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05.09.2018, 12:33 Uhr
Stefanie Geiger
Text & Debatte
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© Wolfgang Maria Weber

Zum Abschluss unserer Schullesereihe: eine Erzählung von Stefanie Geiger

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Die Reihe So fremd wie wir Menschen setzt beim Thema Flüchtlinge auf Lesungen und Diskussionen nicht nur mit Erwachsenen und Tonangebern, die ihre festen Meinungen oft schon haben, sondern mit Heranwachsenden, mit Schülerinnen und Schülern, die davon mindestens ebenso betroffen sind und ganz eigene Erfahrungen und Blickwinkel darauf haben. Unterstützt vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst möchte die Schullesereihe mit Jugendlichen aus allen Schultypen Texte lesen, die aktuelle Situation diskutieren, über Hoffnungen und Ängste sprechen – und Anregungen zum eigenen kreativen Umgang damit bieten. Seit Juli 2016 fanden an Schulen in ganz Bayern 19 Veranstaltungen mit 19 Schriftstellerinnen und Schriftstellern statt. Das Finale gestaltete nun zwei Jahre später Stefanie Geiger am Holbein-Gymnasium in Augsburg. Ihre Erzählung, die sie dort las, wird hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Biegsam

Als Olga mir schrieb und ein Treffen vorschlug, hatte ich für einen Augenblick das Gefühl, es könnte genau das gewesen sein, worauf ich all die Jahre gewartet hatte. Sie nannte einen Ort und eine Uhrzeit, als wäre es wirklich so einfach. Ich las ihren Brief in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause, vor dem Einschlafen. Ich versuchte, zwischen den Zeilen zu lesen, aber auch dort stand nichts anderes, als dass Olga ohne jeden Zweifel an mein Kommen glaubte. Ich hatte lange nicht mehr an Olga gedacht.

Man muss sich etwas wirklich Kleines vorstellen, Fedriges, irgendein winziges Tier, um eine Vorstellung von Olga zu bekommen. Keines von den niedlichen, die einem mit rosafarbener Zunge über die Finger lecken.

Sie hatte auch so eine Art uns anzustarren. Die dünnen hellblonden Haare standen ihr in Büscheln vom Kopf ab. In dem dreiviertel Jahr, in dem Olga das St. Ursula Mädchengymnasium besuchte, trug sie Tag für Tag dieselben ausgetretenen Turnschuhe, schleppte sich mit ihnen über den PVC-Boden des Korridors und sammelte Elektrizität in sich an. Wenn ich an Olga denke, habe ich sofort das Quietschen ihrer Gummisohlen im Ohr. Ihre dünnen Arme schlackerten und schlugen gegen ihre Oberschenkel, gegen Mauervorsprünge und Glastüren. Sie bekam es nie richtig in den Griff. Wir waren fasziniert. Wenn man sich Olga in den Weg stellte, wich sie nicht aus. Sie blieb stehen und wartete. Wir haben es ausprobiert, die ganze große Pause hindurch, bis einige von uns auf die Toilette mussten. Jessica sagte, das gibt es doch gar nicht, die spinnt.

Das Seltsamste war, dass Olga nicht unglücklich aussah, wenn wir uns über sie lustig machten. Eher so, als würde sie sich einen interessanten Film ansehen oder als wäre sie gerade durch irgendeine Tür nach draußen gegangen. Es schien ihr überhaupt nichts auszumachen.

Eigentlich habe ich nicht damit gerechnet, Olga noch einmal zu begegnen. Sie war damals nach Anbruch des Schuljahres in die Klasse gekommen und hatte neben Frau Öttinger vor dem Lehrerpult gestanden, ihre Augenlider halb geschlossen. Zwei- oder dreimal aber riss sie die Augen auf, als hätte man ihr einen Stromschlag verpasst, und starrte über unsere Köpfe hinweg.

Frau Öttinger war einer jener Menschen, die unter ihrer Größe zu leiden hatten und sich über dieses Leiden bereitwillig ausbreiteten. Es war nicht gerade so, dass sie sich bücken musste, um einen Raum zu betreten. Aber wir wussten aus langen Schulstunden, wie schwierig es für einen Menschen wie Frau Öttinger war, auch nur passende Schuhe zu finden. Frau Öttinger legte ihre Hand auf Olgas dunkelblaues T-Shirt. Ich musste sofort an eine Photographie aus dem Guinness-Buch der Rekorde denken: Hier sehen sie den größten Menschen der Welt, neben dem kleinsten Menschen der Welt. Aus irgendwelchen pädagogischen Gründen bat uns Frau Öttinger, besonders nett zu Olga zu sein, und nickte Olga ermunternd zu, die weiterhin tat, als würde sie sich weder mit Frau Öttinger noch mit uns im selben Raum befinden. Es war schwer, Frau Öttinger zu enttäuschen. Ich glaube, sie rechnete nicht damit, dass wir überhaupt auf irgendeine Art nett zu jemandem sein könnten.

Wir waren 13 Jahre alt, mehr oder weniger. Über die Sommerferien waren uns unsere Körper etwas über den Kopf gewachsen, aber wir taten, als wären wir schon immer so gewesen. Olga war fast vierzehn, die Älteste in der Klasse. Sie hatte ein Jahr wiederholen müssen. Trotzdem waren auf ihrer Jeans in Höhe der Knie kleine rote Stoffherzen aufgebügelt. Ihr T-Shirt hing locker von ihren schmalen Schultern herab und ihre Haut war glatt wie die eines Kindes, aber damit wollten wir nichts mehr zu tun haben. Luisa sagte nach der Stunde, ihre Mutter schicke die aufgetragene Kinderkleidung jedes Jahr nach Russland, die Menschen dort seien so arm, dass sie sich über alles freuen würden. Natürlich sagte sie es so, dass Olga es hören konnte. Olga saß mit dem Rücken zu uns und bewegte sich nicht. Wir konnten ihr Gesicht nicht sehen, aber eine Fliege setzte sich auf Olgas Hand und als sie sie vom Tisch zurückzog, blieb ein feuchter Schweißabdruck auf dem Lack zurück.

Meine Eltern trennten sich, als ich gerade mein Abitur gemacht hatte. Sie sagten, sie hätten sich schon früher getrennt, wollten mir das aber nicht antun. Scheidungskinder hätten schlechtere Notendurchschnitte. Sie sprachen über Organisatorisches, während ich aus dem Fenster sah und zum ersten Mal seit langer Zeit wieder an Olga dachte. Olgas Fähigkeit, die Welt um sich herum auszublenden.

Ihr Vater arbeitete bei der Bahn, ich weiß nicht, was genau er dort getan hat. Ich stellte mir damals vor, dass er nachts in einem orangefarbenen Overall über die Gleise schlurfte, auf dieselbe unkoordinierte Weise wie Olga sich fortbewegte. Ein dicker kleiner Mann, der seinen Speichel in regelmäßigen Abständen geräuschvoll über die Böschung spuckte.

Ich erinnere mich, dass ich ziemlich enttäuscht war, als ich Olga besuchte. Ihre Eltern wohnten in einer Doppelhaushälfte am Stadtrand inmitten von Möbeln, die wahrscheinlich erst am Vortag geliefert worden waren. Alles passte zusammen, nur Olga wirkte, wie immer, als hätte sie sich verlaufen. Ihr Vater kam gerade von der Arbeit. Er war erstaunlich groß. Wie konnte jemand, der so groß war, ein derart winziges Kind zeugen? Seine Haare waren nicht blond und sie lagen dicht am Kopf an. Vielleicht war er gar nicht Olgas richtiger Vater. Der Mann trug einen Anzug und an der Haustüre zog er die Schuhe aus, um den Boden nicht schmutzig zu machen. Dann kniff er Olga in die Backe und schüttelte mir die Hand. Olgas Mutter stand in der Küche und glasierte einen Zitronenkuchen.

Es war Olgas 14. Geburtstag. Sie hatte mich in der Schule gefragt, ob ich am Nachmittag vorbeikommen wollte. Um genau zu sein: Sie hatte mich auf der Schultoilette abgepasst, lehnte am Waschbecken und wusch sich die Hände, ich weiß nicht wie lange schon. Ich ging nicht auf die Toilette, obwohl ich musste, sondern fing auch an, mir die Hände zu waschen, und Olga fragte – aber es klang wegen ihres Akzents eher wie ein Befehl – und ich antwortete, warum nicht. Niemand sonst war an diesem Nachmittag da, und ich glaube nicht, dass sie außer mir überhaupt noch jemanden eingeladen hatte. Erstaunlicherweise war ich gekommen und hatte sogar ein Geschenk. Ein Buch, dass ich aus dem Bücherregal meiner Eltern hatte mitgehen lassen. Sie würden es nicht merken. Meine Eltern kauften Bücher nicht, um sie zu lesen. Es war mir dann peinlich, dass Olga tat, als wäre es das erste Geschenk ihres Lebens oder das beste. Beinahe zehn Minuten lang riss sie immer wieder staunend ihre winzigen Augen auf und hörte nicht auf, mit den Händen über den Einband zu streichen. Sie fragte mich, ob ich das Buch gelesen hätte. Ich sagte nein. Sie sagte, dass sie es auf jeden Fall lesen würde und dass sie es mir leihen könne, wenn sie damit fertig sei. Ich hatte keine Lust, mit Olga Pläne für die Zukunft zu machen. Ich wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen. Die ganze Zeit wartete ich darauf, dass Olgas Mutter und der Mann beginnen würden, sich irgendwie seltsam zu verhalten. Olgas Mutter stellte den Kuchen auf den Tisch und zwinkerte mir zu, als wüssten wir beide über irgendetwas Bescheid. Dabei wusste ich wirklich gar nichts.

Jeder Mensch hat seine Träume. Olgas Vater hatte vielleicht von einem Häuschen im Grünen geträumt. Ihre Mutter träumte von der Biegsamkeit des menschlichen Körpers. Überall im Haus hingen Schwarz-weiß-Photographien, die sie bei irgendwelchen Turn-Wettkämpfen geschossen hatte. Olga sagte stolz, dass ich sie mir ansehen dürfe. Man sah gestreckte Arme, gegrätschte Beine und durchgebogene Rücken. Olgas Mutter war früher selbst einmal Turnerin gewesen. Und Olga? Wenn ich an sie denke, höre ich das dumpfe Geräusch, das ihr winziger Körper verursachte, wenn er auf dem Holz des Sprungkastens aufschlug. Es war nicht Olgas Schuld. Sie versuchte es immer wieder. Sie versuchte es noch, wenn wir bereits wieder im Umkleideraum saßen und herumtrödelten. Wir hatten es nicht besonders eilig, in die nächste Stunde zu kommen. Niemand sagte ein Wort über Olga, aber wir warteten alle, bis wir das Quietschen ihrer Schuhe hörten und sie aus der Halle schlurfte, atemlos, mit roten Backen und knisternden Haaren. Dann sahen wir zu, wie Olga sehr langsam ihre Sachen zurechtlegte und sich schließlich mit dem Oberkörper in eine der Ecken drückte, um mit eng angewinkelten Ellbogen hastig ihr T-Shirt zu wechseln. Immer blieb sie irgendwo hängen und verhedderte sich und wir starrten auf ihren schmalen, knochigen, sehr weißen Rücken, bis er endlich wieder in einem ihrer weiten, schlabberigen T-Shirts verschwand.

Einmal hatte ich sogar mit dem Gedanken gespielt, Olgas Adresse ausfindig zu machen und ihr zu schreiben. Das war an meinem 22. Geburtstag vor sechs Jahren. Geburtstage haben immer eine seltsame Wirkung auf mich, aber dieses Mal war es besonders schlimm. Ich war wegen eines Praktikums für ein halbes Jahr nach London gezogen und fühlte mich dort in den ersten Wochen sehr unwohl. Die Stadt war genauso, wie ich sie mir vorgestellt hatte, trotzdem blieb ich nur ein Fremdkörper in ihr. Zuhause hatte ich eine Photographie der Tower-Bridge an die Wand geheftet. Anfangs war ich fast jeden zweiten Tag dort. Ich aß fish and chips auf dem Nachhauseweg und dachte Sätze aus meinem Englisch-Lehrbuch. Später lernte ich einige Leute kennen, ein paar Deutsche, einen Kanadier und einen Belgier, und wir waren viel unterwegs, betranken uns und sprachen darüber, wie großartig London sei. Einmal die Woche skypte ich mit meiner Mutter, um ihr zu sagen, dass es mir gut ginge. Ab und zu rief mein Vater an, um mir Ratschläge zu geben. Er freue sich so für mich, London sei eine wirklich großartige Erfahrung. Ich sagte, yes, it is.

An jenem Abend aber, an meinem Geburtstag, saß ich allein in meinem Zimmer mit einer teuren Flasche Wein und dachte über Dinge nach, die ich getan hatte und nicht getan hatte. Ich dachte an Olga. Vielleicht stimmt es sogar, ich dachte vor allem immer dann an Olga, wenn es mir schlecht ging. Sie war so rührend gewesen, und möglicherweise hatte ich ihr Leben zerstört. Ich meine, Olga war dazu bestimmt gewesen, sie war das geborene Opfer. Ich verstand nur nicht, warum sie gerade mich da mit reinziehen musste. Früher war ich immer die gewesen, die dazugehörte. Aber seit ein paar Jahren hatte ich das Gefühl, zu überhaupt niemandem mehr zu gehören.

Ich holte Papier und Stift und legte mich längs auf den grauen, klebrigen Teppichboden. Ich trank Wein und schrieb WARUM auf das Blatt, ich schrieb WARUM und WARUM, immer wieder, bis das Blatt voll und die Flasche leer war. Ich habe den Zettel aufgehoben, auch das Bild der Tower-Bridge und ein paar unbenutzte Servietten aus dem Fish-and-Chips-Laden. Sie liegen in einem Schuhkarton mit der Aufschrift LONDON und sie riechen sogar ein wenig danach.

Eins musste man Olga lassen: Sie ließ sich nicht so leicht unterkriegen. Vermutlich hatte sich ihre Mutter schon längst damit abgefunden, dass aus Olga keines der geschmeidigen, gelenkigen Turnelfchen werden würde, aber Olga dachte nicht daran aufzugeben. Sie dehnte ihre Sehnen und Bänder, im Turnunterricht, in den Pausen, bei jeder Gelegenheit, es wurde zu einem regelrechten Tick. Dabei knackten ihre Gelenke, bis eine von uns schrie, sie solle endlich damit aufhören, und Olga sah uns an mit ihren nackten Augen, man war nie sicher, woran sie gerade dachte. Fünf oder zehn Minuten lang saß sie völlig regungslos da, dann fing sie von Neuem an.

Meine Schulnoten waren in diesem Jahr nicht besonders gut. Die Lehrer beklagten sich bei meinen Eltern, ich sei unkonzentriert. Das ist nicht ungewöhnlich in diesem Alter. Olga hatte mit dem Lernstoff keine Schwierigkeiten. Die Lehrer liebten sie. Die meisten hätten ihr gern übers Haar gestreichelt, wenn sie etwas Richtiges sagte. Was mit Olga nicht stimmte, habe ich bis heute nicht herausgefunden. Es klebte an ihr, wie sehr starkes Parfum. Manche Erwachsenen wurden ganz sanft davon, aber uns machte es wahnsinnig.

Wir waren keine Wölfe. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals etwas wirklich Schlimmes vorgefallen wäre. Olga hatte einen anderen Geruch als wir, alles an ihr war anders. Sie hatte winzige, helle Zähne, die sehr weit auseinander standen. Alles an ihr war hell und farblos, sogar ihre Stimme. Olga saß in der ersten Reihe, stur, steif und bewegungslos. Niemals sah sie sich nach uns um. Oft verhedderten sich ihre Beine ineinander, wenn sie aufstand. Wir lachten darüber und irgendwann gehörte es zum Schulalltag, so wie Kreidestaub, Elternbriefe und das Surren des Tageslichtprojektors.

Seit ich Olgas Nachricht erhalten hatte, dachte ich darüber nach, wie es sein würde, Olga wiederzusehen. Ich hatte ganze zwei Wochen, um darüber nachzudenken. Immer wieder öffnete sich in meiner Vorstellung die Tür, Olga kam herein, schlurfend und schmächtig, mit gealtertem Gesicht und aufgenähten Stoffherzen. Wir standen uns gegenüber, und dann öffnete Olga den Mund und ich konnte nicht hören, was sie sagte.

Am Tag vor dem Treffen kam ich kaum mehr aus dem Bett. Olga reiste aus einer anderen Stadt an, in der sie seit einigen Jahren lebte, aber was sie dort tat, wusste ich nicht. Im Netz konnte ich sie nicht finden. Sicher war sie jetzt schon wach. Ich stand auf und machte Kaffee. Sicher würde sie mir Vorwürfe machen, dachte ich. Vielleicht wollte sie sich sogar an mir rächen. In dem Dorf, in dem sie geboren wurde, machte man das vielleicht so. Dabei hatte ich ihr im Grunde nichts getan. Doch leider ging es genau darum: dass ich nichts getan hatte.

Eines Tages, nachdem Olga uns monatelang mit ihren Dehnübungen auf die Nerven gegangen war, waren ihre Bänder elastisch genug geworden, um sitzend das rechte Bein hinter den Kopf legen zu können. Es gelang ihr ausgerechnet, während ich neben ihr kniete, um meine Schnürsenkel neu zu verknoten. Ein sonniger Frühlingstag, drei Tage vor Beginn der Osterferien. Die Turnstunde war fast zu Ende und die anderen waren damit beschäftigt, Turnmatten aufzuräumen, oder standen herum und unterhielten sich. Olga bat mich, ihr beim Aufstehen zu helfen. Erst habe ich getan, als hörte ich sie nicht. Aber das war lächerlich, sie saß direkt neben mir. Ihre helle Stimme klang gequetscht, ihr Gesicht war rot angelaufen. Warum sie gerade mich ausgesucht hatte, weiß ich nicht. Vielleicht war an jenem Nachmittag, an Olgas Geburtstag, etwas vorgefallen, dass sie glauben ließ, sie könnte mir vertrauen. Wir hatten bei ihr zu Hause auf dem Sofa gesessen und den Zitronenkuchen gegessen. Olga wandte mir ihr Gesicht zu und lächelte. Ich hatte sie noch nie lächeln sehen. Ich hatte noch nie gesehen, dass sich ein Gesicht durch ein Lächeln derart verändern konnte. Olga erzählte mir von ihren Großeltern und dem Ort, aus dem sie stammte, und dass sie oft Heimweh hätte, aber froh sei, jetzt eine Freundin wie mich gefunden zu haben. Ich hörte ihr zu und als es Zeit war, ging ich nach Hause.

Ich war wirklich kein Wolf. Ich griff nach Olgas dünnem Arm und half ihr hoch. Mir ist nicht bekannt, dass das mit dem Bein hinterm Kopf zum Programm von Bodenturnerinnen gehört. Aber mir war klar, dass Olga sich in diesem Moment sehr gut fühlte. Wir standen da, Arm in Arm, als hätten wir gerade gemeinsam eine Kür beendet, als wären wir ein einziges biegsames, geschmeidiges Wesen. Ich hatte Olgas Schnaufen im Ohr und sah in die Gesichter der anderen. Olga und ich, Harold und Maude, Stan Laurel und Oliver Hardy. Ich sah, dass wirklich alle Gesichter auf uns gerichtet waren, leer und ausdruckslos. Doch ich ahnte auch das Zucken um ihre Mundwinkel und wusste, dass sie im nächsten Augenblick in brüllendes Gelächter ausbrechen würden. Olga war das gewohnt, aber ich würde damit nicht klarkommen. Auf Olgas Seite zu stehen, katapultierte mich schlagartig aus der Gruppe der anderen heraus. Ich spürte, wie das Bein, auf dem Olga stand, zu zittern anfing, ich spürte, dass etwas in meinem Magen zitterte, und dann ließ ich Olga einfach los.

Über das Treffen mit Olga gibt es nicht viel zu sagen. Olga war bereits da, als ich in das Café kam. Nicht nur Olga, auch ihre zwei Kinder, ohne die sie sich ein Leben gar nicht mehr vorstellen wollte. Die Kinder hatten nicht besonders viel von Olga. Sie hörten auf schreckliche amerikanische Namen, die Olga in einem fort durch das Lokal schrie. Auch Olga hatte nicht mehr viel von Olga. Sie war immer noch sehr klein, aber ihre Haut war nicht mehr weiß. Olga war jetzt oft an der frischen Luft, sie aß gern und redete viel und ohne Akzent. Sie hatte das Buch mitbringen wollen, das ich ihr damals geschenkt hatte – eine schöne Geste – aber ihr Jüngster hatte Kakao darüber geschüttet, oder war es der Älteste gewesen?

Ich fragte Olga nicht, warum sie mich hatte sehen wollen. Bestimmt wusste sie selbst keine Antwort darauf. Sie plauderte über ihren Mann, die Stadt, in der sie lebte, die Art, wie sie lebte. Man konnte sehen, dass es ihr gut ging. Ich rührte wortkarg in meinem Kaffee. Als Olga ging, legte sie mir kurz ihre Hand auf den Arm, eine warme, trockene Berührung. Sie sagte, mach’s gut, dann lachte sie. War nicht einfach damals, aber du siehst ja, jetzt ist alles in Ordnung, mach dir also keine Gedanken, das wollte ich dir nur sagen. Ich fühlte, dass ich ärgerlich wurde und wollte erwidern, dass ich mir wirklich überhaupt keine Gedanken wegen ihr gemacht hätte. Doch da hatte Olga ihre Kinder bereits auf den Gehweg hinausgeschoben. Sie humpelte ein wenig und winkte mir im Weggehen noch einmal zu.

Als Olga das letzte Mal ging, hatte sie sich nicht verabschiedet. Niemand gab mir die Schuld an etwas. Ich hatte nichts getan, ich hatte sie nur einfach nicht festgehalten. Sie war gestürzt und hatte sich einen komplizierten Bruch zugezogen. In den Osterferien hatte ich nicht gerade beschlossen, Olgas beste Freundin zu werden, aber ich wollte die anderen auf jeden Fall dazu bringen, sich nicht mehr über Olga lustig zu machen. Sie kann schließlich nichts dafür, hörte ich mich sagen, die Arme. Sie freut sich doch so, wenn wir nett zu ihr sind, und die anderen würden mir zustimmen. Wir waren wirklich keine Wölfe, wir waren eigentlich ziemlich in Ordnung.

Doch nach den Osterferien war Olga nicht da und sie kam auch in den folgenden Wochen nicht mehr an unsere Schule zurück. Jetzt wird niemand Olga mögen, dachte ich, und alle werden sich nur an eine Olga erinnern, die keuchend auf dem Boden liegt, mit rotem Gesicht und einem seltsam verdrehten Bein. Sie war doch nicht so biegsam gewesen, wie es einen Moment lang ausgesehen hatte.

 


Externe Links:

Holbein-Gymnasium Augsburg

Der Eisfürst von Stefanie Geiger


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