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23.12.2012, 13:59 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [60]: Laubknospen, Blütknospen, Blüten und Früchte

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Ein Klavierlehrer vermag in zartesten Kontakt mit seinen Schülerinnen zu kommen, was natürlich die sog. Liebe befördert. Schon Mozart begab sich, mit seiner Schwester und mit seinen Schülerinnen, in das Vierhändige Spiel. Porträtiert hat ihn und seine Familie um 1780 – nein, nicht Nepomuk Della Croce, wie immer noch allenthalben zu lesen ist , sondern ein unbekannter Maler.

Jaja, die Liebe... Der Klaviermeister „Jean Paul“ erzählt, in wen er sich in Scheerau alles verliebt. Er fasst diese siebenfache Lieben – von „einer Dame von Rang“ über die Äbtissin zu Beata – in schöne floristische Metaphern zusammen: „In alles, in Laubknospen, Blütknospen, Blüten und Früchte verschießet sich ein Mensch, der ein Klaviermeister ist“ – und wohl nicht nur ein Klaviermeister. Vermutlich will er dem Leser nur sagen, dass er, der Klavierlehrer, die Möglichkeit hat, mit den verschiedensten Frauen in den verschiedensten Altersklassen in näheren, körperlich spürbaren Kontakt zu kommen. Fingerspiele eben... Der Klavierlehrer erlaubt sich übrigens keine drei Pünktchen, er sagt, wie es ist, er setzt nur einmal drei ***, denn nicht jede geheime Liebe soll ausgeplaudert werden. Man sieht: Diskretion ist nicht grundsätzlich sein Ding, aber es schadet nichts, denn bei so vielen „Lieben“ kann man nur, wie der Leiter der Erotischen Akademie zu Hof, von Simultanlieben sprechen – und also von keiner, zumindest von keiner, wie wir sie kennen. Er sagt es ja selbst: er „hegt Zärtlichkeit“ gegen diese und jene. Unwahrscheinlich also, dass er die junge Beata oder eine andere seiner mehr oder weniger begabten Schülerinnen jemals mehr als zufällig streifte.

Jean Paul selbst konnte übrigens Klavier spielen. Er lernte es als Kind, hatte in Bayreuth noch ein Klavier und praktizierte oft. Die Besucher fanden diese Improvisationen schauderhaft: So was Heilloses, wo kein Ton zum andern passt, wo auch nicht die mindeste Harmonie war, berichtete die freilich boshafte Henriette von Knebel im Jahre 1818. Seine Frau und seine Tochter bezeichneten dies hingegen – zumindest gegenüber den Fremden – als „himmlische Fantasien“.



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