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(c) Archiv Monacensia

Georgenstraße 24

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In der dritten Etage wohnten die Feuchtwangers. (c) Literaturportal

Lion Feuchtwanger wurde 1884 in München geboren und wuchs im Lehel auf. Das Haus seiner Kindheit wird die letzte Station dieses Spaziergangs sein. Der Startpunkt liegt vor dem Haus Georgenstraße 24. In der dritten Etage lebten Lion und Marta Feuchtwanger von 1918 bis zu ihrem Umzug nach Berlin 1925.

Die Wohnung in der Georgenstraße 24 war das Zentrum einer intellektuellen Clique, der auch Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Karl Valentin, Max Halbe, Frank Wedekind und Erich Mühsam angehörten. Die Feiern der Feuchtwangers waren legendär. Marta Feuchtwanger erinnert sich:

Nach der Vorstellung traf man sich, wie es bei besonderen Theaterereignissen üblich war, in der Odeonbar. Da saß man in Nischen und sah die Gäste vorbeiziehen. Wir hörten: ,Gehen Sie hernach auch zu Feuchtwangers in die Georgenstraße?' Als wir nach Hause kamen, war die Straße voll von Bekannten und Unbekannten. Viele hatten Getränke und Eßwaren mitgebracht. [...] Die Räume füllten sich zusehends, und die Klingel meldete immer neue Ankömmlinge. [...] Alle wurden eingelassen. Arnolt Bronnen kam, und alle Freunde Brechts aus Augsburg. Auch Caspar Neher, der die Dekorationen geschaffen hatte. Neher hatte ein bißchen zuviel Weißwein getrunken. Er glaubte, zu hören, daß Bronnen eine abfällige Bemerkung über Brecht machte, und stürzte sich mit der Weinflasche auf ihn, um ihm den Schädel einzuschlagen. Ich warf mich dazwischen und drehte dem Hünen Neher die Nase um, wobei der Inhalt der Weinflasche sich in meinen Ausschnitt ergoß. Ich hatte ein schwarzes Samtkleid an. Im Nebenzimmer zog sich eine hübsche blonde Frau aus und wurde von Caspar Neher rüde abgewiesen. Kurz, es war eine angeregte Gesellschaft. Als endlich alle gegangen waren, kehrte ich die Böden sauber und entdeckte in einer Ecke zusammengerollt Joachim Ringelnatz. (Feuchtwanger, Marta: Nur eine Frau. Jahre. Tage. Stunden. Langen Müller, München u.a. 1983, S. 153-154).

1925 zogen Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta in die Großstadt Berlin, wo sie am Rande des Grunewalds ein Haus erwarben. Aus der Distanz schrieb er mit Erfolg das Porträt seiner Heimatstadt.

 

Lion Feuchtwanger, in einem Flugzeug über New York 1932 (c) Archiv Monacensia

Im Roman erschuf Feuchtwanger mit der Figur Jaques Tüverlin sein Alter Ego, auch wenn Tüverlin äußerlich dem Maler Rudolf Großmann nachgezeichnet ist. In der Auseinandersetzung des Schriftstellers mit der Frage nach der Berechtigung von rein ästhetischem Schreiben versus politischem Engagement des Literaten lassen sich Anklänge an Thomas Mann herauslesen. Tüverlin ist wie Feuchtwanger der distanzierte Beobachter, der die Verhältnisse und Menschen klar analysiert und ihnen dennoch zugetan ist:

Tüverlin möchte am liebsten aus der bayerischen Hochebene mit allem, was darauf lebt, säuft und hurt, in den Kirchen kniet, tauft, Justiz, Politik, Bilder Fasching und Kinder macht, er möchte am liebsten aus diesem Land mit seinen Bergen, Flüssen, Seen, seinem Getier und seinem Gemensch einen Naturschutzpark machen. [...] Tüverlin liebte das Volk, unter dem er lebte. Ja, mit der Intensität des wahren Schriftstellers, der bei aller Kälte der Erkenntnis, nicht leben kann, ohne an seinen Gegenstand Haß und Liebe zu wenden, liebte dieser Hochentwickelte seine ungelenken, urteilskargen, dumpf musischen Bayern. (Erfolg, S. 338)

Tüverlin verliebt sich in Johanna Krain, die Feuchtwangers Frau Marta nachgebildet ist. Johanna Krain setzt sich selbstbewusst und engagiert für die Freilassung ihres Mannes, des Kunsthistorikers Krüger, ein. Auch Feuchtwangers enge Freundschaft zu Bertolt Brecht wird im Roman aufgegriffen: Für Brecht steht in Erfolg der Kommunist und Ingenieur Kaspar Pröckl, der – obwohl eher eine ungepflegte Erscheinung – mit seinen Balladen den Frauen gefällt. Brecht war am Anfang seiner Karriere von Feuchtwanger unterstützt und protegiert worden. Sie arbeiteten gemeinsam in München und Berlin an Theaterstücken wie Das Leben Eduards des Zweiten von England und führten eine enge Arbeits- und Freundschaftsbeziehung. Sogar der Titel Dreigroschenoper ist einem Einfall Feuchtwangers zu verdanken, Brecht hatte das Stück zuerst „Die Ludenoper“ taufen wollen. Brecht war nicht gerade glücklich über seine Karikatur in der Figur Pröckl, versuchte sogar persönlich, wie Marta in ihren Memoiren schreibt, Feuchtwanger zu einer Änderung zu bewegen. Es war allerdings zu spät, das Manuskript bereits im Druck. Der Männerfreundschaft tat diese Episode keinen Abbruch.

Um die Jahreswende 1918/19, bald nach Ausbruch der sogenannten deutschen Revolution, kam in meine Münchener Wohnung ein sehr junger Mensch, schmächtig, schlecht rasiert, verwahrlost in der Kleidung. Er drückte sich an den Wänden herum, sprach schwäbischen Dialekt, hatte ein Stück geschrieben, hieß Bertolt Brecht. Das Stück hieß 'Spartakus'. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der jungen Autoren, die, wenn sie Manuskripte überreichten, auf das blutende Herz hinzuweisen pflegten, aus dem sie ihr Werk herausgerissen hätten, betonte dieser junge Mensch, er habe sein Stück 'Spartakus' ausschließlich des Geldverdienens wegen verfaßt. (Lion Feuchtwanger: Ein Buch nur für meine Freunde. Berlin 1956)

  

Bertolt Brecht (c) Bundesarchiv (CC-BY-SA) und Marta Feuchtwanger (c) Archiv Monacensia

 

Die erste Figur, die im Roman eingeführt wird, ist Justizminister Dr. Otto Klenk, bei einem Spaziergang durch den Englischen Garten. Entsprechend beginnt auch diese Route mit einem Spaziergang durch den Englischen Garten. Folgen Sie dazu der Georgenstraße Richtung Leopoldstraße, überqueren diese und biegen direkt in die Ohmstraße ein. Immer geradeaus gelangen Sie in den Englischen Garten. Folgen sie nach rechts immer dem Schwabinger Bach, bis Sie linkerhand das Monopteros auf einem Hügel thronen sehen.

 


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Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Veronika Schöner

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