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05.04.2018, 08:27 Uhr
Marie Gamillscheg
Gespräche
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© Leonie Hugendubel

Die Jungautorin Marie Gamillscheg im Gespräch über ihren Debütroman

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Marie Gamillscheg, geboren 1992 in Graz, lebt in Berlin und arbeitet als freie Journalistin. Sie studierte Osteuropastudien an der Freien Universität Berlin. 2015 erhielt sie unter anderem den Literaturförderungspreis der Stadt Graz und den New German Fiction Preis. 2016 nahm sie am Klagenfurter Literaturkurs teil und wurde mit dem Arbeitsstipendium des Berliner Senats, 2017 mit dem Aufenthaltsstipendium in Schöppingen ausgezeichnet. Alles was glänzt, 2018 im Luchterhand Verlag erschienen, ist ihr Romandebüt, aus dem sie auch während des 18. Wortspiele Festivals in München las.

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Alles was glänzt

Tief in den Stollen des alten Bergwerks tut sich was – und alle im Dorf können es spüren. Die Wirtin Susa zum Beispiel, wenn sie im »Espresso« nachts die Pumpen von den Ketchup-Kübeln schraubt. Oder der alte Wenisch, ihr letzter Stammgast. Oder Teresa, wenn sie oben am Waldrand steht, wo sie die Wiese schon aufreißen sieht. Zuallererst aber hat es der schweigsame Martin gespürt, bis er dann eines Morgens die Kontrolle über sein Auto verlor. Es ist, als würde der Berg zittern, als könne er jeden Augenblick in sich zusammenbrechen. Nur der gerade erst im Ort angekommene Merih merkt noch nichts. Er sucht einen Neuanfang – ausgerechnet hier.

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„Die Alchemie des Bergbaus steht für mich in direkter Verbindung zur Phantasie und Poesie – der Alchemie der Worte.“

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Kannst Du Deinen Roman in wenigen Sätzen vorstellen?

Marie Gamillscheg: Alles was glänzt ist ein multiperspektivisches Porträt eines Ortes, in dem die Geschichte von Fortschritt und Zukunft auserzählt ist. Oder konkreter: Es geht um Wenisch, Teresa, Merih und Susa und was sie in diesem trostlosen Dorf hält oder dorthin treibt. Es geht um einen Berg und die Bedrohung der Natur. Es geht um einen Unfall, der die Verhältnisse durcheinanderwirbelt.

 

Das Dorf in Alles was glänzt liegt in der Nähe eines alten Bergwerks, viele Einwohner sind nach der Stilllegung weggezogen. Ein Wiederbelebungsprogramm zur „Optimierung der Wohnraumstrukturen“ soll die Verbliebenen aus den maroden Arbeitersiedlungen in den Dorfkern locken. Wie gut kennst Du solche Orte?

Mittlerweile recht gut. Der Ort in meinem Roman ist zwar gänzlich fiktiv, aber wer Orte wie Eisenerz in der Steiermark kennt, kann gut herauslesen, dass ich an diesem Ort recherchiert habe. Wichtig war mir, stets beide Perspektiven einzunehmen: Einerseits am Computer zu sitzen und mich mit Zahlen, Prognosen und Strategien zu beschäftigen, andererseits dort Zeit zu verbringen und einen Eindruck zu gewinnen.

 

In Deinem Roman sehnen sich die Figuren aus dem Dorf in die Stadt – eine Figur aus der Stadt sehnt sich danach, im Dorf verwurzelt zu sein. Was reizt Dich an diesem Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Land?

Dass es von so vielen Vorurteilen beiderseits belastet ist. Auch wenn die Stadt, wie in meinem Roman nur eineinhalb Stunden mit dem Bus weit weg ist, scheint sie doch unmöglich erreichbar. So bauen sich darum Träume, Verblendungen, Ängste auf.

 

Vor allem die jüngeren Figuren leiden an den eingeschränkten Möglichkeiten, die ihnen das Dorf bietet. Können sie trotzdem optimistisch in die Zukunft blicken?

Sie verfangen sich in jugendlichen Tagträumen, in denen ist eine Zukunft noch möglich. Denn es sind besondere Bedingungen, unter denen Teresa und Patz in diesem Ort aufwachsen: Alles ist bereits vorgedacht.

 

In den Tiefen des Berges rumort es, rund ums Dorf bilden sich Risse in der Erde. Welche Rolle spielt die Natur in Deinem Buch?

Eine große! Wichtig ist mir, dass sie nicht nur als billige Metapher für die Gefühlslagen der ProtagonistInnen dient, sondern quasi über allen Einzelschicksalen thronend die urzeitliche Geschichte des Berges miterzählt, ein Aufbruch, eine Entwicklung als Kontrapunkt zum Ende des Ortes. Die Bedrohung der Natur ist allgegenwärtig – auch wenn für die OrtsbewohnerInnen nicht immer ersichtlich.

 

Der Berg mit seinen verlassenen Stollen scheint allgegenwärtig zu sein – bedrohend und faszinierend zugleich. Welche Bedeutung hat er in Deinem Buch?

Eine ebenfalls sehr wichtige, im Zusammenspiel mit der Natur. Das lässt sich nicht trennen. Mich fasziniert am Bergabbau wie der Mensch sich die Steine zu eigen macht – sie einerseits aus dem Berg hackt und sich also in einer Machtposition über sie stellt, andererseits von ihr wirtschaftlich und sozial abhängig ist und seinen Lebensraum um sie herum gestalten muss. Die Transformation, die Umformung der Stoffe, also die Alchemie des Bergbaus steht für mich in direkter Verbindung zur Phantasie und der Poesie als Alchemie der Worte. Das ist wichtig für mein Schreiben. Außerdem erzählt die Geschichte des Bergbaus auch immer den Beginn des modernen Kapitalismus mit, was mich in Verbindung mit den maroden, abgekämpften Zuständen in meinem Bergdorf besonders interessiert hat.

 

Du lebst jetzt in Berlin und arbeitest dort als freie Journalistin, u.a. für ZEIT Campus. War es schwierig, sich von dort literarisch in die Welt eines österreichischen Dorfes hinein zu versetzten?

Ganz im Gegenteil, denke ich. Ich brauche eine Distanz, um in einer literarischen Form darüber schreiben zu können.

 

Und zuletzt noch die Frage: Wie fühlt es sich an, das erste eigene Buch in den Händen zu halten?

Sehr verrückt.

 

 

Fragen: Elsa Antolín / Luchterhand Literaturverlag


Externe Links:

Marie Gamillscheg im Luchterhand Verlag

Marie Gamillscheg bei ZEIT ONLINE


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