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31.03.2018, 21:23 Uhr
Marie Gamillscheg
Text & Debatte
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© Leonie Hugendubel

Lektüretipp zu Ostern: Ein Auszug aus dem Romandebüt von Marie Gamillscheg

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Marie Gamillscheg, geboren 1992 in Graz, lebt in Berlin und arbeitet als freie Journalistin. Sie studierte Osteuropastudien an der Freien Universität Berlin. 2015 erhielt sie unter anderem den Literaturförderungspreis der Stadt Graz und den New German Fiction Preis. 2016 nahm sie am Klagenfurter Literaturkurs teil und wurde mit dem Arbeitsstipendium des Berliner Senats, 2017 mit dem Aufenthaltsstipendium in Schöppingen ausgezeichnet. Alles was glänzt, 2018 im Luchterhand Verlag erschienen, ist ihr beeindruckendes Romandebüt, aus dem sie auch beim 18. Wortspiele Festival in München las.

*

Alles was glänzt

Tief in den Stollen des alten Bergwerks tut sich was – und alle im Dorf können es spüren. Die Wirtin Susa zum Beispiel, wenn sie im »Espresso« nachts die Pumpen von den Ketchup-Kübeln schraubt. Oder der alte Wenisch, ihr letzter Stammgast. Oder Teresa, wenn sie oben am Waldrand steht, wo sie die Wiese schon aufreißen sieht. Zuallererst aber hat es der schweigsame Martin gespürt, bis er dann eines Morgens die Kontrolle über sein Auto verlor. Es ist, als würde der Berg zittern, als könne er jeden Augenblick in sich zusammenbrechen. Nur der gerade erst im Ort angekommene Merih merkt noch nichts. Er sucht einen Neuanfang – ausgerechnet hier.

 **

Fressen und gefressen werden, das war schon immer so.
Am Anfang war ein Meer.

***

 

(0,0)


Alles schläft. Nicht die Nacht, der Tag höhlt die Häuser aus. Tagsüber schwarze, leere Löcher. Manche sind ausgebrannt. Da hat wer randaliert. Da hat wer die alten Matratzen verbrannt und jetzt liegen nur mehr Drahtgestelle herum. Nachts kann man glauben, dass hier Menschen schlafen, dass hier am nächsten Morgen Menschen aufstehen, in Autos steigen und zur Arbeit fahren. Aber seit der Journalist hier war, sind viele in die Stadt gezogen und Susa vermietet ihre Zimmer dauerhaft zum Nebensaisonpreis. Man klopft noch immer auf die Plakette am Boden vor der Kirche: ZUR STADT ERHOBEN 1857, wie um zu überprüfen, ob sie noch immer da ist, eingelassen in den Boden. Die Plakette bleibt. Man darf sich offiziell Stadt nennen. Nur die Katzen bleiben über, wenn es Abend wird. Sie haben sich das alte Tourismusbüro ausgesucht; das ist ihr Revier. Sie legen sich in die Regale, rollen sich eng ein, erbrechen Gras zwischen den Altpapierstapeln. Sie zerren tote Maulwürfe durch den offenen Türspalt.

Der rote Knopf im Schaubergwerk funktioniert nicht mehr und niemand repariert ihn. Wenn man ihn jetzt drückt, gehen die blauen und violetten und weißen Lichter nicht an, die den Fels bestrahlen, geht die Stimme nicht an, die die Sage vom Blintelmann erzählt und in der Höhle ist es immer nur dunkel. Der Bürgermeister sagt: Wer weiß, ob sich das lohnt. Damit der rote Knopf wieder funktioniert, damit der Blintelmann wieder spricht und die Lichter leuchten, müssen alle elektrischen Leitungen getauscht werden und wer weiß, ob sich das lohnt. Man muss sich vorstellen, sagt der Bürgermeister: Man tauscht die Leitungen und dann auf einmal, genau dann, natürlich genau dann, wird eine tragende Stollenwand gesprengt oder sie löst sich durch die Erschütterung und ein Stollen klappt in sich zusammen, in einen anderen Stollen, und der in einen weiteren Stollen, und das Geröll aller Stollenwände bricht auf den Ort, die Häuser brechen ineinander, Staub in Staub, wie der Journalist geschrieben hat, dass es passieren wird.

Man denkt an die Zeitung damals. Auf dem Titelblatt war der Umriss des Berges abgebildet, in eine Holzscheibe geritzt, zersetzt von Nagekäfern. Wie ihn die Kinder in der Schule früher in die Kartoffeln geschnitzt und auf Tischdecken gedruckt haben: Auf der einen Seite ein steiler glatter Hang, auf der anderen führt die Flanke etwas länger ins Tal, am Fuße des Berges drängen sich Bäume und Häuser.

Überall Gänge, Löcher. Höhlen.
Stollen und Schächte.

Schon jetzt brechen bei den Sprengungen kleinere Schächte zusammen, stand in der Zeitung. Schon jetzt brechen die Böden ein und die Steine rieseln die Etagen hinunter und wenn es so weitergeht, ist der Berg irgendwann einfach hohl. Jahrhundertelang grub man von unterschiedlichen Etagen und Seiten Stollen in den Berg, man grub einfach drauflos, den Erzspuren hinterher. Erst im Nachhinein hat man versucht Pläne anzufertigen, aber zu groß, zu verworren das Netz an Stollen. Immer wieder neue Abzweigungen, neue Höhlen und Luftlöcher in der Erde, von denen niemand weiß, zu welchem Schacht sie gehören.

Ob man von dem Grubenunglück in Lengede gehört hat?
Von der Gasexplosion in dem Bergwerk in Donezk?
Warum sind Chinas Kohlegruben so gefährlich?
Manchmal läuft was im Fernsehen.

Man stellt sich einen großen Knall vor. Oder es passiert
ganz leise. Ein Rauschen, wie eine Welle, die ins Tal
schlägt. Das man zuerst hört, dann sieht.
Ein Rauschen, das man sehen kann!

So denkt man es sich zurecht. Wenn man in der Kirche am Weihwasserbecken steht. Wenn man im ESPRESSO an der Bar sitzt und Susa beim Gläserputzen zusieht oder wenn man die Hand ins Brunnenwasser streckt, wenn man sich eigentlich gerade die Zierleiste der Häuser auf dem Hauptplatz näher anschauen will.

Der Journalist hat Unrecht, da sind sich alle im Ort einig. Der Bürgermeister weiß das auch. Aber trotzdem, sagt er. Man denkt natürlich daran. Susas Katze hat einmal ein neues Hüftgelenk bekommen, und in der Woche darauf fand Susa die Katze mit dem steifen Bein angelehnt an der Hauswand. Jemand hat sie überfahren, und der Tierarzt hat das Hüftgelenk noch bei einer anderen Katze einbauen können, Susa hat ein bisschen Geld zurückbekommen, aber nicht viel. Susa denkt daran.

Früher ist man abends oft bei Susa im ESPRESSO zusammengesessen, die Alten und manchmal auch die Jungen. Damals ist man um die kleinen Tische gesessen und nicht alle an der Bar. Auch der Journalist hat sich dazugesetzt, als er im Ort war, damals, vor zehn, fünfzehn Jahren. In Pantoffeln ist er hinunter in den Gastraum. Die Alten haben sich nichts dabei gedacht. Er hat nach dem Leben im Ort gefragt, nach Plänen von den Schächten, nach den Archiven, er hat Schnaps getrunken und Bier und wieder Schnaps, er hat immer mitgetrunken und verstanden, wie das funktioniert: Wann der Zeitpunkt ist, aufzustehen und an der Bar noch eine Runde für alle zu holen. Er hat auch erzählt, von sich, dass er eine Tochter hat und dass er gern wandern geht, aber die Tochter nicht und deshalb sei alles schwierig, mit dem Sommerurlaub, weil die Mutter wolle auch lieber in den Süden oder nach New York, das sei schwierig.

Ihr wäre er immer unsympathisch gewesen, sagt Susa. Er habe jeden Tag die Handtücher im Zimmer auf dem Boden liegen lassen und er wäre nie wirklich betrunken gewesen, immer noch kontrolliert und immer hätte er nach dem Essen den Teller von sich geschoben, als würde er sich davor ekeln. Sie hätte es gleich gewusst, sagt Susa. Das sagt Susa erst später.

Wer durch den Ort geht, der weiß: Hier passiert etwas. Oder eher: Hier ist etwas passiert. Man grüßt sich nicht auf der Straße. Der rote Knopf ist kaputt. Seit der Journalist hier war, kommen keine Touristen mehr und der rote Knopf im Schaubergwerk wird nicht repariert. Man weiß nicht mehr, wie das war: Ob der rote Knopf kaputt ging, als der Journalist hier war oder ob der rote Knopf schon vorher nicht mehr funktionierte und nicht mehr repariert wurde, weil der Journalist hier war. Auf jeden Fall hat der was damit zu tun. Jetzt ist es immer dunkel in der Höhle und man sieht nicht, wie die Wände glänzen, wie alles, was glänzt, so viele Farben hat und man kann sich nicht mehr fragen, ob zuerst das Glänzen oder die Farben waren.


Externe Links:

Marie Gamillscheg im Luchterhand Verlag

Marie Gamillscheg bei ZEIT ONLINE


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