Kaspar Pröckl

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Brecht (l.) sitzt hinter Dalton Trumbo vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe, 1947.

Brechts Alter Ego ist der Ingenieur Kaspar Pröckl, der bei den bayerischen Kraftfahrzeugwerken als Autokonstrukteur arbeitet. Er spielt Banjo, trägt Balladen vor und versteht sich als Marxist.

Tüverlin konnte sich nicht versagen, den Kaspar Pröckl zu necken, ihn durch halbernst gemeinte Aussprüche aufzuziehen. Einmal etwa setzte er ihm auseinander, wie sein Marxismus bedingt sei ausschließlich durch sein individuelles Temperament. Den Pröckl erbitterten derartige Halbwahrheiten bis aufs Blut. Gröblich mit seiner gellenden Stimme schrie er auf  Jacques Tüverlin ein, der quetschte zurück.

(Lion Feuchtwanger: Erfolg, a.a.O., S. 761) 

Brecht war nicht erfreut über die Art und Weise, wie er von Feuchtwanger karikiert worden war. Als es bereits zu spät war, versuchte er den Freund und Kollegen noch einmal zu Änderungen zu überreden, wie Marta Feuchtwanger berichtet:

„Das würde ich ja vielleicht tun“, sagte mein Mann, „aber das ist schon gedruckt.“ Dann kam Brecht zu mir und sagte: Wissen Sie, Ihr Mann ist so schnell marschiert, damit ich schwach werde und meine Argumente schlechter sind.“ So hat Lion den Brecht physisch außer Gefecht gesetzt.

(Marta Feuchtwanger: Leben mit Lion, a.a.O., S. 33)

Kaspar Pröckl wird beschrieben als ein unrasierter Mann, der stets eine „verwahrloste Lederjacke“ trägt. Seinem Chef, Herrn von Reindl, unterbreitet er Konstruktionspläne und erklärt sie ihm mit wachsender Ungeduld und sich steigernder Lautstärke.

Herr von Reindl indes mit seinen traurigen, braunen Augen betrachtete interessiert den großen Riß oben rechts in der Lederjacke Pröckls. Er erinnerte sich deutlich, diesen Riß vor einem halben Jahr schon gesehen zu haben. Rasiert war der Kerl natürlich nicht. In der Art, wie er sich die Haare in die Stirn wachsen ließ, lag eine gewisse naive Koketterie. Seltsam eigentlich, daß der junge Pröckl den Frauen gefiel. Die Schauspielerin Kläre Holz, die doch Urteil und Geschmack hatte, war einfach weg gewesen von dem Burschen. Dabei hatte sie bestimmt gemerkt, wie verwahrlost er war. Hatte sich darüber mokiert. Der Kerl roch wirklich wie Soldaten auf dem Marsch. Sein eckiger, bösartiger Humor war auch nicht gerade das Rechte für Frauen. Es war ein sicherer Geruch von Revolution um ihn. Offenbar machte er es mit seinen hundsordinären Balladen. Wenn er die sang, mit seiner gellenden Stimme, dann wurden die Weiber schwach. Drei oder vier schon hatten ihm davon erzählt mit jenem verdächtigen, gebrochenen Glanz in den Augen. Eigentlich möchte er den Pröckl einmal einladen, ihm so eine Ballade vorzusingen. Aber er wird ihn bestimmt abfahren lassen, der Bazi.

(Lion Feuchtwanger: Erfolg, a.a.O., S. 159ff.) 

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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