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02.09.2026, 13:08 Uhr
Jürgen Bulla
Rezensionen

Besprechung des Gedichtbands „Drüben tanzt ein Luftikus“ von Friedrich Ani

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© Allitera Verlag
Der für seine Vielseitigkeit bekannte Autor Friedrich Ani hat mit Drüben tanzt ein Luftikus (Allitera 2026) einen neuen Gedichtband vorgelegt. Der Lyriker Jürgen Bulla hat ihn für das Literaturportal Bayern gelesen.   
 
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Die literarische Produktion Friedrich Anis ist längst die eines Großschriftstellers, betrachtet man die Vielzahl an Romanen, Gedichtbänden, Drehbüchern etc. aus seiner Feder. In seinem neuen Gedichtband Drüben tanzt ein Luftikus, erschienen 2026 im Allitera Verlag, belebt der renommierte Münchner Autor in 141 Gedichten die traditionelle japanische Kurzgedichtform des Tanka wieder und hält dabei zahlreiche signifikante Gegenwartsmomente fest. 
 
Tanka als Vorform des Haiku
 
Die Form des Tanka, die schon vor über 1300 Jahren in der japanischen Poesie Verwendung fand, gilt als eine Art Vorläufer des in Europa bekannteren Haiku, heißt wörtlich übersetzt so etwas wie „kurzes Lied“ und besteht aus fünf Versen mit der festgelegen Silbenzahl 5-7-5-7-7. Dabei beinhalten die drei Verse der sogenannten Oberstrophe in der Regel ein konkretes Bild, eine beobachtende Momentaufnahme, während die abgesetzten beiden Verse der Unterstrophe eine emotionale Reaktion des Sprechers auf oder eine Reflexion über das zuvor Gesehene zum Ausdruck bringen. Nach diesen formalen und inhaltlichen Vorgaben richten sich die Luftikus-Gedichte in 140 Fällen. Nur das letzte Gedicht, ein vierzeiliges, kursiv gesetztes Postscriptum, das hier gleich als Erstes zitiert sei, weicht ab:
 
Poststcriptum Dichtend
trau ich mich zum Leben hin 
zu den Menschen hin
und wieder
 
Sprecher und Autor dieses fazit-artigen Textes scheinen, wie auch in mehreren weiteren Tanka, ganz und gar identisch, was die mitunter bieder anmutende strenge Unterscheidung der beiden Instanzen wieder einmal fragwürdig macht. Das Bekenntnis der schwierigen Annäherung an die Mitmenschen und die Wonnen des gewöhnlichen Lebens erweisen sich jedenfalls als ein Leitmotiv des Dichters. Wie ein Schauspieler, der seine Maske – die japanische Holzschnitttechnik mag assoziiert werden – nach langem Vortrag in seiner anverwandelten Rolle, die in diesem Fall von der strengen Form des Tanka verkörpert wird, endlich abnimmt und sich dem Publikum respektive dem Leser für die Dauer von vier kurzen Versen unverstellt zeigt.
 
Luftikus-Gedichte: leichte, schwebende Gebilde
 
Der Titel des Gedichtbands ist zugleich der letzte Vers eines Gedichts aus dem Kapitel „Meiner Kindheit Übermut“:
 
Wer jetzt zu Haus bleibt
wird im Winter finster sein
Heute Herbstlicht satt
 
Eiskaffee in den Cafés
Drüben tanzt ein Luftikus
 
Ein Luftikus steht umgangssprachlich für einen etwas leichtsinnigen, nicht unbedingt sehr zuverlässigen, womöglich egoistischen und oft sehr fröhlichen Menschen, erklärt uns Wikipedia. 
Sei es ein tanzender Mensch oder der personifizierte Wind, den man sich hier vorstellen mag, das Gedicht wirkt wie eine wenig nostalgische Sommer-Reminiszenz, die die Leuchtkraft des Münchner Herbstes und die daraus resultierende Lebensfreude feiert und mit der Rilke-Anspielung der ersten zwei Verse dem von Wehmut und Einsamkeit geprägten Herbstgedicht des berühmten Symbolisten deutlich widerspricht. 
Um den allmählich schon überstrapazierten Begriff des Luftikus noch einmal aufzugreifen: Er lässt sich in gewisser Hinsicht auch auf die ganze Sammlung beziehen, können die Tanka Friedrich Anis doch insgesamt als leicht und luftig in der Diktion bezeichnet werden, und auch der schon erwähnte inhaltliche Tiefgang wird öfters durch ein klar erkennbares Augenzwinkern des Sprechers in leichtere, lichtere Gefilde gehoben.    
 
Natur, Stadt und weitere Themen
 
Die Überschrift des ersten Kapitels „Echo des Schnees“ lässt aufhorchen. Das Gedicht, aus dem die Wendung stammt, lautet folgendermaßen:
 
In meinem Zimmer
höre ich mich nächtelang
an der Stille satt
 
Vorm Fenster wuseln Flocken
Mich rührt das Echo des Schnees
 
Ein regelrechtes Eingehen in die Stille der Nacht jenseits aller irritierenden städtischen Geräusche, und in der vollkommenen Ruhe wird selbst die Lautlosigkeit des Schneefalls hörbar, sogar ein Echo geht von den Flocken aus. Schöner kann der Zustand der Stille wohl nicht ins Bild gefasst werden. 
Alle Jahreszeiten werden, häufig personifiziert, in ihrer Wirkung auf das Leben der Menschen in der Stadt, aufgerufen, so z.B.: Mit Südwind maskiert / streunt der Herbst um die Hecken
oder Wolkenlose Stadt / Fast färben sich die Blätter / um in Junigrün … Gelegentlich findet dabei eine konkrete Verortung statt, wenn Worte wie Eisbach, Kurfürstenplatz, Silberhornstraße, Siegestor oder Nordsee fallen, oft aber bleiben die „Schauplätze“ auch bewusst unbenannt.
Das Themenspektrum der in sechs Abschnitte unterteilten Sammlung reicht neben Natur- und Großstadtbildern über Kindheitserinnerungen, Familie und Vergänglichkeit, Liebe und Verlust bis hin zu pointierten politischen Äußerungen: 
 
Deutschland prall vor Stolz
Gestern heißt das neue Jetzt
Vor uns kniet die Welt
 
Bundeskanzler Gott zum Gruß
Für das Mausoleum Dank
 
Bildhafte Statements
 
Syntaktisch betrachtet, arbeitet der Autor vorwiegend mit kurzen Hauptsätzen, die zu den statementartigen Inhalten passen, gegossen in die knappe Form des Tanka. Manchmal wird der Satzbau auch bewusst ein wenig sperrig: Ja sag zu den Liebenden / ihrem Treueschwur und Trotz. Auf Satzzeichen wird durchgehend verzichtet, manchmal wird durch plötzliche Großschreibung mitten im Vers ein neuer Satz angedeutet, und öfters werden auch durch Ellipsen Bilder wie unveränderliche Zustände heraufbeschworen: 
 
Glas Grauburgunder
randvoll mit Licht vom Weinberg
Erleuchtung Vielleicht 
(…)
 
Nicht selten, parallel zu den wechselnden Jahreszeiten und als Zeichen weiterer Veränderungen, evoziert Friedrich Ani Bilder von fliegenden Vögeln: Geier, Krähen, Tauben, Amsel. Als größeres Leitmotiv erscheint das Symbol des Lichts, das auch im Titel des letzten Abschnitts vorkommt: Dermaßen viel Licht. Auch der traditionell für Unschuld, Reinheit, aber auch das Beschönigen bitterer Wahrheiten stehende Schnee wird nicht nur im oben zitierten Gedicht, sondern an fünf verschiedenen Stellen der Sammlung angesprochen. Der Zustand der Einsamkeit wird zweimal explizit geäußert (Einsamkeit ist keine Zier und Einsam oder allein Ich), scheint jedoch die Grundstimmung einer ganzen Reihe von Gedichten zu sein.
 
Es ist insgesamt der einmal mehr erbrachte Beweis der literarischen Vielseitigkeit Friedrich Anis, dass er in seinen Tanka auf den ersten Blick nur kleine Momentaufnahmen schildert, die aber bei längerem Nachdenken wirken, als erzähle er mit jeweils sehr wenigen Worten und auch mittels der Aussparungen auf ebenso tiefschürfende Art längere Geschichten, wie in seinen mitunter umfangreichen Romanen. 
 
Friedrich Ani, Drüben tanzt ein Luftikus. 141 Tanka. Allitera Verlag 2026, 160 S., ISBN 978-3-96233-510-6.
 
 
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