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26.11.2010, 15:02 Uhr
Peter Czoik
Spektakula

Literaturfest München: Hédi Kaddour und Hans Pleschinski

Wer den Münchner Autor Hans Pleschinski kennt, weiß, dass er ein überaus sensibler Stilist, barocker Lebenskünstler und kenntnisreicher Vermittler der europäischen Kulturgeschichte ist (als Herausgeber hat er sich nicht zuletzt auch einen Namen gemacht). Vorgestern Abend konnte man sich von der eleganten Sprachhaltung und Formkunst Pleschinskis einmal mehr überzeugen: zusammen mit dem tunesischen Schriftsteller Hédi Kaddour las er aus seinem jüngsten Werk Ludwigshöhe (2008), einem Panoramaroman im Stile von Thomas Manns Zauberberg, während Kaddour seinerseits aus seinem epochalen Werk Waltenberg (frz. 2005; dt. 2009) im hell beleuchteten Salon bleu des Institut français vorlas.

Neben der Tatsache, dass Pleschinski und Kaddour jeweils einen Zauberberg-Roman geschrieben haben, verbindet die Autoren die Lust an der Abschweifung und Anekdote sowie der eiserne Wille zum richtigen Wort. Beide beschäftigen sich mit der Sprache des anderen, Kaddour mit dem Deutschen (vgl. seine Lessing-Übersetzungen), Pleschinski mit dem Französischen, indem er Voltaire ins Deutsche überträgt. Und beide greifen auf einen ungeheuren Zitatenschatz westlicher Literatur und Kultur zurück, um gegen die Amnesie, das Vergessen zentraler Bildungskanons anzuschreiben – Pleschinski zitiert gern Horaz, Aristophanes oder Goethe, Kaddour auch ganz allgemein Verhaltensweisen aus dem 18. Jahrhundert.

Den Anfang machte in diesem Sinne der Dichter und Romancier Kaddour, der in Paris und Lyon als Professor für französische Literatur lehrt und für Waltenberg u.a. den Prix Goncourt du premier roman bekommen hat. Kaddours Waltenberg ist ein Spionage-, ein Liebes- und ein historischer Roman. Erzählt wird die Epoche vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Sowjetunion. Im Schweizer Bergdorf Waltenberg ist das frühere Sanatorium und jetzige Luxushotel Waldhaus als Schauplatz des Romans gelegen. Der Ostberliner Holocaust-Überlebende und Meisterspion Michael Lilstein versucht, an einem Dezembernachmittag im Jahr des Ungarnaufstandes 1956 den deutschen Schriftsteller Hans Kappler davon abzubringen, von West- nach Ostdeutschland überzusiedeln, und gleichzeitig einen kommunistischen Franzosen mit brillanter Karriere vor sich für eine Geheimmission als „Maulwurf“ zu gewinnen.

Die Intention für seinen Roman brachte Kaddour auf folgenden Punkt: ihn interessiert der Faust-Mythos und damit die Frage nach der Sünde im 20. Jahrhundert. „Wenn Gott tot ist, wie Nietzsche sagt, wem kann Mephisto dann noch sein Nein entgegenschleudern?“

Von einer anderen Warte aus argumentiert der Roman Hans Pleschinskis. Mit Ludwigshöhe hat er ein Opus vorgelegt, das ein großes, grotesk-melancholisches Bild der Gegenwart entwirft. Am Starnberger See, in der Nähe Schäftlarns befindet sich ein ungarisches Haus, eine alte Villa, das aufgrund eines vertrackten Erbes zum Zielpunkt einer Meute Moribunder wird. Schon der Titel Ludwigshöhe legt beredtes Zeugnis darüber ab, worum es in diesem Roman eigentlich geht: um eine Gruppe Lebensmüder und Selbstmörder, die wie Ludwig II. den Starnberger See aufsuchen, um den Freitod zu wählen; aber auch darum, das Leben in all seinen Facetten zu zelebrieren und wie der Vorgänger Ludwig I. entsprechend zu „(üb)erhöhen“.

Von dieser Spannung zehrt der Roman von der ersten bis zur letzten Seite. Eine Gesundung, wie in Manns Zauberberg, bleibt interessanterweise aus, das Ende mit dem kollektiven Abstieg in den grausigen Keller, der improvisierten Todesstation, in heiterer Schwebe offen.

Unter den potentiellen Todeskandidaten befinden sich laut Beschreibung „eine verzweifelte Verkäuferin, ein Bühnenbildner mit gewissen körperlichen Defiziten, eine ausgebrannte Lehrerin neben einer vereinsamten Schauspielerin, eine medikamentenabhängige Witwe neben der liebeskranken Domina, ein bankrotter Verleger, aber auch eine erst 17jährige syrische Immanitin, die Angst hat, Opfer eines Ehrenmords zu werden.“ Den Beschreibungen des morbiden Wetters und des „wohlstandsverwahrlosten Schönlings“ Tassilo Wang dagegen konnte man während der dreizehnminütigen Lesung Pleschinskis nachhängen:

Pleschinski schreibt fürs Ohr, aber auch für den Leser. Seine Geschichten sind erfunden und real zugleich, das Unglaubliche „geschieht“ einfach, und er setzt seine Figuren ironischen Signalen aus. Kaddour indessen reaktiviert die französische Sprache mittels deutscher Ausdrücke bzw. Anleihen aus der Realität und setzt seine Figuren basierend darauf zusammen. Aus Bruchstücken macht er (anders als Rilke) ein Gefüge. Beiden gemeinsam ist die Kunst, ihre Leser in ein wechselndes Panorama zu entführen, zu „Spionen“ fremder Welten, auch ihrer eigenen, zu machen. An diesem Abend, so hatte es den Eindruck, waren die zuhörenden Zuschauer nicht nur in Pleschinskis und Kaddours Bann, sondern auch ganz von ihren Welten „verzaubert“.

© Tonaufnahmen mit freundlicher Genehmigung der Autoren, des Institut français und der Veranstalter des Literaturfests München


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