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15.07.2021, 14:53 Uhr
Johanna Hadyk
Spektakula

Lesung von Susan Kreller beim White Ravens Festival 2021

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(c) Literaturportal Bayern

Heute endete das 6. White Ravens Festival für internationale Kinder- und Jugendliteratur auf der Münchener Blutenburg. Bereits zur Eröffnung eingeladen waren u.a. die White Ravens-Autorinnen und Autoren Margit Auer, die Erfinderin der „Schule der magischen Tiere“, Tuutikki Tolonen aus Finnland mit den Geschichten von der Monsternanny und Susan Kreller. Johanna Hadyk war am zweiten Tag des Festivals dabei und hat die Lesung von Susan Kreller für uns besucht.

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Nach der coronabedingten Pause nun also endlich wieder Literatur erleben – wenn auch in abgespeckter Variante. Reisen normalerweise 14 Autor*innen aus aller Welt an, ist die Auswahl dieses Jahr auf sieben Gäste aus Europa beschränkt. Selbst da müssen Abstriche gemacht werden: Alex Wheatle, der aus England kommt, kann leider nicht, wie ursprünglich geplant, nach Deutschland reisen; stattdessen finden seine Lesungen online statt.

Zumindest das Wetter spielt am zweiten Tag des Festivals mit – sonnig und warm, was gerade für die Open Air-Lesung von Benjamin Tienti von großem Vorteil ist. Um 9 Uhr soll die Lesung von Susan Kreller aus Elefanten sieht man nicht (2012) beginnen. Der Roman handelt von der Heldin Mascha, die versucht, zwei von ihrem Vater misshandelte Geschwister zu retten. Das Material ist heute also leider genauso aktuell wie vor neun Jahren. Doch die Schulklasse, die an der Lesung teilnehmen soll, taucht nie auf und die Veranstaltung muss ausfallen.

Stattdessen bietet Julia Jerosch, die für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Internationalen Jugendbibliothek zuständig ist, freundlicherweise eine Führung über das Gelände an: durch die aktuellen Ausstellungen (Postkarten von internationalen Illustrator*innen zum Thema Migration sowie Bilder und Texte zu bösen Persönlichkeiten in der internationalen Kinder- und Jugendliteratur), ins Magazin (die Bibliothek beherbergt mehr als 400.000 Bücher in über 250 Sprachen), zum Binette-Schroeder-Kabinett und Michal-Ende-Museum (das demnächst modernisiert werden soll) – und zuletzt in die Kinderbibliothek.

Nach einer kurzen Pause beginnt Tienti um 11 Uhr mit seiner Lesung aus Unterwegs mit Kaninchen (2019) – in dem auch das titelgebende Kaninchen selbst zu Wort kommen darf –, und eine halbe Stunde später geht Krellers zweite Lesung des Tages los, diesmal aus ihrem Jugendroman Elektrische Fische (2019).

Der zweite Anlauf ist deutlich erfolgreicher: Die Klasse sitzt pünktlich im Jella Lepman-Saal auf ihrem Platz, nach einer kurzen Vorstellung des Festivals, der Autorin und des Gebärdendolmetschers Christian Pflugfelders durch Lektorin Ines Galling bekommt Kreller das Wort – und gibt es gleich weiter. Sie will wissen, ob jemand sich vorstellen könne, was es genau mit dem doch ungewöhnlichen Titel ihres Buches auf sich habe. Erst einmal Schweigen, dann folgen einige kreative Vorschläge, doch kommt niemand ganz auf die richtige Antwort: Inspiriert wurde der Titel tatsächlich durch schwach elektrische Fische, die durch ihre Elektrizität in trüben Gewässern miteinander kommunizieren können.

In trübe Gewässer wird auch die Protagonistin des Romans Emma geworfen, wenn sie zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Aoife, ihrem älteren Bruder Dara und ihrer Mutter von Dublin nach Velgow, einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, zieht, zurück in die Heimat ihrer Mutter. Das Buch beginnt direkt in Velgow und zeichnet ein trostloses Bild des von Landflucht betroffenen Dorfes, in dem jüngere und jüngste Geschichte aufeinandertreffen. Neben der Thälmann-Straße (eine Anspielung an die DDR-Vergangenheit Mecklenburg-Vorpommerns) findet sich hier ein Graffito des Worts „Lügenpresse“, auch wenn der Schriftzug bereits verblasst ist. Am Ende des Kapitels beschließt Emma bereits, dass sie so schnell wie möglich wieder nach Dublin zurückkehren möchte.

(c) Susan Kreller/Literaturportal Bayern

Noch schlechter verkraftet aber die achtjährige Aoife die neue Situation: Von den drei Geschwistern spricht sie am wenigsten Deutsch und hat sich am meisten gegen den Umzug gewehrt, und nachdem sie am ersten Schultag von ihrer neuen Klasse gemobbt worden ist, beschließt sie, in Zukunft gar nicht mehr zu sprechen. Trotz der Umstände beginnt Emma, sich mit ihrem Klassenkameraden Levin anzufreunden und im letzten Abschnitt, den die Autorin vorliest, lernt das Publikum dessen Mutter kennen, die Psychosen hat und sich vor Gift und Überwachungskameras außerhalb ihrer Wohnung fürchtet.

Kreller liest mit angenehm ruhiger, aber kräftiger Stimme, und nachdem anfängliche Mikrofonprobleme behoben worden sind, hört man sie auch im ganzen Raum einwandfrei. Auch inhaltlich befasst sich der Roman viel mit Kommunikation: sei es die Mutter, die Aoifes Irisch nicht versteht; Aoife, die beschließt nicht mehr zu sprechen; oder Emma, die sich von Levins Mutter verstanden fühlt, auch wenn Emma sie nicht verstehen kann.

Dazu kommt das Gefühl der Fremdheit: Im Auto ihres deutschen Großvaters ruft Emma ihm zu, dass er sich doch bitte links halten möge, bis ihr einfällt, dass man in Deutschland auf der rechten Seite fährt. Die Mutter der Geschwister gibt ihren Kindern einen Crashkurs im Busfahren: In Deutschland muss man den Bus nicht heranwinken, nicht vorne aussteigen und niemand bedankt sich nach der Fahrt. Diese kulturellen Unterschiede werden im Roman gut eingefangen. Auch die bildhafte Sprache – Emma macht sich Gedanken, wie man ihr „Gesicht mit zu vielen Blicken“ wahrnimmt und kontrastiert die Enge in ihrer Brust mit der Weite der Landschaft – trägt zur melancholischen Stimmung bei. Die Fische im Titel finden sich symbolisch im Text immer wieder, wenn Emma sich aus dem schützenden Wasser gezogen fühlt oder Levins Mutter hinter ihren Aquarien, voll mit Fischen, ihre wahre Familie vermutet.

Nach der Lesung bleibt noch Zeit für Fragen, die, wenn auch ein wenig zögerlich, der Autorin gestellt werden: Wie lange Kreller denn an dem Buch geschrieben habe (eineinhalb Jahre) und warum (sie hat als Studentin ein Jahr in Dublin gelebt und wollte mit dem Buch ihre Dankbarkeit ausdrücken), aber auch wem sie dieses Buch empfehlen würde (allen, die sich fremd fühlen). Nach gut einer Stunde ist die Veranstaltung dann beendet und Kreller steht zum Signieren ihrer Bücher bereit.

Auch wenn der Umfang des diesjährigen White Ravens Festival etwas eingeschränkt war: Susan Kreller präsentierte hier auf ruhige und ansprechende Weise ein sprachgewaltiges Werk, das aus der individuellen Perspektive eines Mädchens große Themen beleuchtet – und die Protagonistin dabei wortwörtlich Grenzen überschreiten lässt.