Laudatio zur Verleihung des Bayerischen Poetentalers an Turmschreiberin Gunna Wendt
Am 7. August erhielt die renommierte Biografin und Autorin Gunna Wendt den Bayerischen Poetentaler 2026. Mit dem Preis würdigen die Münchner Turmschreiber ihr herausragendes literarisches Schaffen. Die feierliche Laudatio hielt Dr. Elisabeth Tworek, Kulturwissenschaftlerin und ehemalige Leiterin der Monacensia. Wir veröffentlichen die Rede hier im Literaturportal Bayern mit freundlicher Genehmigung.
*
Spurensucherin
„Ich verstehe überhaupt viel von der Zukunft“ – diesen Satz aus Rainer Werner Fassbinders Film Die Ehe der Maria Braun – könnte auch Gunna Wendt oder eine ihrer vielen Frauengestalten gesagt haben, denen sie zahlreiche Bücher, Kurzgeschichten, Ausstellungen, Radiofeatures, Gespräche, Lesungen etc. gewidmet hat. Allein diese Aufzählung dokumentiert die Bandbreite von Gunna Wendts literarischem Schaffen. Besonders die Frau der Zukunft weckt seit jeher ihre Neugierde; Frauen, die aus sich etwas gemacht haben, obwohl das zunächst gar nicht danach aussah; Frauen, denen dieser Weg in die Zukunft nicht in die Wiege gelegt war und die es trotzdem schafften, ihren Lebenstraum zu verwirklichen. In der jüngst erschienenen Doppelbiografie zu den Schwestern Richthofen mit dem programmatischen Titel Frauen von morgen heißt es: „Frauen, die sich selbst erfinden, dürfen sich nicht von der Vergangenheit fesseln lassen, sondern müssen ihren Blick auf die Zukunft richten.“
Gunna Wendt zeichnet diese Lebenswege aus einer ihr eigenen Perspektive. Dabei kommt es ihr nicht darauf an, ob andere Autoren oder Wissenschaftlerinnen über diese Frauen bereits Biografien verfasst haben. Denn meist fehlt in diesen Büchern das, was Gunna Wendt wesentlich ist. Diese Lücke füllt sie mit Pioniergeist und Änderung der Blickrichtung. Auch dabei lässt sie sich von Rainer Werner Fassbinders Film Die Ehe der Maria Braun inspirieren. Die Hauptperson Maria Braun sagt zu ihrem Liebhaber: „Und ich möchte nicht, dass Sie denken, Sie hätten was mit mir. Weil die Wahrheit ist, dass ich etwas mit Ihnen habe.“ Dieser scheinbar kleine Unterschied in der Betrachtung entfaltet große Wirkung bei der Wahl eines selbstbestimmten Lebens. Die Fäden in der Hand behalten! Sich nicht instrumentalisieren lassen! Auch nicht durch geltende Moralvorstellungen und Konventionen. Gunna Wendt bricht steinerne Gewissheiten auf und erobert sich und ihren Protagonistinnen neue Räume. Bildung ist dabei „ein Meilenstein auf dem Weg zur Freiheit.“ So promoviert Else von Richthofen Ende 1900 bei Max Weber mit der Note „summa cum laude“. Wenige Tage danach tritt sie in Karlsruhe ihre Stelle als erst akademische Fabrikinspektorin Deutschlands an. Sie ist die einzige und erste Frau unter Männern. Ihr beruflicher Werdegang macht sie frei und eigenständig, vor allem aber von Männern unabhängig. Gunna Wendt portraitiert bevorzugt Frauen, die sich nicht in Rollen drängen lassen – die vielmehr Grenzen ausloten und überschreiten. Das können Aufstiegsgeschichten sein wie bei Liesl Karlstadt und Lena Christ; die eine Verkäuferin, die andere Wirtstochter. Beide haben sich aus einfachen Verhältnissen über ihre Kunst emporgearbeitet. Das können aber auch Brüche sein wie bei Franziska zu Reventlow. Die Gräfin aus dem hohen Norden verzichtet für ihren Lebensentwurf als Schwabinger Bohemienne auf Privilegien ihrer adligen Herkunft. Diesen Frauen gelang es, sich neu zu erfinden, lange bevor das Modewort Selbstermächtigung die Runde machte.
Unsere Preisträgerin kommt diesen weiblichen Ikonen unglaublich nahe. Wie macht sie das? Wie beschreibt man am treffendsten ihre Denk- und Arbeitsweise? Und nicht zuletzt: Was ist das Geheimnis von Gunna Wendts Erfolg? Denn die Schriftstellerin und Biographin bringt fast jedes Jahr ein neues Buch auf den Markt, das dann viele Jahre/Jahrzehnte im Buchhandel erhältlich bleibt. Es sind schön gestaltete Bücher in renommierten Verlagen: bei Piper, Reclam, Penguin, Insel, Aufbau, Deuticke. Sie erzielen hohe Auflagen und begeistern zahllose Leserinnen und Leser. Ja, Sie haben richtig gehört. Gunna Wendts Bücher werden oft von Männern gelesen. So kommt es, dass gestandene Mannsbilder der Autorin schreiben, dass sie ihre Ehefrauen, Lebensgefährtinnen, Freundinnen, Arbeitskolleginnen durch die Lektüre nun besser verstehen lernen.
Das alles begann mit der Magisterarbeit zum Thema Paula Modersohn-Becker. Zur Situation einer Künstlerin um die Jahrhundertwende in Deutschland im Fach Soziologie. Betreuender Professor war Oskar Negt, Schüler von Theodor W. Adorno und damals Speerspitze des kritischen gesellschaftlichen Diskurses in der Bundesrepublik. Das war 1979. Für diese wissenschaftliche Abschlussarbeit an der Universität Hannover war Gunna Wendt den Spuren der damals nur regional bekannten Malerin Paula Modersohn-Becker in Worpswede, Fischerhude und Bremen gefolgt. Aber nicht aus kunstgeschichtlicher Sicht, wie zu vermuten wäre, sondern mit dem wissenschaftlichen Handwerkszeug einer angehenden Soziologin. Ihr Zweitfach Psychologie kam ihr dabei sehr entgegen. Diese fächerübergreifende Herangehensweise war damals noch ganz und gar nicht üblich, genauso wie Gunna Wendts Grundlagenforschung in Archiven und privaten Sammlungen, mit der sie sich bereits ihrer ersten Protagonistin näherte: die angehende Wissenschaftlerin begab sich ins Worpswede-Archiv Haus im Schluh und ließ sich dort Verwahrtes zeigen; darunter Briefe und Aufzeichnungen der Malerin. Sofort fing sie Feuer für die besondere Aura des Originals und entdeckte einen Zugang zu ihrer Protagonistin, der sie bis heute nicht mehr loslässt. Sie studiert Quellen, führt Gespräche mit Zeitzeugen und Nachfahren, folgt Lebensspuren, forscht nach Netzwerken, Verbindungen und Beziehungen. So wird Gunna Wendt zur Spurensucherin in Grenzbereichen sich kreuzender Künste und Lebenslinien. Aus meiner Sicht beschreibt das ihre Arbeits- und Denkform am treffendsten.
Spurensammlungen
An dieser Stelle kommen Literaturarchive wie die Monacensia München und das Deutsche Literaturarchiv Marbach ins Spiel, aber auch Stadtarchive, Bibliotheken und Museen, die Biographisches und Zeitgeschichtliches zu Leben und Werk von Kunstschaffenden, Schauspielerinnen, Musikerinnen und Schriftstellerinnen aufbewahren. Dort, zwischen Briefen, biographischen Dokumenten, Manuskripten, Unveröffentlichtem, Fotografien wird Gunna Wendt immer wieder fündig. Die Monacensia ist so ein spannender Ort. Für die Biographien zur bayerischen Schriftstellerin Lena Christ, zur Münchner Komikerin Liesl Karlstadt, zur Husumer Lebenskünstlerin Franziska zu Reventlow und zur Doppelbiografie zu Erika Mann und Therese Giehse fand Gunna Wendt im Literaturarchiv der Stadt München umfangreiche, bisher wenig gesichtete Materialien. „Orte wie die Monacensia sind Spurensammlungen“, sagt Gunna Wendt. Dort wertet sie je nach Thema Briefe, Tagebücher, Notizen, Manuskripte aus. Die Fülle der Originalmaterialien machen es ihr leicht, in die Welt ihrer Protagonistinnen einzutauchen und diese Schätze zu heben.
Diese Arbeitsform ermöglicht es ihr, begleitend zu ihren Büchern thematisch gleiche Ausstellungen zu kuratieren. So richtete sie parallel zur Liesl-Karlstadt-Biografie den Liesl Karlstadt-Raum im Valentin Karlstadt-Musäum ein. Zur Lena-Christ-Biografie Der Traum vom Schreiben kuratierte Gunna Wendt zeitgleich eine Ausstellung in der Monacensia. Zur Maria-Callas-Biografie verantwortete sie eine Schau im Theatermuseum München. Nicht zu vergessen die überregionale Ausstellung „Zurück zu den Wurzeln. 100 Jahre Insel Mainau“ mit Schloßfest und Lesungen am Bodensee. Die Themen kommen wie von selbst zu ihr. Gunna Wendt meint dazu: „Meine Erfahrung: Wenn man sehr tief in ein Thema eingetaucht ist, muss man gar nicht mehr so viel suchen. Man wird von den Spuren angelockt – so als wollten sie gefunden werden.“ Und was ist, wenn sich keine historischen Spuren einer Protagonistin nachweisen lassen? Auch dafür hat Gunna Wendt einen Plan. In ihrem Roman Bei der Laterne woll´n wir stehen folgt sie den Spuren von Personen, die präsent sind, ohne dass es Lili Marleen gegeben hat. Die Briefe im Roman hat sie sich ausgedacht. Auch die Sängerin Lale Andersen, die dieses Lied einst berühmt machte, dient als Vorbild. Die Realisierung des Einfalls, aus einem Gassenschlager einen Roman zu machen, hat mit einer Begegnung auf der Fahrt im ICE von München nach Hannover zu tun. Gunna Wendt hatte das Projekt schon lange geplant und entwickelt, war aber gerade unsicher geworden, ob sie es tatsächlich machen sollte. Da kam ihr just im ICE eine alte Dame entgegen und sang „Wie einst Lili Marleen“. Dann blieb sie stehen und meinte: „Das hätten Sie nicht gedacht, dass ich Ihnen dieses Lied vorsinge“ – und verschwand. Wie war das gleich mit der Spurensucherin? „Man wird von den Spuren angelockt – so als wollten sie gefunden werden. ... Wenn es Lili Marleen gegeben hätte, hätte sich alles so entwickeln können wie in meinem Roman.“ sagt Gunna Wendt.
Transiträume
Ein ICE ist ein Transitraum, ein Raum in Bewegung. Dort findet Gunna Wendt nicht nur Ideen, dort schreibt sie auch leidenschaftlich gern ihre literarischen Texte. Der Kontakt mit Menschen in Zügen sind Momentaufnahmen der Begegnung: der Blick von jemand, eine bestimmte Geste, ein Gesprächsfetzen bringen sie auf Neues und Unerwartetes. Wie Gunna Wendt überhaupt große Freude daran hat, im Gespräch mit anderen, im Miteinander, Gedanken und Ideen zu entwickeln.
Schon in dem Dorf Jeinsen, ca. 30 km von Hannover entfernt, liebte es die Heranwachsende, alles aufzusaugen, was sich den ganzen Tag lang dort zutrug. Sie war neugierig auf alle Leute, die um sie lebten. Das Dorf mit damals ca. 1.300 Einwohnern bot ihr die Nähe zu den Menschen und ihren Geschichten. Dort hörte sie den Einheimischen und Zugezogenen zu, was sie redeten und wie sie es sagten. Das schulte ihre Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis. In der Nachkriegszeit war es dort wie in anderen Dörfern völlig normal, dass Flüchtlinge aus Schlesien, Sudetenland und Pommern in dem niedersächsischen Dorf strandeten, so auch Gunna Wendts Vater.
Gunna Wendt und ich waren oft im Zug gemeinsam unterwegs, meistens war die Literatur der Grund; zum Beispiel wenn wir nach Wien reisten: Gunna wollte mehr zu Helmut Qualtinger wissen und ich mehr zu Ödön von Horváth. Die beiden literarischen Größen wohnten zeitlich weit auseinander am selben Ort, nämlich im Heiligenkreuzerhof. In der nahegelegenen Schönlaterngasse fanden Gunna und ich in einem kleinen Laden knallig-bunten Bakelit-Schmuck. Anschließend aßen wir im Café Korb Palatschinken mit Schlagobers. Gunna hatte dieses traditionsreiche Kaffeehaus bei Gesprächen mit der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek kennengelernt, über die sie mehrere Radiosendungen machte. Unvergessen auch unsere Zugfahrt zu den Ingeborg-Bachmann-Tagen nach Klagenfurt, wo wir zu nächtlicher Stunde die Beisln der Geburtsstadt von Ingeborg Bachmann erlebten: schon damals das krasse Gegenprogramm zum literarischen Wettbewerb im ORF-Studio tagsüber. Oder unsere gemeinsame Fahrt nach St. Veit im Pongau. Thomas Bernhard hatte dort von 1949 bis 1951 prägende Monate als Patient in der Lungenheilstätte Grafenhof erlebt und seinen Aufenthalt später im autobiografischen Roman Die Kälte literarisiert. Besonders in Erinnerung blieb mir unsere gemeinsame Autofahrt nach St. Georgen im Schwarzwald. Wir holten dort Originalmaterialien für die Ausstellung „Der Tod ist eine Maschine aus Eis“ bei den Eltern des Dramatikers Thomas Strittmatter (1961-1995) ab. Zwei Jahre nach seinem frühen Tod wollten wir in der Monacensia an diesen jungen, genialen Theaterautor erinnern. Ein schwerer Schneesturm machte die Rückfahrt am Abend unmöglich und so übernachteten wir bei den Eltern in St. Georgen. Bis spät in die Nacht tauschten wir Erinnerungen und Geschichten aus. Am nächsten Tag packten wir bei Sonnenschein Manuskripte, Drehbücher, Briefe, Dokumente und Erinnerungsstücke ins Auto und Gunna Wendt zauberte daraus eine wunderschöne Ausstellung.
Vielfältige Medienerfahrung
Im Jahr 1981 verließ Gunna Wendt ihr niedersächsisches Zuhause und ließ sich in München nieder. Von 1988 bis 1996 moderierte sie beim Privatsender „Jazzwelle Plus“ mehr als 200 Literaturklub-Sendungen (60 Min.), darunter Interviews mit Joseph Brodsky, Georges-Arthur Goldschmidt, Agota Kristof, Ismael Kadaré, Harry Mulisch, Lars Gustafsson, Peter Hoeg, Wolfgang Koeppen und Elfriede Jelinek. Auch machte Gunna Wendt mehr als 70 Kultur vor acht – Theater-Sendungen (30 Min.) zum aktuellen Münchner Theatergeschehen. Sie führte Gespräche mit Schauspielern, Regisseuren, Theaterautoren, wie Senta Berger, Doris Schade, Herbert Achternbusch, Helmut Griem, Christa Berndl, Krista Posch, Frank Castorf, Albert Ostermaier u.v.a. Ihre hohe Affinität zu Rockmusik und Jazz kamen ihr dabei sehr entgegen. So war sie im Laufe ihres Lebens in zwanzig Bob Dylan-Konzerten. Eines ihrer ersten Bücher war Jazzfrauen im Luchterhand Verlag. Im Auftrag des Kulturreferates der Stadt München betreute Gunna Wendt viele Jahre das Literaturtelefon und zwei Jahre lang das monatlich erscheinende Literaturblatt. Bei dieser Gelegenheit lernten wir uns vor fast 35 Jahren kennen. Nie hatte Gunna Wendt Berührungsängste mit anderen Genres. Vielmehr ließ sie sich davon leiten, was das jeweilige Medium als Chancen bietet, um das jeweilige Optimum in der Vermittlung herauszuholen. Gunna Wendt war, lange vor Internet, Website, Podcast und Blog, bestens mit der Multi-Media-Welt vertraut und bestens auf diese neue Welt der Digitalisierung vorbereitet.
Enge Freundschaften
Einen Schwerpunkt von Gunna Wendts Biografien bilden weibliche Paarbeziehungen jeder Art. Die Palette reicht von Schicksalsgefährtinnen und Konkurrentinnen wie Ita Wegman und Marie Steiner – beide durch Rudolf Steiner und die Anthroposophie miteinander verbunden – über die Beziehungen von berühmten Müttern und Töchtern wie Katja und Erika Mann, bis zu Geschichten von berühmten Schwestern. Im Vorwort schreibt Gunna Wendt: „Manchmal steht eine Schwester so stark im Schatten der anderen, dass man kaum von ihrer Existenz weiß; manchmal stehen beide Schwestern im Licht der Öffentlichkeit und sind gleich präsent. Meist leben sie an verschiedenen Orten und sind in unterschiedlichen Bereichen tätig. Jede Beziehung ist einzigartig und unersetzbar.“ Man erfährt sehr viel über den einzelnen Menschen, wenn man seine engen Freundschaften und Beziehungen betrachtet. Gunna Wendt hat dieses Buch mit dem Titel Waren wir doch Teile voneinander ihrer Schwester Tina gewidmet. Wie sie überhaupt diese Offenheit für tragfähige Beziehungen zwischen Frauen aus der eigenen Familie kennt. Denn Gunna Wendt stammt aus einem Frauenhaushalt. Ihre Mutter, eine starke Persönlichkeit, kommt aus einer angesehenen, ortsansässigen Bäckerei. Weil ihr Vater früh verstarb, musste sie früh Verantwortung übernehmen. Sich vor Hierarchien nicht zu fürchten und den eigenen Weg zu gehen; diese Grundhaltung gab Gunnas Mutter an ihre beiden Töchter weiter. Darüber hinaus lebten in der Familie Wendt noch Großmutter und Großtante. Bei komplexen Beziehungsgeflechten behalten die Frauen in Gunna Wendts Büchern meist den Überblick. So bei Clara und Paula: Zentrales Thema ist die Freundschaft der beiden Künstlerinnen Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker. Der weltberühmte Lyriker Rainer Maria Rilke spielt darin eine Rolle, „aber letztlich eine Nebenrolle“, so Gunna Wendt. Hier schließt sich der Kreis zur Magisterarbeit. Ein anderer Kreis schließt sich mit der Doppelbiografie zu Erika Mann und Therese Giehse mit dem Untertitel: „Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg“. Die beiden Schauspielerinnen gründeten am 1. Januar 1933 das politische Kabarett „Die Pfeffermühle“. Erika schrieb die Texte, Therese spielte sie. Die beiden Frauen verband eine intensive, aber auch schwierige Liebesbeziehung. Nach der Flucht aus Deutschland wegen der Nazis lebten beide im Exil, bis sich ihre Wege im Jahr 1937 trennten. Die literarischen Nachlässe, Briefe, Exzerpte, Tagebücher, biographischen Dokumente, Zeugnisse, Fotographien liegen wie gesagt in der Monacensia, genauso wie der literarische Nachlass von Franziska zu Rewentlow, Schriftstellerin, Rebellin und Ikone der Münchner Boheme. Die Worte, die der Anarchist Erich Mühsam für seine Zeitgenossin, Freundin und Geliebte fand, passen auch zu Gunna Wendt: „Sie trug ... nichts an sich, was vom Moder der Vergangenheit benagt war. In die Zukunft gerichtet war ihr Leben, ihr Blick, ihr Denken; sie war ein Mensch, der wusste, was Freiheit bedeutet, ein Mensch ohne Vorurteile, ohne traditionelle Fesseln.“
Laudatio zur Verleihung des Bayerischen Poetentalers an Turmschreiberin Gunna Wendt>
Am 7. August erhielt die renommierte Biografin und Autorin Gunna Wendt den Bayerischen Poetentaler 2026. Mit dem Preis würdigen die Münchner Turmschreiber ihr herausragendes literarisches Schaffen. Die feierliche Laudatio hielt Dr. Elisabeth Tworek, Kulturwissenschaftlerin und ehemalige Leiterin der Monacensia. Wir veröffentlichen die Rede hier im Literaturportal Bayern mit freundlicher Genehmigung.
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Spurensucherin
„Ich verstehe überhaupt viel von der Zukunft“ – diesen Satz aus Rainer Werner Fassbinders Film Die Ehe der Maria Braun – könnte auch Gunna Wendt oder eine ihrer vielen Frauengestalten gesagt haben, denen sie zahlreiche Bücher, Kurzgeschichten, Ausstellungen, Radiofeatures, Gespräche, Lesungen etc. gewidmet hat. Allein diese Aufzählung dokumentiert die Bandbreite von Gunna Wendts literarischem Schaffen. Besonders die Frau der Zukunft weckt seit jeher ihre Neugierde; Frauen, die aus sich etwas gemacht haben, obwohl das zunächst gar nicht danach aussah; Frauen, denen dieser Weg in die Zukunft nicht in die Wiege gelegt war und die es trotzdem schafften, ihren Lebenstraum zu verwirklichen. In der jüngst erschienenen Doppelbiografie zu den Schwestern Richthofen mit dem programmatischen Titel Frauen von morgen heißt es: „Frauen, die sich selbst erfinden, dürfen sich nicht von der Vergangenheit fesseln lassen, sondern müssen ihren Blick auf die Zukunft richten.“
Gunna Wendt zeichnet diese Lebenswege aus einer ihr eigenen Perspektive. Dabei kommt es ihr nicht darauf an, ob andere Autoren oder Wissenschaftlerinnen über diese Frauen bereits Biografien verfasst haben. Denn meist fehlt in diesen Büchern das, was Gunna Wendt wesentlich ist. Diese Lücke füllt sie mit Pioniergeist und Änderung der Blickrichtung. Auch dabei lässt sie sich von Rainer Werner Fassbinders Film Die Ehe der Maria Braun inspirieren. Die Hauptperson Maria Braun sagt zu ihrem Liebhaber: „Und ich möchte nicht, dass Sie denken, Sie hätten was mit mir. Weil die Wahrheit ist, dass ich etwas mit Ihnen habe.“ Dieser scheinbar kleine Unterschied in der Betrachtung entfaltet große Wirkung bei der Wahl eines selbstbestimmten Lebens. Die Fäden in der Hand behalten! Sich nicht instrumentalisieren lassen! Auch nicht durch geltende Moralvorstellungen und Konventionen. Gunna Wendt bricht steinerne Gewissheiten auf und erobert sich und ihren Protagonistinnen neue Räume. Bildung ist dabei „ein Meilenstein auf dem Weg zur Freiheit.“ So promoviert Else von Richthofen Ende 1900 bei Max Weber mit der Note „summa cum laude“. Wenige Tage danach tritt sie in Karlsruhe ihre Stelle als erst akademische Fabrikinspektorin Deutschlands an. Sie ist die einzige und erste Frau unter Männern. Ihr beruflicher Werdegang macht sie frei und eigenständig, vor allem aber von Männern unabhängig. Gunna Wendt portraitiert bevorzugt Frauen, die sich nicht in Rollen drängen lassen – die vielmehr Grenzen ausloten und überschreiten. Das können Aufstiegsgeschichten sein wie bei Liesl Karlstadt und Lena Christ; die eine Verkäuferin, die andere Wirtstochter. Beide haben sich aus einfachen Verhältnissen über ihre Kunst emporgearbeitet. Das können aber auch Brüche sein wie bei Franziska zu Reventlow. Die Gräfin aus dem hohen Norden verzichtet für ihren Lebensentwurf als Schwabinger Bohemienne auf Privilegien ihrer adligen Herkunft. Diesen Frauen gelang es, sich neu zu erfinden, lange bevor das Modewort Selbstermächtigung die Runde machte.
Unsere Preisträgerin kommt diesen weiblichen Ikonen unglaublich nahe. Wie macht sie das? Wie beschreibt man am treffendsten ihre Denk- und Arbeitsweise? Und nicht zuletzt: Was ist das Geheimnis von Gunna Wendts Erfolg? Denn die Schriftstellerin und Biographin bringt fast jedes Jahr ein neues Buch auf den Markt, das dann viele Jahre/Jahrzehnte im Buchhandel erhältlich bleibt. Es sind schön gestaltete Bücher in renommierten Verlagen: bei Piper, Reclam, Penguin, Insel, Aufbau, Deuticke. Sie erzielen hohe Auflagen und begeistern zahllose Leserinnen und Leser. Ja, Sie haben richtig gehört. Gunna Wendts Bücher werden oft von Männern gelesen. So kommt es, dass gestandene Mannsbilder der Autorin schreiben, dass sie ihre Ehefrauen, Lebensgefährtinnen, Freundinnen, Arbeitskolleginnen durch die Lektüre nun besser verstehen lernen.
Das alles begann mit der Magisterarbeit zum Thema Paula Modersohn-Becker. Zur Situation einer Künstlerin um die Jahrhundertwende in Deutschland im Fach Soziologie. Betreuender Professor war Oskar Negt, Schüler von Theodor W. Adorno und damals Speerspitze des kritischen gesellschaftlichen Diskurses in der Bundesrepublik. Das war 1979. Für diese wissenschaftliche Abschlussarbeit an der Universität Hannover war Gunna Wendt den Spuren der damals nur regional bekannten Malerin Paula Modersohn-Becker in Worpswede, Fischerhude und Bremen gefolgt. Aber nicht aus kunstgeschichtlicher Sicht, wie zu vermuten wäre, sondern mit dem wissenschaftlichen Handwerkszeug einer angehenden Soziologin. Ihr Zweitfach Psychologie kam ihr dabei sehr entgegen. Diese fächerübergreifende Herangehensweise war damals noch ganz und gar nicht üblich, genauso wie Gunna Wendts Grundlagenforschung in Archiven und privaten Sammlungen, mit der sie sich bereits ihrer ersten Protagonistin näherte: die angehende Wissenschaftlerin begab sich ins Worpswede-Archiv Haus im Schluh und ließ sich dort Verwahrtes zeigen; darunter Briefe und Aufzeichnungen der Malerin. Sofort fing sie Feuer für die besondere Aura des Originals und entdeckte einen Zugang zu ihrer Protagonistin, der sie bis heute nicht mehr loslässt. Sie studiert Quellen, führt Gespräche mit Zeitzeugen und Nachfahren, folgt Lebensspuren, forscht nach Netzwerken, Verbindungen und Beziehungen. So wird Gunna Wendt zur Spurensucherin in Grenzbereichen sich kreuzender Künste und Lebenslinien. Aus meiner Sicht beschreibt das ihre Arbeits- und Denkform am treffendsten.
Spurensammlungen
An dieser Stelle kommen Literaturarchive wie die Monacensia München und das Deutsche Literaturarchiv Marbach ins Spiel, aber auch Stadtarchive, Bibliotheken und Museen, die Biographisches und Zeitgeschichtliches zu Leben und Werk von Kunstschaffenden, Schauspielerinnen, Musikerinnen und Schriftstellerinnen aufbewahren. Dort, zwischen Briefen, biographischen Dokumenten, Manuskripten, Unveröffentlichtem, Fotografien wird Gunna Wendt immer wieder fündig. Die Monacensia ist so ein spannender Ort. Für die Biographien zur bayerischen Schriftstellerin Lena Christ, zur Münchner Komikerin Liesl Karlstadt, zur Husumer Lebenskünstlerin Franziska zu Reventlow und zur Doppelbiografie zu Erika Mann und Therese Giehse fand Gunna Wendt im Literaturarchiv der Stadt München umfangreiche, bisher wenig gesichtete Materialien. „Orte wie die Monacensia sind Spurensammlungen“, sagt Gunna Wendt. Dort wertet sie je nach Thema Briefe, Tagebücher, Notizen, Manuskripte aus. Die Fülle der Originalmaterialien machen es ihr leicht, in die Welt ihrer Protagonistinnen einzutauchen und diese Schätze zu heben.
Diese Arbeitsform ermöglicht es ihr, begleitend zu ihren Büchern thematisch gleiche Ausstellungen zu kuratieren. So richtete sie parallel zur Liesl-Karlstadt-Biografie den Liesl Karlstadt-Raum im Valentin Karlstadt-Musäum ein. Zur Lena-Christ-Biografie Der Traum vom Schreiben kuratierte Gunna Wendt zeitgleich eine Ausstellung in der Monacensia. Zur Maria-Callas-Biografie verantwortete sie eine Schau im Theatermuseum München. Nicht zu vergessen die überregionale Ausstellung „Zurück zu den Wurzeln. 100 Jahre Insel Mainau“ mit Schloßfest und Lesungen am Bodensee. Die Themen kommen wie von selbst zu ihr. Gunna Wendt meint dazu: „Meine Erfahrung: Wenn man sehr tief in ein Thema eingetaucht ist, muss man gar nicht mehr so viel suchen. Man wird von den Spuren angelockt – so als wollten sie gefunden werden.“ Und was ist, wenn sich keine historischen Spuren einer Protagonistin nachweisen lassen? Auch dafür hat Gunna Wendt einen Plan. In ihrem Roman Bei der Laterne woll´n wir stehen folgt sie den Spuren von Personen, die präsent sind, ohne dass es Lili Marleen gegeben hat. Die Briefe im Roman hat sie sich ausgedacht. Auch die Sängerin Lale Andersen, die dieses Lied einst berühmt machte, dient als Vorbild. Die Realisierung des Einfalls, aus einem Gassenschlager einen Roman zu machen, hat mit einer Begegnung auf der Fahrt im ICE von München nach Hannover zu tun. Gunna Wendt hatte das Projekt schon lange geplant und entwickelt, war aber gerade unsicher geworden, ob sie es tatsächlich machen sollte. Da kam ihr just im ICE eine alte Dame entgegen und sang „Wie einst Lili Marleen“. Dann blieb sie stehen und meinte: „Das hätten Sie nicht gedacht, dass ich Ihnen dieses Lied vorsinge“ – und verschwand. Wie war das gleich mit der Spurensucherin? „Man wird von den Spuren angelockt – so als wollten sie gefunden werden. ... Wenn es Lili Marleen gegeben hätte, hätte sich alles so entwickeln können wie in meinem Roman.“ sagt Gunna Wendt.
Transiträume
Ein ICE ist ein Transitraum, ein Raum in Bewegung. Dort findet Gunna Wendt nicht nur Ideen, dort schreibt sie auch leidenschaftlich gern ihre literarischen Texte. Der Kontakt mit Menschen in Zügen sind Momentaufnahmen der Begegnung: der Blick von jemand, eine bestimmte Geste, ein Gesprächsfetzen bringen sie auf Neues und Unerwartetes. Wie Gunna Wendt überhaupt große Freude daran hat, im Gespräch mit anderen, im Miteinander, Gedanken und Ideen zu entwickeln.
Schon in dem Dorf Jeinsen, ca. 30 km von Hannover entfernt, liebte es die Heranwachsende, alles aufzusaugen, was sich den ganzen Tag lang dort zutrug. Sie war neugierig auf alle Leute, die um sie lebten. Das Dorf mit damals ca. 1.300 Einwohnern bot ihr die Nähe zu den Menschen und ihren Geschichten. Dort hörte sie den Einheimischen und Zugezogenen zu, was sie redeten und wie sie es sagten. Das schulte ihre Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis. In der Nachkriegszeit war es dort wie in anderen Dörfern völlig normal, dass Flüchtlinge aus Schlesien, Sudetenland und Pommern in dem niedersächsischen Dorf strandeten, so auch Gunna Wendts Vater.
Gunna Wendt und ich waren oft im Zug gemeinsam unterwegs, meistens war die Literatur der Grund; zum Beispiel wenn wir nach Wien reisten: Gunna wollte mehr zu Helmut Qualtinger wissen und ich mehr zu Ödön von Horváth. Die beiden literarischen Größen wohnten zeitlich weit auseinander am selben Ort, nämlich im Heiligenkreuzerhof. In der nahegelegenen Schönlaterngasse fanden Gunna und ich in einem kleinen Laden knallig-bunten Bakelit-Schmuck. Anschließend aßen wir im Café Korb Palatschinken mit Schlagobers. Gunna hatte dieses traditionsreiche Kaffeehaus bei Gesprächen mit der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek kennengelernt, über die sie mehrere Radiosendungen machte. Unvergessen auch unsere Zugfahrt zu den Ingeborg-Bachmann-Tagen nach Klagenfurt, wo wir zu nächtlicher Stunde die Beisln der Geburtsstadt von Ingeborg Bachmann erlebten: schon damals das krasse Gegenprogramm zum literarischen Wettbewerb im ORF-Studio tagsüber. Oder unsere gemeinsame Fahrt nach St. Veit im Pongau. Thomas Bernhard hatte dort von 1949 bis 1951 prägende Monate als Patient in der Lungenheilstätte Grafenhof erlebt und seinen Aufenthalt später im autobiografischen Roman Die Kälte literarisiert. Besonders in Erinnerung blieb mir unsere gemeinsame Autofahrt nach St. Georgen im Schwarzwald. Wir holten dort Originalmaterialien für die Ausstellung „Der Tod ist eine Maschine aus Eis“ bei den Eltern des Dramatikers Thomas Strittmatter (1961-1995) ab. Zwei Jahre nach seinem frühen Tod wollten wir in der Monacensia an diesen jungen, genialen Theaterautor erinnern. Ein schwerer Schneesturm machte die Rückfahrt am Abend unmöglich und so übernachteten wir bei den Eltern in St. Georgen. Bis spät in die Nacht tauschten wir Erinnerungen und Geschichten aus. Am nächsten Tag packten wir bei Sonnenschein Manuskripte, Drehbücher, Briefe, Dokumente und Erinnerungsstücke ins Auto und Gunna Wendt zauberte daraus eine wunderschöne Ausstellung.
Vielfältige Medienerfahrung
Im Jahr 1981 verließ Gunna Wendt ihr niedersächsisches Zuhause und ließ sich in München nieder. Von 1988 bis 1996 moderierte sie beim Privatsender „Jazzwelle Plus“ mehr als 200 Literaturklub-Sendungen (60 Min.), darunter Interviews mit Joseph Brodsky, Georges-Arthur Goldschmidt, Agota Kristof, Ismael Kadaré, Harry Mulisch, Lars Gustafsson, Peter Hoeg, Wolfgang Koeppen und Elfriede Jelinek. Auch machte Gunna Wendt mehr als 70 Kultur vor acht – Theater-Sendungen (30 Min.) zum aktuellen Münchner Theatergeschehen. Sie führte Gespräche mit Schauspielern, Regisseuren, Theaterautoren, wie Senta Berger, Doris Schade, Herbert Achternbusch, Helmut Griem, Christa Berndl, Krista Posch, Frank Castorf, Albert Ostermaier u.v.a. Ihre hohe Affinität zu Rockmusik und Jazz kamen ihr dabei sehr entgegen. So war sie im Laufe ihres Lebens in zwanzig Bob Dylan-Konzerten. Eines ihrer ersten Bücher war Jazzfrauen im Luchterhand Verlag. Im Auftrag des Kulturreferates der Stadt München betreute Gunna Wendt viele Jahre das Literaturtelefon und zwei Jahre lang das monatlich erscheinende Literaturblatt. Bei dieser Gelegenheit lernten wir uns vor fast 35 Jahren kennen. Nie hatte Gunna Wendt Berührungsängste mit anderen Genres. Vielmehr ließ sie sich davon leiten, was das jeweilige Medium als Chancen bietet, um das jeweilige Optimum in der Vermittlung herauszuholen. Gunna Wendt war, lange vor Internet, Website, Podcast und Blog, bestens mit der Multi-Media-Welt vertraut und bestens auf diese neue Welt der Digitalisierung vorbereitet.
Enge Freundschaften
Einen Schwerpunkt von Gunna Wendts Biografien bilden weibliche Paarbeziehungen jeder Art. Die Palette reicht von Schicksalsgefährtinnen und Konkurrentinnen wie Ita Wegman und Marie Steiner – beide durch Rudolf Steiner und die Anthroposophie miteinander verbunden – über die Beziehungen von berühmten Müttern und Töchtern wie Katja und Erika Mann, bis zu Geschichten von berühmten Schwestern. Im Vorwort schreibt Gunna Wendt: „Manchmal steht eine Schwester so stark im Schatten der anderen, dass man kaum von ihrer Existenz weiß; manchmal stehen beide Schwestern im Licht der Öffentlichkeit und sind gleich präsent. Meist leben sie an verschiedenen Orten und sind in unterschiedlichen Bereichen tätig. Jede Beziehung ist einzigartig und unersetzbar.“ Man erfährt sehr viel über den einzelnen Menschen, wenn man seine engen Freundschaften und Beziehungen betrachtet. Gunna Wendt hat dieses Buch mit dem Titel Waren wir doch Teile voneinander ihrer Schwester Tina gewidmet. Wie sie überhaupt diese Offenheit für tragfähige Beziehungen zwischen Frauen aus der eigenen Familie kennt. Denn Gunna Wendt stammt aus einem Frauenhaushalt. Ihre Mutter, eine starke Persönlichkeit, kommt aus einer angesehenen, ortsansässigen Bäckerei. Weil ihr Vater früh verstarb, musste sie früh Verantwortung übernehmen. Sich vor Hierarchien nicht zu fürchten und den eigenen Weg zu gehen; diese Grundhaltung gab Gunnas Mutter an ihre beiden Töchter weiter. Darüber hinaus lebten in der Familie Wendt noch Großmutter und Großtante. Bei komplexen Beziehungsgeflechten behalten die Frauen in Gunna Wendts Büchern meist den Überblick. So bei Clara und Paula: Zentrales Thema ist die Freundschaft der beiden Künstlerinnen Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker. Der weltberühmte Lyriker Rainer Maria Rilke spielt darin eine Rolle, „aber letztlich eine Nebenrolle“, so Gunna Wendt. Hier schließt sich der Kreis zur Magisterarbeit. Ein anderer Kreis schließt sich mit der Doppelbiografie zu Erika Mann und Therese Giehse mit dem Untertitel: „Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg“. Die beiden Schauspielerinnen gründeten am 1. Januar 1933 das politische Kabarett „Die Pfeffermühle“. Erika schrieb die Texte, Therese spielte sie. Die beiden Frauen verband eine intensive, aber auch schwierige Liebesbeziehung. Nach der Flucht aus Deutschland wegen der Nazis lebten beide im Exil, bis sich ihre Wege im Jahr 1937 trennten. Die literarischen Nachlässe, Briefe, Exzerpte, Tagebücher, biographischen Dokumente, Zeugnisse, Fotographien liegen wie gesagt in der Monacensia, genauso wie der literarische Nachlass von Franziska zu Rewentlow, Schriftstellerin, Rebellin und Ikone der Münchner Boheme. Die Worte, die der Anarchist Erich Mühsam für seine Zeitgenossin, Freundin und Geliebte fand, passen auch zu Gunna Wendt: „Sie trug ... nichts an sich, was vom Moder der Vergangenheit benagt war. In die Zukunft gerichtet war ihr Leben, ihr Blick, ihr Denken; sie war ein Mensch, der wusste, was Freiheit bedeutet, ein Mensch ohne Vorurteile, ohne traditionelle Fesseln.“
