Gespräch mit Chrys Schloyer zum 50. Geburtstag
Anlässlich des 50. Geburtstags von Chrys Schloyer hat die Redaktion des Literaturportals Bayern ein schriftliches Interview mit Chrys geführt. Herzlichen Glückwunsch!
*
LITERATURPORTAL BAYERN: Erst einmal das Wichtigste vorab: herzlichen Glückwunsch zum runden Geburtstag! War es denn ein runder, guter Tag? Und: was erhoffst du dir für die nächste Hälfte des Lebens?
CHRYS SCHLOYER: Es war ein guter Tag. Ich wollte einen ganz normalen Tag erleben mit den Dingen, die meine Familie und ich gerne an einem Sonntag tun: Rausgehen, uns unterhalten, ausruhen, zusammen essen, eine Folge einer Lieblingsserie gemeinsam gucken. Ich tat dies an diesem Tag intensiver und bewusster als sonst, dankbarer – und mit einigen lieben Glückwunschanrufen zwischendurch. Mit dem „ganz normalen Tag“ wollte ich mir endgültig die Angst vor diesem runden Geburtstag nehmen. Ich glaube, das ist geglückt.
„Zukunft“ bleibt dennoch ein Thema, das recht schwer im Magen liegt. Es ist eine Zeit, wo ich mich ernsthaft frage, ob meine verbleibende Lebenserwartung mit der der menschlichen Zivilisation zusammenfällt – und was das alles für meine Kinder bedeutet.
Mein größter Wunsch wäre, dass sich diese Frage entschärfen ließe oder in Wohlgefallen auflösen könnte in meiner verbleibenden „Hälfte“. Da wir aber bereits mindestens sieben von neun planetaren Grenzen überschritten haben, davon einige irreversibel, muss ich wohl lernen, zuversichtlich zu sein – auch und gerade dann, wenn wir uns keiner Hoffnung mehr hingeben dürfen: Es wird niemand für uns richten, kein Gott, keine Außerirdischen – und keine Wundertechnologie. Hinzu kommt ein Trend zum gesellschaftlich-politischen Roll-back: ins Reaktionäre, womöglich sogar ins Faschistische, der von etablierten Parteien mit einem populistischen Augenzwinkern mitgetragen (oder zumindest nicht verhindert) wird.
Meine größte Zuversicht ist, dass richtiges, sinngebendes Handeln immer richtig bleibt – selbst dann, wenn es als Tropfen auf dem heißen Stein verdampft. Und dass wir, sobald wir „richtig herum“ durchs Leben gehen (nämlich rückwärts und rückblickend), sehen, was unzerstörbar und ewig, weil schon geschehen ist: in meinem Leben überwiegt im Rückblick eindeutig das Schöne.
LPB: Wo wir schon beim Schönen sind. Venus-Mars heißt der wunderbare Doppelgedichtband von dir, der für mich ein sinnlich-poetisches Rundum-Ereignis darstellt. Von wo aus lässt sich die Erdenschwere oder auch das geheime Potential von uns Erdenmenschen gerade besser betrachten: von der Venus oder vom Mars aus? Und: wärst du eher „Mensch Mars“ oder „Mensch Venus“ oder ist das schlicht zu binär gefragt?
SCHLOYER: Freilich ist das zu binär gefragt, gerade darin liegt ja die Provokation. Aber das „eher“ rettet die Frage aus der Binarität. Es gibt natürlich mehr als diese beiden Pole und Planeten – nichtsdestotrotz: diese sind unsere unmittelbaren planetaren und (was Geschlechterrollen angeht) identifikatorischen Nachbarn. Für mich steht Venus, im Gegensatz zu Mars, für Progressivität und Diversität. Für eine Hinwendung zum Menschlichen, Sozialen, Sinnlichen, Psychischen und vielleicht auch (bei aller von mir verspürten Abwehr gegenüber Religion und Esoterik) hin zum Übersinnlichen, Transzendenten. Mars steht für mich für Technik, Macht, Apparaturen und Hierarchien, für Naturferne, Vereinsamung und Selbstentfremdung, für einen zerstörerischen Narzissmus auch. Lange habe ich gehofft, dass sich die Menschheit eher auf dem Weg Richtung VENUS befände … doch seit zehn Jahren sehe ich da, zumindest in den „westlichen“ Hemisphären, einen deutlichen Trend zum Marsianischen.
Du fragst, von wo aus sollen wir uns betrachten: Vielleicht ist die Venus einfach zu bewölkt, um uns von dort aus sinnvoll betrachten zu können? Vielleicht kann uns die Auseinandersetzung mit dem Mars ja trotz allem weiterhelfen: Für die Kunst ist er der ideale Gegner, ohne die Reibung mit ihm wäre Kunst vermutlich langweilig oder nicht existent. Und selbst, wenn ich mich all meiner eigenen marsianischen Persönlichkeitsanteile entledigen könnte – ich wüsste nicht, ob ich das wollte.
Aber in dieser Zweiteilung lässt sich der benannte Lyrikband nur bedingt lesen, VENUS ist hier nicht die positive Leserichtung und MARS die negative – beide wenden sich ähnlichen Themen zu und beide stehen immer gemeinsam und zueinander „verkehrt herum“ auf einer Doppelseite.
LPB: In diesem Bild: verkehrt herum auf einer Doppelseite, klingt das Kreative, das Sich-dynamisch-Umgestalten bereits an. Nun wird das Spielerische an der Poesie in deiner Kunst wunderbar ausgelotet. Du bist auch selbst ein Spieler. Was bedeutet das für deine Wahrnehmung der Welt? Ist alles ein Spiel oder setzen wir uns ständig aufs Spiel?
SCHLOYER: Ich halte es mit Wittgenstein und seinem Begriff des „Sprachspiels“. Nicht „die Realität“ oder unser „Bewusstsein“ erzeugt Sprache – es geschieht genau umgekehrt: Sprache erzeugt (in gewisser Weise) alles andere. Und doch sind wir spürbar mehr als Sprache – aber selbst darüber können wir ohne Sprache nicht reden, keinerlei Vorstellung entwickeln: Wir müssten schweigen.
Dieses „Spiel“ ist nicht der Gegenpart zum Ernst. Es ist einerseits regelgeleitet, andererseits für sich autonom, tariert sich spielerisch aus. Als (zumindest hobbymäßige:r) Spiele-Entwickler:in weiß ich, dass Spielregeln im Spiel selbst entstehen – und selbst fertige Spiele werden von den Mitspielenden permanent abgewandelt, angepasst und weiterentwickelt.
Da wir in diesem Spiel auch Verpflichtungen eingehen, da es auch um Vertrauen, Verlässlichkeit und Kompetenz geht, setzen wir uns tatsächlich auch selber aufs Spiel: mit jedem Wort. Zumindest in der philosophischen Theorie. Die politische Praxis zeigt uns zunehmend, dass unzuverlässige, inkompetente Spieler:innen, die keinerlei Vertrauen verdienen, nicht selten in absurde Machtpositionen gelangen. Offenbar wurden hier die Spielregeln korrumpiert – und da sehe ich die Einflüsse der sozialen Medien, aber auch die Spuren von Macht und Korruption.
LPB: Nach unkorrumpierten Regeln zu spielen kann tatsächlich einen Zustand von Alltagsglück bedeuten; die Möglichkeit der zweckfreien Versenkung und Erkundung. Nun hast du Lyrik und Spiel in deinem „Jump’ N’ Run“-Game miteinander verbunden. Was genau geht da ab?
SCHLOYER: Mich interessiert nicht die technische Komplexität, sondern der Bezüge-Reichtum und die Originalität von Spielkonzepten. Insofern bin ich Retro-Gamer:in (wenngleich ich nicht viel „zocke“, Computerspiele faszinieren mich, aber langweilen mich auch sehr schnell). Alltagsglück ist für mich das Ersinnen von Spielen und Regeln – ich bin sehr in meinen eigenen Ideen verhaftet. JUMP ‘N‘ RUN ist Ausdruck hiervon. In meiner Kindheit wurde ich geprägt von alten „Plattform-Games“ auf dem Commodore 64. Damals war das für mich neu und aufregend – und dieses Gefühl begleitet mich, ohne wirklich von aktuellen Spielen bedient zu werden.
Aber warum nicht das Prinzip des Bildschirm-für-Bildschirm-Levelaufbaus, das mir aus dieser Zeit vertraut ist, warum nicht die Springbewegungen und Leitern zwischen festen Blöcken auf Textblöcke übertragen? Und einen lyrischen Text auf diese Weise erspielbar machen, multi-seriell und immer wieder neu? Das ist die Idee von diesem Lyrikband.
LPB: Eine schöne Lyrikband-Idee! Und für all diejenigen, die dich noch als Christian Schloyer kennen: Auf deiner Webseite sprichst du dich auch ganz dezidiert für eine Liebeserklärung an das non-binäre Dasein aus. Du hast dich dahin im Laufe deines Lebens entwickelt. Wie kam es dazu?
SCHLOYER: Es ist die Sprache, die mir lange fehlte – und die Präsenz von Menschen, die das sichtbar (vor-)leben. Ich glaube nämlich, dass ich schon immer non-binär war, mich aber lange in einer Jungen- und Männerrolle eingerichtet habe – schon aus Angst, keine Partnerin von mir begeistern zu können. In mir brodelte immer eine spürbare Ablehnung von Männlichkeit und Männerrolle(n): Weder kann und konnte ich „Männlichkeit“ je wirklich bekleiden, aber noch weniger kann ich sie begehren. Ich habe mich im Laufe meines Lebens teilweise mit Aspekten der Männerrolle arrangiert, auch in meinen Rollen als Partner und als Papa zweier Jungs. Ich bin aber froh, dass ich in den letzten fünf bis sieben Jahren lernte, mein Wesen ernster zu nehmen und spielerisch freizulegen – und darin von meiner Familie unterstützt werde. Sprache hierfür finde ich zunehmend auch literarisch, lyrisch.
LPB: Nun macht uns die Welt, machen wir uns selbst ganz schön zu schaffen. Wie kann uns die Poesie da helfen?
SCHLOYER: Leben ist die Kunst der Sinngebung. Und Poesie ist (in meinen Augen) Sprache, die sich ihren Sinn darin gibt, das ernsthaft Spielerische unseres alltäglichen Sprachspielens offenzulegen. Das ist durchaus politisch, weil es dem dogmatischen Realismus entgegentritt: Nein, die Welt hat keine „natürliche Notwendigkeit“, dass „die Starken“ herrschen oder der Kapitalismus, das Gottesgnadentum oder das Patriarchat – das alles ist in der Sprache installierter Machtanspruch, und der lässt sich genau da auch deinstallieren. Das spielerisch zu erkun-den, sich hierbei selbst gestalterisch zu erleben (sowohl im Schreib- wie auch im Leseprozess – letzteres auch bei lyrischen und Prosa-Texten geschätzter Kolleg:innen), das ist doch schon eine ganze Menge Sinn, die Poesie hier geben kann.
LPB: Die kanadische Dichterin Anne Carson hat mal gesagt: „a wound gives off ist own light, surgeons say. You could dress it by what shines from it.“ Welchen Glanz im Wundsein entdeckst du gerade, falls du mit dem Thema "Wunde/Versehrtheit" überhaupt etwas anfangen kannst?
SCHLOYER: Das ist ein wunderbarer, aber für mich zu großer und kaum einlösbarer Anspruch. Ich bin kein Christus, der die eigene (Sprach-)Wunde offenlegt und hieraus einen heiligen Glanz versprüht. Es gibt diese Menschen und ich erkenne (meist), was davon Pose ist und was ernst zu nehmen. Freilich gibt es das Wundsein für mich auch, aber es ist eines, das ich mit der gesamten Menschheit teile: Die Sorge um die Gesundheit unseres Planeten und unseres sozialen und politischen Miteinanders. Da ist nichts, was ich als Glanz einer individuell eigenen Wunde ausstellen mag.
Der Reiz in der lyrischen Sprachspielarbeit liegt für mich oftmals darin, vermeintlich Unantastbarem seinen (vielleicht falschen) Glanz zu rauben – und diesen umzuverteilen, wenn auch nicht im-mer konsequent „von oben nach unten“. Vielleicht poliere ich dabei auch die ein oder andere Wunde – und bin Anne Carson näher, als ich es zugeben würde.
LPB: Von den Zitaten zum Eigenen: An was arbeitest du gerade ganz aktuell? Und was ist dir daran wichtig?
SCHLOYER: An drei Projekten: Seit Mitte 2020 an meinem Roman PAULA und der Planetentausch, wo Multiperspektivität, planetare Zukunft, Nonbinarität und Neurodiversität wichtige Rollen spielen, aber auch meine außerordentliche Freude an hochkomplexen Plots und irren Plot-Twists, an Idiolekten und (verschwörungstheoretisch verbrämten) Wahrnehmungsgrenzen. Hier liege ich gerade in den letzten Lektoratszügen.
Seit einigen Monaten auch an ZEN-PROMPTS, das wird mein nächster Lyrikband, gefördert aktuell durch das Literaturstipendium des Freistaats, wofür ich sehr dankbar bin. Hier geht es um poetische Texte, die so verfasst sind, dass sie nicht nur von Menschen gelesen sein wollen, sondern auch als Prompts fungieren, welche „KI als Leser:in“ adressieren.
Und nebenbei arbeite ich an einem Vibecoding-Projekt (KI-gestütztes Programmieren), um mit MYZEL ein umfangreiches Daten- und Ideenmanagement-Tool für Kreativ-Chaot:innen, Wissenschaftler:innen und Künst-ler:innen zu generieren, das im Kern auf Niklas Luhmanns Zettelkasten aufbaut.
Ansonsten gebe ich leidenschaftlich Lyrik-Mentoring und Workshops zur KI-Nutzung, wo KI keine Lösungen erzeugt, sondern Resonanz-Fokus. Nicht KI generiert Ideen, sondern triggert diese beim menschlichen Gegen-über und hilft bei deren Bewertung und Einordnung – in einem sogenannten (kritisch-philosophisch hinterfragten) „Sparring“-Verhältnis zwischen Mensch und Maschine.
LPB: Apropos Workshops zur KI-Nutzung: KI als Gefahr und Chance für die Menschheit ist natürlich in aller Munde als unsere epochalste, größte Herausforderung uns an ihr entlang zu definieren, zu besinnen, vielleicht auch spielerisch (neu) zu entwerfen. Was bedeutet der Umgang mit der KI für dich als künstlerische Person?
SCHLOYER: Aktuell beschäftigt mich gerade eine Kainsmal-Diskussion, die sich einseitig gegen Künstler:innen und Schriftsteller:innen richtet, die ihre Arbeit mit KI offen und transparent machen. Das ärgert mich mehrfach!
Zum einen benötigt die KI-Debatte kaum etwas dringender als ein informiertes Mitreden von Intellektuellen und Künstler:innen – ich habe aber das Gefühl, dass diese aus der Diskussion ferngehalten werden sollen (oder das selber besorgen – durch ostentativen KI-Ekel, Ahnungslosigkeit und falsche Schlüsse).
Zum anderen ist es absurd, dass ausgerechnet die am übelsten von den urheberschaftsverletzenden Raubzügen der KI-Konzerne geschädigte Berufsgruppe nun auch noch vom Nutzen dieser Technologie ausgesperrt werden soll (oder sich selber ausschließt).
Zum Dritten sehe ich hier eine Neid-Debatte: Wer Kunst macht, ist per se verdächtig (mindestens der „Selbstverwirklichung“) – und wer schon verdächtig ist, eignet sich als Sündenbock, was sich wunderbar politisch missbrauchen lässt: Die arbeiten ja eh nix und lassen jetzt auch noch alles von der KI machen!
Viertens ist dieser Generalverdacht gegen die Kreativleistung von Künstler:innen eine doppelte Unverschämtheit. Zum einen wird hier davon ausgegangen, dass Kreativität, auch in der Kunst, vor allem darin besteht, faule Abkürzungen zu suchen um eine möglichst hohe „Produktivität“ zu erzielen. Es ist schon Unsinn zu glauben, Wirtschaften könne so funktionieren – Kunst ist das leidenschaftliche Gegenteil hiervon und wird auch (überwiegend) so gelebt. Und dass nun Menschen (anstelle von Maschinen) in Turing-Tests überzeugen müssen, also vor maschinelle Kontroll- und Analyse-Instanzen treten und beweisen, dass Ihr kreatives Schaffen tatsächlich „menschlicher Natur“ sei und nicht „bloß KI generiert“, das ist die Krönung der Perversion.
Das alles fördert eher verschämte Heimlichtuerei als ein transparentes, offen-kreatives und kritisches Umgehen mit dieser Technologie. Die übrigens eher schlechter als besser dadurch wird, dass sich kritische Menschen weigern, mit ihr umzugehen.
Ich persönlich arbeite viel mit KI, sehe aber keinerlei Sinn und Lust darin, ihr Aufgaben und Arbeiten anzuvertrauen, die ich mit meinem Lebenssinn verbinde. KI wird niemals eine „literarische“ Zeile für mich verfassen. Recherche, ein strukturiertes Lektorat und Hilfe bei Überblick und Schreibmotivation, da lass ich mir KI nicht mehr nehmen. Dass ich Impulse anderer, ob KI oder menschliche Gesprächspartner:innen, nicht unreflektiert übernehme, ist selbstverständlich.
LPB: Ja, das ist in der Tat selbstverständlich. Nach dem kreativ-kritischen Umgang mit KI abschließend noch etwas Assoziativ-Spielerisches: drei Fragen aus dem Crescendo-Künstlerfragebogen. Erstens: Was würde niemand von dir vermuten?
SCHLOYER: Dass ich, hinsichtlich klassischer Bildungsideale, ziemlich ignorant bin, besser halluziniere als jede KI, mich immer wieder überrascht beim Mansplaining ertappe und nicht sonderlich „herumgekommen“ bin in der Welt. Und dass ich tatsächlich Angst davor habe, als „abgehoben“ zu gelten und es mir nur selten erlaube, Dinge zu delegieren, die ich auch selber machen kann.
LPB: Was wolltest du denn, zweite Frage, als Kind gerne werden?
SCHLOYER: Hubschrauberpilot, Matrose auf einem (kleinen) Schiff und Schriftsteller.
LPB: Also letzteres zeigt ja, dass wohl doch einige innige Kinderwunschvorstellungen in Erfüllung gehen können... Und was wären, drittens, drei Persönlichkeiten, mit denen Chrys unbedingt mal gern ein Wörtchen reden würde?
SCHLOYER: In Kombination mit einer Zeitreise würde ich sehr gerne und eindringlich mit sogenannten „Entscheidern“ bei Exxon reden – mit denjenigen, die jahrzehntelang Zweifel am menschengemachten Klimawandel schürten. Denn Exxon wusste intern unfassbar genau, was der Ausstoß von CO₂ anrichten würde, und betrieb trotzdem eine öffentliche Desinformationskampagne. Wie konnten sie das wissen – und es trotzdem tun?
Und wenn wir noch ein eindringliches Wörtchen übrig haben, würde ich gerne mit Peter Thiel sprechen. Er beschäftigt sich auffallend intensiv mit dem Antichrist, Armageddon und apokalyptischen Szenarien. Mich würde interessieren, wie er es rechtfertigt, mit Technologie, politischer Macht und Milliardeninvestitionen genau jene Dynamiken zu beschleunigen, deren apokalyptische Risiken er selbst so eindringlich beschreibt – und dabei nach allen Kräften wissenschaftsfeindliche Positionen zu fördern.
Gespräch mit Chrys Schloyer zum 50. Geburtstag>
Anlässlich des 50. Geburtstags von Chrys Schloyer hat die Redaktion des Literaturportals Bayern ein schriftliches Interview mit Chrys geführt. Herzlichen Glückwunsch!
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LITERATURPORTAL BAYERN: Erst einmal das Wichtigste vorab: herzlichen Glückwunsch zum runden Geburtstag! War es denn ein runder, guter Tag? Und: was erhoffst du dir für die nächste Hälfte des Lebens?
CHRYS SCHLOYER: Es war ein guter Tag. Ich wollte einen ganz normalen Tag erleben mit den Dingen, die meine Familie und ich gerne an einem Sonntag tun: Rausgehen, uns unterhalten, ausruhen, zusammen essen, eine Folge einer Lieblingsserie gemeinsam gucken. Ich tat dies an diesem Tag intensiver und bewusster als sonst, dankbarer – und mit einigen lieben Glückwunschanrufen zwischendurch. Mit dem „ganz normalen Tag“ wollte ich mir endgültig die Angst vor diesem runden Geburtstag nehmen. Ich glaube, das ist geglückt.
„Zukunft“ bleibt dennoch ein Thema, das recht schwer im Magen liegt. Es ist eine Zeit, wo ich mich ernsthaft frage, ob meine verbleibende Lebenserwartung mit der der menschlichen Zivilisation zusammenfällt – und was das alles für meine Kinder bedeutet.
Mein größter Wunsch wäre, dass sich diese Frage entschärfen ließe oder in Wohlgefallen auflösen könnte in meiner verbleibenden „Hälfte“. Da wir aber bereits mindestens sieben von neun planetaren Grenzen überschritten haben, davon einige irreversibel, muss ich wohl lernen, zuversichtlich zu sein – auch und gerade dann, wenn wir uns keiner Hoffnung mehr hingeben dürfen: Es wird niemand für uns richten, kein Gott, keine Außerirdischen – und keine Wundertechnologie. Hinzu kommt ein Trend zum gesellschaftlich-politischen Roll-back: ins Reaktionäre, womöglich sogar ins Faschistische, der von etablierten Parteien mit einem populistischen Augenzwinkern mitgetragen (oder zumindest nicht verhindert) wird.
Meine größte Zuversicht ist, dass richtiges, sinngebendes Handeln immer richtig bleibt – selbst dann, wenn es als Tropfen auf dem heißen Stein verdampft. Und dass wir, sobald wir „richtig herum“ durchs Leben gehen (nämlich rückwärts und rückblickend), sehen, was unzerstörbar und ewig, weil schon geschehen ist: in meinem Leben überwiegt im Rückblick eindeutig das Schöne.
LPB: Wo wir schon beim Schönen sind. Venus-Mars heißt der wunderbare Doppelgedichtband von dir, der für mich ein sinnlich-poetisches Rundum-Ereignis darstellt. Von wo aus lässt sich die Erdenschwere oder auch das geheime Potential von uns Erdenmenschen gerade besser betrachten: von der Venus oder vom Mars aus? Und: wärst du eher „Mensch Mars“ oder „Mensch Venus“ oder ist das schlicht zu binär gefragt?
SCHLOYER: Freilich ist das zu binär gefragt, gerade darin liegt ja die Provokation. Aber das „eher“ rettet die Frage aus der Binarität. Es gibt natürlich mehr als diese beiden Pole und Planeten – nichtsdestotrotz: diese sind unsere unmittelbaren planetaren und (was Geschlechterrollen angeht) identifikatorischen Nachbarn. Für mich steht Venus, im Gegensatz zu Mars, für Progressivität und Diversität. Für eine Hinwendung zum Menschlichen, Sozialen, Sinnlichen, Psychischen und vielleicht auch (bei aller von mir verspürten Abwehr gegenüber Religion und Esoterik) hin zum Übersinnlichen, Transzendenten. Mars steht für mich für Technik, Macht, Apparaturen und Hierarchien, für Naturferne, Vereinsamung und Selbstentfremdung, für einen zerstörerischen Narzissmus auch. Lange habe ich gehofft, dass sich die Menschheit eher auf dem Weg Richtung VENUS befände … doch seit zehn Jahren sehe ich da, zumindest in den „westlichen“ Hemisphären, einen deutlichen Trend zum Marsianischen.
Du fragst, von wo aus sollen wir uns betrachten: Vielleicht ist die Venus einfach zu bewölkt, um uns von dort aus sinnvoll betrachten zu können? Vielleicht kann uns die Auseinandersetzung mit dem Mars ja trotz allem weiterhelfen: Für die Kunst ist er der ideale Gegner, ohne die Reibung mit ihm wäre Kunst vermutlich langweilig oder nicht existent. Und selbst, wenn ich mich all meiner eigenen marsianischen Persönlichkeitsanteile entledigen könnte – ich wüsste nicht, ob ich das wollte.
Aber in dieser Zweiteilung lässt sich der benannte Lyrikband nur bedingt lesen, VENUS ist hier nicht die positive Leserichtung und MARS die negative – beide wenden sich ähnlichen Themen zu und beide stehen immer gemeinsam und zueinander „verkehrt herum“ auf einer Doppelseite.
LPB: In diesem Bild: verkehrt herum auf einer Doppelseite, klingt das Kreative, das Sich-dynamisch-Umgestalten bereits an. Nun wird das Spielerische an der Poesie in deiner Kunst wunderbar ausgelotet. Du bist auch selbst ein Spieler. Was bedeutet das für deine Wahrnehmung der Welt? Ist alles ein Spiel oder setzen wir uns ständig aufs Spiel?
SCHLOYER: Ich halte es mit Wittgenstein und seinem Begriff des „Sprachspiels“. Nicht „die Realität“ oder unser „Bewusstsein“ erzeugt Sprache – es geschieht genau umgekehrt: Sprache erzeugt (in gewisser Weise) alles andere. Und doch sind wir spürbar mehr als Sprache – aber selbst darüber können wir ohne Sprache nicht reden, keinerlei Vorstellung entwickeln: Wir müssten schweigen.
Dieses „Spiel“ ist nicht der Gegenpart zum Ernst. Es ist einerseits regelgeleitet, andererseits für sich autonom, tariert sich spielerisch aus. Als (zumindest hobbymäßige:r) Spiele-Entwickler:in weiß ich, dass Spielregeln im Spiel selbst entstehen – und selbst fertige Spiele werden von den Mitspielenden permanent abgewandelt, angepasst und weiterentwickelt.
Da wir in diesem Spiel auch Verpflichtungen eingehen, da es auch um Vertrauen, Verlässlichkeit und Kompetenz geht, setzen wir uns tatsächlich auch selber aufs Spiel: mit jedem Wort. Zumindest in der philosophischen Theorie. Die politische Praxis zeigt uns zunehmend, dass unzuverlässige, inkompetente Spieler:innen, die keinerlei Vertrauen verdienen, nicht selten in absurde Machtpositionen gelangen. Offenbar wurden hier die Spielregeln korrumpiert – und da sehe ich die Einflüsse der sozialen Medien, aber auch die Spuren von Macht und Korruption.
LPB: Nach unkorrumpierten Regeln zu spielen kann tatsächlich einen Zustand von Alltagsglück bedeuten; die Möglichkeit der zweckfreien Versenkung und Erkundung. Nun hast du Lyrik und Spiel in deinem „Jump’ N’ Run“-Game miteinander verbunden. Was genau geht da ab?
SCHLOYER: Mich interessiert nicht die technische Komplexität, sondern der Bezüge-Reichtum und die Originalität von Spielkonzepten. Insofern bin ich Retro-Gamer:in (wenngleich ich nicht viel „zocke“, Computerspiele faszinieren mich, aber langweilen mich auch sehr schnell). Alltagsglück ist für mich das Ersinnen von Spielen und Regeln – ich bin sehr in meinen eigenen Ideen verhaftet. JUMP ‘N‘ RUN ist Ausdruck hiervon. In meiner Kindheit wurde ich geprägt von alten „Plattform-Games“ auf dem Commodore 64. Damals war das für mich neu und aufregend – und dieses Gefühl begleitet mich, ohne wirklich von aktuellen Spielen bedient zu werden.
Aber warum nicht das Prinzip des Bildschirm-für-Bildschirm-Levelaufbaus, das mir aus dieser Zeit vertraut ist, warum nicht die Springbewegungen und Leitern zwischen festen Blöcken auf Textblöcke übertragen? Und einen lyrischen Text auf diese Weise erspielbar machen, multi-seriell und immer wieder neu? Das ist die Idee von diesem Lyrikband.
LPB: Eine schöne Lyrikband-Idee! Und für all diejenigen, die dich noch als Christian Schloyer kennen: Auf deiner Webseite sprichst du dich auch ganz dezidiert für eine Liebeserklärung an das non-binäre Dasein aus. Du hast dich dahin im Laufe deines Lebens entwickelt. Wie kam es dazu?
SCHLOYER: Es ist die Sprache, die mir lange fehlte – und die Präsenz von Menschen, die das sichtbar (vor-)leben. Ich glaube nämlich, dass ich schon immer non-binär war, mich aber lange in einer Jungen- und Männerrolle eingerichtet habe – schon aus Angst, keine Partnerin von mir begeistern zu können. In mir brodelte immer eine spürbare Ablehnung von Männlichkeit und Männerrolle(n): Weder kann und konnte ich „Männlichkeit“ je wirklich bekleiden, aber noch weniger kann ich sie begehren. Ich habe mich im Laufe meines Lebens teilweise mit Aspekten der Männerrolle arrangiert, auch in meinen Rollen als Partner und als Papa zweier Jungs. Ich bin aber froh, dass ich in den letzten fünf bis sieben Jahren lernte, mein Wesen ernster zu nehmen und spielerisch freizulegen – und darin von meiner Familie unterstützt werde. Sprache hierfür finde ich zunehmend auch literarisch, lyrisch.
LPB: Nun macht uns die Welt, machen wir uns selbst ganz schön zu schaffen. Wie kann uns die Poesie da helfen?
SCHLOYER: Leben ist die Kunst der Sinngebung. Und Poesie ist (in meinen Augen) Sprache, die sich ihren Sinn darin gibt, das ernsthaft Spielerische unseres alltäglichen Sprachspielens offenzulegen. Das ist durchaus politisch, weil es dem dogmatischen Realismus entgegentritt: Nein, die Welt hat keine „natürliche Notwendigkeit“, dass „die Starken“ herrschen oder der Kapitalismus, das Gottesgnadentum oder das Patriarchat – das alles ist in der Sprache installierter Machtanspruch, und der lässt sich genau da auch deinstallieren. Das spielerisch zu erkun-den, sich hierbei selbst gestalterisch zu erleben (sowohl im Schreib- wie auch im Leseprozess – letzteres auch bei lyrischen und Prosa-Texten geschätzter Kolleg:innen), das ist doch schon eine ganze Menge Sinn, die Poesie hier geben kann.
LPB: Die kanadische Dichterin Anne Carson hat mal gesagt: „a wound gives off ist own light, surgeons say. You could dress it by what shines from it.“ Welchen Glanz im Wundsein entdeckst du gerade, falls du mit dem Thema "Wunde/Versehrtheit" überhaupt etwas anfangen kannst?
SCHLOYER: Das ist ein wunderbarer, aber für mich zu großer und kaum einlösbarer Anspruch. Ich bin kein Christus, der die eigene (Sprach-)Wunde offenlegt und hieraus einen heiligen Glanz versprüht. Es gibt diese Menschen und ich erkenne (meist), was davon Pose ist und was ernst zu nehmen. Freilich gibt es das Wundsein für mich auch, aber es ist eines, das ich mit der gesamten Menschheit teile: Die Sorge um die Gesundheit unseres Planeten und unseres sozialen und politischen Miteinanders. Da ist nichts, was ich als Glanz einer individuell eigenen Wunde ausstellen mag.
Der Reiz in der lyrischen Sprachspielarbeit liegt für mich oftmals darin, vermeintlich Unantastbarem seinen (vielleicht falschen) Glanz zu rauben – und diesen umzuverteilen, wenn auch nicht im-mer konsequent „von oben nach unten“. Vielleicht poliere ich dabei auch die ein oder andere Wunde – und bin Anne Carson näher, als ich es zugeben würde.
LPB: Von den Zitaten zum Eigenen: An was arbeitest du gerade ganz aktuell? Und was ist dir daran wichtig?
SCHLOYER: An drei Projekten: Seit Mitte 2020 an meinem Roman PAULA und der Planetentausch, wo Multiperspektivität, planetare Zukunft, Nonbinarität und Neurodiversität wichtige Rollen spielen, aber auch meine außerordentliche Freude an hochkomplexen Plots und irren Plot-Twists, an Idiolekten und (verschwörungstheoretisch verbrämten) Wahrnehmungsgrenzen. Hier liege ich gerade in den letzten Lektoratszügen.
Seit einigen Monaten auch an ZEN-PROMPTS, das wird mein nächster Lyrikband, gefördert aktuell durch das Literaturstipendium des Freistaats, wofür ich sehr dankbar bin. Hier geht es um poetische Texte, die so verfasst sind, dass sie nicht nur von Menschen gelesen sein wollen, sondern auch als Prompts fungieren, welche „KI als Leser:in“ adressieren.
Und nebenbei arbeite ich an einem Vibecoding-Projekt (KI-gestütztes Programmieren), um mit MYZEL ein umfangreiches Daten- und Ideenmanagement-Tool für Kreativ-Chaot:innen, Wissenschaftler:innen und Künst-ler:innen zu generieren, das im Kern auf Niklas Luhmanns Zettelkasten aufbaut.
Ansonsten gebe ich leidenschaftlich Lyrik-Mentoring und Workshops zur KI-Nutzung, wo KI keine Lösungen erzeugt, sondern Resonanz-Fokus. Nicht KI generiert Ideen, sondern triggert diese beim menschlichen Gegen-über und hilft bei deren Bewertung und Einordnung – in einem sogenannten (kritisch-philosophisch hinterfragten) „Sparring“-Verhältnis zwischen Mensch und Maschine.
LPB: Apropos Workshops zur KI-Nutzung: KI als Gefahr und Chance für die Menschheit ist natürlich in aller Munde als unsere epochalste, größte Herausforderung uns an ihr entlang zu definieren, zu besinnen, vielleicht auch spielerisch (neu) zu entwerfen. Was bedeutet der Umgang mit der KI für dich als künstlerische Person?
SCHLOYER: Aktuell beschäftigt mich gerade eine Kainsmal-Diskussion, die sich einseitig gegen Künstler:innen und Schriftsteller:innen richtet, die ihre Arbeit mit KI offen und transparent machen. Das ärgert mich mehrfach!
Zum einen benötigt die KI-Debatte kaum etwas dringender als ein informiertes Mitreden von Intellektuellen und Künstler:innen – ich habe aber das Gefühl, dass diese aus der Diskussion ferngehalten werden sollen (oder das selber besorgen – durch ostentativen KI-Ekel, Ahnungslosigkeit und falsche Schlüsse).
Zum anderen ist es absurd, dass ausgerechnet die am übelsten von den urheberschaftsverletzenden Raubzügen der KI-Konzerne geschädigte Berufsgruppe nun auch noch vom Nutzen dieser Technologie ausgesperrt werden soll (oder sich selber ausschließt).
Zum Dritten sehe ich hier eine Neid-Debatte: Wer Kunst macht, ist per se verdächtig (mindestens der „Selbstverwirklichung“) – und wer schon verdächtig ist, eignet sich als Sündenbock, was sich wunderbar politisch missbrauchen lässt: Die arbeiten ja eh nix und lassen jetzt auch noch alles von der KI machen!
Viertens ist dieser Generalverdacht gegen die Kreativleistung von Künstler:innen eine doppelte Unverschämtheit. Zum einen wird hier davon ausgegangen, dass Kreativität, auch in der Kunst, vor allem darin besteht, faule Abkürzungen zu suchen um eine möglichst hohe „Produktivität“ zu erzielen. Es ist schon Unsinn zu glauben, Wirtschaften könne so funktionieren – Kunst ist das leidenschaftliche Gegenteil hiervon und wird auch (überwiegend) so gelebt. Und dass nun Menschen (anstelle von Maschinen) in Turing-Tests überzeugen müssen, also vor maschinelle Kontroll- und Analyse-Instanzen treten und beweisen, dass Ihr kreatives Schaffen tatsächlich „menschlicher Natur“ sei und nicht „bloß KI generiert“, das ist die Krönung der Perversion.
Das alles fördert eher verschämte Heimlichtuerei als ein transparentes, offen-kreatives und kritisches Umgehen mit dieser Technologie. Die übrigens eher schlechter als besser dadurch wird, dass sich kritische Menschen weigern, mit ihr umzugehen.
Ich persönlich arbeite viel mit KI, sehe aber keinerlei Sinn und Lust darin, ihr Aufgaben und Arbeiten anzuvertrauen, die ich mit meinem Lebenssinn verbinde. KI wird niemals eine „literarische“ Zeile für mich verfassen. Recherche, ein strukturiertes Lektorat und Hilfe bei Überblick und Schreibmotivation, da lass ich mir KI nicht mehr nehmen. Dass ich Impulse anderer, ob KI oder menschliche Gesprächspartner:innen, nicht unreflektiert übernehme, ist selbstverständlich.
LPB: Ja, das ist in der Tat selbstverständlich. Nach dem kreativ-kritischen Umgang mit KI abschließend noch etwas Assoziativ-Spielerisches: drei Fragen aus dem Crescendo-Künstlerfragebogen. Erstens: Was würde niemand von dir vermuten?
SCHLOYER: Dass ich, hinsichtlich klassischer Bildungsideale, ziemlich ignorant bin, besser halluziniere als jede KI, mich immer wieder überrascht beim Mansplaining ertappe und nicht sonderlich „herumgekommen“ bin in der Welt. Und dass ich tatsächlich Angst davor habe, als „abgehoben“ zu gelten und es mir nur selten erlaube, Dinge zu delegieren, die ich auch selber machen kann.
LPB: Was wolltest du denn, zweite Frage, als Kind gerne werden?
SCHLOYER: Hubschrauberpilot, Matrose auf einem (kleinen) Schiff und Schriftsteller.
LPB: Also letzteres zeigt ja, dass wohl doch einige innige Kinderwunschvorstellungen in Erfüllung gehen können... Und was wären, drittens, drei Persönlichkeiten, mit denen Chrys unbedingt mal gern ein Wörtchen reden würde?
SCHLOYER: In Kombination mit einer Zeitreise würde ich sehr gerne und eindringlich mit sogenannten „Entscheidern“ bei Exxon reden – mit denjenigen, die jahrzehntelang Zweifel am menschengemachten Klimawandel schürten. Denn Exxon wusste intern unfassbar genau, was der Ausstoß von CO₂ anrichten würde, und betrieb trotzdem eine öffentliche Desinformationskampagne. Wie konnten sie das wissen – und es trotzdem tun?
Und wenn wir noch ein eindringliches Wörtchen übrig haben, würde ich gerne mit Peter Thiel sprechen. Er beschäftigt sich auffallend intensiv mit dem Antichrist, Armageddon und apokalyptischen Szenarien. Mich würde interessieren, wie er es rechtfertigt, mit Technologie, politischer Macht und Milliardeninvestitionen genau jene Dynamiken zu beschleunigen, deren apokalyptische Risiken er selbst so eindringlich beschreibt – und dabei nach allen Kräften wissenschaftsfeindliche Positionen zu fördern.
