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08.01.2014, 13:18 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [315]: Nummer 2 und Nummer 3

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Nro. 2 war der Fürst, der in seinem kurzen Leben mehr Weiber in der Nähe gesehen als der Ochs Apis, dessen Leben doch so lang war wie das ägyptische Alphabet. Er war an dieser Tafel, was er auf seinen Reisen an mancher table d'hôte nicht zu sein vermochte, der Bruder Redner und der Hauptwind unter 63 andern Nebenwinden. Seine Krone hatten sämtliche Damen auf.

Der Ochs Apis … da kommen Erinnerungen auf. Der Blogger erinnert sich, langlang ist's her, in den Gewölben des Serapeums zu Sakkara spazieren gegangen zu sein, wo immer noch die schwer verrückbaren, riesenhaften Sarkophage für die Heiligen Stiere stehen. Schöne Zeiten am Nil … für die Stiere waren es jedenfalls 25 schöne Jahre, bevor sie rituell geopfert wurden. Wir können annehmen, dass der Fürst von Scheerau noch nicht so lange auf der Welt ist wie der Stier, der im herrlichen Nil[1] ertränkt wurde.

Interessanterweise folgt sogleich ein zweiter Hinweis auf Ägyptisches:

Nro. 3 war sein apanagierter Bruder, den der gekrönte hasste, nicht weil er zu viel Volkliebe hatte und verdiente, sondern weil er einmal todkrank war und nicht starb, sondern von der Apanage fortlebte. Das Gerippe dieses Bruders würde den Fürsten, wie ein jedes Gerippe Ägypter und Griechen, zu einem freudigern Genuss des Gastmahls überredet haben.

Hat Jean Paul, als er die Nro. 3 auf die Nro. 2 folgen ließ, sich im selben Register- oder Exzerptheft unter dem Stichwort Ägypten bedient? Kam er nur deshalb auf die Sitte, in geöffneten Schränken verwahrte Mumien während des Essens virtuell am Essen teilhaben zu lassen, weil er gerade die Apis-Stelle gesucht und gefunden hatte? Es ist nicht auszuschließen. Das Zufallsprinzip sorgte vielleicht dafür, dass ihm zwei prägnante Beschreibungen illustrer Gäste gelangen – so wie man bei der Bilder- und Informationssuche durch den manipulierten Zufall auf Motive kommt, die man nie gesucht hätte.

Dass Jean Paul ein Vorläufer des Internetbenutzers war, dieses Wort ist inzwischen zur Trivialität geronnen. Dass der Blogger sich dank Jean Paul wieder an einen unvergesslichen Winter erinnert, mag jener Überraschung vergleichbar sein, die den Dichter selbst vielleicht immer wieder befiel, als er dort fand, wo er nicht suchte.[2]

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[1] Saftiggrünes Land links, Grünland rechts, hinten die Berge, die sanft und herzbewegend im Abendlicht schimmern. Ein Tee auf einem Dach, den Blick in die Weite gerichtet, auf die majestätisch aufragenden Rücken der Memnonskolosse. Sangen sie? Daran kann sich der Reisende nicht mehr erinnern.

[2] Picasso war nicht der erste, der wusste, wie man kreativ arbeitet.



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