie leider nicht gut«, sagte er. »Die Verbindung ist schlecht.«

Der Rauch seiner Zigarette stieg ihm in die Augen. Er nahm das Telefon wieder zwischen Kinn und Schulter. Paffte nachlässig. Dann warf er die Zigarette auf den Boden und sah ihr kurz zu, wie sie dort weiterglühte.

»Hören sie mich?«

Lautes Quaken. An der Vorderseite des Telefons blinkte ein winziges rotes Licht.

»Können sie vor Freitag zwei Fässer liefern?«

Johnny lächelte, klimperte mit den Augenlidern.

»An die bekannte Adresse«, sagte er.

Es war egal, ob er Publikum hatte. Er spielte. Johnny hatte erst nach Gesprächsende gemerkt, dass Nelson ihn beobachtete. Er grinste ihn sofort an. Und blies sich einzelne Haare aus der Stirn.

Das ganze Hin und Her, das Telefoneinklemmen, Weghalten, Stirnrunzeln, das Zigarettenspektakel, das unverbindlichste Gesicht, der Augenaufschlag, der erst so unbeteiligte, desinteressierte, dann umso reizendere Ton: Er konnte nicht anders. Er würde es auch im Finstern, vor Taubstummen so halten. Das war Johnny sich schuldig.

Nelson sah ihn an und verdrehte die Augen. Johnny wackelte mit dem Kopf. Er lachte.

»Lass uns was trinken gehen«, sagte er. »Wir müssen unter Leute.«