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14.12.2018, 13:36 Uhr
Heinz Helle
Gespräche
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Heinz Helle (2014)

Weihnachtsbuchtipp (1): Der neue Roman von Heinz Helle

Heinz Helle, Jahrgang 1978, hat Philosophie studiert und ist Absolvent des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel. Der gebürtige Münchner lebt heute mit seiner Frau, der Schweizer Schriftstellerin Julia Weber, und einem gemeinsamen Kind in Zürich. Für seine ersten beiden Romane Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin und Eigentlich müssten wir tanzen erhielt er u.a. den Ernst-Willner-Preis in Klagenfurt. Zudem war er für den Deutschen Buchpreis nominiert. Mit seinem Dritten Roman Die Überwindung der Schwerkraft (Suhrkamp Verlag) stand er unlängst auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2018 und gewann den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis.

Der Roman erzählt von einem ungleichen Brüderpaar – vor allem davon, wie das Leben des Älteren langsam entgleitet; er trinkt, verzweifelt an seiner Dissertation und findet nicht hinein in die Welt. Mit Anfang 40 stirbt er an Krebs. Beginnend mit der Erinnerung an eine gemeinsame Zechtour durch das winterliche München, kreist der Text um das Denken, Hadern und Zetern dieses Mannes und darum, was das alles für den Zurückgebliebenen bedeuten mag, der nun so alt ist wie der Bruder, als er starb.

Anlässlich einer Lesung in der Buchhandlung Lehmkuhl sprach Julian Miksch mit dem Autor.

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LITERATURPORTAL BAYERN: Wenn man einen Text über einen scheiternden, sterbenden Bruder schreibt, dann steht die Frage nach dem Authentischen fast automatisch im Raum. Man meint, es müsse doch irgendwie verbürgt sein im Leben, all sein Unglück.

HEINZ HELLE: Natürlich gibt es einen biographischen Hintergrund. Ich habe einen älteren Bruder gehabt, der schwerer Alkoholiker war und gestorben ist. Ich habe mit dem aber nie solche Gespräche geführt; die Bruderfigur und das, was sie sagt, ist komplett fiktiv. Gleichzeitig ist da aber dieses Verhältnis zwischen den beiden und dieses Setting der eine redet, der andere hört zu – das habe ich selber oft so erlebt. Und das musste ich bearbeiten, denn es hat mich beschäftigt und nicht losgelassen. Spätestens als ich Vater wurde, was ziemlich genau ein Jahr nach dem Tod meines Bruders passierte. Da begann die Auseinandersetzung mit meinem Bruder, und weil ich dort, im Realen, keine Gründe finden konnte und kein Verständnis für die Entwicklung, die er genommen hat, habe ich diesen anderen Bruder erfunden, dessen Weg aus meiner Sicht nachvollziehbar ist.

 

Neben der Suchbewegung ist die familiäre Verbindung ein wichtiges Thema. Man hat ja auch immer viel mit dem eigenen Bruder gemeinsam – und vielleicht, bei einem so tragischen Schicksal, Angst davor. Wie sehr ist das Buch also auch eine Dämonenaustreibung, der Versuch, etwas zu bannen?

Ich finde das eigentlich einen guten Gedanken. Ich bin nur nicht drauf gekommen. Für mich war es eher eine Meditation. Aber das Austreiben von Dämonen, das trifft es eigentlich auch, wenn man jetzt ehrlicherweise betrachtet, dass viele der Fragen und der Zweifel, die diese Bruderfigur hat, eigentlich meine sind und dass ich sie in Ermangelung realer Gründe, die mir nachvollziehbar wären, der Figur gewissermaßen unterschiebe. Und dann sind sie weg.

 

Heinz Helle liest in München aus seinem Roman (c) Julian Miksch

Passenderweise scheint der Erzähler oft wegzuschieben, was er da hört. Die Erzählungen eines Betrunkenen ergeben ja auch nicht immer den größten Sinn. Aber wenn er sie doch einmal an sich heranlässt, wird deutlich, dass sie eben auch nicht völlig aus der Luft gegriffen sind und man die Welt schon auch als gefährlichen Ort empfinden kann.

Ja, vielleicht sind die Brüder dann auch so etwas wie eine Person und die beiden Seiten die eines Konfliktes, den sie jeden Tag in sich hat. Der Versuch, da eine klare Grenze zu ziehen, gelingt natürlich auch nicht. Gegen Ende verschwimmen die beiden fast. Das ist schon so gewollt. Aber wie Sie sagten: Über ein Familienmitglied, das abstürzt oder schlimme Dinge erlebt oder tut, entdeckt man Seiten an sich, die einen erschrecken können. Das Schreiben darüber war da vielleicht auch der Versuch, eine trennende Ordnung herzustellen zwischen den Gedanken und Ängsten, die eher einem betrunkenen Ich zuzuordnen sind, und den anderen, die man als vernünftiger Mensch mal haben kann. Aber das ist natürlich auch illusorisch, das wird sich immer gegenseitig beeinflussen und überschneiden. So kam es zu dieser formalen Entscheidung, dass der Text ein Block ist ohne hierarchisierende Absätze oder Kapitel. Es soll alles nebeneinander sein dürfen und trotzdem eine Form bekommen, die Sinn ergibt.

 

Wichtig ist am Ende, dass der Erzähler Vater wird. Als solcher ist man fast gezwungen, mit der Welt in Kontakt zu treten. Man trifft andere Eltern, ist stärker ein Mitglied der Gesellschaft. Liegt darin Hoffnung auf einen Ausweg, auf eine Art Mittwelweg zwischen den beiden Seiten?

Für mich ist das ein sehr hoffnungsvolles Ende. Der Gang mit dem Kind über den Zebrastreifen. Das Halten, das Altglas wird korrekt entsorgt. Das klingt jetzt erstmal nicht heroisch oder nach besonderer Ästhetik, aber das ist Zivilisation.

 

Darin können Schönheit und Ruhe liegen.

Ja. Und ich finde das wichtig, darin danach zu suchen. Es mag nicht jeder die gleichen Dinge schön finden, das ist klar, aber ich glaube, es gibt viel mehr Schönheit auch in den banalsten Dingen um uns herum. Das zu sehen, ist mir selbst ein großes Anliegen. Und wenn jemand bei der Lektüre dieses Buches etwas Ähnliches empfindet, dann bin ich dankbar.

 

Ich hatte noch gedacht, dass ich es vielleicht zu positiv gelesen habe.

Nein, das ist genauso gemeint. Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich glaube, man kann das gar nicht positiv genug so lesen.

 

Eine Problematik ist vorher jedoch der übergroße Respekt gegenüber dem älteren Bruder. Der Erzähler könnte ja auch sagen, er will jetzt nicht trinken, sondern seine Arbeit zu Ende schreiben, aber er schafft es nicht. Fast wie eine Co–Abhängigkeit.

Um eine Klammer herzustellen zu dem, was wir eben hatten: Vielleicht würde der aufrichtige Versuch, das Schöne auch im Kleinen zu sehen, zu mehr Wahrhaftigkeit führen im Dialog mit der angeblichen Respektsperson. Jemand, der weniger irgendwelchen gesellschaftlich anerkannten Idealen von Schönheit gerecht werden will, sondern selber nach dem sucht, was er möchte, würde es vielleicht auch schaffen, zu sagen: Ich habe jetzt keine Zeit. Am Ende geht es um Wahrheit auch in der Beziehung zwischen den Brüdern.

 

Und um die Frage nach Unbedingtheit. Da empfindet der Jüngere fast Neid gegenüber dem Bruder, der sich zwar dem Leben verweigert hat, aber darin eben absolut konsequent war. Was fasziniert Sie daran?

Das ist natürlich die Sehnsucht danach, keine Kompromisse machen zu müssen. Aber das führt leider genau zu dem Schicksal des älteren Bruders. Entweder für das Individuum oder für die Gesellschaft.