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27.05.2026, 09:01 Uhr
Redaktion
Spektakula

Der US-amerikanische Autor Percival Everett spricht im Münchner Literaturhaus über sein Schaffen

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© Literaturportal Bayern

Der Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger Percival Everett hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Spätestens mit James, einer Neufassung des Romans Adventures of Huckleberry Finn von Mark Twain aus der Sicht des entlaufenen Sklaven, ist er auch in Deutschland berühmt geworden.

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Es wird nicht ganz klar, warum dieser 4. Mai im Literaturhaus München unter dem Motto „Ausradiert“ steht, denn der so (Erasure) betitelte Roman des US-Amerikaners Percival Everett ist im Original bereits 25 Jahre alt. Allerdings ist er jüngst in Deutsche übersetzt worden. Everett ist auch nicht für eine Lesung gekommen, sondern für ein Gespräch, das der Chefredakteur des SZ-Magazins Michael Ebert moderiert. Für einige Tage ist der National-Book-Award- und Pulitzer-Preisträger als „Distinguished Visitor“ bei der American Academy in Berlin zu Gast. Das Gespräch findet komplett auf Englisch statt und ist nicht gedolmetscht.

Zu Everetts Oeuvre gehören neben Romanen auch Kurzgeschichten, Essays und Kinderbücher. Hervorzuheben sind dabei außer Erasure, einer bissigen Satire auf den amerikanischen Literaturbetrieb, I Am Not Sidney Poitier, The Trees, Dr. No sowie der schon erwähnte James. Everett sagt über seine Überschreibung der Abenteuer des Huckleberry Finn (1885) von Mark Twain, ihn habe interessiert, wie sich die Geschichte verändere, wenn die bislang marginalisierte Figur des Sklaven Jim ins Zentrum rücke. Literatur könne verdrängte Perspektiven stark machen. Er verstehe sich dabei nicht als Autor, der Lösungen anbiete, sondern als jemand, der Fragen stelle und Widersprüche sichtbar mache.

Michael Ebert befragt Everett auch zur aktuellen politischen Lage in den USA. Vor der letzten US-Präsidentschaftswahl 2024 habe Everett den Sieg Donald Trumps und vier Jahre Chaos vorausgesagt. Everett weist darauf hin, dass die USA seit ihrer Gründung von Widersprüchen geprägt seien: Demokratie und Wohlstand gründeten auf der Vertreibung Indigener und der Versklavung vor allem afrikanischer Menschen. Über die aktuelle Situation in den USA zeigt er sich besorgt.

Jedes neue Buch beginnt mit einer Unsicherheit

Ausführlich spricht Everett auch über Erasure. Der Roman setzt sich insbesondere mit stereotypen Erwartungen des US-Literaturbetriebs an schwarze Autoren und ihr Schreiben auseinander. Der Protagonist der Geschichte ist ein Vertreter der Ästhetik des Nouveau Roman, hat damit jedoch keinen Erfolg. In den Buchhandlungen werden seine Werke unter „African American Fiction“ eingereiht. Von afroamerikanischen Schreibenden wiederum wird erwartet, sich mit Themen wie Armut und Gewalt auseinanderzusetzen und ein gewisse Street- bzw. Ghetto-Credibility wenigstens vorzutäuschen. Gegen solche Reduktionismen wendet sich der US-Autor mit seinen komplex angelegten und widersprüchlichen Figuren.

Zum Literaturbetrieb halte er Distanz, behauptet Percival Everett. Preise und öffentliche Aufmerksamkeit bedeuteten ihm wenig. Auch der enorme Erfolg von James habe sein Schreiben nicht verändert. Jedes neue Buch beginne mit einer Unsicherheit, das Schreiben sei eine Suchbewegung. Bei James habe er schon früh den ersten Satz gewusst und dann immer auf diesen hin schreiben können.
Everett erzählt auch von seiner Kindheit in Columbia, South Carolina. Viele Angehörige seiner Familie sind im medizinischen Bereich tätig. Ihn dagegen hätten bereits früh Bücher fasziniert. Literatur sei für ihn nie Flucht gewesen, sondern vor allem ein Raum der Neugier und des Denkens.

Eine Zeitlang studiert Everett Philosophie und Biochemie an der University of Miami. Die Philosophie habe ihn zunehmend frustriert, weil sie oft weit von konkreter menschlicher Erfahrung entfernt erscheine. Er hebt hervor, wie Literatur auch philosophische Fragen indirekt und lebendig behandeln könne, ohne ihre Komplexität zu reduzieren. Der Sprache gegenüber hegt Percival Everett ein gewissen Misstrauen. Wörter könnten Wirklichkeit niemals vollständig erfassen. Eben bei diesem Versuch, etwas auszudrücken, das sich nie ganz ausdrücken lasse, entstehe Literatur.

Im Gespräch mit dem Publikum wird Everett schließlich zu seiner Haltung gegenüber Künstlicher Intelligenz befragt. Der Autor zeigt sich skeptisch. KI-Systeme könnten Informationen kombinieren und Sprache imitieren, verstünden aber nichts wirklich. Besonders kritisch betrachtet er die Fähigkeit von KI, überzeugend falsche Informationen zu erzeugen. Menschliche Kreativität werde sie niemals ersetzen.

Im Anschluss an das etwa einstündige Gespräch mit einem sehr souveränen, dabei gelassen wirkenden Künstler zeigt das Literaturhaus noch American Fiction (2023), die Verfilmung des Romans Ausradiert.