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28.11.2010, 12:48 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte

Bemerkungen zum Werk Marieluise Fleißers

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Marieluise Fleißer, Fotografie (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe).

Der anhaltend hohe Bekanntheitsgrad von Marieluise Fleißer für die damalige wie heutige Dramatik – man denke etwa an ihre „Söhne“ des neuen Volksstücks Fassbinder, Sperr und Kroetz, aber auch an Autoren wie Achternbusch oder Turrini – überdeckt mitunter ihre Bedeutung als erzählende Schriftstellerin. Die Wiederentdeckung der Fleißer nach dem Krieg lief hauptsächlich über ihre Dramen, selten über ihre Erzählungen, wiewohl der Erzählband Avantgarde von der literarischen Kritik positiv aufgenommen wurde.

Das hat zum einen damit zu tun, dass Fleißer ihre Stoffe nicht selbstständig wählte, ihr Werk nicht durchgängig plante – sondern erlebte – und insofern die Vorstellung eines herzustellenden geschlossenen Ganzen nicht ohne Weiteres entwickeln konnte. Zum anderen hängt es unmittelbar mit der Stoffknappheit ihrer Werke zusammen. Wie bei kaum einer anderen Autorin ist alles Beschriebene fast immer Ingolstadt: dieselben Straßen, dieselben Personen (noch in den Erzählungen). Als sie 1971 gefragt wurde, welche Problematik in unserer Gesellschaft sie zur Herstellung eines Stückes reizen könne, antwortete sie: „Kein Kommentar. Ich könnte natürlich immer nur etwas zwischen Männern und Frauen machen.“ Fast alles, was sie schrieb, ist in der Tat darauf zugeschnitten.

Dies sollte man ihr freilich nicht als dichterische Schwäche auslegen. Im ‚Engen‘ ist eine erstaunliche Variation, Farbigkeit und Genauigkeit in der Beobachtung, das gilt im Besonderen für die Figuren. Von der Olga und Clementine über die Berta und Alma bis zur Balbina gibt es ein weites Spektrum von Weiblichkeit, und selbst die namenlosen Frauen der Erzählungen wirken lebendig und bleiben schmerzhaft in Erinnerung.

Biographie der Verletzungen

Überhaupt ist Fleißers Werk eine Biographie der Verletzungen, wenn auch keine eigentliche feministische Literatur. Das Herz der Fleißer schlägt für die kleinen Existenzen, ihre Ängste, Träume und gescheiterten Emanzipationsversuche. Den Mann zu beobachten und sich im gewissen Sinne in ihn einzufühlen ist ihre besondere Stärke. Wie Günther Rühle feststellt: „Sie kroch immer in ihre Figuren, die sie darstellte. Sie war innen und außen. Daher wechselt sie immer die Positionen, die Perspektiven; daher die Sprünge im Textvollzug [...]. Es ist das, was die Lebendigkeit ihrer Texte macht und die Vielfalt ins Allgemeine bringt. So sind die Männer doch nie gesehen aus der Anklagebank einer Zurückgestoßenen, sondern aus ihren Bedingungen.“

Man wäre leicht versucht, daraus und aus der eigentümlichen sprachlichen Verknappung und Bildhaftigkeit Fleißers Kunst einzig in der Kleinform und als Ausbruch aus der Provinz zu sehen, die an eine stringente große Handlungsführung nicht heranreicht. Wenn man „die Erzählung in einzelne Skizzen auflöst, wirken sie als Novellen stark. Wenn man die 342 Seiten hintereinander als Roman liest, erscheint die Erzählung brüchig“, schrieb so der Berliner Theaterkritiker Herbert Ihering bezüglich Fleißers Roman Mehlreisende Frieda Geier.

Man täte der Schriftstellerin allerdings Unrecht, würde man darin nur einen Widerspruch entdecken wie privat in ihren Beziehungen zum linksprogressiven Bertolt Brecht und zum rechtskonservativen (dilettantischen) Hellmut Draws-Tychsen. Was Fleißer vor allem auszeichnet, ist das Aushalten dieser ‚Spannung‘ und die Hellhörigkeit gegenüber dem, was ‚darunter‘ liegt.

In ihren Texten ist deshalb oft von einer diffusen Kraft, vom „Es“, das antreibt und die Figuren zwingt, die Rede: „Meine Geschichten kommen aus dem Dunkeln“, hat Marieluise Fleißer einmal gesagt. Ihr Wunsch, „daß mich vor allem die jungen Menschen hören, sehn und lesen und daß sie durch mich einen Einblick bekommen in das, was hinter der Oberfläche steckt“ (Schreiben – für wen?), ist denn auch weniger sozialkritisch als nur konsequent.



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