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Kleine Geschichte der „Literatur in Bayern“

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Verschiedene Cover der "Literatur in Bayern" seit ihrem Bestehen © Foto: Werner Gruban

Seit 1985 treibt die Zeitschrift Literatur in Bayern in ebendiesem Bundesland ihr Wesen. Über Gründung und Entwicklung, berühmte und weniger berühmte Beiträgerinnen und Beiträger, über einen nicht eben schmalen Literaturbegriff sowie seine eigene mittlerweile (2025) 15-jährige Probezeit als Herausgeber des einzigartigen Literaturmagazins schreibt hier Gerd Holzheimer.

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Im Vorwort der ersten Ausgabe von Literatur in Bayern im September 1985 beschreibt ihr Begründer Dietz-Rüdiger Moser, worum es dieser neuen Zeitschrift geht: „Der regionale Bezugspunkt wird dabei nicht als Hindernis auf dem Weg zu einem überregionalen Standard der Beiträge angesehen …“ Und: Sie „vertritt weder einen schmalen Literaturbegriff noch eine enge oder gar kämpferisch ideologisierte Vorstellung von Bayern“. Auch versteht Moser die Zeitschrift „als Podium zur Vorstellung von Unbekanntem, Neuem, Unkonventionellem und Wagemutigem“. Als Maßstab gilt freilich immer „die literarische Qualität“.

Geradezu programmatisch, was die Überregionalität betrifft, beginnt diesem Geleitwort folgend die erste Ausgabe mit einem Beitrag über den „Marktplatz von Machu Pichu“ von Harald Weinrich als Autor, welcher „Deutsch als Fremdsprache“ maßgeblich an den Universitäten etablierte. In München erhielt er den neu eingerichteten Lehrstuhl zu diesem Fach. Damit schaffte er Raum für eine literaturwissenschaftliche Rezeption der deutschsprachigen Literatur von Migranten. Manifesten Niederschlag fand diese Entwicklung seit 1985, vielleicht nicht ganz zufälligerweise im Jahr der Gründung der Literatur in Bayern, im Adelbert-von-Chamisso-Preis, der fortan bis zum März 2017 jährlich verliehen wurde.

Ebenfalls kein Zufall, dass Klaus Hübner, der Leiter des Sekretariats und damit Organisator des Adelbert-von-Chamisso-Preises der Robert Bosch Stiftung (2003-2017), seit 2012 Redaktionsmitglied der Zeitschrift Literatur in Bayern ist? Nein, Fügung. Und auch kein Zufall, dass Albert Völkmann, Inge Holzheimer und Herbert Woyke 1990 den A1 Verlag gründeten, der seinen Schwerpunkt auf eine Literatur von Autorinnen und Autoren legte, deren Muttersprache nicht die deutsche war, die aber auf Deutsch schrieben und schreiben. Heute würde man das wohl der so genannten Migrantenliteratur zurechnen. Einige der Autoren aus dem Haus sind Preisträger des Adelbert-von-Chamisso-Preises. „A1 Informationen“, wie der vollständige Name des Verlags hieß, hat seinen eigentümlichen Namen dem Aktionsraum 1 zu verdanken, einer Fabrik- oder Werkhalle unweit des Goetheplatzes (sic!), in dem von 1969 bis 1970 „Aktionskünstler“, wie Günter Brus, HA Schult oder Hermann Nitsch erste Proben ihrer seinerzeit neuen Kunst der Öffentlichkeit zugänglich machten.

Auch eine Fügung – aber nicht aufgrund der Tatsache, dass sie und Gerd Holzheimer verheiratet sind, sondern aufgrund ihrer während 30-jähriger Tätigkeit als Mitverlegerin in dem oben genannten A1 Verlag erworbenen Kompetenzen –, dass Inge Holzheimer inzwischen Vorsitzende des Vereins Freunde der Literatur in Bayern e.V. ist und u.a. die arbeitsreiche Nahtstelle zwischen Redaktion und Allitera-Verleger Alexander Strathern übernimmt. Ab der Ausgabe 119 im Jahre 2015 hat die Literatur in Bayern ihre Heimat beim Allitera Verlag gefunden.

Am 18. März 1985 fand die Gründungsversammlung der Vereinigung der Freunde Bayerischer Literatur in München statt; inzwischen Freunde der Literatur in Bayern e.V. Zu den Gründungsmitgliedern gehören u.a. die Verleger Ernst Reinhard Piper und Martin Ehrenwirth, sowie der Lehrer und Autor Hannes S. Macher, der bis zu seinem Tod Mitte April 2023 von der ersten Stunde an zur Redaktion der Literatur in Bayern gehörte, das „Urgestein“ dieser Zeitschrift.

Viele Geschichten zur 40-jährigen Historie der Literatur in Bayern wären zu erzählen. In der schon erwähnten, ersten Ausgabe ist auch bereits Herbert Rosendorfer vertreten, mit zwei Beiträgen, ebenso Harald Grill – und Dietz-Rüdiger Moser, der Chef des Hauses, führt ein Interview mit  Otfried Preußler. Bald kam auch der damals schon weltberühmte Michael Ende hinzu. Das allein zeigt, welcher Geist in der Zeitschrift weht, der Zeitgenossen wie den Heimatpfleger Paul Ernst Rattelmüller zu wutschäumenden Ausfällen veranlasst hat, auch durchaus sehr persönlich gegen Moser gerichtet. Schon seit der Nummer 4 finden zum Beispiel Autoren wie August Kühn (siehe soeben erst wieder in der LiB 161 erwähnt) und Carl Amery ihren Platz, einen äußerst kritischen Platz, der mit behäbigen Bavarica nichts zu tun hat, aber auch gar nichts – und doch zutiefst verwurzelt ist in diesem Land und seiner Sprache, Bavarica neuer Prägung.

Interessanterweise fand das Institut für Bayerische Literaturgeschichte und damit die Zeitschrift Literatur in Bayern ihre Heimat nicht im Institut für Deutsche Philologie in der Schellingstraße, sondern im Amerikahaus. Das Amerikahaus war aus dem ehemaligen „Führerbau“ in der Arcisstraße, wo es seit 1948 im Rahmen des Reeducation-Programms den Versuch unternahm, den Deutschen die Vorzüge der Demokratie nahezubringen, 1957 an den nahen Karolinenplatz in den neuen Bau mit der Kuppel umgezogen. Mit der Kuppel stellte der rechteckige Nachkriegsbau die Vereinigung der beiden geometrischen Grundformen dar. Vermeintliche Gegensätze verschmolzen zu einem großen Ganzen.

Eines Tages schwebte aus der Kuppel dieses Hauses die 3D-Nachbildung des Simplicissimus-Logos in das Atrium herab. Sah man aus den Fenstern des Instituts, fiel der Blick auf das „Hotel Marienbad“, in dem einst Rainer Maria Rilke gerne logierte. In umgekehrter Blickrichtung schaute man von der rückwärtigen Fassade des „Führerbaus“, die noch übersät ist von den Folgen eingeschlagener Geschosse, auf das Amerikahaus. Und da steht natürlich auf dem Karolinenplatz der Obelisk, aufgestellt für die 30.000 in Napoleons Russland-Feldzug gefallenen bayerischen Soldaten. Und da ist das ehemalige Prinz-Georg-Palais, das Haus Karolinenplatz 5, in dem am 6. Mai 1919 von Regierungssoldaten und Freikorps 21 Mitglieder des katholischen Gesellenvereins St. Joseph, heute Kolpingfamilie, brutal ermordet wurden, weil man sie als „Spartakisten“ verdächtigte. Topografisch stand das Institut für Bayerische Literaturgeschichte regelrecht in einem Fadenkreuz historischer Schauplätze.

Ende der Neunzigerjahre wurde das Amerikahaus geschlossen. Amerika brauchte kein Amerikahaus mehr. Das Institut für Bayerische Literaturgeschichte musste einen Umzug in die Theresienstraße 39 über sich ergehen lassen, in das Haus der Mathematik, teils in den Keller, in fachfremde Räume der Tristesse, was aber nicht an der Mathematik lag. Die Simplicissimus-Bulldogge stand auf dem Gehsteig der Theresienstraße, bereit zur Abholung für den Sperrmüll. Eine 14-jährige Geschichte war 1999 zu Ende gegangen.

Im Jahre 2004 erfolgte die Emeritierung Dietz-Rüdiger Mosers, sechs Jahre blieben ihm noch bis zu seinem Tod am 23. Mai 2010. Auf dem Friedhof wurde mir überbracht, dass „der Moser“ mich zum Nachfolger in der Herausgabe der Zeitschrift Literatur in Bayern ausersehen hatte. Hätte er mir das zu Lebzeiten gesagt, dann hätte ich geantwortet: „Das ist sehr ehrenvoll, lieber Moser, aber i bin’s ned!“ Was aber sagt man zu einem, der nicht mehr unter uns Irdischen weilt? Es ist ein Vermächtnis, und dem hat man Folge zu leisten. Da braucht man gar nicht lang zu überlegen. Vorsichtshalber sprach ich davon, dass ich es probehalber ein Jahr lang versuchen werde. Das ist 15 Jahre her.

Der Beitrag erschien zuerst in der Literatur in Bayern Nr. 162.