Info
Geb.: 22. 5.1891 in München
Gest.: 11.10.1958 in Berlin
Johannes R. Becher beim "Auszuzeln" einer Weißwurst, Oktoberfest 1956 (Bayerische Staatsbibliothek München/Timpe)
Titel: Dr. h.c.
Namensvarianten: Johannes Robert Becher; Johann Sebastian, Sebastian

Johannes R. Becher

Johannes R. Becher wird als Sohn des Amtsrichters, Staatsanwalts und späteren Oberlandesgerichtspräsidenten Dr. Heinrich Becher geboren. Der getreuen Pflichterfüllung dem Staat gegenüber protestiert der junge Becher seit frühester Jugend. Am 17. April 1910 will er sich, seinem Vorbild Kleist folgend, zusammen mit seiner sieben Jahre älteren Geliebten, der Zigarettenverkäuferin Franziska (Fanny) Fuß, erschießen; der Versuch misslingt, Fanny erliegt den Schussverletzungen, während Becher überlebt, dank seines Vaters auf „Unzurechungsfähigkeit“ verurteilt und vorübergehend nach Haar eingewiesen wird. Als dichterisches Substrat veröffentlicht Becher ein Jahr später die im neuromantischen Ton Richard Dehmels und Waldemar Bonsels' gehaltene Kleist-Hymne Der Ringende. Von 1911 bis 1918 studiert er Philologie, Philosophie und Medizin in München, Berlin und Jena, ohne allerdings einen Abschluss zu machen, und wird Mitarbeiter der Zeitschriften Aktion (1912) und Die Neue Kunst (1913). Mit seinem Gedicht- und Prosaband Verfall und Triumph (1914), der in unzähligen Hauptwort-Kaskaden die kaiserliche Gesellschaftsordnung angreift, macht er sich unter den literarischen Expressionisten einen Namen. Harry Graf Kessler und Mechthilde Lichnowsky protegieren Becher und vermitteln seine Werke an den Insel Verlag.

Dienstuntauglich wegen seiner Schussverletzung, entzieht Becher sich entschlossen dem Kriegsdienst, er wird aber infolge seiner Morphiumsucht mehrmals in Entziehungskliniken eingeliefert. 1917 tritt er in die USPD ein, 1918 in den Spartakusbund, 1919 wird er Mitglied der KPD, für die er in den Reichstag zieht. Nach dem Scheitern der Novemberrevolution bekennt er sich zum Katholizismus, ehe er 1923 erneut sein persönliches Heil in den Dienst der Partei stellt. Nach Veröffentlichung des Gedichtzyklus Der Leichnam auf dem Thron und des Antikriegsromans Levisite oder Der einzig gerechte Krieg wird Becher 1925 wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt; Proteste namhafter Schriftsteller, darunter Maxim Gorkij, Bertolt Brecht und Thomas Mann, führen indes zur Einstellung des Verfahrens im Zuge der „Hindenburg-Amnestie“. 1927 nimmt Becher am ersten Internationalen Kongress Revolutionärer Schriftsteller (IVRS) in Moskau teil und wird 1928 bei der Gründung des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller (BPRS), dessen Zeitschrift Die Linkskurve er herausgibt, zum Vorsitzenden gewählt. Als Feuilleton-Redakteur der Roten Fahne, des Zentralorgans der KPD, arbeitet er 1932.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten muss Becher emigrieren. Im Auftrag von BPRS und IVRS versucht er, in den europäischen Emigrationszentren eine antifaschistische Widerstandsbewegung aufzubauen und organisiert deshalb in Paris den Internationalen Kongress der Schriftsteller zur Verteidigung der Kultur. 1935 geht er ins Moskauer Exil, wo er als Chefredakteur der renommierten Exilzeitschrift Internationale Literatur – Deutsche Blätter fungiert. Dort entsteht auch seine Deutschland-Dichtung, in der er in Sonettform die Schönheit der deutschen Heimat und die deutsche Kultur und Kunst beschwört. Ähnlich wie Thomas Mann will Becher die bessere deutsche Tradition verkörpern – in der Expressionismusdebatte 1937/38 verleugnet er sogar die eigene expressionistische Vergangenheit. Ein autobiographisches Resümee wird dagegen sein 1940 erschienener Roman Abschied. Einer deutschen Tragödie erster Teil 1900-1914: Becher reflektiert hier, in der Figur des Hans Peter Gastl kaum verschleiert, seine Münchner Kindheit und Jugend und schildert zugleich im zentralen Motiv des „Anderswerdens“ die Befreiung des Menschen aus den Zwängen der bürgerlich-wilhelminischen Gesellschaft.

1943 gehört Becher zu den Mitbegründern des Nationalkomitees Freies Deutschland, im Juni 1945 kehrt er nach Berlin zurück. Er bemüht sich um die Rückkehr bedeutender Exilanten und gründet den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, dessen Präsident er wird, den Aufbau-Verlag, die kulturpolitische Monatsschrift Aufbau, die Wochenzeitung Sonntag sowie die Literaturzeitschrift Sinn und Form. 1949 schreibt er den Text der DDR-Nationalhymne. Als Schriftsteller kritisiert er Entscheidungen, die er als Parteifunktionär bedenkenlos mitträgt: in seinen Reden und Werken die Sowjetunion und den Sozialismus verherrlichend, weiß er in seinen Tagebüchern um das Scheitern seiner Utopie und poetischen Wirkkraft.

1953-56 amtiert Becher als Präsident der Ostberliner Deutschen Akademie der Künste, seit 1954 ist er erster Kulturminister der DDR. Für seine Verdienste erhält er zahlreiche Ehrungen (u.a. den Nationalpreis der DDR und die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität Berlin). Am 11. Oktober 1958 stirbt Johannes R. Becher an einem Tumor, der sich aus seiner Schussverletzung von 1910 herausgebildet hat.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik

Sekundärliteratur:

Barck, Simone (1994): Lexikon sozialistischer Literatur. Ihre Geschichte in Deutschland bis 1945. Stuttgart u.a., S. 50-53.

Becher, Johannes R. In: Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, URL: http://www.munzinger.de/document/00000000314, (09.12.2011).

Chrambach, Eva (2004): Johannes R. Becher (22.5.1891 – 11.10.1958). Vom „Anderswerden“. In: Schweiggert, Alfons; Macher, Hannes S. (Hg.): Autoren und Autorinnen in Bayern. 20. Jahrhundert. Bayerland Verlag, Dachau, S. 131-133.

Emmerich, Wolfgang (2000): Kleine Literaturgeschichte der DDR. Erw. Neuausg. Berlin, S. 40ff., 78ff., 91ff., 106f.

Kraft, Thomas (Hg.) (2003): Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. Bd. 1. Nymphenburger Verlag, München.

Meid, Volker (20062): Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Stuttgart, S. 59-61.


Externe Links:

Literatur von Johannes R. Becher im BVB

Literatur über Johannes R. Becher im BVB

Johannes R. Becher in der BLO

Levisite oder Der einzig gerechte Krieg

Gedichte von Johannes R. Becher

Auferstanden aus Ruinen - Versuch einer Interpretation

Johannes R. Becher - Diskrepanz zwischen Lyrik und weltanschaulichem Engagement

Artikel bei Spiegel Online

Schlagwort Johannes R. Becher in Zeit Online

Johannes R. Becher beim Literaturport

Johannes R. Becher Archiv

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