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09.01.2014, 12:10 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [316]: Die Nummero 4 auf dem Passagierzettel

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Sage noch einer, dass Jean Paul nur „Kuriositäten“, unnützes Wissen um des unnützen Wissens willen in seine Erzählungen einbrächte. Sage noch einer, dass das, was er aus dem Schatzhaus der Geschichte holt, überflüssig sei. Ich werde ihn fortan „Tropf“ nennen.

Auf der Fürstlich-scheerauischen Gästeliste steht ein Herr, den „Jean Paul“ mit einem anderen Herren, genauer: mit einer Beobachtung zusammenbringt, die alles andere als trivial ist, oder anders: die inzwischen so trivial ist, dass sie zum Allgemeingut des Wissens gehört, das zum Gemeinplatz geronnen ist – was sie weder dumm noch überflüssig macht. Konkret: es geht um Astronomie, ja um Kosmologie, von der man im 18. Jahrhundert zwar schon einiges wusste. Es waren die (genialen) Mathematiker, die bestimmte Phänomene so berechnen konnten, dass die Entdeckungen unausweichlich waren, oder anders: dass erst die moderne Naturwissenschaft dafür sorgen konnte, bestimmte Phänomene dingfest zu machen. Also: Nro. 4:

Nro. 4 war ein Michaelisritter aus Spaa (Herr v. D.), dessen Ordenstern in Scheerau noch Strahlen abschickte, nachdem er in Paris längst vernichtet war. So sagt Euler, dass ein Fixstern am Himmel noch wegen seiner Entfernung sein Schimmern fortsetzen kann, ob er gleich längst eingeäschert worden.

Euler also! Ich komme endlich dazu, die Rowohlt-Monographie in die Hand zu nehmen, die ich mir irgendwann einmal kaufte – nicht in der Absicht, sie sofort zu lesen, sondern (nichts??) ahnend, dass ich sie einmal brauchen würde: etwa für einen Logenblog-Eintrag. An dieser Stelle muss eine meiner Lieblingsanekdoten folgen:

Lieblingsanekdote des Dr. P.

Paul Valéry wurde einmal gefragt, ob er denn alle seine vielen Bücher gelesen habe, die in seiner Bibliothek stünden. Valéry antwortete: „Sie essen ja auch nicht jedem Tag von Ihrem Sèvres-Porzellan.“

Euler also! Leonhard Euler gilt als der bedeutendste Mathematiker des 18. Jahrhunderts. Der bedeutendste des 19. Jahrhunderts – womit er auch als der bedeutendste deutsche Mathematiker überhaupt gilt – war Gauss, den die „große Öffentlichkeit“ wieder kennt, seitdem sie Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt gelesenund/oder oder die Verfilmung des Romans gesehen hat. Allein, auch Gauss fußt noch auf Euler. Er selbst hat bekannt, dass das Studium der Werke Eulers „durch nichts ersetzt werden kann“, denn Euler hat Wegweisendes zu vielen Gebieten veröffentlicht, Emil A. Fellmann, der Autor der wirklich lesenswerten Rowohlt-Monographie, hat sie benannt: Algebra, Zahlentheorie, Arithmetik, Geometrie, Differentialgeometrie, Differentialgleichungen[1], Reihentheorie, Variationsrechnung, Mechanik, Schiffstheorie, Physik, Astronomie, Gezeitentheorie – und sogar Musik, aber auch hier ging es um mathematische Theorie.

Euler lebte – nacheinander, nicht gleichzeitig – in nur drei Städten, aber es waren auch wissenschaftliche Hauptstädte: in Basel, dann auch in Berlin, am Hofe des Preußenkönigs Friedrich Zwo, des Bruders der Wilhelmine von Bayreuth. Hier veröffentlichte er 1744 die Theoria motuum planetarum et cometarum, in der klar nachgewiesen wird, dass wir heute Sterne sehen, die schon längst nicht mehr existieren, oder genauer: dass das Licht der bereits erloschenen Sterne erst heute zur Erde kommt und in unsere Augen fällt. 1727 bis 1741 aber hatte Euler bereits ein erstes Mal in St. Petersburg gelebt und gewirkt.

Hinter der Neva-Brücke, die zur Wassiliewski-Insel führt, müssen wir uns die Akademie der Wissenschaften vorstellen, an der Euler tätig war. In dieser Gegend wohnte er auch, nachdem er 1766 in die russische Stadt zurückgekehrt und mit offenen Armen empfangen worden war. Mit der Astronomie war es an der Neva nicht zu Ende: „Euler erweist sich auch für die Wissenschaft von den Sternen als Stern erster Größe“, sagt der Euler-Kenner Fellmann.

Euler starb im Jahre 1783, als Jean Paul noch kein Thema der Literaturgeschichte war. Er wurde auf dem Smolenski-Friedhof auf der Wassiliewski-Insel beerdigt, wo man 1837 die Stätte wiederentdeckte und dem berühmten Manne einen Gedenkstein errichtete. Er trägt die Inschrift LEONHARDO EULERO / ACADEMIA PETROPOLITANA / MDCCXXXVII.

Vor genau einem Jahr stand ich vor Eulers Grabstein, denkend: den Namen kennst Du doch. Wäre ich vor 1957 nach St. Petersburg gereist – eine Unmöglichkeit, die selbst durch geniale Raumzeitberechnungen nicht aus der Welt zu bringen ist –, hätte ich den Stein auf der Insel suchen müssen. Nun fand ich ihn, am bitterkalten, grauen Neujahrstag, auf dem faszinierenden St. Lazarus-Friedhof des Alexander-Njewski-Klosters, am unteren Ende des Njewski. Ich hatte eine sehr leise Ahnung von der Bedeutung des Mannes, den man mit dem Monument geehrt hatte. Nun besitze ich eine etwas größere Ahnung: auch dank Jean Paul und einer „nebensächlichen“ Stelle.

So sagt Euler, dass ein Fixstern am Himmel noch wegen seiner Entfernung sein Schimmern fortsetzen kann, ob er gleich längst eingeäschert worden.

Fotos St. Petersburg: Frank Piontek, 31.12. 2012 / 1.1. 2013

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[1] Auch der Blogger verdankt seine katastrophale Schul-„Karriere“ den Genies Euler und Gauss. Danke, Leonhard. Danke, Carl Friedrich. Hans Magnus Enzensbergers Zahlenteufel war ihm in mathematischen Fragen, freilich viel später, als es nicht um schreckliche Prüfungen ging, weitaus hilfreicher.



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