Serhij Zhadan und Chrystia Freeland treten im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz auf
Am Vorabend der Münchner Sicherheitskonferenz, dem 12. Februar 2026, sprachen der ukrainische Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels (2022) Serhij Zhadan sowie die kanadische Publizistin und Politikerin Chrystia Freeland mit Volker Weidermann über die ungewisse Zukunft der Ukraine.
*
Dass dies kein gewöhnlicher Abend im Literaturhaus München wird, ist bereits draußen spürbar. Das Nobelhotel Bayerischer Hof, in dem die politische Prominenz absteigt, liegt nicht weit entfernt, und von dort die Straße hinab bis an den Salvatorplatz ist alles voll mit Polizeiwagen, uniformierten Beamten und Männern in zivilen Anzügen mit weißen Hemden und Knopf im Ohr. Vor mehreren Häusern sind Zelte aufgebaut. Sie beherbergen Sicherheitsschleusen. Passanten können sich frei bewegen, doch die Atmosphäre ist nicht eben gemütlich.
Im gut gefüllten Saal des Literaturhauses legt sich das Gefühl, in einer Hochsicherheitszone zu sein, schnell wieder. Volker Weidermann, Journalist der ZEIT, und der Charkiwer Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan betreten die Bühne. Chrystia Freeland kommt aufgrund des heutigen Streits an deutschen Flughäfen erst später dazu. Der Autor nennt sich bei der Vorstellung einen „singer songwriter and soldier.“ Der Moderator gibt seiner Nervosität Ausdruck; sein Konzept für den Abend ist offensichtlich ins Wanken geraten. Zhadan hat jedoch genug zu sagen. Er erzählt vom Krieg in der Ukraine, der seit Beginn der russischen Vollinvasion nun bereits vier Jahre anhält.
Eindringlich schildert er, wie viel alltägliches Leben – etwa der Schulunterricht – sich in der frontnahen ukrainischen Metropole im Untergrund abspielt, wo die Menschen eher vor russischen Bomben, Raketen und Drohnen geschützt sind als über der Erde. Seiner Schätzung nach ist die Bevölkerung Charkiws von 1,5 auf 1,3 Mio. Menschen geschrumpft, wobei etwa 300.000 aus der Ost-Ukraine Vertriebene seien. Aber: Charkiw lebt, es werden dort Güter produziert und das kulturelle Leben ist nicht versiegt. Der Schriftsteller dient bereits seit längerem als Soldat bei einem dem Militär zugeordneten Radiosender. Er trage in seinem Alltag weder eine Uniform noch eine Waffe.
Den 2024 erschienen Gedichtband Chronik des eigenen Atems hat er vor seinem Einsatz als Soldat geschrieben. Zurzeit ist ihm das literarische Schreiben kaum möglich. Wann immer es geht, liest er abends Gedichte von Rilke oder Brecht. Mit seiner Band hat er sechs Songs aufgenommen und herausgebracht. Die Gedichte von Brecht hat er zum Teil selbst übersetzt. Zhadan redet nur wenig über seine literarische Arbeit. Seine Bemerkungen zu dem deutschen Kollegen beziehen sich ebenso auf den gegenwärtigen Krieg wie eigentlich jeder Satz von ihm an diesem Abend. Es wird deutlich, dass die Literatur für ihn, wie vielleicht für die meisten Menschen in der Ukraine, sekundär geworden ist. Zhadans Sprache ist voller harter Ausdrücke, „hammer out a poem“, ein Gedicht raushämmern, sagt er an einer Stelle. Vom literarischen Ton seiner Rede beim Erhalt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2022 ist wenig übrig.
„Wir sind nicht bereit, uns zu ergeben“, sagt er einmal, und dass die Ukraine eine starke Armee, aber auch akademische Bildung brauche. Russland dagegen benötige einen Dichter wie Brecht, dessen Moral ihm nicht erlaube, die von seinem Land ausgelösten Kriege gutzuheißen. Ein solcher ist für Zhadan in Russland nicht in Sicht; die russische Gesellschaft unterstütze immer noch den Krieg.
Serhij Zhadan © Alexander Milstein
Europas Zukunft
Bei der anschließenden Lesung eines Textes (der auf Deutsch unter dem Titel „Was man in dieser Dunkelheit sehen kann“ in der ZEIT erscheint), geht es viel um den Bruch im Zeitkontinuum, den die Ukraine durch die Vollinvasion erlitten habe. „Die Zukunft als eine aufgeschobene Version der Vergangenheit ist eine Illusion. Die Zukunft wird aus uns bestehen, die wir sind, wie wir sind, wie wir geworden sind, wie wir sein können“, heißt es da. Dieses Anknüpfen ist dem Schriftsteller 2022 noch möglich erschienen.
Selbst in den dunkelsten Zeiten, betont Zhadan, „müssen wir formulieren, was morgen mit uns sein könnte.“ Seine Hoffnungen bleiben indes vage. Es klingt mehr wie ein Appell, wenn er sagt: „Trotz ihrer Unfassbarkeit und Aussichtslosigkeit ist die Dunkelheit endlich. Sie lässt sich überstehen. Das Wichtigste dabei ist, nicht passiv zu sein, kein unbeteiligter Beobachter in dieser Nacht, in der die Bereitschaft von uns allen, dieser Dunkelheit zu widersprechen, wichtig und wirksam ist.“
Und es mag für Frieden und Freiheit gewohnte Ohren harsch klingen, wenn er formuliert: „Gerechtigkeit ist kein zwingender Bestandteil unserer Wirklichkeit. Aber unser Streben nach Gerechtigkeit ist natürlich und ungebrochen.“
Eine halbe Stunde vor Ende der Veranstaltung kommt Chrystia Freeland schließlich auf die Bühne. Auch sie spricht von der Gerechtigkeit, welche die Menschen wollten – und keineswegs Rache. Freeland hat selbst ukrainische Wurzeln; ihr Großvater mütterlicherseits hatte vor 1945 – vielleicht gegen seinen Willen – mit den Nationalsozialisten kollaboriert. Ihre Mutter ist in Bad Wörishofen in einem Flüchtlingslager geboren. Freeland gehörte dem kanadischen Kabinett unter Trudeau an. Sie erzählt von der Geschichte der ukrainischen Einwanderer nach Kanada und der heutigen Situation dort.
Im Zentrum ihrer Ausführungen steht jedoch ein Appell an die Europäer. Sie sollten sich glücklich schätzen, die Ukraine zu haben, die zurzeit gewissermaßen den Kopf für sie hinhalte. Das Land gehöre in die EU. Diese möge sich auf ihre wirtschaftliche Stärke besinnen, aber auch auf ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Nicht zuletzt lobt sie die europäischen Sozialsysteme. Freeland setzt auf die Kraft und das Durchhaltevermögen der Ukrainer. Europas Erfolg, so betont sie, hänge vom Erfolg der Ukraine ab. Deshalb sollten die Europäer die Ukraine unterstützen: Sie soll stark und demokratisch sein.
Das Publikum applaudiert großzügig. Anschließend gehen einige zum Büchertisch, andere stellen sich in die Schlange vor der Garderobe.
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Am Vorabend der Münchner Sicherheitskonferenz, dem 12. Februar 2026, sprachen der ukrainische Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels (2022) Serhij Zhadan sowie die kanadische Publizistin und Politikerin Chrystia Freeland mit Volker Weidermann über die ungewisse Zukunft der Ukraine.
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Dass dies kein gewöhnlicher Abend im Literaturhaus München wird, ist bereits draußen spürbar. Das Nobelhotel Bayerischer Hof, in dem die politische Prominenz absteigt, liegt nicht weit entfernt, und von dort die Straße hinab bis an den Salvatorplatz ist alles voll mit Polizeiwagen, uniformierten Beamten und Männern in zivilen Anzügen mit weißen Hemden und Knopf im Ohr. Vor mehreren Häusern sind Zelte aufgebaut. Sie beherbergen Sicherheitsschleusen. Passanten können sich frei bewegen, doch die Atmosphäre ist nicht eben gemütlich.
Im gut gefüllten Saal des Literaturhauses legt sich das Gefühl, in einer Hochsicherheitszone zu sein, schnell wieder. Volker Weidermann, Journalist der ZEIT, und der Charkiwer Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan betreten die Bühne. Chrystia Freeland kommt aufgrund des heutigen Streits an deutschen Flughäfen erst später dazu. Der Autor nennt sich bei der Vorstellung einen „singer songwriter and soldier.“ Der Moderator gibt seiner Nervosität Ausdruck; sein Konzept für den Abend ist offensichtlich ins Wanken geraten. Zhadan hat jedoch genug zu sagen. Er erzählt vom Krieg in der Ukraine, der seit Beginn der russischen Vollinvasion nun bereits vier Jahre anhält.
Eindringlich schildert er, wie viel alltägliches Leben – etwa der Schulunterricht – sich in der frontnahen ukrainischen Metropole im Untergrund abspielt, wo die Menschen eher vor russischen Bomben, Raketen und Drohnen geschützt sind als über der Erde. Seiner Schätzung nach ist die Bevölkerung Charkiws von 1,5 auf 1,3 Mio. Menschen geschrumpft, wobei etwa 300.000 aus der Ost-Ukraine Vertriebene seien. Aber: Charkiw lebt, es werden dort Güter produziert und das kulturelle Leben ist nicht versiegt. Der Schriftsteller dient bereits seit längerem als Soldat bei einem dem Militär zugeordneten Radiosender. Er trage in seinem Alltag weder eine Uniform noch eine Waffe.
Den 2024 erschienen Gedichtband Chronik des eigenen Atems hat er vor seinem Einsatz als Soldat geschrieben. Zurzeit ist ihm das literarische Schreiben kaum möglich. Wann immer es geht, liest er abends Gedichte von Rilke oder Brecht. Mit seiner Band hat er sechs Songs aufgenommen und herausgebracht. Die Gedichte von Brecht hat er zum Teil selbst übersetzt. Zhadan redet nur wenig über seine literarische Arbeit. Seine Bemerkungen zu dem deutschen Kollegen beziehen sich ebenso auf den gegenwärtigen Krieg wie eigentlich jeder Satz von ihm an diesem Abend. Es wird deutlich, dass die Literatur für ihn, wie vielleicht für die meisten Menschen in der Ukraine, sekundär geworden ist. Zhadans Sprache ist voller harter Ausdrücke, „hammer out a poem“, ein Gedicht raushämmern, sagt er an einer Stelle. Vom literarischen Ton seiner Rede beim Erhalt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2022 ist wenig übrig.
„Wir sind nicht bereit, uns zu ergeben“, sagt er einmal, und dass die Ukraine eine starke Armee, aber auch akademische Bildung brauche. Russland dagegen benötige einen Dichter wie Brecht, dessen Moral ihm nicht erlaube, die von seinem Land ausgelösten Kriege gutzuheißen. Ein solcher ist für Zhadan in Russland nicht in Sicht; die russische Gesellschaft unterstütze immer noch den Krieg.
Serhij Zhadan © Alexander Milstein
Europas Zukunft
Bei der anschließenden Lesung eines Textes (der auf Deutsch unter dem Titel „Was man in dieser Dunkelheit sehen kann“ in der ZEIT erscheint), geht es viel um den Bruch im Zeitkontinuum, den die Ukraine durch die Vollinvasion erlitten habe. „Die Zukunft als eine aufgeschobene Version der Vergangenheit ist eine Illusion. Die Zukunft wird aus uns bestehen, die wir sind, wie wir sind, wie wir geworden sind, wie wir sein können“, heißt es da. Dieses Anknüpfen ist dem Schriftsteller 2022 noch möglich erschienen.
Selbst in den dunkelsten Zeiten, betont Zhadan, „müssen wir formulieren, was morgen mit uns sein könnte.“ Seine Hoffnungen bleiben indes vage. Es klingt mehr wie ein Appell, wenn er sagt: „Trotz ihrer Unfassbarkeit und Aussichtslosigkeit ist die Dunkelheit endlich. Sie lässt sich überstehen. Das Wichtigste dabei ist, nicht passiv zu sein, kein unbeteiligter Beobachter in dieser Nacht, in der die Bereitschaft von uns allen, dieser Dunkelheit zu widersprechen, wichtig und wirksam ist.“
Und es mag für Frieden und Freiheit gewohnte Ohren harsch klingen, wenn er formuliert: „Gerechtigkeit ist kein zwingender Bestandteil unserer Wirklichkeit. Aber unser Streben nach Gerechtigkeit ist natürlich und ungebrochen.“
Eine halbe Stunde vor Ende der Veranstaltung kommt Chrystia Freeland schließlich auf die Bühne. Auch sie spricht von der Gerechtigkeit, welche die Menschen wollten – und keineswegs Rache. Freeland hat selbst ukrainische Wurzeln; ihr Großvater mütterlicherseits hatte vor 1945 – vielleicht gegen seinen Willen – mit den Nationalsozialisten kollaboriert. Ihre Mutter ist in Bad Wörishofen in einem Flüchtlingslager geboren. Freeland gehörte dem kanadischen Kabinett unter Trudeau an. Sie erzählt von der Geschichte der ukrainischen Einwanderer nach Kanada und der heutigen Situation dort.
Im Zentrum ihrer Ausführungen steht jedoch ein Appell an die Europäer. Sie sollten sich glücklich schätzen, die Ukraine zu haben, die zurzeit gewissermaßen den Kopf für sie hinhalte. Das Land gehöre in die EU. Diese möge sich auf ihre wirtschaftliche Stärke besinnen, aber auch auf ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Nicht zuletzt lobt sie die europäischen Sozialsysteme. Freeland setzt auf die Kraft und das Durchhaltevermögen der Ukrainer. Europas Erfolg, so betont sie, hänge vom Erfolg der Ukraine ab. Deshalb sollten die Europäer die Ukraine unterstützen: Sie soll stark und demokratisch sein.
Das Publikum applaudiert großzügig. Anschließend gehen einige zum Büchertisch, andere stellen sich in die Schlange vor der Garderobe.

