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Erzählen statt Schweigen. Essay zum bayerisch-tschechischen Vernetzungstreffen 2025

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Von links: Zusana Jürgens, Fridolin Schley, Alice Horáčková, Eli Beneš, Julia Miesenböck © Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

Auf Einladung des Literaturhauses Oberpfalz, des Adalbert Stifter Vereins München, und des Tschechischen Literaturzentrums Prag, (Ceske Literarní Centrum) fand vom 23.-25.9.2025 ein bayerisch-tschechisches Vernetzungstreffen zum Thema Nie wieder ist jetzt! 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs“ statt. Der folgende Essay Erzählen statt Schweigen stammt von dem teilnehmenden deutschen Autor Fridolin Schley  

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Die Sprache im öffentlichen Diskurs scheint zunehmend auf Schlagworte zusammenzuschrumpfen, auf Parolen, die treffen sollen statt etwas zu entwickeln, auf Formeln, die mehr bannen als befragen. Umso mehr braucht es die Literatur – als eine Sprachform, die tastet und zweifelt, dabei Aufmerksamkeit, Einfühlung und Selbstprüfung trainiert: die inneren Muskeln der Demokratie.

Ich habe das schon so oft gesagt oder geschrieben, dass es inzwischen ein wenig wohlfeil, fast leer für mich klingt, auch wenn ich immer noch glaube, dass es stimmt, zumindest als Vorstellung, und schon das ist nicht wenig. Aber so ganz konkret? Vermag Literatur wirklich etwas zu bewirken? Ich bin inzwischen oft pessimistisch und suche dann nach positiven Beispielen. Zum Glück gibt es sie. Eins handelt von Jella Lepman, einer Jüdin, die vor den Nazis ins Exil geflohen war und nach dem Krieg zurück nach München kam – mit sehr vielen Kinderbüchern im Gepäck. Inmitten von Trümmern baute sie eine Bibliothek für die Jugend auf, die der nächsten Generation Zugang zu demokratischem, freiheitlichem Denken ermöglichen sollte. Wenn sich durch Bücher die Kinder aus aller Welt kennenlernten, dann konnte vielleicht ein Miteinander entstehen. Aufgehoben ist diese Idee in dem zeitlos schönen Motto: „Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel“.

Heute, 75 Jahre später, ist die Internationale Kinder- und Jugendbibliothek ein Leuchtturm, der weltweit seinesgleichen sucht. Aber auch die andere Seite ist wieder erstarkt. Antisemitismus, Rassismus, autoritäre Politik – sie kehren zurück, oft getarnt, manchmal schamlos. Es wird rau; wir müssen uns besinnen. Empathie ist keine romantische Zutat. Sie ist Überlebensmittel einer Gesellschaft, die nicht in Zynismus versinken will. Und wenn eine Kunstform buchstäblich von ihr lebt, davon, in etwas Fremdes einzutreten, ohne es zu okkupieren, dann ist es die Literatur. Hans Pleschinski hat das einmal als „Wunder der Dichtung“ bezeichnet.

Umgeben von Kriegen, Rechtsruck und schwindenden Sicherheiten zeigt sich wie in einem Negativabzug, wie wertvoll und zugleich fragil die Kunst ist. Warum muss sie bei jeder Krise neu um ihren Platz kämpfen, als wäre sie ein verzichtbarer Luxus für bessere Zeiten? Gerade wenn Sturm aufzieht, zeigt sie doch ihre schützende Kraft. Nicht umsonst gehört die Kultur zu den ersten Angriffszielen, wo immer Freiheit beschnitten wird. Bücher werden verbannt, Lehrpläne umgeschrieben, Theater drangsaliert. Auch mitten in Europa flackern die Warnlichter.

Die Schriftstellerin Dagmar Leupold hat Literatur treffend als unersetzliches Wahrnehmungskorrektiv beschrieben – als Ort, an dem eine Gesellschaft sich selbst befragt. Hier werden Perspektiven verschoben, Widersprüche integriert, kreative Energien auch der Störenfriede fruchtbar gemacht. Wenn Demokratie ein lebendiges Zentrum unserer Wertegemeinschaft ist, dann schlägt hier ihr Herz: manchmal unruhig, aber stetig. Dieser Prozess ist langsam und widerspenstig, er widersetzt sich dem schnellen Losbellen im Affektgewitter und entfacht gerade dadurch gesellschaftliche Bindekräfte: ein „demokratisches Mündigwerden“.

Im Grunde braucht es dafür keine großen Gesten, sondern nur den schlichten, eigensinnigen Akt, ein Buch aufzuschlagen, sich berühren oder interessieren zu lassen. Literatur schützt die Demokratie nicht durch Lautstärke, sondern dadurch, dass sie uns zuflüstert, was wir sonst übersehen würden. Satz für Satz, Wort für Wort erinnert, öffnet und weitet sie uns.