„Der ‚Beiss‘“ von Julius Kreis
Der Münchner Autor und Illustrator Julius Kreis (1891-1933) war ein feinsinniger und scharfzüngiger Beobachter seiner Zeit. Neben Skizzen und Gedichten, die in Zeitschriften wie Die Jugend und Simplicissimus sowie Wochen- und Tageszeitungen erschienen, schrieb er Kolumnen und fasste seine Arbeiten zu Büchern zusammen, die er zum Teil selbst illustrierte. Seine Sammlung Mei Ruah möcht i ham – sozialkritische Beobachtungen des damaligen Münchner Alltags – enthält humorvolle Possen, Skizzen und „Gschichterln“. Harald Beck hat sich das Kapitel „Der ‚Beiss‘“ fürs Literaturportal genauer angesehen. Darin geht es um „eine altbekannte kleine ‚Sucht‘“, die „den dafür empfänglichen Menschen meist im Hochsommer“ überfällt.
*
„Der ‚Beiss‘“ lautet der auf den ersten Blick merkwürdige Titel einer humorvollen, kleinen Geschichte des Münchner Schriftstellers und Zeichners Julius Kreis (1891-1933). Zehetners Bairisches Deutsch erklärt: „Beiß, der/das, (ugs.): Ausschlag, Ekzem, juckender Hautausschlag“. In einer ersten kleinen Studie aus dem Jahr 1908 befasst sich der Mediziner Notthaft mit der Ursache der „sommerliichen Juckepidemie“ […] bedingt durch Leptus autumnialis“1:
„In den peripheren Bezirken Münchens, besonders in den Vororten Giesing und Sendling wird seit einigen Jahren eine sommerliche Juckepidemie beobachtet, die besonders kleinere Kinder und nächst diesen Frauen befällt, im Herbst stets aufhört und vom Volk als ‚Sendlinger Beiß‘ bezeichnet wird (Beiß von beißen = jucken).“
Es handelt sich nach den Feststellungen Notthafts bei diesem ‚Beiß‘ um eine Dermazoonose, hervorgerufen durch die Erntemilbe. „Lange halten sich die Milben auf der Haut nicht auf; in den Betten und in der Wäsche werden sie nie gefunden. Übertragungen von Person zu Person finden nicht statt. Enge Relationen scheinen zwischen den Regenniederschlagsmengen und dem Auftreten der Erntemilbe zu bestehen; je nässer der Sommer, desto weniger Milben kommen vor [...].“
Julius Kreis schildert in seiner Geschichte, wie ein erstes Opfer bei einem Familienausflug auf die lautlose Attacke des winzigen Spinnentiers reagiert:
„Aber Anni“, sagt die Mama, die was auf gute Erziehung hält, „das tut man doch nicht!“ Und Anni, sonst ein braves, folgsames Kind, hebt klagend und anklagend den Lockenkopf empor und sagt: „Und wenn’s mich halt so beißt!“
Und kratzt schon wieder heimlich an jener Stelle des Rückens, über die Europas übertünchte Höflichkeit schweigt. [...]
Alle drei, Vater, Mutter und Kind stellen einmütig fest, daß man sich gar nicht mehr halten könnte vor Jucken. Und finden ein bißchen abseits, bei einem Vergleich, daß auf ihrer Haut ganz kleine, rote „Dipferl“ sind.
„Aha!“, sagt der Vater, als Familienoberhaupt zugleich Wissender und oberster Medizinmann: „Da ham mir an Sendlinger Beiß derwischt!“
Kreis konstatiert, dass es zwar auch den Föhringer, Perlacher und Pasinger Beiß gibt, aber:
Der „Sendlinger Beiß“ freilich ist der oberste, der Führer unter den „Beißen“, ja er ist sogar wissenschaftlich anerkannt und hat den Begriff „Sendling“ in die Lehrbücher der Dermatologen gebracht.
Und so ist es bis heute geblieben, die Veterinärmedizin inbegriffen. Auch Hunde werden vom Beiß geplagt.
[1] Mittlerweile zu Trombicula autumnialis mutiert.
„Der ‚Beiss‘“ von Julius Kreis>
Der Münchner Autor und Illustrator Julius Kreis (1891-1933) war ein feinsinniger und scharfzüngiger Beobachter seiner Zeit. Neben Skizzen und Gedichten, die in Zeitschriften wie Die Jugend und Simplicissimus sowie Wochen- und Tageszeitungen erschienen, schrieb er Kolumnen und fasste seine Arbeiten zu Büchern zusammen, die er zum Teil selbst illustrierte. Seine Sammlung Mei Ruah möcht i ham – sozialkritische Beobachtungen des damaligen Münchner Alltags – enthält humorvolle Possen, Skizzen und „Gschichterln“. Harald Beck hat sich das Kapitel „Der ‚Beiss‘“ fürs Literaturportal genauer angesehen. Darin geht es um „eine altbekannte kleine ‚Sucht‘“, die „den dafür empfänglichen Menschen meist im Hochsommer“ überfällt.
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„Der ‚Beiss‘“ lautet der auf den ersten Blick merkwürdige Titel einer humorvollen, kleinen Geschichte des Münchner Schriftstellers und Zeichners Julius Kreis (1891-1933). Zehetners Bairisches Deutsch erklärt: „Beiß, der/das, (ugs.): Ausschlag, Ekzem, juckender Hautausschlag“. In einer ersten kleinen Studie aus dem Jahr 1908 befasst sich der Mediziner Notthaft mit der Ursache der „sommerliichen Juckepidemie“ […] bedingt durch Leptus autumnialis“1:
„In den peripheren Bezirken Münchens, besonders in den Vororten Giesing und Sendling wird seit einigen Jahren eine sommerliche Juckepidemie beobachtet, die besonders kleinere Kinder und nächst diesen Frauen befällt, im Herbst stets aufhört und vom Volk als ‚Sendlinger Beiß‘ bezeichnet wird (Beiß von beißen = jucken).“
Es handelt sich nach den Feststellungen Notthafts bei diesem ‚Beiß‘ um eine Dermazoonose, hervorgerufen durch die Erntemilbe. „Lange halten sich die Milben auf der Haut nicht auf; in den Betten und in der Wäsche werden sie nie gefunden. Übertragungen von Person zu Person finden nicht statt. Enge Relationen scheinen zwischen den Regenniederschlagsmengen und dem Auftreten der Erntemilbe zu bestehen; je nässer der Sommer, desto weniger Milben kommen vor [...].“
Julius Kreis schildert in seiner Geschichte, wie ein erstes Opfer bei einem Familienausflug auf die lautlose Attacke des winzigen Spinnentiers reagiert:
„Aber Anni“, sagt die Mama, die was auf gute Erziehung hält, „das tut man doch nicht!“ Und Anni, sonst ein braves, folgsames Kind, hebt klagend und anklagend den Lockenkopf empor und sagt: „Und wenn’s mich halt so beißt!“
Und kratzt schon wieder heimlich an jener Stelle des Rückens, über die Europas übertünchte Höflichkeit schweigt. [...]
Alle drei, Vater, Mutter und Kind stellen einmütig fest, daß man sich gar nicht mehr halten könnte vor Jucken. Und finden ein bißchen abseits, bei einem Vergleich, daß auf ihrer Haut ganz kleine, rote „Dipferl“ sind.
„Aha!“, sagt der Vater, als Familienoberhaupt zugleich Wissender und oberster Medizinmann: „Da ham mir an Sendlinger Beiß derwischt!“
Kreis konstatiert, dass es zwar auch den Föhringer, Perlacher und Pasinger Beiß gibt, aber:
Der „Sendlinger Beiß“ freilich ist der oberste, der Führer unter den „Beißen“, ja er ist sogar wissenschaftlich anerkannt und hat den Begriff „Sendling“ in die Lehrbücher der Dermatologen gebracht.
Und so ist es bis heute geblieben, die Veterinärmedizin inbegriffen. Auch Hunde werden vom Beiß geplagt.
[1] Mittlerweile zu Trombicula autumnialis mutiert.
