„Reines Leben“. Auszug aus einem Romanprojekt von Marion Zechner
Vier Menschen, vier Konflikte, vier Perspektiven auf das Leben – zusammengehalten werden sie durch einen gemeinsamen Raum: den Waschsalon, in dem sich die Protagonisten Leon, Jule, Katharina und Paula jeden Sonntagabend treffen. Was zufällig begann, wird im Laufe der Zeit zu einem Ritual, einem Schutzraum für Geständnisse und vertrauensvollen Austausch. Denn während sich in den Trommeln ihre Wäsche dreht, lernen die vier einander immer besser kennen.
In dem folgenden Romanauszug bekommt Katharina einen großen Auftrag in Aussicht gestellt. Die Bedingung des Chefs lautet allerdings: sie muss mit Branko, einem höchst unliebsamen Kollegen zusammenarbeiten. Ob dies gelingt?
Mit diesem Text beteiligt sich Marion Zechner an „Neustart Freie Szene – Literatur“, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung der Freien Szene in Bayern. Alle bisherigen Beiträge finden Sie HIER.
*
Der Wecker klingelt um 6 Uhr 35, und ich tue, was ich immer tue, damit der Tag nicht auf die Idee kommt, sich für etwas Besonderes zu halten: Ich setze Kaffee auf, rolle meine Yogamatte auf dem Boden aus und versuche nicht daran zu denken, dass der Erfolg oder Misserfolg meiner Nachtschichten der letzten Monate in Brankos Hand liegt.
Immerhin, der Chef hat ihm die Präsentation anvertraut und zumindest seinen Job versteht Branko wirklich. Er könnte einem Luchs ein Hörgerät verkaufen oder einem Glatzenträger Haarshampoo. Produkt und Kunde sind austauschbar. Hauptsache, die Bühne ist groß genug, damit sein Ego und sein Mundwerk gemeinsam darauf Platz finden. Ein ganz normaler Tag. Wenn dieser Kunde meinen Entwurf nicht will, wird sich ein anderer finden. Wenn nur der Chef bald wieder fit ist. Er hat schon letztens beim Meeting so schmal ausgesehen, als könnte der neue Wind, der unmerklich im Firmenklima Einzug gehalten hat, ihn umwehen. Und dass er so einen wichtigen Kunden nicht persönlich empfängt, ist überhaupt kein gutes Zeichen.
„Bandscheibe“, hat Branko gesagt. „Wird eben auch nicht jünger, der Chef. Wahrscheinlich müssen sie ihn operieren. Ist fraglich, ob er überhaupt wieder kommt.“ Das würde Branko so passen. Nur weil er es nicht erwarten kann, den Posten zu übernehmen. Aber der Chef ist schon mit ganz anderem fertig geworden, da wird ihn so ein bisschen Bandscheibe nicht umhauen. Vielleicht werde ich ihm das Yoga-Retreat auf Kreta empfehlen. Gegen das mulmige Gefühl im Hinblick auf die Präsentation hilft leider kein Yoga – im Gegenteil. Beim fünften Sonnengruß – ich befinde mich gerade im Hund, schaue also kopfüber durch meine Beine und stelle fest, dass es Zeit wird, auch mal wieder unterhalb der Kommode staubzusaugen, beginnt der Kaffee zu gurgeln. Ich gieße ihn zusammen mit einem Schuss Milch in eine Tasse und setze mich aufs Sofa.
Hätte ich an Telepathie oder Intuition geglaubt, dann wäre ich für den Rest des Vormittags dort sitzen geblieben, hätte mir noch einen zweiten Kaffee gemacht und dem Morgenhimmel bei seinen Farbexperimenten zugesehen. Und wenn mir das zu langweilig geworden wäre, hätte ich den Blick nach unten aus dem Fenster gerichtet, auf das gegenüberliegende Café, wo schon um diese Zeit Mütter ihre Kinderwägen mit monotonen Handbewegungen schaukeln und immer wieder ein Stück Croissant oder anderes Gebäck hineinreichen, bevor sie ihre Gesichter den anderen kinderwagenschaukelnden Müttern zuwenden. Sie lächeln, als würden sie einander zuhören, blinzeln aber zwischendurch immer wieder nervös in ihre Kinderwägen, bemüht, Gespräch und Schaukelbewegung zu koordinieren, als läge darin ihre Erfüllung. Als wäre es nicht anstrengend genug, Eltern zu sein. Eine der Mütter schielt immer wieder zu dem Pärchen am anderen Tisch hinüber, das in einem Kuss gefangen ist und auch kein Interesse daran zu haben schein, sich so bald daraus zu lösen. Vielleicht erinnert sie sich daran, dass vor nicht allzu langer Zeit auch sie selbst Teil einer solch leidenschaftlichen Umarmung war und wundert sich, wie schnell ihre Hände sich an die Kinderwagenschaukelbewegung gewöhnt haben. Vielleicht denkt sie auch ein bisschen wehmütig an die Zeit zurück, bevor der Kinderwagen die Zeit des Paarseins beendet hat. Paar. Wie das klingt. Wie Schuhe, von denen einer ohne den anderen wertlos ist. Noch schlimmer ist die Verniedlichung: Pärchen. Was soll danach noch kommen? Schäufelchen, Messerchen, Tellerchen? Ich glaube nicht, dass der Mensch ein Rudeltier ist, ebenso wenig wie an Telepathie und Intuition, und auch nicht an Gott; weder an einen katholischen noch einen evangelischen, noch sonst irgendeinen. Ich glaube daran, dass jeder das tun soll, was er gut kann und was er liebt. Lebenslang. Ich stehe auf, stelle die leere Tasse in die Spüle und mache mich auf den Weg: zuerst in die Dusche, dann ins Büro.
In meinen Pumps und dem Duft von Boss Woman fühle ich mich sicher, und als ich das „Guten Morgen“ des Pförtners erwidere, stellt sich beinahe ein Zu-Hause-Gefühl ein. Wie jeden Morgen mache ich auf dem Weg zu meinem Büro Halt am Kaffeeautomaten. Während mit einem Ploppen ein Plastikbecher in die Halterung fällt und abwechselnd weiße und braune Flüssigkeit hineinschießt, kommt eine Gestalt um die Ecke am Ende des Flurs. Sehr langsam, beinahe in Zeitlupe, bewegt sie sich auf mich zu, und es dauert mehrere Sekunden, bis die Freude mein Gehirn erreicht.
„Chef! Wie schön! Sind Sie wieder gesund?“
Sein Lächeln sieht aus, als ob es ihn schmerzt.
„Gesundheit“, seufzt er, „ist relativ. Aber an einem Tag wie heute … Es ist eine wirklich geniale Idee, die Sie da hatten. Die will ich dem Kunden selbst präsentieren. Und außerdem ...“ Langsam beunruhigt mich sein dauerndes Geseufze. „... muss ich etwas Wichtiges mit Ihnen besprechen. Um zehn beginnt die Präsentation. Danach erwarte ich Sie in meinem Büro.“
Ich nicke, perplex über diese förmliche Anordnung. Er nickt zurück, dann schlurft er weiter.
Ich balanciere meinen Kaffee über den Flur in mein Büro und fahre den Rechner hoch. Gerade als ich mich frage, wie Branko wohl darauf reagiert hat, dass ihm die große Show entzogen wurde, öffnet sich die Tür ohne vorheriges Klopfen. Branko wirkt noch arroganter als sonst, die Hände in den Hosentaschen, die Stirn in Falten gelegt.
„Hast du eigentlich gar kein schlechtes Gewissen?“ Seine Stimme klingt gefährlich leise. „Ich meine, dass der Chef sich in seinem Zustand hier rein schleppt. Nur um seiner Prinzessin Händchen zu halten.“ Ich versuche, mich auf meinen Bildschirm zu konzentrieren. Aber er wäre nicht Branko, wenn ihn das hindern würde, weiter zu reden. „Ist ja ein Wunder, dass er's überhaupt bis hierher geschafft hat. Hoffentlich fällt er nicht vom Stuhl, bei den Schmerzmitteln, die er intus hat.“
„Ach komm, Branko! Sei nicht sauer. Gelegentlich so ein bisschen Boden unter den Füßen tut doch bestimmt sogar dir gut!“ Brankos Mundwinkel zuckt. „Fragt sich bloß, was für einen Eindruck das beim Kunden macht, sagt er. Ein Junkie als Geschäftspartner.“
„Jetzt hör aber auf! Ich glaube, der Chef ist professionell genug um selbst einzuschätzen, was er sich zutrauen kann.“
„Siehst du!“ Branko seufzt wie ein sterbender Schwan. „Und genau das glaube ich nicht. Wenn die Firma eine Zukunft haben soll, dann muss er abtreten. Und das weiß er auch. Die Einzige, die das nicht wahrhaben will bist du, Katharina! Was muss eigentlich noch passieren, bis du einsiehst, dass seine Zeit vorbei ist?“
„Ich bin einfach nur loyal, Branko. Schon mal gehört, das Wort?“
Ich versuche kühl zu klingen, aber so ganz lässt sich das Zittern aus meiner Stimme nicht verbannen. Branko betrachtet mich wie ein Möbelstück, das nicht mehr zur neuen Einrichtung passt, das aber zu sperrig ist, um es zu entsorgen. Ich richte den Blick auf meinen Bildschirm, in der Hoffnung, ihn damit zum Gehen zu bewegen. Brankos Worte haben etwas Lähmendes; ich muss allein sein, um mich davon zu befreien. „Vergiss nicht, Katharina“, sagt er endlich. „Sogar Dornröschen ist irgendwann wieder aufgewacht, nur leider hundert Jahre zu spät.“
Weg ist er. Ich beobachte die Fische auf meinem Bildschirmschoner und denke an den Chef. Seine Zeit ist nicht vorbei, denke ich. Sie darf nicht vorbei sein.
Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Während ich auf die Skyline der Stadt schaue, schweifen meine Gedanken in den Konferenzraum zwei Stockwerke unter mir, wo in diesem Augenblick der Chef und Branko alles daran setzen, den Kunden von meinem Entwurf überzeugen. Den Türmen der Frauenkirche ist es egal, ob der Deal zustande kommt; egal, ob der Chef sich blamiert ... Es geht gar nicht um meinen Entwurf. Es geht um viel viel mehr.
Der Anruf, endlich. „Katharina. Kommen Sie, bitte!“ Die Stimme des Chefs klingt neutral – eine Pokerstimme. Als ich den Konferenzraum erreiche, pocht mein Herz stärker. Ich drücke die Klinke. Branko wippt breitbeinig auf einem der freischwingenden Stühle. Der besessene Glanz in seinen Augen ist verschwunden, ebenso wie das süffisante Grinsen. Er sieht ziemlich entspannt aus. Ein erfolgreicher Mann in den besten Jahren und sogar ganz attraktiv. Ein Mensch, der sich zu einem Gespräch mit anderen Menschen herablässt. Ein gutes Zeichen? Oder genau das Gegenteil? Ein Scheitern des Chefs würde seine Position auf jeden Fall verbessern.
„Katharina! Schön. Bitte!“
Der Chef deutet auf den Stuhl neben Branko. Er nimmt die Brille ab, lehnt sich mit den Unterarmen auf seinen Schreibtisch und betrachtet uns eingehend – erst Branko, dann mich. Ich halte seinem Blick stand und frage mich, wozu er eine Brille hat, wenn er ohne sie offenbar besser sieht. Sein Blick bleibt an mir hängen. Gut sieht er aus. Auf alle Fälle nicht wie ein Schwerkranker. Wenn er ein bisschen kürzer tritt, hat er sicher noch ein paar Jahre hier in der Firma. Und mit den richtigen Medikamenten. Er könnte vielleicht auch eine Reha machen oder ... „Und, Katharina? Was denken Sie? Wie hat der Kunde Ihr Projekt aufgenommen?“
„Ich hoffe positiv?“
Der Chef spitzt die Lippen und tippt mit der Rundung seines Brillengestells auf die Unterlippe.
„Branko, bitte berichten Sie Ihrer Kollegin!“
„Du hörst ja gar nicht richtig zu!“, beklagt sich Mama. Wir sitzen auf ihrem Balkon und trinken Radler – so kühl wie die Abendluft, die nach einem heftigen Gewitter nicht mehr zum Sitzen draußen einlädt. Aber versprochen ist versprochen, und obwohl ich heute sogar pünktlich war, hat sich mein inneres Frösteln auf die Stimmung übertragen.
„Tut mir leid, Mama. Was hast du gesagt?“
„Dass du deine Wäsche nicht wieder vergessen sollst. Sie steht im Flur – frisch gebügelt.“
„Danke, ich denk' dran.“
„„Die Arbeit macht dich kaputt.“
„Ach, Mama.“
„Du bist blass wie der Tod auf Latschen.“
„Ich bin nicht blass.“
„Mir kannst du nichts vormachen. Als Mutter sieht man sowas.“
Ich sage nichts mehr.
„Jetzt sagst du nichts mehr.“
Ich stehe auf.
„Wo willst du hin?“
„Ich bin müde.“
„Aha, weglaufen. Genau wie dein Vater.“
„Gute Nacht, Mama.“
„Wie dein Vater!“
Ich winke in die Luft, ohne umzuschauen.
„Deine Wäsche!“, ruft sie mir hinterher, und leiser, wie zu sich selbst. „Dafür ist ja die alte Mutter gut genug.“
Ich bleibe stehen. Schließe die Augen. Hole Luft. Drehe mich nochmal um.
„Du sagst immer, du bist froh, wenn du die Maschine voll kriegst!“
„Ja, weil ich weiß, dass du zu stolz bist, um etwas zu bitten. Auch wie dein Vater.“
„Reines Leben“. Auszug aus einem Romanprojekt von Marion Zechner>
Vier Menschen, vier Konflikte, vier Perspektiven auf das Leben – zusammengehalten werden sie durch einen gemeinsamen Raum: den Waschsalon, in dem sich die Protagonisten Leon, Jule, Katharina und Paula jeden Sonntagabend treffen. Was zufällig begann, wird im Laufe der Zeit zu einem Ritual, einem Schutzraum für Geständnisse und vertrauensvollen Austausch. Denn während sich in den Trommeln ihre Wäsche dreht, lernen die vier einander immer besser kennen.
In dem folgenden Romanauszug bekommt Katharina einen großen Auftrag in Aussicht gestellt. Die Bedingung des Chefs lautet allerdings: sie muss mit Branko, einem höchst unliebsamen Kollegen zusammenarbeiten. Ob dies gelingt?
Mit diesem Text beteiligt sich Marion Zechner an „Neustart Freie Szene – Literatur“, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung der Freien Szene in Bayern. Alle bisherigen Beiträge finden Sie HIER.
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Der Wecker klingelt um 6 Uhr 35, und ich tue, was ich immer tue, damit der Tag nicht auf die Idee kommt, sich für etwas Besonderes zu halten: Ich setze Kaffee auf, rolle meine Yogamatte auf dem Boden aus und versuche nicht daran zu denken, dass der Erfolg oder Misserfolg meiner Nachtschichten der letzten Monate in Brankos Hand liegt.
Immerhin, der Chef hat ihm die Präsentation anvertraut und zumindest seinen Job versteht Branko wirklich. Er könnte einem Luchs ein Hörgerät verkaufen oder einem Glatzenträger Haarshampoo. Produkt und Kunde sind austauschbar. Hauptsache, die Bühne ist groß genug, damit sein Ego und sein Mundwerk gemeinsam darauf Platz finden. Ein ganz normaler Tag. Wenn dieser Kunde meinen Entwurf nicht will, wird sich ein anderer finden. Wenn nur der Chef bald wieder fit ist. Er hat schon letztens beim Meeting so schmal ausgesehen, als könnte der neue Wind, der unmerklich im Firmenklima Einzug gehalten hat, ihn umwehen. Und dass er so einen wichtigen Kunden nicht persönlich empfängt, ist überhaupt kein gutes Zeichen.
„Bandscheibe“, hat Branko gesagt. „Wird eben auch nicht jünger, der Chef. Wahrscheinlich müssen sie ihn operieren. Ist fraglich, ob er überhaupt wieder kommt.“ Das würde Branko so passen. Nur weil er es nicht erwarten kann, den Posten zu übernehmen. Aber der Chef ist schon mit ganz anderem fertig geworden, da wird ihn so ein bisschen Bandscheibe nicht umhauen. Vielleicht werde ich ihm das Yoga-Retreat auf Kreta empfehlen. Gegen das mulmige Gefühl im Hinblick auf die Präsentation hilft leider kein Yoga – im Gegenteil. Beim fünften Sonnengruß – ich befinde mich gerade im Hund, schaue also kopfüber durch meine Beine und stelle fest, dass es Zeit wird, auch mal wieder unterhalb der Kommode staubzusaugen, beginnt der Kaffee zu gurgeln. Ich gieße ihn zusammen mit einem Schuss Milch in eine Tasse und setze mich aufs Sofa.
Hätte ich an Telepathie oder Intuition geglaubt, dann wäre ich für den Rest des Vormittags dort sitzen geblieben, hätte mir noch einen zweiten Kaffee gemacht und dem Morgenhimmel bei seinen Farbexperimenten zugesehen. Und wenn mir das zu langweilig geworden wäre, hätte ich den Blick nach unten aus dem Fenster gerichtet, auf das gegenüberliegende Café, wo schon um diese Zeit Mütter ihre Kinderwägen mit monotonen Handbewegungen schaukeln und immer wieder ein Stück Croissant oder anderes Gebäck hineinreichen, bevor sie ihre Gesichter den anderen kinderwagenschaukelnden Müttern zuwenden. Sie lächeln, als würden sie einander zuhören, blinzeln aber zwischendurch immer wieder nervös in ihre Kinderwägen, bemüht, Gespräch und Schaukelbewegung zu koordinieren, als läge darin ihre Erfüllung. Als wäre es nicht anstrengend genug, Eltern zu sein. Eine der Mütter schielt immer wieder zu dem Pärchen am anderen Tisch hinüber, das in einem Kuss gefangen ist und auch kein Interesse daran zu haben schein, sich so bald daraus zu lösen. Vielleicht erinnert sie sich daran, dass vor nicht allzu langer Zeit auch sie selbst Teil einer solch leidenschaftlichen Umarmung war und wundert sich, wie schnell ihre Hände sich an die Kinderwagenschaukelbewegung gewöhnt haben. Vielleicht denkt sie auch ein bisschen wehmütig an die Zeit zurück, bevor der Kinderwagen die Zeit des Paarseins beendet hat. Paar. Wie das klingt. Wie Schuhe, von denen einer ohne den anderen wertlos ist. Noch schlimmer ist die Verniedlichung: Pärchen. Was soll danach noch kommen? Schäufelchen, Messerchen, Tellerchen? Ich glaube nicht, dass der Mensch ein Rudeltier ist, ebenso wenig wie an Telepathie und Intuition, und auch nicht an Gott; weder an einen katholischen noch einen evangelischen, noch sonst irgendeinen. Ich glaube daran, dass jeder das tun soll, was er gut kann und was er liebt. Lebenslang. Ich stehe auf, stelle die leere Tasse in die Spüle und mache mich auf den Weg: zuerst in die Dusche, dann ins Büro.
In meinen Pumps und dem Duft von Boss Woman fühle ich mich sicher, und als ich das „Guten Morgen“ des Pförtners erwidere, stellt sich beinahe ein Zu-Hause-Gefühl ein. Wie jeden Morgen mache ich auf dem Weg zu meinem Büro Halt am Kaffeeautomaten. Während mit einem Ploppen ein Plastikbecher in die Halterung fällt und abwechselnd weiße und braune Flüssigkeit hineinschießt, kommt eine Gestalt um die Ecke am Ende des Flurs. Sehr langsam, beinahe in Zeitlupe, bewegt sie sich auf mich zu, und es dauert mehrere Sekunden, bis die Freude mein Gehirn erreicht.
„Chef! Wie schön! Sind Sie wieder gesund?“
Sein Lächeln sieht aus, als ob es ihn schmerzt.
„Gesundheit“, seufzt er, „ist relativ. Aber an einem Tag wie heute … Es ist eine wirklich geniale Idee, die Sie da hatten. Die will ich dem Kunden selbst präsentieren. Und außerdem ...“ Langsam beunruhigt mich sein dauerndes Geseufze. „... muss ich etwas Wichtiges mit Ihnen besprechen. Um zehn beginnt die Präsentation. Danach erwarte ich Sie in meinem Büro.“
Ich nicke, perplex über diese förmliche Anordnung. Er nickt zurück, dann schlurft er weiter.
Ich balanciere meinen Kaffee über den Flur in mein Büro und fahre den Rechner hoch. Gerade als ich mich frage, wie Branko wohl darauf reagiert hat, dass ihm die große Show entzogen wurde, öffnet sich die Tür ohne vorheriges Klopfen. Branko wirkt noch arroganter als sonst, die Hände in den Hosentaschen, die Stirn in Falten gelegt.
„Hast du eigentlich gar kein schlechtes Gewissen?“ Seine Stimme klingt gefährlich leise. „Ich meine, dass der Chef sich in seinem Zustand hier rein schleppt. Nur um seiner Prinzessin Händchen zu halten.“ Ich versuche, mich auf meinen Bildschirm zu konzentrieren. Aber er wäre nicht Branko, wenn ihn das hindern würde, weiter zu reden. „Ist ja ein Wunder, dass er's überhaupt bis hierher geschafft hat. Hoffentlich fällt er nicht vom Stuhl, bei den Schmerzmitteln, die er intus hat.“
„Ach komm, Branko! Sei nicht sauer. Gelegentlich so ein bisschen Boden unter den Füßen tut doch bestimmt sogar dir gut!“ Brankos Mundwinkel zuckt. „Fragt sich bloß, was für einen Eindruck das beim Kunden macht, sagt er. Ein Junkie als Geschäftspartner.“
„Jetzt hör aber auf! Ich glaube, der Chef ist professionell genug um selbst einzuschätzen, was er sich zutrauen kann.“
„Siehst du!“ Branko seufzt wie ein sterbender Schwan. „Und genau das glaube ich nicht. Wenn die Firma eine Zukunft haben soll, dann muss er abtreten. Und das weiß er auch. Die Einzige, die das nicht wahrhaben will bist du, Katharina! Was muss eigentlich noch passieren, bis du einsiehst, dass seine Zeit vorbei ist?“
„Ich bin einfach nur loyal, Branko. Schon mal gehört, das Wort?“
Ich versuche kühl zu klingen, aber so ganz lässt sich das Zittern aus meiner Stimme nicht verbannen. Branko betrachtet mich wie ein Möbelstück, das nicht mehr zur neuen Einrichtung passt, das aber zu sperrig ist, um es zu entsorgen. Ich richte den Blick auf meinen Bildschirm, in der Hoffnung, ihn damit zum Gehen zu bewegen. Brankos Worte haben etwas Lähmendes; ich muss allein sein, um mich davon zu befreien. „Vergiss nicht, Katharina“, sagt er endlich. „Sogar Dornröschen ist irgendwann wieder aufgewacht, nur leider hundert Jahre zu spät.“
Weg ist er. Ich beobachte die Fische auf meinem Bildschirmschoner und denke an den Chef. Seine Zeit ist nicht vorbei, denke ich. Sie darf nicht vorbei sein.
Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Während ich auf die Skyline der Stadt schaue, schweifen meine Gedanken in den Konferenzraum zwei Stockwerke unter mir, wo in diesem Augenblick der Chef und Branko alles daran setzen, den Kunden von meinem Entwurf überzeugen. Den Türmen der Frauenkirche ist es egal, ob der Deal zustande kommt; egal, ob der Chef sich blamiert ... Es geht gar nicht um meinen Entwurf. Es geht um viel viel mehr.
Der Anruf, endlich. „Katharina. Kommen Sie, bitte!“ Die Stimme des Chefs klingt neutral – eine Pokerstimme. Als ich den Konferenzraum erreiche, pocht mein Herz stärker. Ich drücke die Klinke. Branko wippt breitbeinig auf einem der freischwingenden Stühle. Der besessene Glanz in seinen Augen ist verschwunden, ebenso wie das süffisante Grinsen. Er sieht ziemlich entspannt aus. Ein erfolgreicher Mann in den besten Jahren und sogar ganz attraktiv. Ein Mensch, der sich zu einem Gespräch mit anderen Menschen herablässt. Ein gutes Zeichen? Oder genau das Gegenteil? Ein Scheitern des Chefs würde seine Position auf jeden Fall verbessern.
„Katharina! Schön. Bitte!“
Der Chef deutet auf den Stuhl neben Branko. Er nimmt die Brille ab, lehnt sich mit den Unterarmen auf seinen Schreibtisch und betrachtet uns eingehend – erst Branko, dann mich. Ich halte seinem Blick stand und frage mich, wozu er eine Brille hat, wenn er ohne sie offenbar besser sieht. Sein Blick bleibt an mir hängen. Gut sieht er aus. Auf alle Fälle nicht wie ein Schwerkranker. Wenn er ein bisschen kürzer tritt, hat er sicher noch ein paar Jahre hier in der Firma. Und mit den richtigen Medikamenten. Er könnte vielleicht auch eine Reha machen oder ... „Und, Katharina? Was denken Sie? Wie hat der Kunde Ihr Projekt aufgenommen?“
„Ich hoffe positiv?“
Der Chef spitzt die Lippen und tippt mit der Rundung seines Brillengestells auf die Unterlippe.
„Branko, bitte berichten Sie Ihrer Kollegin!“
„Du hörst ja gar nicht richtig zu!“, beklagt sich Mama. Wir sitzen auf ihrem Balkon und trinken Radler – so kühl wie die Abendluft, die nach einem heftigen Gewitter nicht mehr zum Sitzen draußen einlädt. Aber versprochen ist versprochen, und obwohl ich heute sogar pünktlich war, hat sich mein inneres Frösteln auf die Stimmung übertragen.
„Tut mir leid, Mama. Was hast du gesagt?“
„Dass du deine Wäsche nicht wieder vergessen sollst. Sie steht im Flur – frisch gebügelt.“
„Danke, ich denk' dran.“
„„Die Arbeit macht dich kaputt.“
„Ach, Mama.“
„Du bist blass wie der Tod auf Latschen.“
„Ich bin nicht blass.“
„Mir kannst du nichts vormachen. Als Mutter sieht man sowas.“
Ich sage nichts mehr.
„Jetzt sagst du nichts mehr.“
Ich stehe auf.
„Wo willst du hin?“
„Ich bin müde.“
„Aha, weglaufen. Genau wie dein Vater.“
„Gute Nacht, Mama.“
„Wie dein Vater!“
Ich winke in die Luft, ohne umzuschauen.
„Deine Wäsche!“, ruft sie mir hinterher, und leiser, wie zu sich selbst. „Dafür ist ja die alte Mutter gut genug.“
Ich bleibe stehen. Schließe die Augen. Hole Luft. Drehe mich nochmal um.
„Du sagst immer, du bist froh, wenn du die Maschine voll kriegst!“
„Ja, weil ich weiß, dass du zu stolz bist, um etwas zu bitten. Auch wie dein Vater.“
