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07.01.2014, 12:59 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [314]: Passagierzettel mit Cagliostro

Die gerührte Beata ließ, ohne oder mit Absicht, ihre Rose abgeknickt zu Boden zittern: er bückte sich nach ihr lange und ließ seine Träne verborgen wegsinken; aber da er ihr die Rose gab und beide furchtsam die gesenkten Augen auf der Blume versteckten und hefteten ---

Charles Amable Lenoir, ein Maler des ausgehenden 19. Jahrhunderts, malte dieses schöne Rosenmädchen.

Machen wir weiter mit dem, was Handlung heißt. Die Feiertage sind vorüber, das Jahr kann, nach dem Dreikönigstag und den 12 Rauhnächten, nun „richtig“ beginnen – und es beginnt wahrlich richtig: mit dem gegenseitigen Erkennen der Seelen, vulgo: mit der Liebe Beatas und Gustavs.

So standen plötzlich ihre aufgeschlagnen Augen einander wie der aufgehende Vollmond der untergehenden Sonne gegenüber und sanken ineinander, und in einem Augenblick unaussprechlicher Zärtlichkeit sahen ihre Seelen, dass sie einander – suchten.

Aber ach – das Glück duldet eine Unterbrechung; sie erfolgt durch den „Tropf“ namens Oefel, der sie wieder in die Gesellschaft führt, was dem Erzähler die Gelegenheit gibt, einen „Passagierzettel“ der Gäste zu schreiben. Die Gesellschaft wird zur besonderen, da sich nun zwei keusche Seelen unter ihr befinden, was Jean Paul die Gelegenheit zu einem schönen Wiener Vergleich gibt: schöne Seelen – man kennt den Begriff der „schönen Seele“ bekanntlich aus dem Meister – wüchsen an allen, sogar an den höchsten Orten, „so ließ der Kaiser Joseph jährlich einige Nachtigallen in den Augarten werfen, damit man da was hörte“.

Mag sein, dass man sie heute dort noch hört, was man jedoch auf jeden Fall sieht, ist der schaudererregende, nicht wegzusprengende, monströse, schattenwerfende Flakturm aus dem Zweiten Weltkrieg. Soviel zur Schönheit.

Einer dieser Passagiere an der fürstlichen Tafel ist übrigens besonders interessant: ein Herr mit dem nom de guerre Cagliostro.

Nro. 5 war Cagliostro, der unter so vielen pointierenden Köpfen das Schicksal der Ärzte und Gespenster und Advokaten hatte, dass seine öffentlichen Spötter zugleich seine geheimen Jünger und Klienten sind.

Ist es erstaunlich, dass der weltberühmte, berüchtigte Magier sich nach Scheerau verirrt hat? Durchaus nicht. Zwar befand er sich 1791/92 bereits im Gefängnis, doch in der Zeit, in der der Roman spielt, tourte er noch mehr oder weniger lustig durch die Weltgeschichte, auch durch Deutschland.

Hier folgt sie nun: die

Kurzbiographie des Cagliostro in Form einer Buchanzeige

Erzgauner und Wohltäter

Eine Biographie über Cagliostro

Er war einer der großen Erzgauner des 18. Jahrhunderts. Er war ein Fälscher, Betrüger und schlitzohriger self-made-man, wie er im Buch steht – und so wurde sein Name zu einem Begriff: Als Giuseppe Balsamo kam er im Armenviertel von Palermo auf die Welt, als Cagliostro starb er, elend im Kerker, weit entfernt von seinen früheren Erfolgen als Magier, Alchemist, geistiger Führer. Goethe widmete ihm ein Theaterstück, Katharina die Große ein dramatisches Pamphlet, Alexandre Dumas einen Roman, und in die Geschichtsbücher wanderte er als einer der Drahtzieher der berüchtigten Halsband-Affäre, die die Französische Revolution düster ankün­digte.

 Er war auch in Scheerau der Stargast: Giuseppe Balsamo, gen. Cagliostro

Das Leben des falschen Grafen und richtigen Aufschneiders hat jedoch noch mehr Aspekte. Der Biograph Iain McCalman, der dem faszinierenden wie abstoßenden Mann eine informative Biographie widmete, kann zwar nicht erklären, mit welchen Zaubertricks Cagliostro seine alchemistischen und geisterbeschwörenden Shows realisierte. Er weiß jedoch einiges vom Mildtäter Giuseppe Balsamo, der – offensichtlich nicht ganz erfolglos – für reinen Gotteslohn viele Kranke behandelte. War Cagliostro mehr als ein Scharlatan? Der Biograph beleuchtet die wesentlichen Züge dieses unruhigen Lebens zwischen ketzerischer Freimaurerei, wilden Abenteurerepisoden in Italien, Frankreich, Russland und der Schweiz, zwischen Armut und Reichtum, Aufstieg und Fall eines Mannes, den selbst der zuweilen skrupellose Casanova verachtete und der von vielen Jüngern (und Jüngerinnen) verehrt wurde – bis die Zaubertricks nichts mehr nutzten. Sein schillernder Ruhm wuchs über die schmutzigen Kerkermauern der Inquisition hinaus, wenn auch sein Geburtshaus heute verfällt. Die eigentümliche Strahlkraft des sinnlichen wie derben Giuseppe Balsamo kann auch der Biograph nicht erklären – doch blieb genügend Material, um ein Leben zu schildern, das bis heute legendenumwoben ist. Vielleicht ist es gut, dass selbst der Forscher nicht alle Geheimnisse enthüllen kann.

Iain McCalman: Der letzte Alchemist. Die Geschichte des Grafen Cagliostro. Insel Verlag, 2004. 332 Seiten.

Erstaunlich, denkt der Blogger, wozu die Brotarbeit von anno dunnemals doch alles gut ist...

Dass Jean Paul den berühmten Zeitgenossen, der unter anderem durch die Halsbandaffäre ewigen Ruhm einfuhr, in seinen Roman einführt: es ist schon außerordentlich tricky – ja fast ein Zaubertrick.



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