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20.08.2010, 22:30 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte

Vom Alter und von der Liebe: Barbara Bronnens späte Romane

Der literarische Themenbereich der Barbara Bronnen ist groß: Eines ihrer Hauptgebiete ist die Auseinandersetzung mit dem Alter. Schon mit 14 hat sie sich mit Altersfragen beschäftigt und ihre erste Erzählung über eine Großmutter und Enkeltochter geschrieben. Inspiriert dazu hat sie ihre eigene blinde Großmutter, für deren Blindheit sie, die Enkelin, keine Ursache wusste. „Die Augen und die Angst, mit Augen etwas zu tun zu haben“ – das hat sich für Barbara Bronnen zu einem traumatischen Erlebnis in ihrer Kindheit verdichtet, über das sie schreiben musste.[1]

In ihrem Buch Du brauchst viele Jahre, um jung zu werden (2005) schildert sie einerseits das vielfältige Problem der Angst vor dem Älterwerden, andererseits die Glücksmomente, die das Alter in dem Moment freisetzt, je älter man wird. Wieder handelt es sich um die Konstellation „Enkelin – Großmutter“, wobei die Enkelin mit der Pflege der Urgroßmutter betreut wird, während die Großmutter eine agile Schriftstellerin ist und Lesereisen macht.

Hier knüpft Bronnen an ihren vorigen Roman Die Überzählige aus dem Jahr 1984 an, dessen Hauptmotiv, der Tod, beide Generationen umspannt und in ambivalente Situationen stürzt: Die Großmutter ist zum Pflegefall geworden, will aber nicht gepflegt werden und überlebt die Enkeltochter, die wiederum keinen Sinn im Pflegen sieht und trotz ihrer Härte in ihrer Verletzlichkeit vor der Großmutter stirbt. Mehr als eine groteske Kranken- und Sterbegeschichte ist der Roman eine kritische Auseinandersetzung mit dem Alter und den Beziehungen zwischen zwei Generationen, die ungleicher nicht sein könnten.[2]

Doch auch die Beziehungen zwischen zwei gleich alten Menschen sind ein Schreibanliegen Barbara Bronnens. In dem nach Du brauchst viele Jahre, um jung zu werden folgenden Buch Am Ende ein Anfang (2006) geht es um die Liebesfähigkeit der Älteren, der Generation der 70-Jährigen. Folgerichtig, möchte man meinen. Denn legt schon der Titel des Vorgängerbuchs nahe, dass man „tatsächlich innerlich immer jünger wird, je älter man wird“, so braucht es auch hier viel Mut, um innerlich frei zu werden:

Es ist ein Freiwerden und ein sich Bekennen. [...] Es ist die Geschichte dieses Mutes. Es braucht viel Mut im Alter, wenn man mit ästhetischen Einbußen konfrontiert ist, sich jemand anderem hinzugeben und sich wirklich auf ihn einzulassen. (Bronnen in einem Interview)

Wie die Wiederaufnahme einer früheren Beziehung einen inneren Reifungs- und Alterungsprozess in den Spät-Liebenden in Gang setzt, wird gefühlvoll, aber nicht kitschig beschrieben. Zu Hilfe kommt Bronnen u.a. die für den Roman gewählte Briefform, in der Gefühle neben kühlen Betrachtungen differenziert dargestellt werden können.

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[1] Fragen und Antworten: Aus einem Interview mit Barbara Bronnen. In: Barbara Bronnen. Fußnoten zur neueren deutschen Literatur 12 (1987), S. 2-11, hier S. 2.

[2] „Man wird das Buch bestimmt auf ganz verschiedene Weise lesen, je nachdem, in welcher Altersgruppe man ist, und je näher man dem Sterben ist, um so komischer oder weniger komisch wird man das finden. Die Zeitbegriffe der Großmutter und der Enkelin sind ja auch nicht in Übereinstimmung zu bringen. Wie soll die Jüngere mit ihren 40 Jahren denken lernen wie eine 94jährige, das ist fast unmöglich.“ (ebda., S. 10)



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