„Konnte nicht schlafen, trotz Carossa“ – Samuel Beckett liest Hans Carossa
Eine unlösbare Mathematikaufgabe auf zwei Schultafeln und ein Traum von einer Frau, die Milch auf Türschwellen gießen lässt: Es sind die absurden Details, die der irische Schriftsteller Samuel Beckett (1906-1989) bei seiner Lektüre von Hans Carossas Geheimnisse des reifen Lebens während seiner Deutschlandreise 1936/37 begeisterten. Harald Beck über die Art und Weise, wie der spätere Literaturnobelpreisträger Carossas Werk in seinen Tagebüchern reflektierte.
*
In Becketts akribisch geführten Tagebüchern seiner Deutschlandreise vom 28. September 1936 bis zum 1. April 1937 findet vor allem sein großes Interesse an deutscher Kunst und Literatur seinen Niederschlag. Als Beispiel für sein Sichvertiefen in zeitgenössische Literatur kann die Auseinandersetzung mit Werken Hans Carossas gelten. In Berlin leiht ihm zu Beginn seiner Reise der Journalist und Übersetzer Axel Kaun, den er gerade kennengelernt hatte, die im Jahr zuvor im Insel-Verlag erschienene Erzählung: Geheimnisse des reifen Lebens. Aus den Aufzeichnungen Angermanns.
Notiert er am 21. Februar in Bamberg noch ein wenig vielversprechendes: „Konnte nicht schlafen, trotz Carossa“, heißt es eine Woche später in Nürnberg:
Lese den Carossa. Wunderschöne Passagen, vor allem Kadenzen, aber furchtbar langsam & zu stark durchziselisiert. Wunderbare Passage über die endlose Gleichung auf 2 Wandtafeln durch den sterbenden Schulmeister, nichts als Unbekannte, deren Lösung seiner Aussage nach ein Kinderspiel ist: „Es gibt unendlich viele Lösungen.“ Und sein [Angermanns] Traum von Cordula, deren Katze entlaufen ist & die ihn darum bittet, mit einem Krug Milch durch die Stadt zu gehen & auf jede Türschwelle einen Tropfen Milch zu gießen, damit die Katze nicht hungern muss.[1]
Um Becketts spontanes Lob nachvollziehbar zu machen, ist ein Blick auf die entsprechenden Passagen in Carossas Erzählung angebracht:
Mir aber war ein blaues Heft in die Hände geraten; ich schlug es auf, erkannte meine eigenen halbkindlichen Ziffern und Buchstaben und fand mich weit in die Schulzeit zurückversetzt. Hier stand sie ja, jene furchtbare über Seiten hingestreckte Gleichung, die uns der alte Mathematikprofessor Moritz noch am Tag vor seinem Tode aufgegeben hatte. Längst war es kein Geheimnis mehr, daß der schöne silberlockige Lehrer in unseren Aufgaben Fehler fand, wo keine waren, die wirklichen jedoch übersah. [...] Dann aber kam jener Samstag vor Pfingsten, wo er bleich, erregt, mangelhaft gekleidet und ohne Buch das Klassenzimmer betrat, gleich zur Kreide griff und mit hastiger Hand auf die Tafel zu schreiben begann. Das war diese Gleichung; wir sollten sie lösen. Aber die Tafel reichte nicht aus; einer von uns mußte zum Pedell gehen, damit er eine zweite brächte, und auch sie wurde voll. [...] Die Gleichung bestand zur Hälfte aus Unbekannten; er aber versicherte freundlich, sie sei kinderleicht, und es gebe unendliche Lösungen. (S. 77f.)
und
Und nun sah ich, eindämmernd, Cordula vor mir stehen. Sie trug ihr faltenreiches grauseidenes Kleid; es waren aber von Zigaretten viele kleine Löcher hineingebrannt. Sie reichte mir mit beiden Händen einen Krug voll Milch. Die schwarze Katze, sagte sie, hat sich verlaufen; nimm den Krug, trag ihn durch die Stadt und schütte vor jede Haustür ein wenig Milch, damit sie überall was zum Auflecken findet. (S. 86)
Der kritische Leser Beckett erweist sich als Resonanzraum für die Absurdität der unendlichen Lösungen und Angermanns Traum von seiner tierlieben Frau.
Am 13. März in München beendet Beckett seine Lektüre von Carossas Erzählung: „Lese den Carossa im Bett aus. Schlussszene sehr geschickt. Überstellung der müden Schwalben nach Italien. Cordula schläft auf hohem grünen Stuhl ein. Aber Gedicht an das Ungeborene ein Fehler.“
Im Schlussteil der Erzählung wird berichtet, dass wegen der eisigen Stürme in Mittel- und Nordeuropa Millionen Schwalben umgekommen seien und dass man die noch verbliebenen in Luftschiffen nach Italien bringen wolle. Der letzte Satz lautet: „Cordula, von den Leistungen des Tages ermüdet, schlief ruhig in dem hohen grünen Stuhl.“ Auf diesen Schluss folgt das Gedicht „An das Ungeborene“. Angermann hatte auf ausdrücklichen Wunsch der befreundeten Barbara ein außereheliches Kind gezeugt.
Zwei weitere Werke Carossas sind nicht angetan, Becketts Interesse zu erneuern. Am 25. März vermerkt das Tagebuch: „Lese Führung und Geleit[2] aus. Finde es dünn, schlechter als die Geheimnisse.“ Und wenige Zeilen danach: „Fange Der Arzt Gion an. Noch schlimmer.“ Einen Tag später schreibt er an seinen Studienfreund Arland Ussher: „Es steht so schlimm um mich, dass ich Hans Carossa lese.“
Der folgende Tagebucheintrag zu Führung und Geleit[3] erweist sich allerdings als bevorurteilt, was teilweise auch der Übersetzung geschuldet ist:
Kauft sein neues Chirurgenbesteck in München, von Rilke angesprochen, der krank aussieht und frohlockt beim Gedanken, es mit einem Patienten wie ihm einzuweihen.
Was Carossa beim Blick in das Schaufenster der Firma Stiefenhofer am Karlsplatz entzückt, sind „die neuen Vorrichtungen, die uns über die Druckhöhe des Blutstroms unterrichten [...] und sehr verfeinerte mit elastischen Röhren versehene Stethoskope [...].“ Er stellt aber auch bedauernd fest, dass statt „gediegenem roten Gummi“ minderwertiges Material verwendet wurde.
Zu einem ausgiebigen Einkauf für seine zukünftige Praxis in München entschlossen, begegnet er an der Ladentür Rilke[4], der ihn um einen Krankenbesuch bittet. Da Carossa Ernährungsprobleme des Patienten vermutet, lässt er sich als erste Maßnahme in einem Amt eine erhöhte Zuweisung wichtiger Nahrungsmittel für Rilke ausstellen. „Daß die neue Praxis mit einem solchen Patienten begann, daß die sorgfältig ausgewählten Instrumente durch ihn eingeweiht werden sollten, ergriff ich als günstiges Vorzeichen.“
Von einem Chirurgenbesteck kann in diesem Kontext kaum die Rede sein. Das englische Original spricht nur von einem „set of instruments“. Carossa gebraucht im Zusammenhang mit den vorgenannten Blutdruckmessgeräten und Stethoskopen ebenfalls den Begriff Instrumente, „das kostbare Gebilde des Menschenleibes zu erforschen, zu erhalten und ihm Schmerzen zu ersparen.“
Der fast schon sadistische Unterton der Übersetzung ist schwer zu rechtfertigen.
[1] Die deutsche Übersetzung der German Diaries, Suhrkamp 2026 stammt von Gaby Hertel.
[2] Insel-Verlag, 1933.
[3] S. 174-177.
[4] Die Begegnung findet im Frühjahr, vermutlich April, 1918 statt. Carossa war wegen einer Verwundung schon vor Kriegsende in München.
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Eine unlösbare Mathematikaufgabe auf zwei Schultafeln und ein Traum von einer Frau, die Milch auf Türschwellen gießen lässt: Es sind die absurden Details, die der irische Schriftsteller Samuel Beckett (1906-1989) bei seiner Lektüre von Hans Carossas Geheimnisse des reifen Lebens während seiner Deutschlandreise 1936/37 begeisterten. Harald Beck über die Art und Weise, wie der spätere Literaturnobelpreisträger Carossas Werk in seinen Tagebüchern reflektierte.
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In Becketts akribisch geführten Tagebüchern seiner Deutschlandreise vom 28. September 1936 bis zum 1. April 1937 findet vor allem sein großes Interesse an deutscher Kunst und Literatur seinen Niederschlag. Als Beispiel für sein Sichvertiefen in zeitgenössische Literatur kann die Auseinandersetzung mit Werken Hans Carossas gelten. In Berlin leiht ihm zu Beginn seiner Reise der Journalist und Übersetzer Axel Kaun, den er gerade kennengelernt hatte, die im Jahr zuvor im Insel-Verlag erschienene Erzählung: Geheimnisse des reifen Lebens. Aus den Aufzeichnungen Angermanns.
Notiert er am 21. Februar in Bamberg noch ein wenig vielversprechendes: „Konnte nicht schlafen, trotz Carossa“, heißt es eine Woche später in Nürnberg:
Lese den Carossa. Wunderschöne Passagen, vor allem Kadenzen, aber furchtbar langsam & zu stark durchziselisiert. Wunderbare Passage über die endlose Gleichung auf 2 Wandtafeln durch den sterbenden Schulmeister, nichts als Unbekannte, deren Lösung seiner Aussage nach ein Kinderspiel ist: „Es gibt unendlich viele Lösungen.“ Und sein [Angermanns] Traum von Cordula, deren Katze entlaufen ist & die ihn darum bittet, mit einem Krug Milch durch die Stadt zu gehen & auf jede Türschwelle einen Tropfen Milch zu gießen, damit die Katze nicht hungern muss.[1]
Um Becketts spontanes Lob nachvollziehbar zu machen, ist ein Blick auf die entsprechenden Passagen in Carossas Erzählung angebracht:
Mir aber war ein blaues Heft in die Hände geraten; ich schlug es auf, erkannte meine eigenen halbkindlichen Ziffern und Buchstaben und fand mich weit in die Schulzeit zurückversetzt. Hier stand sie ja, jene furchtbare über Seiten hingestreckte Gleichung, die uns der alte Mathematikprofessor Moritz noch am Tag vor seinem Tode aufgegeben hatte. Längst war es kein Geheimnis mehr, daß der schöne silberlockige Lehrer in unseren Aufgaben Fehler fand, wo keine waren, die wirklichen jedoch übersah. [...] Dann aber kam jener Samstag vor Pfingsten, wo er bleich, erregt, mangelhaft gekleidet und ohne Buch das Klassenzimmer betrat, gleich zur Kreide griff und mit hastiger Hand auf die Tafel zu schreiben begann. Das war diese Gleichung; wir sollten sie lösen. Aber die Tafel reichte nicht aus; einer von uns mußte zum Pedell gehen, damit er eine zweite brächte, und auch sie wurde voll. [...] Die Gleichung bestand zur Hälfte aus Unbekannten; er aber versicherte freundlich, sie sei kinderleicht, und es gebe unendliche Lösungen. (S. 77f.)
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Und nun sah ich, eindämmernd, Cordula vor mir stehen. Sie trug ihr faltenreiches grauseidenes Kleid; es waren aber von Zigaretten viele kleine Löcher hineingebrannt. Sie reichte mir mit beiden Händen einen Krug voll Milch. Die schwarze Katze, sagte sie, hat sich verlaufen; nimm den Krug, trag ihn durch die Stadt und schütte vor jede Haustür ein wenig Milch, damit sie überall was zum Auflecken findet. (S. 86)
Der kritische Leser Beckett erweist sich als Resonanzraum für die Absurdität der unendlichen Lösungen und Angermanns Traum von seiner tierlieben Frau.
Am 13. März in München beendet Beckett seine Lektüre von Carossas Erzählung: „Lese den Carossa im Bett aus. Schlussszene sehr geschickt. Überstellung der müden Schwalben nach Italien. Cordula schläft auf hohem grünen Stuhl ein. Aber Gedicht an das Ungeborene ein Fehler.“
Im Schlussteil der Erzählung wird berichtet, dass wegen der eisigen Stürme in Mittel- und Nordeuropa Millionen Schwalben umgekommen seien und dass man die noch verbliebenen in Luftschiffen nach Italien bringen wolle. Der letzte Satz lautet: „Cordula, von den Leistungen des Tages ermüdet, schlief ruhig in dem hohen grünen Stuhl.“ Auf diesen Schluss folgt das Gedicht „An das Ungeborene“. Angermann hatte auf ausdrücklichen Wunsch der befreundeten Barbara ein außereheliches Kind gezeugt.
Zwei weitere Werke Carossas sind nicht angetan, Becketts Interesse zu erneuern. Am 25. März vermerkt das Tagebuch: „Lese Führung und Geleit[2] aus. Finde es dünn, schlechter als die Geheimnisse.“ Und wenige Zeilen danach: „Fange Der Arzt Gion an. Noch schlimmer.“ Einen Tag später schreibt er an seinen Studienfreund Arland Ussher: „Es steht so schlimm um mich, dass ich Hans Carossa lese.“
Der folgende Tagebucheintrag zu Führung und Geleit[3] erweist sich allerdings als bevorurteilt, was teilweise auch der Übersetzung geschuldet ist:
Kauft sein neues Chirurgenbesteck in München, von Rilke angesprochen, der krank aussieht und frohlockt beim Gedanken, es mit einem Patienten wie ihm einzuweihen.
Was Carossa beim Blick in das Schaufenster der Firma Stiefenhofer am Karlsplatz entzückt, sind „die neuen Vorrichtungen, die uns über die Druckhöhe des Blutstroms unterrichten [...] und sehr verfeinerte mit elastischen Röhren versehene Stethoskope [...].“ Er stellt aber auch bedauernd fest, dass statt „gediegenem roten Gummi“ minderwertiges Material verwendet wurde.
Zu einem ausgiebigen Einkauf für seine zukünftige Praxis in München entschlossen, begegnet er an der Ladentür Rilke[4], der ihn um einen Krankenbesuch bittet. Da Carossa Ernährungsprobleme des Patienten vermutet, lässt er sich als erste Maßnahme in einem Amt eine erhöhte Zuweisung wichtiger Nahrungsmittel für Rilke ausstellen. „Daß die neue Praxis mit einem solchen Patienten begann, daß die sorgfältig ausgewählten Instrumente durch ihn eingeweiht werden sollten, ergriff ich als günstiges Vorzeichen.“
Von einem Chirurgenbesteck kann in diesem Kontext kaum die Rede sein. Das englische Original spricht nur von einem „set of instruments“. Carossa gebraucht im Zusammenhang mit den vorgenannten Blutdruckmessgeräten und Stethoskopen ebenfalls den Begriff Instrumente, „das kostbare Gebilde des Menschenleibes zu erforschen, zu erhalten und ihm Schmerzen zu ersparen.“
Der fast schon sadistische Unterton der Übersetzung ist schwer zu rechtfertigen.
[1] Die deutsche Übersetzung der German Diaries, Suhrkamp 2026 stammt von Gaby Hertel.
[2] Insel-Verlag, 1933.
[3] S. 174-177.
[4] Die Begegnung findet im Frühjahr, vermutlich April, 1918 statt. Carossa war wegen einer Verwundung schon vor Kriegsende in München.
