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10.01.2014, 11:41 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [317]: Nro. 10, Nro. 13 und eine durchreisende Äbtissin

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Seltsamerweise scheint es die Frau von Bouse an der Tafel zweimal zu geben. Nro. 10 ist nämlich die Residentin, die sich nach dem Tone eines jeden stimmte und doch durch ihren eignen sich von allen Weibern unterschied – gleich dem König Mithridates[1] redete sie die Sprachen aller ihrer Untertanen. Nro. 13 aber bezeichnet die Défaillante, deren größte Reize und Anziehkraft in den kleinen Füßen angebracht waren, wie in den zwei Füßen eines armierten Magneten. Der Kopf, ihr zweiter Pol, stieß ab, was der untere zog.

Nun wissen wir ja schon, dass mit der Défaillante nur die Residentin gemeint sein kann. Seltsam auch, dass ihr Kopf abstößt und die Füße anziehen – gilt die Frau von Bouse nicht als eine kokette Frau, die mit den Männern spielt, ja: sie verführt? Was ja wohl auch eine Sache des Kopfes ist? Oder ist hier eine andere „Schwache“ gemeint? Aber welche?

Außerdem gibt es da am Tisch noch eine „durchreisende Äbtissin“ – ist sie identisch mit jener Schwester der Dame von Rang, die ich nie kompromittieren werde, jener Schwester, die den Generalbass beim Erzähler lernte? 

Und wieso wären die zwei groben Regierungräte und ein grober Kammerpräsident in der Lage, zwar das „eherne Meer“ im Tempel Salomons, also ein riesiges wie schweres Becken, das von zwölf Rindern getragen wird, zu halten, doch nicht, was sie glauben, den Thron? Ganz einfach: den Thron von Scheerau zu halten wäre unendlich schwieriger als eine noch so schwere reale Masse zu stützen.

Diese Anspielung ist immerhin zu entschlüsseln.

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[1] Er ist identisch mit jenem König Mitridate, re di Ponto, dessen spätes Leben und Sterben Mozart vertonte.



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