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31.03.2026, 11:04 Uhr
Gunna Wendt
Text & Debatte

Jürgen Habermas und die erste Signierstunde seines Lebens in München

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Jürgen Habermas (l.) in der Buchhandlung Lentner 2019 (rechts im Bild: Gunna Wendt). Alle Bilder © Gunna Wendt

Am 14. März 2026 verstarb der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas (1929-2026) in seinem Haus in Starnberg. Als weltweit prägender Denker der Kritischen Theorie war er weit mehr als ein akademischer Beobachter: Vom Max-Planck-Institut in Starnberg, das er von 1971 bis 1981 gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker leitete, bis hin zur Münchner Kulturszene blieb er zeitlebens ein präsenter Akteur. Ob als Träger des Kulturellen Ehrenpreises der Stadt (2012), im Dialog mit Rachel Salamander oder zuletzt als Mahner für die Demokratie bei der Siemens Stiftung – Habermas prägte den kritischen Diskurs Münchens wie kaum ein anderer. Was nur wenige wissen: Im Dezember 2019 hielt er – anlässlich seines 90. Geburtstages – eine Signierstunde in der Buchhandlung Lentner am Marienplatz ab – die erste seines Lebens. Autorin Gunna Wendt erinnert sich.

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Dienstag, 3. Dezember 2019 kurz vor 15 Uhr

In der Buchhandlung Lentner am Münchner Marienplatz herrscht großer Andrang und große Aufregung: Jürgen Habermas wird zur Signierstunde erwartet. Dazu eingeladen hat Dr. Franz Klug, der damalige Geschäftsführer der Buchhandlung. Anlässlich des 90. Geburtstags von Jürgen Habermas im Juni 2019 hatte er bereits im Gasteig und im Haus Buchenried am Starnberger See seinen Vortragszyklus zum aktuellen Werk des Soziologen und Philosophen, Auch eine Geschichte der Philosophie, präsentiert. 

Vorträge und Lesungen halte er nicht mehr, so Habermas, aber gegen eine Signierstunde sei nichts einzuwenden. Er hatte angekündigt, mit der S-Bahn von seinem Wohnort Starnberg nach München zu fahren und wollte nicht abgeholt werden – bloß keine Umstände. Er würde pünktlich in der Buchhandlung sein. Als ich kurz vor 15 Uhr nach ihm Ausschau hielt, kam er mir schon von der S-Bahn-Station entgegen: hochaufgerichtet und eiligen Schrittes.

Nach der Begrüßung in der Buchhandlung begann er die Signierstunde mit einem Geständnis. Er erklärte: „Es gibt ja nicht so viele Dinge, die man mit 90 zum ersten Mal macht. Aber heute erlebe ich eins von diesen Dingen: die erste Signierstunde meines Lebens.“

Er hat sie sichtlich genossen – genau wie die Arbeit an seinem zweibändigen Monumentalwerk, über dessen Entstehung er im Vorwort berichtet: „Ein Motiv, das mich auch zu der müßigen und ziemlich lange anhaltenden Altersbeschäftigung mit der Geschichte der Philosophie geführt hat, möchte ich nicht verschweigen. Es hat mir einfach Spaß gemacht, die Lektüre vieler bedeutender Texte, die ich nie gelesen hatte, nachzulesen, und viele andere Texte, die ich in aktuellen Zusammenhängen schon so oft konsumiert hatte, wieder zu lesen – aber dieses mal aus der Sicht eines alt gewordenen, auf sein eigenes, vergleichsweise verschontes Leben zurückblickenden Philosophieprofessors.“

Dass es auch für die Leserinnen und Leser ein Vergnügen ist, Habermas zu lesen, kann ich nur bestätigen. Manchmal zwar ein anstrengendes, aber immer ein bereicherndes, wie ich schon früh erfahren durfte: während meines Soziologiestudiums in Hannover bei Oskar Negt, der eine Zeitlang in Frankfurt Assistent von Habermas gewesen war. Und so ließ ich mir nicht nur das neue Werk signieren, sondern aus nostalgischen Gründen auch Strukturwandel der Öffentlichkeit.

In seinem letzten Werk Auch eine Geschichte der Philosophie untersucht Habermas, wie sich das Verhältnis von Glauben und Wissen von der Achsenzeit bis ins 19. Jahrhundert verändert hat. Die Philosophiegeschichte, vor allem im christlichen Europa des Mittelalters, war untrennbar mit der Religion verbunden, bevor sie sich von ihr abgelöst hat. Habermas erklärt zum Verhältnis von Philosophie und Religion: „Mit ihrer einbeziehenden Universalität und umarmenden Liberalität, ihrem Willen zu grenzenloser Kommunikation beansprucht die Philosophie gegenüber allen anderen Glaubensmächten ihre Überlegenheit, wenn nicht in der Sache, so doch in der Methode. Während sich religiöse Lehren dogmatisch verfestigen, lässt sich die Philosophie im Bewusstsein ihrer Verpflichtung zur Argumentation durch Einwände vorbehaltlos herausfordern.“

Dieser Verpflichtung zur Argumentation und damit Kommunikation ist Habermas zeitlebens nachgekommen. Nicht nur deshalb fehlt nun seine kluge kritische Stimme.