Die „Wedekindaffaire“
Aus Geldnot verkauft Franziska zu Reventlow im Jahr 1909 heikle Tagebücher und Manuskripte ihres Dichterkollegen Frank Wedekind an ein Münchner Antiquariat. Als der aufstrebende Verleger Ernst Rowohlt die Papiere erwirbt, erfährt der erzürnte Autor davon – und droht mit einer Klage wegen Diebstahls seiner „Seele“. Harald Beck zeichnet das feine Geflecht aus Geldnot, verletzter Eitelkeit und juristischem Tauziehen im München der Jahrhundertwende nach.[1]
*
„Die Wedekindaffaire explodiert. Himmel, was soll ich anfangen!“, trägt Franziska zu Reventlow am 4. Oktober 1909 in ihr Tagebuch ein.[2] (S. 512) Und am nächsten Tag noch dramatischer: „Die W.geschichte wird mir noch den Hals brechen.“ (S. 513) Der Leser fragt sich, was hinter diesen Befürchtungen steckt.
Die Wurzeln des Schlamassels reichen zurück ins Jahr 1898. Am 25. Oktober wird im Simplicissimus Wedekinds satirisches Gedicht auf die Palästina-Reise Wilhelm II. veröffentlicht, Im heiligen Land. Nach der Premiere des Erdgeists am 29. Oktober flieht er, um einer Verhaftung wegen Majestätsbeleidigung zuvorzukommen, zunächst nach Zürich und anschließend nach Paris. Angeblich übergibt er vorher seiner ehemaligen Geliebten und Mutter seines Sohnes, Frida Strindberg, ein kleineres Konvolut von Manuskripten und Tagebüchern, das sie zu einem späteren Zeitpunkt – Wedekind lebte längst wieder in München! – Franziska zu Reventlow zur Aufbewahrung anvertraute, als sie die Stadt verließ.
Als alleinerziehende Mutter in ständigen finanziellen Nöten lebend, besann sich die Gräfin, vermutlich Anfang Juli 1909, darauf, dass sie seit mehr als [zehn] Jahren Wedekind-Tagebücher und -Manuskripte verwahrte. Da sich aus ihrer Sicht all die Jahre niemand darum gekümmert hatte, Wedekind aber mittlerweile Prominenz erlangt hatte, fasste Reventlow den unbedachten Entschluss, das Konvolut zu veräußern. Der befreundete Rolf von Hoerschelmann, ein angesehener Illustrator, leidenschaftlicher Sammler und Mitglied der Münchner Bibliophilen, gab es für sie bei dem prominenten Antiquar Emil Hirsch, einem guten Bekannten, in Kommission. Dessen Mitarbeiter, Emil Büchler, bot im Auftrag des abwesenden Antiquars in einem Brief vom 22. Juli 1909 frühe Gedichte Wedekinds und ein Tagebuch von 1889[3] zum Preis von 195 Mark dem aufstrebenden Jung-Verleger Ernst Rowohlt an.[4]
Spätestens Anfang September 1909 muss Wedekind, wahrscheinlich durch Franz Blei, einen der Mitbegründer der Münchner Bibliophilen, vom Verkauf seiner Manuskripte erfahren haben. Nachdem er sich bei Frida Strindberg über deren Verbleib informiert hatte, verfasste er am 8. September einen noch hoffnungsvollen Brief an Franziska zu Reventlow, in dem er sich dafür bedankt, „[...] daß Sie die Sachen all die Jahre in Verwahrung behalten haben“[5] und bittet um einen Übergabetermin. Wann genau sie dieser Brief in der Sommerfrische am Chiemsee erreichte, ist unklar. Dass Wedekinds Zeilen keine Spur in ihrem Tagebuch hinterlassen haben, lässt aber darauf schließen, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch glaubte, die Manuskripte von Hirsch wiedererlangen zu können.
Wichtige Details zu Reventlows Rolle in dieser Angelegenheit finden sich in vier Briefen, die sie an Rolf von Hoerschelmann schrieb.[6] Sie blieben bislang weitgehend unbeachtet, weil die Brief-Edition von Reventlows gesammelten Werken sie fälschlicherweise auf Frühjahr 1908 datiert hat.[7] Im chronologisch ersten Brief, verfasst zu einem unbestimmten Zeitpunkt vor der Abreise nach Schloss Winkl am 20. August 1909, bedankt sich Reventlow bei Hoerschelmann noch für seine „erfolgreichen Bemühungen“ und die willkommene „[Geld-]Sendung“ (S. 253). Wohl durch Wedekinds Anfrage aufgeschreckt, erkundigt sie sich im folgenden Brief, „welche von den Wedekind, resp. Strindbergsachen Sie damals verkauft haben und welche noch da sind“ (S. 251). Sie nimmt die juristischen Konsequenzen noch immer auf die leichte Schulter: „Meinen Sie, daß von Seiten des Käufers etwas auskommen kann? – andernfalls hab ich es einfach verloren.“ Da sie bedauernd bemerkt, dass sie in 14 Tagen nach München zurückkommen werde, lässt sich der Brief auf Mitte September 1909 datieren. Im folgenden Brief vom 6. Oktober[8] aus München dankt sie für Hoerschelmanns „Zeilen vom September“ und stellt Überlegungen an, wie sie sich noch aus der Verantwortung für den Verbleib von Wedekinds Manuskripten stehlen könne (S. 251). Sie zeigt sich aber zerknirscht, dass Hirsch nun in einem Gespräch mit Frida Strindberg Hoerschelmanns Rolle in der Angelegenheit erwähnt hat (S. 252). Im letzten Brief, kurz darauf, teilt sie Hoerschelmann mit, dass sie Frida Strindberg schließlich doch den Verkauf gestanden habe,[9] da sie „sonst gerichtlich vorgehen wollte“ (S. 249).
Es sollte aber bis Ende Oktober dauern, bis sich Wedekind schließlich brieflich an Rowohlt wandte, um sein Eigentum zurückzufordern:
München, den 31. Oktober 1909.
Prinzregentenstraße 50.
Sehr geehrter Herr!
Am 29. Oktober 1898 war ich in Folge eines Prozesses gezwungen, rasch nach Zürich zu reisen und ließ meine Sachen in München zurück mit der Bitte, sie mir nach Zürich nachzuschicken. Als ich sie in Zürich erhielt, vermißte ich eine ganze Anzahl von Manuscripten, darunter zwei Tagebücher, die die Zahlen 5 und 6 tragen, ein ebensogroßes Heft wie die Tagebücher mit literarischen und persönlichen Aufzeichnungen und ein Heft mit Gedichten aus den Jahren 1880 und 871. Seit elf Jahren bin ich nun auf der Suche nach diesen Manuscripten. Auf einmal erfahre ich durch Zuschriften von verschiedenen Seiten, daß sich die Sachen in Ihrem Besitz befinden. Der Antiquar Hirsch bestätigt auch, daß Sie diese Manuscripte von ihm erworben haben. Obschon diese Bücher nun ganz ohne Zweifel mein Eigentum sind, möchte ich Ihnen doch gerne jeden materiellen Verlust ersparen, und bitte Sie, mir mitzutheilen, was Sie dafür bezahlt haben. Sollten Sie sich zu dieser Regelung der Angelegenheit nicht bereit finden, dann müßte es natürlich mein erstes sein, die Frau Gräfin Franziska Reventlow zu verklagen. Diese Dame hat die Manuscripte, wie Sie mir selber mittheilt, jahrelang in Verwahrung gehabt und hat sie augenscheinlich unrechtmäßiger Weise verkauft oder verkaufen lassen. Mein Rechtsanwalt theilt mir mit, daß dieser Verkauf der Frau Gräfin Reventlow, wenn es zu einer Klage kommt, sehr ernstliche Unannehmlichkeiten bereiten würde, die ich der Dame, wenn Sie, geehrter Herr, mir dazu die Hand bieten, gerne ersparen möchte.
Ihrer gefälligen baldigen Rückäußerung entgegensehend
in vorzüglicher Hochschätzung
Frank Wedekind.[10]
Der weitere Verlauf der zunehmend heftigen juristischen Auseinandersetzung mit Rowohlt, der sich zunächst weigerte, Wedekinds Angebot anzunehmen, wurde von Hartmut Vinçon in dem Aufsatz Ernst Rowohlt, Frank Wedekind und Kurt Wolff. Erfahrungen mit Verlegern akribisch dargestellt.[11] Der zum Teil sehr ad hominem geführte Rechtsstreit wurde schließlich im Februar 1911, kurz vor einem Prozess, durch einen Vergleich der Parteien beigelegt. Wedekind erhielt die Manuskripte und Rechte zurück, verpflichtete sich aber seinerseits, eine Autobiografie für den Rowohlt-Verlag zu verfassen.
So hatte die „Wedekindaffaire“, dank des Autors nachsichtigem Wohlwollens, Reventlow schließlich doch nicht, wie befürchtet, den Hals gebrochen. Dabei mag es eine Rolle gespielt haben, dass sich Wedekind und die Reventlow doch zumindest vorübergehend recht nahe gekommen waren. Ihr Tagebuch weist in der Zeit vom 21. April 1902 bis zum Februar 1903 sechs Einträge auf, die in Summe eine deutliche Schwäche der Gräfin für ihn belegen. Der letzte davon könnte einen Hinweis darauf geben, dass diese nicht unbedingt einseitig war:
„Auch wieder in W[edekind] verliebt, er nimmt mich gegen Morgen an der Hand, führt mich um sich herum und schaut mich an. Frage ihn ob ich ihm jetzt endlich auch gefalle. Darauf ‚fabelhafter‘ Blick und ich reiße aus, damit dieser große Augenblick durch nichts zerstört wird.“[12]
Wie sie, allerdings sehr nachlässig im Umgang mit den Fakten, in späteren Jahren ihre Rolle in der „peinlichen Geschichte“[13] sah, erzählte sie im Frühjahr 1918 nach dem plötzlichen Tod Wedekinds dem Schweizer Schriftsteller Wolfgang Hartmann, der sie nach einem Treffen mit Freunden in Ascona zurück nach Locarno begleitete.
Sie hatte nämlich [...] in einem ihrer Koffer ein Tagebuch Wedekinds gefunden, das ihr die frühere Frau August Strindbergs und ihre langjährige Freundin mit anderen Sachen zum Aufbewahren überlassen hatte. Von dem Tagebuch wußte sonst kein Mensch mehr und am wenigsten Wedekind selbst, der es vor vielen Jahren einmal Frau Strindberg geschenkt hatte. Inzwischen war aber der Dichter des »Frühlingserwachen« ein berühmter Mann geworden und so mußte auch sein Tagebuch einen gewissen Wert repräsentieren. Und da die Gräfin gerade wieder einmal in größter Not war, so ging sie mit dem Tagebuch Wedekinds kurzerhand zum ersten Antiquar Münchens und verklopfte es für ein paar hundert Mark. Der aber schrieb das Opus jetzt in der Zeitung aus, der jetzige Verleger Ernst Rowohlt erstand es und nun erfuhr auch der Autor von dem ganzen Handel. Er schrieb dem neuen Besitzer einen empörten Brief, wie er das so gut konnte, Rowohlt suchte ihn daraufhin auf, wurde beinah hinausgeworfen und schließlich wurden die beiden dann doch handelseins; Wedekind kaufte das Manuskript zurück.
Kurze Zeit darauf begegnete die Gräfin Frank Wedekind in der Torkelstube [sic].[14] Er saß mit Heinrich Mann etwas abseits, im Gespräch vertieft. Die Reventlow ging, so erzählt sie mir, an den beiden freundlich grüßend und noch nichts ahnend vorbei. Wie aber Wedekind ihrer ansichtig wurde, erhob er sich in seiner pastoralen Art und sagte in furchtbarstem Ernst: „Sie haben meine Seele gestohlen.“ Setzte sich und wandte sich wieder Heinrich Mann zu.
„Das war mein letztes Erlebnis mit Wedekind“, meinte die Gräfin etwas traurig, „und er hat nie begriffen, daß man so etwas tun konnte“.[15]
Nur wenige Monate später, am 26. Juli 1918, verstarb Franziska zu Reventlow mit 47 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls in Locarno.
Der Beitrag erschien zuerst im Jahrbuch 2026 des Fördervereins Freunde der Monacensia e.V. (Allitera). Abdruck (mit Fußnoten) mit freundlicher Genehmigung.
[1] Für ihre Hilfsbereitschaft und natürliche Intelligenz dankt der Verfasser Walter Hettche, Ariane Martin, Hidajete Nesimi und Hartmut Vinçon.
[2] Hier und im Folgenden wird zitiert nach Franziska zu Reventlow: „Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich.“ Tagebücher 1895–1910. Aus dem Autograph textkritisch neu hg. und kommentiert von Irene Weiser / Jürgen Gutsch. Passau 2006. Die Seitenzahlen werden in Klammern nach dem jeweiligen Zitat angegeben.
[3] Wedekinds Tagebuch enthielt unter anderem das unveröffentlichte Stück Eden, das Büchler als „sehr interessant und pikant“ anpreist. Vgl. „Prozeßakten um Frank Wedekinds Tagebücher und Gedichtmanuskripte gegen Ernst Rowohlt 1910–1911“, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia im Hildebrandhaus, Nachlass Frank Wedekind. Darin Brief Emil Hirschs an Ernst Rowohlt vom 22.7.1909, Signatur: L 2934.
[4] Ernst Rowohlt lebte zu dieser Zeit in Leipzig, wo er ein Volontariat bei Kippenbergs Insel Verlag absolvierte.
[5] Frank Wedekinds an Franziska zu Reventlow, 8.9.1909, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia im Hildebrandhaus, Nachlass Franziska zu Reventlow, FR B 51.
[6] Franziska zu Reventlow: Sämtliche Werke in sechs Bänden. Hg. von Michael Schardt. Hamburg 2010. Band 5: Briefe II. 1893–1917, S. 249, S. 251–253. Hier und im Folgenden sind die Seitenangaben in Klammern nach dem jeweiligen Zitat angegeben.
[7] Die Abfolge der Briefe ist bei Schardt nicht korrekt wiedergegeben.
[8] Die Datierung beruht auf dem Tagebucheintrag vom 6.10.1909.
[9] Am 9.10.1909 vermerkt sie: „dann zu Frida u. Geständnis abgelegt“ (S. 513).
[10] Frank Wedekinds Korrespondenz digital, Dokument 1592;
https://briefedition.wedekind.h-da.de (letzter Zugriff: 7.2.2026).
[11] Hartmut Vinçon: Ernst Rowohlt, Frank Wedekind und Kurt Wolff. Erfahrungen mit Verlegern. In: Pharus 1. Hg. von der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind. Darmstadt 1989, S. 445–454.
[12] Franziska zu Reventlow: „Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich“, S. 282.
[13] So als Zitat ausgewiesen in Wolfgang Hartmann: Tage mit Franziska Reventlow. In: Neues Wiener Journal. 25.12.1927.
[14] Die geschilderte Begegnung in den Torggelstuben muss noch während der juristischen Auseinandersetzung Wedekinds mit Rowohlt stattgefunden haben, da Reventlow im Oktober 1910 vor ihren Gläubigern in die Schweiz floh.
[15] Vgl. Hartmann 1927.
Die „Wedekindaffaire“>
Aus Geldnot verkauft Franziska zu Reventlow im Jahr 1909 heikle Tagebücher und Manuskripte ihres Dichterkollegen Frank Wedekind an ein Münchner Antiquariat. Als der aufstrebende Verleger Ernst Rowohlt die Papiere erwirbt, erfährt der erzürnte Autor davon – und droht mit einer Klage wegen Diebstahls seiner „Seele“. Harald Beck zeichnet das feine Geflecht aus Geldnot, verletzter Eitelkeit und juristischem Tauziehen im München der Jahrhundertwende nach.[1]
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„Die Wedekindaffaire explodiert. Himmel, was soll ich anfangen!“, trägt Franziska zu Reventlow am 4. Oktober 1909 in ihr Tagebuch ein.[2] (S. 512) Und am nächsten Tag noch dramatischer: „Die W.geschichte wird mir noch den Hals brechen.“ (S. 513) Der Leser fragt sich, was hinter diesen Befürchtungen steckt.
Die Wurzeln des Schlamassels reichen zurück ins Jahr 1898. Am 25. Oktober wird im Simplicissimus Wedekinds satirisches Gedicht auf die Palästina-Reise Wilhelm II. veröffentlicht, Im heiligen Land. Nach der Premiere des Erdgeists am 29. Oktober flieht er, um einer Verhaftung wegen Majestätsbeleidigung zuvorzukommen, zunächst nach Zürich und anschließend nach Paris. Angeblich übergibt er vorher seiner ehemaligen Geliebten und Mutter seines Sohnes, Frida Strindberg, ein kleineres Konvolut von Manuskripten und Tagebüchern, das sie zu einem späteren Zeitpunkt – Wedekind lebte längst wieder in München! – Franziska zu Reventlow zur Aufbewahrung anvertraute, als sie die Stadt verließ.
Als alleinerziehende Mutter in ständigen finanziellen Nöten lebend, besann sich die Gräfin, vermutlich Anfang Juli 1909, darauf, dass sie seit mehr als [zehn] Jahren Wedekind-Tagebücher und -Manuskripte verwahrte. Da sich aus ihrer Sicht all die Jahre niemand darum gekümmert hatte, Wedekind aber mittlerweile Prominenz erlangt hatte, fasste Reventlow den unbedachten Entschluss, das Konvolut zu veräußern. Der befreundete Rolf von Hoerschelmann, ein angesehener Illustrator, leidenschaftlicher Sammler und Mitglied der Münchner Bibliophilen, gab es für sie bei dem prominenten Antiquar Emil Hirsch, einem guten Bekannten, in Kommission. Dessen Mitarbeiter, Emil Büchler, bot im Auftrag des abwesenden Antiquars in einem Brief vom 22. Juli 1909 frühe Gedichte Wedekinds und ein Tagebuch von 1889[3] zum Preis von 195 Mark dem aufstrebenden Jung-Verleger Ernst Rowohlt an.[4]
Spätestens Anfang September 1909 muss Wedekind, wahrscheinlich durch Franz Blei, einen der Mitbegründer der Münchner Bibliophilen, vom Verkauf seiner Manuskripte erfahren haben. Nachdem er sich bei Frida Strindberg über deren Verbleib informiert hatte, verfasste er am 8. September einen noch hoffnungsvollen Brief an Franziska zu Reventlow, in dem er sich dafür bedankt, „[...] daß Sie die Sachen all die Jahre in Verwahrung behalten haben“[5] und bittet um einen Übergabetermin. Wann genau sie dieser Brief in der Sommerfrische am Chiemsee erreichte, ist unklar. Dass Wedekinds Zeilen keine Spur in ihrem Tagebuch hinterlassen haben, lässt aber darauf schließen, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch glaubte, die Manuskripte von Hirsch wiedererlangen zu können.
Wichtige Details zu Reventlows Rolle in dieser Angelegenheit finden sich in vier Briefen, die sie an Rolf von Hoerschelmann schrieb.[6] Sie blieben bislang weitgehend unbeachtet, weil die Brief-Edition von Reventlows gesammelten Werken sie fälschlicherweise auf Frühjahr 1908 datiert hat.[7] Im chronologisch ersten Brief, verfasst zu einem unbestimmten Zeitpunkt vor der Abreise nach Schloss Winkl am 20. August 1909, bedankt sich Reventlow bei Hoerschelmann noch für seine „erfolgreichen Bemühungen“ und die willkommene „[Geld-]Sendung“ (S. 253). Wohl durch Wedekinds Anfrage aufgeschreckt, erkundigt sie sich im folgenden Brief, „welche von den Wedekind, resp. Strindbergsachen Sie damals verkauft haben und welche noch da sind“ (S. 251). Sie nimmt die juristischen Konsequenzen noch immer auf die leichte Schulter: „Meinen Sie, daß von Seiten des Käufers etwas auskommen kann? – andernfalls hab ich es einfach verloren.“ Da sie bedauernd bemerkt, dass sie in 14 Tagen nach München zurückkommen werde, lässt sich der Brief auf Mitte September 1909 datieren. Im folgenden Brief vom 6. Oktober[8] aus München dankt sie für Hoerschelmanns „Zeilen vom September“ und stellt Überlegungen an, wie sie sich noch aus der Verantwortung für den Verbleib von Wedekinds Manuskripten stehlen könne (S. 251). Sie zeigt sich aber zerknirscht, dass Hirsch nun in einem Gespräch mit Frida Strindberg Hoerschelmanns Rolle in der Angelegenheit erwähnt hat (S. 252). Im letzten Brief, kurz darauf, teilt sie Hoerschelmann mit, dass sie Frida Strindberg schließlich doch den Verkauf gestanden habe,[9] da sie „sonst gerichtlich vorgehen wollte“ (S. 249).
Es sollte aber bis Ende Oktober dauern, bis sich Wedekind schließlich brieflich an Rowohlt wandte, um sein Eigentum zurückzufordern:
München, den 31. Oktober 1909.
Prinzregentenstraße 50.
Sehr geehrter Herr!
Am 29. Oktober 1898 war ich in Folge eines Prozesses gezwungen, rasch nach Zürich zu reisen und ließ meine Sachen in München zurück mit der Bitte, sie mir nach Zürich nachzuschicken. Als ich sie in Zürich erhielt, vermißte ich eine ganze Anzahl von Manuscripten, darunter zwei Tagebücher, die die Zahlen 5 und 6 tragen, ein ebensogroßes Heft wie die Tagebücher mit literarischen und persönlichen Aufzeichnungen und ein Heft mit Gedichten aus den Jahren 1880 und 871. Seit elf Jahren bin ich nun auf der Suche nach diesen Manuscripten. Auf einmal erfahre ich durch Zuschriften von verschiedenen Seiten, daß sich die Sachen in Ihrem Besitz befinden. Der Antiquar Hirsch bestätigt auch, daß Sie diese Manuscripte von ihm erworben haben. Obschon diese Bücher nun ganz ohne Zweifel mein Eigentum sind, möchte ich Ihnen doch gerne jeden materiellen Verlust ersparen, und bitte Sie, mir mitzutheilen, was Sie dafür bezahlt haben. Sollten Sie sich zu dieser Regelung der Angelegenheit nicht bereit finden, dann müßte es natürlich mein erstes sein, die Frau Gräfin Franziska Reventlow zu verklagen. Diese Dame hat die Manuscripte, wie Sie mir selber mittheilt, jahrelang in Verwahrung gehabt und hat sie augenscheinlich unrechtmäßiger Weise verkauft oder verkaufen lassen. Mein Rechtsanwalt theilt mir mit, daß dieser Verkauf der Frau Gräfin Reventlow, wenn es zu einer Klage kommt, sehr ernstliche Unannehmlichkeiten bereiten würde, die ich der Dame, wenn Sie, geehrter Herr, mir dazu die Hand bieten, gerne ersparen möchte.
Ihrer gefälligen baldigen Rückäußerung entgegensehend
in vorzüglicher Hochschätzung
Frank Wedekind.[10]
Der weitere Verlauf der zunehmend heftigen juristischen Auseinandersetzung mit Rowohlt, der sich zunächst weigerte, Wedekinds Angebot anzunehmen, wurde von Hartmut Vinçon in dem Aufsatz Ernst Rowohlt, Frank Wedekind und Kurt Wolff. Erfahrungen mit Verlegern akribisch dargestellt.[11] Der zum Teil sehr ad hominem geführte Rechtsstreit wurde schließlich im Februar 1911, kurz vor einem Prozess, durch einen Vergleich der Parteien beigelegt. Wedekind erhielt die Manuskripte und Rechte zurück, verpflichtete sich aber seinerseits, eine Autobiografie für den Rowohlt-Verlag zu verfassen.
So hatte die „Wedekindaffaire“, dank des Autors nachsichtigem Wohlwollens, Reventlow schließlich doch nicht, wie befürchtet, den Hals gebrochen. Dabei mag es eine Rolle gespielt haben, dass sich Wedekind und die Reventlow doch zumindest vorübergehend recht nahe gekommen waren. Ihr Tagebuch weist in der Zeit vom 21. April 1902 bis zum Februar 1903 sechs Einträge auf, die in Summe eine deutliche Schwäche der Gräfin für ihn belegen. Der letzte davon könnte einen Hinweis darauf geben, dass diese nicht unbedingt einseitig war:
„Auch wieder in W[edekind] verliebt, er nimmt mich gegen Morgen an der Hand, führt mich um sich herum und schaut mich an. Frage ihn ob ich ihm jetzt endlich auch gefalle. Darauf ‚fabelhafter‘ Blick und ich reiße aus, damit dieser große Augenblick durch nichts zerstört wird.“[12]
Wie sie, allerdings sehr nachlässig im Umgang mit den Fakten, in späteren Jahren ihre Rolle in der „peinlichen Geschichte“[13] sah, erzählte sie im Frühjahr 1918 nach dem plötzlichen Tod Wedekinds dem Schweizer Schriftsteller Wolfgang Hartmann, der sie nach einem Treffen mit Freunden in Ascona zurück nach Locarno begleitete.
Sie hatte nämlich [...] in einem ihrer Koffer ein Tagebuch Wedekinds gefunden, das ihr die frühere Frau August Strindbergs und ihre langjährige Freundin mit anderen Sachen zum Aufbewahren überlassen hatte. Von dem Tagebuch wußte sonst kein Mensch mehr und am wenigsten Wedekind selbst, der es vor vielen Jahren einmal Frau Strindberg geschenkt hatte. Inzwischen war aber der Dichter des »Frühlingserwachen« ein berühmter Mann geworden und so mußte auch sein Tagebuch einen gewissen Wert repräsentieren. Und da die Gräfin gerade wieder einmal in größter Not war, so ging sie mit dem Tagebuch Wedekinds kurzerhand zum ersten Antiquar Münchens und verklopfte es für ein paar hundert Mark. Der aber schrieb das Opus jetzt in der Zeitung aus, der jetzige Verleger Ernst Rowohlt erstand es und nun erfuhr auch der Autor von dem ganzen Handel. Er schrieb dem neuen Besitzer einen empörten Brief, wie er das so gut konnte, Rowohlt suchte ihn daraufhin auf, wurde beinah hinausgeworfen und schließlich wurden die beiden dann doch handelseins; Wedekind kaufte das Manuskript zurück.
Kurze Zeit darauf begegnete die Gräfin Frank Wedekind in der Torkelstube [sic].[14] Er saß mit Heinrich Mann etwas abseits, im Gespräch vertieft. Die Reventlow ging, so erzählt sie mir, an den beiden freundlich grüßend und noch nichts ahnend vorbei. Wie aber Wedekind ihrer ansichtig wurde, erhob er sich in seiner pastoralen Art und sagte in furchtbarstem Ernst: „Sie haben meine Seele gestohlen.“ Setzte sich und wandte sich wieder Heinrich Mann zu.
„Das war mein letztes Erlebnis mit Wedekind“, meinte die Gräfin etwas traurig, „und er hat nie begriffen, daß man so etwas tun konnte“.[15]
Nur wenige Monate später, am 26. Juli 1918, verstarb Franziska zu Reventlow mit 47 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls in Locarno.
Der Beitrag erschien zuerst im Jahrbuch 2026 des Fördervereins Freunde der Monacensia e.V. (Allitera). Abdruck (mit Fußnoten) mit freundlicher Genehmigung.
[1] Für ihre Hilfsbereitschaft und natürliche Intelligenz dankt der Verfasser Walter Hettche, Ariane Martin, Hidajete Nesimi und Hartmut Vinçon.
[2] Hier und im Folgenden wird zitiert nach Franziska zu Reventlow: „Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich.“ Tagebücher 1895–1910. Aus dem Autograph textkritisch neu hg. und kommentiert von Irene Weiser / Jürgen Gutsch. Passau 2006. Die Seitenzahlen werden in Klammern nach dem jeweiligen Zitat angegeben.
[3] Wedekinds Tagebuch enthielt unter anderem das unveröffentlichte Stück Eden, das Büchler als „sehr interessant und pikant“ anpreist. Vgl. „Prozeßakten um Frank Wedekinds Tagebücher und Gedichtmanuskripte gegen Ernst Rowohlt 1910–1911“, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia im Hildebrandhaus, Nachlass Frank Wedekind. Darin Brief Emil Hirschs an Ernst Rowohlt vom 22.7.1909, Signatur: L 2934.
[4] Ernst Rowohlt lebte zu dieser Zeit in Leipzig, wo er ein Volontariat bei Kippenbergs Insel Verlag absolvierte.
[5] Frank Wedekinds an Franziska zu Reventlow, 8.9.1909, Münchner Stadtbibliothek / Monacensia im Hildebrandhaus, Nachlass Franziska zu Reventlow, FR B 51.
[6] Franziska zu Reventlow: Sämtliche Werke in sechs Bänden. Hg. von Michael Schardt. Hamburg 2010. Band 5: Briefe II. 1893–1917, S. 249, S. 251–253. Hier und im Folgenden sind die Seitenangaben in Klammern nach dem jeweiligen Zitat angegeben.
[7] Die Abfolge der Briefe ist bei Schardt nicht korrekt wiedergegeben.
[8] Die Datierung beruht auf dem Tagebucheintrag vom 6.10.1909.
[9] Am 9.10.1909 vermerkt sie: „dann zu Frida u. Geständnis abgelegt“ (S. 513).
[10] Frank Wedekinds Korrespondenz digital, Dokument 1592;
https://briefedition.wedekind.h-da.de (letzter Zugriff: 7.2.2026).
[11] Hartmut Vinçon: Ernst Rowohlt, Frank Wedekind und Kurt Wolff. Erfahrungen mit Verlegern. In: Pharus 1. Hg. von der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind. Darmstadt 1989, S. 445–454.
[12] Franziska zu Reventlow: „Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich“, S. 282.
[13] So als Zitat ausgewiesen in Wolfgang Hartmann: Tage mit Franziska Reventlow. In: Neues Wiener Journal. 25.12.1927.
[14] Die geschilderte Begegnung in den Torggelstuben muss noch während der juristischen Auseinandersetzung Wedekinds mit Rowohlt stattgefunden haben, da Reventlow im Oktober 1910 vor ihren Gläubigern in die Schweiz floh.
[15] Vgl. Hartmann 1927.
