Max von der Grün zum 100. Geburtstag
Am 25. Mai 2026 wäre der Schriftsteller Max von der Grün 100 Jahre alt geworden. Er war nicht nur die unbestechliche Stimme der Arbeitswelt und Schöpfer des berühmten Kinderbuchs Vorstadtkrokodile, sondern auch ein Mann voller Ecken, Kanten und tiefer Menschlichkeit. Einer, der ihn persönlich kannte, ist der ehemalige Kulturamtsleiter von Weiden, Autorenfreund und Publizist Bernhard M. Baron.
*
„Natürlich kann man sich seine Eltern, und die Zeit, in die man geboren wird, nicht aussuchen. Ich kam 1926 auf die Welt und habe mich oft gefragt, wie war das eigentlich damals.“ (Max von der Grün)
Am Anfang unserer bis zu seinem Tod anhaltenden Freundschaft stand der Roman Zwei Briefe an Pospischiel (1968), den ich mir im Frühjahr 1970 – ich arbeitete damals beim Landratsamt Regensburg – aus der Stadtbibliothek Regensburg ausgeliehen hatte. Da dieser noch dazu in Waldsassen und Bärnau angesiedelt war, mit sozialkritischer Brisanz und Rückblicken auf die NS-Vergangenheit des Oberpfälzer Grenzlandes, schrieb ich spontan dem Dortmunder Autor Max von der Grün, den ich bis dahin nur als Bergmann aus dem Ruhrgebiet von seinen ergreifenden Romanen Männer in zweifacher Nacht (1962) und Irrlicht und Feuer (1963) kannte. Prompt drei Tage später antwortete er: „Das ist ja eine Überraschung, daß ich so einen aktiven Leser in meiner oberpfälzisch-fränkischen Heimat habe. […] Sind Sie vielleicht mit Gerhart Baron verwandt, den ich vor Gründung der ‚Gruppe 61‘ in Linz/Oberösterreich auf Empfehlung von Fritz Hüser besucht habe?“ Fritz Hüser war der damalige Schwiegervater von Max von der Grün, Bibliotheksdirektor in Dortmund, der in den 1940er-Jahren Werks-Bibliothekar in Oberschlesien war und dort meinen „Arbeiterdichter“-Onkel Gerhart kennen- und schätzen gelernt hatte.
Durch einen privaten Besuch in meiner späteren Weidener Wohnung im November 1972, an dem anschließend auch Pressevertreter teilnahmen, wurde ich so zu einer Art „Oberpfälzer Literaturbüro Max von der Grün“. Unzählige Anfragen von Bayreuth bis Regensburg, von Kümmersbruck bis Pleystein, von Weiden bis Mitterteich liefen so über meinen Schreibtisch. Max lud mich auch zu den ZDF-Drehaufnahmen zu Zwei Briefe an Pospischiel (Regie: Roland Gall) ins Stiftland ein.
Als ich 1984 in der „Max-Reger-Stadt“ Weiden das Kultur-Ressort übernahm, initiierte ich als Bücherwurm und Literaturfreund thematisch ausgerichtete „Weidener Literaturtage“ und übernahm im Mai 1985 für die erste Veranstaltung den Titel seines bekannten Jugendbuchs Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich (1979). Und es kam neben Max von der Grün eine wahre Autoren-Phalanx zusammen mit Erich Loest, Bernt Engelmann, Wolfgang Bächler, Hans Dieter Schwarze, Herbert Rosendorfer, August Kühn, Wolf Peter Schnetz, Harald Grill, Sandra Paretti und Therese Angelof.
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Beeindruckt hatten mich zwei offizielle Auftritte Max von der Grüns in seiner Mutterstadt Mitterteich, zu denen ich ihn natürlich auch persönlich begleitete. Bestens vorbereitet hatte der Mitterteicher JUSO-Vorsitzende Hans Lugert am 8./9. November 1980 nach einem offiziellen Empfang in der SPD-Geschäftsstelle eine auf Nachmittag angesetzte Lesung in der Aula der Hauptschule, eine Abendveranstaltung im katholischen Josefsheim (mit anwesendem Stadtpfarrer) sowie einen Sonntags-Frühschoppen im Gasthof Zum Bären, in dem sich Max von der Grün am wohlsten fühlte – wie zu Hause in Dortmund. Auch hier sprach er Klartext: „Es waren keine Honigjahre, die ich in Mitterteich verbrachte. Und die regionale Tageszeitung Der neue Tag titelte darauf Besuch in der Heimat“. Die Publikumsresonanz und die Medienpräsenz waren damals so stark, dass es bald darauf in der Stadtbücherei Mitterteich für eine kurze Zeit eine „Max-von-der-Grün-Ecke“ gab. Ein Porträtfoto soll heute noch daran erinnern. Eine weitere Einladung nach Mitterteich kam vom dortigen späteren Kulturamtsleiter Manfred Knedlik für den 2. November 1988 zu einer öffentlichen Lesung mit Diskussion im Kellerhaus.
Begrüßung Max von der Grüns (zweiter von rechts) durch Bürgermeister Karl Haberkorn (rechts) am 8. November 1980 in der Hauptschule Mitterteich. Links: Hauptschulrektor Heinz Schönberger und SPD-Vorsitzender Hans Lugert. Foto: Werner Männer.
Nun soll – auf Anregung des Mitterteicher „Arbeitskreises Literatur“ – anlässlich seines 100. Geburtstags am Wohnhaus seiner Mutter Margareta, Wehrstr. 1, eine entsprechende Hinweistafel angebracht werden, wo Max von der Grün, von Schönwald/Lkr. Wunsiedel von seinen Großeltern kommend, seit 1942 dort wohnte, jedoch besuchte er bereits 1937/38 die 5. Volksschulklasse in Mitterteich. Max hatte ein besonders gutes Verhältnis zu seiner Mutter, der er auch seinen TV-Film Späte Liebe als liebevolle Hommage widmete (1978; 1982 als Roman aufgelegt): „Vieles aus der Geschichte stammt aus dem Leben meiner Mutter, die mit 68 nochmals geheiratet hat.“ Margareta Mark, geborene von der Grün, hatte am 23. September 1968 wieder geheiratet.
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Wir trafen uns, wo Max von der Grün – Pfeife rauchend, witzig-ironische Bemerkungen auf den Lippen, stets leutselig und kumpelhaft – auch immer zur Lesung kam, sei es in Nürnberg oder in Regensburg. Originell erfrischend waren stets seine spontanen Bemerkungen, wenn er als bewusst engagierter Arbeiter auf allzu naive Fragen von Studenten oder verbildeten Akademikern unwirsch reagierte („Max der Eckige“). Gewissenhaft sammelte ich auch seine vielen Postkarten aus aller Welt, die er, der fließend Englisch sprach, mir von seinen Aufenthalten in Goethe-Instituten sandte: von Island bis Norwegen, von der Türkei bis Afghanistan oder von seiner Gastprofessur in den USA. Unzählige Fahrten durch die Oberpfalz nutzte der Autoliebhaber und in Bischofsgrün im Fichtelgebirge begeisterte Skifahrer für eine erfrischende Rast (zuletzt mit seiner englischen Frau Jennifer Hampton) bei meiner jungen Familie in Weiden, an der auch immer zahlreiche Freunde von mir teilnahmen.
Max von der Grün privat bei Bernhard M. Baron (links) in Weiden am 4. November 1972. Am Schoß Barons Sohn Alexander.
Und immer wieder floss beim Wahl-Dortmunder Max von der Grün nicht nur seine fränkische Geburtsheimat, sondern auch die Oberpfalz in sein literarisches Werk mit ein, so im Hörfunk WDR 2 seine Rundfunkarbeit Abseits vom Wege. Besuch in Flossenbürg (1967). Ähnliches finden wir in seiner Erzählung Im Tal des Todes (1972) in Erinnerung an den Dachauer KZ-Aufenthalt seines Stiefvaters Albert Mark (wohnhaft in Paulusbrunn/Böhmen), der 1938 als „Zeuge Jehovas“ verfolgt wurde. In Reisen in die Gegenwart (1976) schildet Max von der Grün seiner mitreisenden Tochter Rita Eindrücke bei der Wiederbegegnung mit Bärnau: wie seine Mutter Margareta „in den weiten Wäldern der Umgebung Blaubeeren und später Preiselbeeren pflückte. Wir sammelten auch Pfifferlinge und Steinpilze und verkauften sie, wir mussten leben, mein Vater, jetzt Opa, saß in Dachau, und meine Mutter bekam vom Staat nichts dafür bezahlt, dass eben dieser Staat ihren Mann hinter Stacheldraht verwahrte [...].“ Ähnlich thematisch seine Kurzgeschichte „Grenze“ aus dem Erzählband Fahrtunterbrechung (1965). Details seiner Oberpfälzer Kindheit und Jugend, die Geschichte seiner Familie finden wir ausführlich vor dem Hintergrund deutscher Geschichte als Epoche totalitärer Herrschaft in seinem schon erwähnten Jugendbuch-Klassiker Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich (1979).
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„Schreiben ist doch nichts anderes, als dass ich mich hinsetze und versuche, eine Geschichte zu erzählen“, meinte Max von der Grün einmal in einem Interview. Und wir alle lasen, hörten ihm gleichsam zu. Mit seinen verständlich und unterhaltsam geschriebenen sozialkritischen Büchern, die fast allesamt verfilmt wurden und vom Stil an Werke von Ernest Hemingway und B. Traven erinnern; die Jung und Alt zur Lektüre, ja schon zur Schullektüre im Lesebuch motivierten, versuchte Max von der Grün den Menschen über sich selbst und die Gesellschaft, in der er lebte, aufzuklären und, soweit möglich, auch positiv zu verändern. Max von der Grün, der „Revier-Goethe“ (DER SPIEGEL), ist einer der meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum und wohl der am meisten verfilmte deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit (u.a. durch Regisseure wie Wolfgang Becker, Wolfgang Petersen und Ilse Hofmann), zweifellos auch einer der wichtigsten.
Links: Max von der Grün im Gespräch mit Bernhard M. Baron in der Galerie Schlegl in Weiden (November 1978). Foto: Hubert Schlegl. Rechts: Max von der Grün mit Grubenlampe. Foto: Jennifer von der Grün.
Als Max von der Grün am 7. April 2005 in Dortmund starb, hatte ich zwar auf Erden einen wirklichen Freund verloren, aber im Geiste steht er mir heute noch inspirierend und stärkend zur Seite. „Er hatte für den Menschen Partei ergriffen“, schrieb folgerichtig Markus Thiel in seinem Nachruf im Münchner Merkur. Seine engagierte und humanistische Seele lebt in seiner Literatur fort und damit auch in uns Lesern. Er ist einer von uns, der etwas zu sagen hat. Es ist an der Zeit, ihn wieder neu zu entdecken!
Arnold, Heinz Ludwig (Hg.) (1971): Gruppe 61. Arbeiterliteratur – Literatur der Arbeitswelt? Edition text + kritik, München.
Baron, Bernhard M. (2010): Max von der Grün – einer von uns. Zeit für eine persönliche und literarische Renaissance In: Heimat – Landkreis Tirschenreuth. Bd. 22, S. 82-90.
Baumer, Ulla Britta (2026): Veranstaltungen zum 100. Geburtstag von Schriftsteller Max von der Grün… [auch für eine Gedenktafel ist schon alles vorbereitet] (Sonderseite). In: Der neue Tag (Weiden), Region, 27. Februar.
Hüser, Fritz (2008): Fritz Hüser 1908-1979. Briefe, i.A. der Fritz-Hüser-Gesellschaft, hg. von Jasmin Grande, Oberhausen.
Knedlik, Manfred (1995): Landkreis Tirschenreuth. Zwei literarische Reisen, hg. vom Landkreis Tirschenreuth, Tirschenreuth, S. 11, 16 u. 28.
Moser, Dietz-Rüdiger (Hg.) (1997): Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. Bd. 1. Nymphenburger Verlag, München, S. 426-428.
Schweiggert, Alfons (2004): Max von der Grün (*25.5.1926). Repräsentant der bundesrepublikanischen Arbeiterliteratur. In: Autoren und Autorinnen in Bayern. 20. Jahrhundert. Hg. von Alfons Schweiggert und Hannes S. Macher. Verlagsanstalt Bayerland, Dachau, S. 264f.
Externe Links:Max von der Grün zum 100. Geburtstag>
Am 25. Mai 2026 wäre der Schriftsteller Max von der Grün 100 Jahre alt geworden. Er war nicht nur die unbestechliche Stimme der Arbeitswelt und Schöpfer des berühmten Kinderbuchs Vorstadtkrokodile, sondern auch ein Mann voller Ecken, Kanten und tiefer Menschlichkeit. Einer, der ihn persönlich kannte, ist der ehemalige Kulturamtsleiter von Weiden, Autorenfreund und Publizist Bernhard M. Baron.
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„Natürlich kann man sich seine Eltern, und die Zeit, in die man geboren wird, nicht aussuchen. Ich kam 1926 auf die Welt und habe mich oft gefragt, wie war das eigentlich damals.“ (Max von der Grün)
Am Anfang unserer bis zu seinem Tod anhaltenden Freundschaft stand der Roman Zwei Briefe an Pospischiel (1968), den ich mir im Frühjahr 1970 – ich arbeitete damals beim Landratsamt Regensburg – aus der Stadtbibliothek Regensburg ausgeliehen hatte. Da dieser noch dazu in Waldsassen und Bärnau angesiedelt war, mit sozialkritischer Brisanz und Rückblicken auf die NS-Vergangenheit des Oberpfälzer Grenzlandes, schrieb ich spontan dem Dortmunder Autor Max von der Grün, den ich bis dahin nur als Bergmann aus dem Ruhrgebiet von seinen ergreifenden Romanen Männer in zweifacher Nacht (1962) und Irrlicht und Feuer (1963) kannte. Prompt drei Tage später antwortete er: „Das ist ja eine Überraschung, daß ich so einen aktiven Leser in meiner oberpfälzisch-fränkischen Heimat habe. […] Sind Sie vielleicht mit Gerhart Baron verwandt, den ich vor Gründung der ‚Gruppe 61‘ in Linz/Oberösterreich auf Empfehlung von Fritz Hüser besucht habe?“ Fritz Hüser war der damalige Schwiegervater von Max von der Grün, Bibliotheksdirektor in Dortmund, der in den 1940er-Jahren Werks-Bibliothekar in Oberschlesien war und dort meinen „Arbeiterdichter“-Onkel Gerhart kennen- und schätzen gelernt hatte.
Durch einen privaten Besuch in meiner späteren Weidener Wohnung im November 1972, an dem anschließend auch Pressevertreter teilnahmen, wurde ich so zu einer Art „Oberpfälzer Literaturbüro Max von der Grün“. Unzählige Anfragen von Bayreuth bis Regensburg, von Kümmersbruck bis Pleystein, von Weiden bis Mitterteich liefen so über meinen Schreibtisch. Max lud mich auch zu den ZDF-Drehaufnahmen zu Zwei Briefe an Pospischiel (Regie: Roland Gall) ins Stiftland ein.
Als ich 1984 in der „Max-Reger-Stadt“ Weiden das Kultur-Ressort übernahm, initiierte ich als Bücherwurm und Literaturfreund thematisch ausgerichtete „Weidener Literaturtage“ und übernahm im Mai 1985 für die erste Veranstaltung den Titel seines bekannten Jugendbuchs Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich (1979). Und es kam neben Max von der Grün eine wahre Autoren-Phalanx zusammen mit Erich Loest, Bernt Engelmann, Wolfgang Bächler, Hans Dieter Schwarze, Herbert Rosendorfer, August Kühn, Wolf Peter Schnetz, Harald Grill, Sandra Paretti und Therese Angelof.
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Beeindruckt hatten mich zwei offizielle Auftritte Max von der Grüns in seiner Mutterstadt Mitterteich, zu denen ich ihn natürlich auch persönlich begleitete. Bestens vorbereitet hatte der Mitterteicher JUSO-Vorsitzende Hans Lugert am 8./9. November 1980 nach einem offiziellen Empfang in der SPD-Geschäftsstelle eine auf Nachmittag angesetzte Lesung in der Aula der Hauptschule, eine Abendveranstaltung im katholischen Josefsheim (mit anwesendem Stadtpfarrer) sowie einen Sonntags-Frühschoppen im Gasthof Zum Bären, in dem sich Max von der Grün am wohlsten fühlte – wie zu Hause in Dortmund. Auch hier sprach er Klartext: „Es waren keine Honigjahre, die ich in Mitterteich verbrachte. Und die regionale Tageszeitung Der neue Tag titelte darauf Besuch in der Heimat“. Die Publikumsresonanz und die Medienpräsenz waren damals so stark, dass es bald darauf in der Stadtbücherei Mitterteich für eine kurze Zeit eine „Max-von-der-Grün-Ecke“ gab. Ein Porträtfoto soll heute noch daran erinnern. Eine weitere Einladung nach Mitterteich kam vom dortigen späteren Kulturamtsleiter Manfred Knedlik für den 2. November 1988 zu einer öffentlichen Lesung mit Diskussion im Kellerhaus.
Begrüßung Max von der Grüns (zweiter von rechts) durch Bürgermeister Karl Haberkorn (rechts) am 8. November 1980 in der Hauptschule Mitterteich. Links: Hauptschulrektor Heinz Schönberger und SPD-Vorsitzender Hans Lugert. Foto: Werner Männer.
Nun soll – auf Anregung des Mitterteicher „Arbeitskreises Literatur“ – anlässlich seines 100. Geburtstags am Wohnhaus seiner Mutter Margareta, Wehrstr. 1, eine entsprechende Hinweistafel angebracht werden, wo Max von der Grün, von Schönwald/Lkr. Wunsiedel von seinen Großeltern kommend, seit 1942 dort wohnte, jedoch besuchte er bereits 1937/38 die 5. Volksschulklasse in Mitterteich. Max hatte ein besonders gutes Verhältnis zu seiner Mutter, der er auch seinen TV-Film Späte Liebe als liebevolle Hommage widmete (1978; 1982 als Roman aufgelegt): „Vieles aus der Geschichte stammt aus dem Leben meiner Mutter, die mit 68 nochmals geheiratet hat.“ Margareta Mark, geborene von der Grün, hatte am 23. September 1968 wieder geheiratet.
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Wir trafen uns, wo Max von der Grün – Pfeife rauchend, witzig-ironische Bemerkungen auf den Lippen, stets leutselig und kumpelhaft – auch immer zur Lesung kam, sei es in Nürnberg oder in Regensburg. Originell erfrischend waren stets seine spontanen Bemerkungen, wenn er als bewusst engagierter Arbeiter auf allzu naive Fragen von Studenten oder verbildeten Akademikern unwirsch reagierte („Max der Eckige“). Gewissenhaft sammelte ich auch seine vielen Postkarten aus aller Welt, die er, der fließend Englisch sprach, mir von seinen Aufenthalten in Goethe-Instituten sandte: von Island bis Norwegen, von der Türkei bis Afghanistan oder von seiner Gastprofessur in den USA. Unzählige Fahrten durch die Oberpfalz nutzte der Autoliebhaber und in Bischofsgrün im Fichtelgebirge begeisterte Skifahrer für eine erfrischende Rast (zuletzt mit seiner englischen Frau Jennifer Hampton) bei meiner jungen Familie in Weiden, an der auch immer zahlreiche Freunde von mir teilnahmen.
Max von der Grün privat bei Bernhard M. Baron (links) in Weiden am 4. November 1972. Am Schoß Barons Sohn Alexander.
Und immer wieder floss beim Wahl-Dortmunder Max von der Grün nicht nur seine fränkische Geburtsheimat, sondern auch die Oberpfalz in sein literarisches Werk mit ein, so im Hörfunk WDR 2 seine Rundfunkarbeit Abseits vom Wege. Besuch in Flossenbürg (1967). Ähnliches finden wir in seiner Erzählung Im Tal des Todes (1972) in Erinnerung an den Dachauer KZ-Aufenthalt seines Stiefvaters Albert Mark (wohnhaft in Paulusbrunn/Böhmen), der 1938 als „Zeuge Jehovas“ verfolgt wurde. In Reisen in die Gegenwart (1976) schildet Max von der Grün seiner mitreisenden Tochter Rita Eindrücke bei der Wiederbegegnung mit Bärnau: wie seine Mutter Margareta „in den weiten Wäldern der Umgebung Blaubeeren und später Preiselbeeren pflückte. Wir sammelten auch Pfifferlinge und Steinpilze und verkauften sie, wir mussten leben, mein Vater, jetzt Opa, saß in Dachau, und meine Mutter bekam vom Staat nichts dafür bezahlt, dass eben dieser Staat ihren Mann hinter Stacheldraht verwahrte [...].“ Ähnlich thematisch seine Kurzgeschichte „Grenze“ aus dem Erzählband Fahrtunterbrechung (1965). Details seiner Oberpfälzer Kindheit und Jugend, die Geschichte seiner Familie finden wir ausführlich vor dem Hintergrund deutscher Geschichte als Epoche totalitärer Herrschaft in seinem schon erwähnten Jugendbuch-Klassiker Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich (1979).
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„Schreiben ist doch nichts anderes, als dass ich mich hinsetze und versuche, eine Geschichte zu erzählen“, meinte Max von der Grün einmal in einem Interview. Und wir alle lasen, hörten ihm gleichsam zu. Mit seinen verständlich und unterhaltsam geschriebenen sozialkritischen Büchern, die fast allesamt verfilmt wurden und vom Stil an Werke von Ernest Hemingway und B. Traven erinnern; die Jung und Alt zur Lektüre, ja schon zur Schullektüre im Lesebuch motivierten, versuchte Max von der Grün den Menschen über sich selbst und die Gesellschaft, in der er lebte, aufzuklären und, soweit möglich, auch positiv zu verändern. Max von der Grün, der „Revier-Goethe“ (DER SPIEGEL), ist einer der meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum und wohl der am meisten verfilmte deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit (u.a. durch Regisseure wie Wolfgang Becker, Wolfgang Petersen und Ilse Hofmann), zweifellos auch einer der wichtigsten.
Links: Max von der Grün im Gespräch mit Bernhard M. Baron in der Galerie Schlegl in Weiden (November 1978). Foto: Hubert Schlegl. Rechts: Max von der Grün mit Grubenlampe. Foto: Jennifer von der Grün.
Als Max von der Grün am 7. April 2005 in Dortmund starb, hatte ich zwar auf Erden einen wirklichen Freund verloren, aber im Geiste steht er mir heute noch inspirierend und stärkend zur Seite. „Er hatte für den Menschen Partei ergriffen“, schrieb folgerichtig Markus Thiel in seinem Nachruf im Münchner Merkur. Seine engagierte und humanistische Seele lebt in seiner Literatur fort und damit auch in uns Lesern. Er ist einer von uns, der etwas zu sagen hat. Es ist an der Zeit, ihn wieder neu zu entdecken!
Arnold, Heinz Ludwig (Hg.) (1971): Gruppe 61. Arbeiterliteratur – Literatur der Arbeitswelt? Edition text + kritik, München.
Baron, Bernhard M. (2010): Max von der Grün – einer von uns. Zeit für eine persönliche und literarische Renaissance In: Heimat – Landkreis Tirschenreuth. Bd. 22, S. 82-90.
Baumer, Ulla Britta (2026): Veranstaltungen zum 100. Geburtstag von Schriftsteller Max von der Grün… [auch für eine Gedenktafel ist schon alles vorbereitet] (Sonderseite). In: Der neue Tag (Weiden), Region, 27. Februar.
Hüser, Fritz (2008): Fritz Hüser 1908-1979. Briefe, i.A. der Fritz-Hüser-Gesellschaft, hg. von Jasmin Grande, Oberhausen.
Knedlik, Manfred (1995): Landkreis Tirschenreuth. Zwei literarische Reisen, hg. vom Landkreis Tirschenreuth, Tirschenreuth, S. 11, 16 u. 28.
Moser, Dietz-Rüdiger (Hg.) (1997): Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. Bd. 1. Nymphenburger Verlag, München, S. 426-428.
Schweiggert, Alfons (2004): Max von der Grün (*25.5.1926). Repräsentant der bundesrepublikanischen Arbeiterliteratur. In: Autoren und Autorinnen in Bayern. 20. Jahrhundert. Hg. von Alfons Schweiggert und Hannes S. Macher. Verlagsanstalt Bayerland, Dachau, S. 264f.




