Start einer neuen Reihe: Über das Werk von Asta Scheib (1)

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© Catharina Hess/dtv Verlag

Die am 27. Juli 1939 in Bergneustadt (Nordrhein-Westfalen) geborene und seit den 1970er-Jahren in München lebende Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin Asta Scheib hat dieses Jahr ihren 80. Geburtstag gefeiert. Mit einer mehrteiligen Blogreihe wollen wir einen Streifzug durch ihr vielfältiges literarisches Werk unternehmen. Dabei werden wir die Autorin auch persönlich zu Wort kommen lassen. Am Anfang steht ein kurzer Gesamtüberblick über ihr Werk. Ein Beitrag von Nastasja S. Dresler.

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Asta Agnes Scheib absolviert zunächst eine Ausbildung als Textilingenieurin. Während dieser Zeit entdeckt sie bereits das Schreiben für sich, dem sie sich nach Heirat und Geburt ihrer Kinder ganz zuwendet. Sie wird als Redakteurin für Zeitschriften wie Brigitte, Freundin, Mädchen und Eltern sowie für die Süddeutsche Zeitung tätig. Die ersten unveröffentlichten literarischen Gehversuche werden zu eigenständigen Werken ausgefeilt: Asta Scheibs künstlerische Ausdruckform wird der Roman – ihr Debüt macht sie 1981 mit Langsame Tage. Zuletzt ist ihr 21. Werk in dieser Gattung, die Luther-Romanbiografie Sturm in den Himmel (2016) erschienen. Wie verbunden sich die Autorin ihrem heutigen Wohnort fühlt, bezeugen nicht zuletzt die ausgedehnten Beschreibungen der Münchner Schauplätze, an denen sich ein Großteil ihrer Narrative zutragen. Die einzelnen Geschichten in Streusand (2011) lesen sich geradezu wie Spaziergänge durch die Stadt – vom Odeonsplatz bis zum Glockenbachviertel. Darüber hinaus veröffentlicht Asta Scheib Gedichte, Essays, Kurzgeschichten in Anthologien und verfasst Drehbücher für den ARD-Krimi Tatort und die ZDF-Serie Forsthaus Falkenau.

Asta Scheib profiliert sich insbesondere durch ihre erfolgreichen Romanbiografien. Hierfür betreibt sie sorgfältige Recherchen in Archiven, um den porträtierten Charakteren gerecht zu werden, begibt sich in regen Austausch mit (Kunst-)Historikern, studiert die Sekundärliteratur und besucht Originalschauplätze, um die Atmosphäre von einst einzufangen. So wendet sie sich auch beim Schreiben ihres Romans Das stille Kind (2011) über einen Jungen mit Asperger-Syndrom an das Heckscher-Klinikum, um sich von Experten über die Krankheit aufklären zu lassen. Eine Vielzahl ihrer Romanbiografien kreist jedoch um historische Frauen. Mit Kinder des Ungehorsams (1985) rückt sie neben Martin Luther Katharina von Bora in den Fokus. Katharina war aus dem Kloster entflohen, bevor sie 1525 den Reformator ehelichte – ein sensationelles Zeugnis weiblicher Befreiung. Es sind Asta Scheibs eigene Erfahrungen im Journalismus, die Benachteiligung von Frauen durch männliche Kollegen, die sie dazu befeuern, ihrem Buch diesen Akzent zu verleihen. Die Autorin bezeichnet das Werk selbst als eine Art „Wutbuch“, in dem sie herausstellen möchte, welche Rolle Katharina von Bora für den Erfolg der Biografie Luthers spielte. Dafür begab sie sich in das Archiv von Wittenberg und förderte allerhand Details über die Reformatorengattin zutage.

Links: Katharina Bora, 1529. Rechts: Lena Christ, Archiv Monacensia

In Eine Zierde in ihrem Hause (1998) schreibt sie wiederum über die Alleinerbin der Bleistiftfabrik Faber-Castell, Ottilie von Faber-Castell, die von ihrem Großvater dazu bestimmt wird, nach seinem Tod die Geschäfte des fränkischen Familienunternehmens fortzuführen. Diese für ihre Zeit ungewöhnliche Aufgabe für eine Frau wahrzunehmen wurde ihr von ihrem gesellschaftlichen Umfeld zunehmend verwehrt. Die Autorin zeichnet nach, wie Ottilie darum ringt, sich nicht auf die Rolle als Mutter festlegen zu lassen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. 2019 wird in der ARD die Verfilmung Ottilie von Faber-Castell – eine mutige Frau ausgestrahlt. Und In den Gärten des Herzens (2002) porträtiert Asta Scheib das Leben der Schriftstellerin Lena Christ. Die in Glonn geborene Bauerstochter gebar in acht Jahren sechs Kinder, verlebte zwei unglückliche Ehen, erkrankte nach der Trennung an Tuberkulose und geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Schlussendlich wurde sie von ihrem Ex-Ehemann in den Suizid getrieben. Mit dem Schreiben trotzte sie bis zuletzt diesem grausamen Leben. Aber auch unbekannte Frauen tragen in Asta Scheibs Büchern dasjenige Schicksal aus, das sie mit einer Vielzahl ihrer Geschlechtsgenossinnen – und Leserinnen – gemein haben. Gesellschaftskritische und emanzipatorische Ansätze sind somit das Bindeglied einer Vielzahl ihrer Werke: Langsame Tage, 1981 als Romanversion publiziert und als Erzählung von Rainer Werner Fassbinder 1974 u.d.T. Angst vor der Angst verfilmt, thematisiert eine unter Depressionen leidende junge Frau. Fassbinder ermutigte Scheib, den Stoff noch weiter auszuarbeiten: „Er war der Erste, der mir gesagt hat, du kannst was“, sagt sie.

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Ganz anders die Herangehensweise in Der Austernmann (2004): Jochen Osthaus ist Veterinärprofessor an der Universität München, Vater zweier Kinder, verheiratet – und muss sprachlos zusehen, wie sich die Vergangenheit wiederholt:

Jochen Osthaus wurde zweimal in seinem Leben verlassen. Heute war das zweite Mal. Wieder stand er vor offenen Schranktüren und sah leere Schubladen. Auf einer Kleiderstange bewegte sich lautlos ein Bügel. Die Wirtschafterin lehnte im Türrahmen des Schlafzimmers. [...] Jochen wusste, er müsste jetzt etwas sagen. Alle Gerüchte waren tausendfache Wahrheit geworden. Doch er sagte nichts. Schon immer war er schweigsam gewesen. Hatte bereits als Kind unsichtbare Hände gefühlt, die seinen Mund verschlossen. Dahinter sich alles zurechtgelegt, Worte auswendig, ihrem Klang in seinen Ohren gelauscht, in seiner Kehle.

(Asta Scheib: Der Austernmann oder Die Sprache des Schweigens. dtv, München 2006, S. 5.)

Aus der Perspektive der männlichen Hauptfigur erzählt die Geschichte von einem Mann, der von seiner Frau verlassen wird, da dieser nicht in der Lage ist, sich mitzuteilen. Er verschließt seine Gedanken und Gefühle wie eine Auster in seinem Inneren. Männer wie Frauen geraten durch ihre Andersartigkeit ins gesellschaftliche Abseits. In ähnlicher Weise steht die Münchner Jüdin Therese Rheinfelder im Mittelpunkt von Beschütz mein Herz vor Liebe (1992). Therese Rheinfelder geb. Suttner wächst in München als Tochter eines angesehenen Textilwarenhändlers auf. Im Haus der Familie im Herzogpark weilen Gäste wie Thomas Mann und Ferdinand Sauerbruch. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ändert sich das Leben der Familie Suttner schlagartig.

In der Nacht läutete es. Therese wurde wach und wußte sofort, daß die Klingel anders ging als sonst. Greller, fordernder. Das sind sie, sagte Therese, und da schrillte es ein zweites Mal.

(Asta Scheib: Beschütz mein Herz vor Liebe. Die Geschichte der Therese Rheinfelder. dtv, München 2005, S. 7.)

© Hoffmann und Campe

Die Mutter nimmt sich das Leben und Thereses junge Ehe geht in die Brüche. Ihr Überleben verdankt sie ihrem ehemaligen Kindermädchen und ihrem Bruder, die sie im Münchner Umland vor dem Regime verbergen. Das zweite Land (1994) erzählt wiederum von einem 15-jährigen kurdischen Flüchtlingsmädchen im Münchner Westend, das wie ihre deutschen Mitschülerinnen die Träume und Sehnsüchte eines jungen Mädchens hat und in die Zukunft aufbrechen will.

Sie sehen es mir an, dass ich eine Fremde bin. Ich sehe es an ihren Blicken, dass sie mich aussondern wie Abfall. In Diyarbakir war ich Leyla Aydin, die Tochter des Lehrers, die Enkelin des Bürgermeisters von Gozel. Bei den Großeltern auf dem Land trug ich meine weiten Hosen, die leichte Bluse über dem Hemd, und in Diyarbakir die Sachen, die meine Mutter für mich genäht oder gehäkelt hatte. Niemand hat das sonderlich interessiert. Ich war Leyla Aydin. Hier ist das nicht so. Als ich in den ersten Tagen und Wochen durch die Straßen ging, war ich nicht Leyla. Ich war nichts als ein verfärbter Häkelrock, den ich mir in der Wäsche ruiniert hatte, nichts als missfarbene Strumpfhosen und ausgetretene Schuhe. Manche Frauen zogen sogar ihren Hund weg, wenn ich ihn streicheln wollte.

(Asta Scheib: Das zweite Land. dtv, 2. Aufl. München 2006, S. 7f.)

Ausgrenzung erfährt auch der homosexuelle Adelssproß Felix Jussupow in Frost und Sonne (2007). In diesem Sittengemälde der Romanow-Dynastie zeichnet die Autorin ein glanzvolles Bild von der höfischen Pracht und all ihren Intrigen. Nach der Vermählung von Felix mit der Zarennichte Irina wird er von Nikolaus II. gezwungen, sich ob seiner sexuellen Vorliebe dem Wunderheiler Rasputin zu unterziehen.

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Asta Scheib interessiert das Exotische, Besondere, ungewöhnliche Liebesgeschichten mit ihren allzugewöhnlichen Irrungen und Wirrungen, Höhenflügen und Abgründen der Liebe. Die Autorin selbst hat zwei Söhne und lebt mit ihrem zweiten Mann in einer Patchwork-Familie. In ihrer literarischen Künstlerbiografie Das Schönste, was ich sah (2009) vertieft sie die große Liebe des Malers Giovanni Segantini. Eine weitere Künstlerbiografie, die um den Maler Carl Spitzweg kreist, ist Sonntag in meinem Herzen (2013).

Die Vorliebe für Figuren und Konstellationen abseits der üblichen Normen ergeben sich nicht zuletzt aus der eigenen Vita der Autorin. Andersheit und Einsamkeit prägen ihre literarische Entwicklung: Asta Scheib beginnt mit elf Jahren „alles aufzuschreiben, was ich mit Worten ausdrücken konnte“. Anfang der 1950er-Jahre verbringt sie einen längeren Klinikaufenthalt. Man bringt ihr zum Malen Stifte und Papier ans Bett, aber das Mädchen schreibt lieber – es ist ihre „Flucht aus der Einsamkeit“. Die Einsamkeit zieht sich auch durch ihr literarisches Werk, ganz deutlich tritt sie in den erfolgreichen Romanbiografien zutage. Ob besagte Lena Christ, Katharina von Bora, Therese Rheinfelder oder auch Giovanni Segantini – Kindheit und Jugend dieser Personen prägen emotionale Entbehrung und Erfahrung der Vereinzelung.

© dtv

In ihrem autobiografischen Roman Sei froh, dass du lebst (2001) dokumentiert Asta Scheib die Lebenswelt im Nachkriegsdeutschland. Sie erinnert sich daran, wie sie als Siebenjährige in einer eigentümlichen Atmosphäre zwischen Aufbruch und Verdrängung heranwuchs. In dem kleinen Dörfchen Attenberg lässt sich dies wie unter einem Brennglas beobachten. Den Namen Agnes, Asta Scheibs zweiten Vornamen, tragen auch andere Hauptfiguren ihrer Bücher, was Spekulationen über deren autobiografische Züge zulässt. Neben den thematischen Leitmotiven, die vor allem autobiografisch inspiriert sind, entscheiden oft Zufallsbegegnungen, wie es zu den konkreten Werken kommt. So regt eine Interviewpartnerin Asta Scheib zu der jungen Israelin Sharon in dem Roman Diesseits des Mondes an (1988); Therese Reihenfelder, deren Namen die Autorin in ihrem Roman ändert, erzählt Asta Scheib von ihrem Leben in der Zeit des Nationalsozialismus, über das sie jahrzehntelang geschwiegen hatte; bei einem Malkurs mit ihrer Enkelin in der Schweiz entzündet sich Asta Scheibs Begeisterung für den Maler Segantini – dessen flimmernder, impressionistischer Stil nicht weit entfernt ist von ihrem Lieblingsautor Theodor Fontane. Und das Porträt der Fürstin Jussupow in der Hypo-Kunsthalle bringt Asta Scheib dazu, sich mit dem Russland der Zarenzeit zu beschäftigen – das Ergebnis ist Frost und Sonne (2007).

Diese Impulse fügen sich schließlich in die Koordinaten von Einsamkeit und Fremdheit. „Was bin ich?“, fragt sich Katharina von Bora: „Eine entlaufene Nonne (was für viele Leute gleichbedeutend ist mit Hure), eine Adelige ohne Besitz, dazu schon vierundzwanzig Jahre alt. Das hat doch der Teufel gesehen!“ Und Martin Luther bekommt als Kind zu hören: „Der Teufel soll dich holen“ – die eigene Mutter meint, dass er des Bösen ist. Der junge Carl Spitzweg wiederum fühlt sich nach dem Verlust der Mutter „wie der einsamste Mensch der Welt“. So schickt die Autorin alle ihre historischen und fiktiven Figuren auf die Reise, ihren Platz im Leben zu finden.

Sekundärliteratur:

Spietschka, Rita (1990): Scheib, Asta Agnes. In: Handbuch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. Nymphenburger, München.

Externe Links:

Literatur von Asta Scheib im BVB

Literatur über Asta Scheib im BVB

Asta Scheib bei dtv