Katherine Mansfield in Bad Wörishofen

Die neuseeländische Schriftstellerin Katherine Mansfield gilt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der modernen angelsächsischen Literatur. Im Mai 1909 schreibt sie sich als „Käthe Beauchamp-Bowden, Schriftstellerin“ ins Gästebuch des Hotels Kreuzer in Bad Wörishofen ein. Fast ein halbes Jahr verbringt sie dort im Kurort. Das Leben in der deutschen Pension inspiriert sie zu einigen Geschichten, die sie Gepäck hat, als sie Ende Dezember wieder nach England zurückkehrt:

Am Rand des Feldes erhob sich ein mächtiger Nadelwald - einladend und kühl sah er aus. Ein weiterer Wegweiser bat uns, den markierten Weg nach Schlingen zu nehmen und Papier und Obstschalen in den zu diesem Zweck an den Bänken befestigten Drahtbehältern zu deponieren. Wir setzten uns auf die erste Bank, und Karl durchwühlte mit großem Interesse den Drahtbehälter.

„Ich liebe Wälder“, sagte die fortschrittliche Dame und lächelte gequält in die Luft. „In einem Wald scheint sich mein Haar zu regen und sich gleichsam an seinen wilden Ursprung zu erinnern.“

„Aber im Ernst“, sagte Frau Kellermann nach einer angemessenen Pause, „es gibt wirklich nichts Besseres für die Kopfhaut als Fichtenduft.“

„Ach, Frau Kellermann, bitte stören Sie den Zauber nicht“, sagte Elsa.

Die fortschrittliche Dame sah sie sehr wohlwollend an. „Haben auch Sie die fühlende Seele der Natur entdeckt?“, fragte sie.

Das war für Herr Langen das Stichwort. „Die Natur fühlt nicht“, sagte er bitter und ohne zu zögern, wie Leute tun, die zu viel philosophieren und zu wenig essen. „Sie erschafft, um zu zerstören. Sie frisst, um auszuspeien, und sie speit aus, um zu fressen. Deshalb empfinden wir, die wir unter ihren trampelnden Füßen existieren müssen, die Welt als verrückt und erkennen die grausame Vulgarität in allem Werden.“

„Junger Mann“, unterbrach ihn Herr Erchardt, „Sie haben noch nicht gelebt, nicht gelitten!“

„Mit Verlaub – woher wollen Sie das wissen?“

Ich weiß es, weil Sie es mir erzählt haben, und damit hat sich's. Kommen Sie in zehn Jahren wieder zu dieser Bank und wiederholen Sie mir Ihre Worte“, sagte Frau Kellermann mit einem Blick auf Fritz, der voller Hingabe damit beschäftigt war, Elsas Finger zu zählen – „und bringen Sie Ihre junge Frau mit, Herr Langen, und dann sehen Sie womöglich dem spielenden Kind zu, wie es –“ Sie drehte sich zu Karl um, der eine alte illustrierte Zeitung aus dem Abfallkorb gezogen hatte und eine Reklame zur Erlangung eines „voluminöseren Busens“ zu entziffern versuchte. (Zit. aus: Katherine Mansfield: In einer deutschen Pension. Deutsch von Ute Haffmans. In: Dies.: Sämtliche Werke. Neu übers. von Heiko Arntz, Ute Haffmans und Sabine Lohmann. Frankfurt am Main 2009, S. 133-137, S. 140-143. © Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2009)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Seitz, Reinhard H. (2004): Stellvertretend für eine Vielzahl von (Kur-)Gästen in Wörishofen: Johann Okič – Max Reach – Katherine Mansfield. In: Wörishofen – auf dem Weg zum Kneippkurort, zu Bad und Stadt. Kunstverl. Fink, Lindenberg, S. 219-232.

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 155f., S. 259.



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