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16.04.2014, 13:52 Uhr
Peter Czoik
Spektakula

Lesung im Übergangswohnheim für Asylbewerber in Coburg

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Schauspieldramaturg und Initiator der Lesereihe „Literatur in den Häusern unserer Stadt“ Georg Mellert vor dem Asylwohnheim. Foto: Literaturportal Bayern

Im Rahmen der Coburger Literaturtage ist die Veranstaltungsreihe „Literatur in den Häusern unserer Stadt“ ein besonderer Höhepunkt. Die Reihe, die bereits zum siebten Mal stattgefunden hat, macht es sich zum Ziel, Literatur in den Privaträumen von Coburger Bürgern und an anderen Orten der Stadt vorzustellen, die von Schauspielern des Landestheaters Coburg vorgetragen wird. Diese bestimmen auch mit, welche Texte gelesen werden; nach den Lesungen sind dann Zuhörer, Gastgeber und Mitwirkende zu einem gemeinsamen Austausch über den Abend im Münchner Hofbräu eingeladen.

Auch dieses Mal sorgte die „Location“ wieder für frischen Wind, war es doch neben anderen beeindruckenden Orten eine Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber, die das Interesse des Publikums auf sich zog. Schließlich ist ein Asylbewerberheim kein Raum, den man normalerweise von innen her kennt. Als eigentliche Lesestätte diente, passend zum Ort und zum Thema des Abends, das Treppenhaus im Wohnheim. Wie Schauspieldramaturg und Initiator der Lesereihe Georg Mellert klarmachte, stellt es einen „Ort des Durchgangs“ dar wie auch das Wohnheim als Ganzes für diejenigen, die hier stranden und die es irgendwann einmal anderswohin verschlägt.

Angeregt hatte den Veranstaltungsort der Schauspieler vom Coburger Landestheater Thomas Straus. Dabei spielte ein wesentlicher Gedanke eine Rolle: Gezeigt werden sollten Wohnräume von Menschen, die man gemeinhin nicht so gut oder überhaupt nicht kennt, die aber nicht weniger zum Leben der Stadt beitragen: „Auch hier leben Menschen in unserer Stadt“, so der einhellige Tenor.

Insofern war es für ihn und die Veranstalter ein Leichtes, den passenden Text dazu zu finden: den von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur preisgekrönten Essay Krieg. Stell dir vor, er wäre hier (dtv, München 2. Aufl. 2014; Buch des Monats April 2011) der dänischen Schriftstellerin Janne Teller.

I: Jonas aus Äthiopien liest ein Gedicht auf Amharisch. II: Schauspieler Thomas Straus während der Lesung. III: Äthiopisches Essen in der Pause. Fotos: Literaturportal Bayern


Auf der Flucht

Krieg ist ein aufrüttelnder Text. Erzählt wird die Geschichte eines 14-jährigen Jungen aus Deutschland, der mit seiner Familie auf der Flucht vor dem Krieg in Europa ist. Die westlichen Demokratien sind gescheitert, faschistische Diktaturen haben derweil die Macht übernommen. „Wenn bei uns Krieg wäre. Wohin würdest du gehen?“, fragt die Autorin gleich zu Beginn ihre Leserschaft und spricht von Hunger und Kälte („Du frierst die ganze Zeit, und dabei ist es erst Anfang November“), der Angst vor den Bomben („Deine kleine Schwester wurde von Granatsplittern am Kopf verletzt“) und der Gleichschaltung durch die Geheimpolizei.

Krieg von Janne Teller, Hörprobe gelesen von Thomas Straus. Mit freundlicher Genehmigung © Literaturportal Bayern

Wie die Asylbewohner ist auch der Junge im Text auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Doch anders als bei diesen ist sein Blickwinkel nicht der eines Flüchtlings, sondern der eines Einheimischen, dessen eigenes, sicheres Leben mit einem Schlag zusammenbricht, weil ein unvorstellbarer Krieg ihn ereilt (vgl. Nachwort der Autorin, S. 54). Die Einladung des Textes, „sich in das Leben als Flüchtling hineinzudenken“, könnte eindringlicher und konsequenter nicht sein, vor allem weil liebgewonnene Gewissheiten über die Sicherheit unseres Wohlstandslebens („Damals waren die Deutschen ein buntgemischtes Volk, Menschen, die unterschiedliche Ansichten zu allem haben durften“) skrupellos in Frage gestellt werden.

Der Junge befindet sich dabei in einer ambivalenten Situation. Einerseits kann er seine gutbürgerliche Herkunft nicht verleugnen, andererseits findet er ausgerechnet dort Zuflucht, wo seiner Gutbürgerlichkeit, seinem europäischen Gedankengut politisch scheinbar widersprochen wird: in Ägypten. Scheinbar wohlgemerkt. Denn in Wirklichkeit nimmt die ägyptische bzw. Arabisch sprechende Gesellschaft ebenso die Position des einheimischen Gegners (und mit ihr die Vorurteile gegenüber Asylbewerber) wieder ein. Umgekehrt ist dieser gezwungen ist, die Haltung des sonst nur in seinem Heimatland geduldeten Flüchtlings (und dessen Sehnsucht auf ein besseres Leben) zu übernehmen:

Du gewöhnst dich daran, Kuchen zu verkaufen. Du gewöhnst dich an die Armut. Und du gewöhnst dich an die extreme Hitze. Daran, als Mensch dritter Klasse betrachtet zu werden, gewöhnst du dich nie. Zu Hause war dein Vater Professor für Geschichte, deine Mutter im Umweltministerium beschäftigt. Ihr hattet ein schönes Haus und zwei Autos. Jetzt habt ihr nichts. Ihr seid nichts. Nichts als unerwünschte Fremde, die Kuchen verkaufen und damit den ägyptischen Kuchenverkäufern Umsatz wegnehmen.

Jeden Tag schwörst du, dass du einmal nach Deutschland zurückgehen und dein Leben wieder aufnehmen wirst. Dein richtiges Leben. Du wirst wieder ein Mensch erster Klasse sein. (S. 34f.)

I: Das Treppenhaus als Durchgangsort. II: Sorgten für die musikalische Begleitung: Suse Karadah und Michael Götz. III: Ramin aus Afghanistan liest ein Gedicht auf Persisch. Fotos: Literaturportal Bayern

Ankommen, Zusammenkommen

Aber wie fühlt sich das Leben eines Flüchtlings überhaupt an? Eine kleine Vorstellung davon bekam das Publikum an diesem Abend gleich mehrfach.

Einmal wie gesagt durch den besonderen Ort, der in seiner Funktion als Durchgangsraum (Treppenhaus) die Situation derjenigen, die nur auf gepackten Koffern sitzen, symbolisch veranschaulichte.

Dann im bewussten Verzicht auf eine Übersetzung in die gastgebende Landessprache. Zwei der Asylbewohner trugen nämlich Gedichte in ihrer jeweiligen Muttersprache (Amharisch und Persisch) vor – und die Zuhörer mussten wie diese die interessante Erfahrung machen, wie es ist, etwas nicht zu verstehen. Wenngleich sie natürlich den poetischen Duktus in den Gedichten erkennen konnten und eingeladen waren, mit den Vortragenden ins Gespräch zu kommen.

Gedichte in der Heimatsprache, gelesen von Jonas und Ramin. Mit freundlicher Genehmigung © Literaturportal Bayern

Darüber hinaus wurde Einblick in die Lebensverhältnisse der Asylbewohner gegeben. Projektleiterin Ruth Schulz von f.i.t, einer Initiative des Diakonischen Werks Kronach-Ludwigstadt/Michelau sowie Coburger Kirchengemeinden und anderen Partnern zur Förderung der Sprachpraxis von Flüchtlingen, führte in der Veranstaltungspause durchs Wohnheim. Man erfuhr so Einiges über die extremen Bedingungen, unter denen die Asylbewerber stehen, zumal sie während ihres Asylverfahrens zur Untätigkeit gezwungen sind: So dürfen sie im ersten Jahr nicht arbeiten; auch ein Deutschkurs kann erst nach Anerkennung des Asylrechtes beginnen. Da von staatlicher Seite nur wenig für ihre Integration getan werde, gibt es keine offiziellen Lern- oder Eingliederungsangebote. Zum Glück beginnt sich die Situation hier langsam zu bessern, betonte Ruth Schulz. 

Schließlich – und das war das eigentlich Schönste an diesem Abend – konnte man mit den Heimbewohnern direkt zusammenkommen, und zwar über das gemeinsame Essen. So wurde von diesen ein üppiges äthiopisches Büffet in der Pause aufgetischt. Und so wurde die Leseveranstaltung auch zu einem Gemeinschaftsprojekt der Heimbewohner selbst, die ihre Wohnräume ihren einheimischen Gästen nicht nur öffneten, sondern auch daran erinnerten, wie es ist, in einem anderen Land gastfreundlich aufgenommen zu werden.


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