Kultur trotz Corona: Schullektüre und Junges Lesen (8). Von Leander Steinkopf

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Franz Kafka um 1910, ein Jahr vor der Entstehung seines Amerikaromans "Der Verschollene".

Die Corona-Krise hat das Sozialleben gerade junger Menschen stark beeinträchtigt. Darüber hinaus wurde ihre Schulbildung ins Digitale verlagert, wo manches auf der Strecke blieb. Gerade in sozialer Isolation kann Literatur eine Stütze sein, die einem hilft mit den Problemen des Lebens klarzukommen. Somit ist es ein guter Zeitpunkt, um sich mit der Frage zu befassen, welche Literatur in der Jugend gebraucht wird – und was Schullektüre leisten könnte. Dazu soll diese Interviewreihe einen Beitrag leisten.

Im Interview: Dmitrij Kapitelman (*1986) studierte Politikwissenschaft in Leipzig und Journalismus in München. 2016 erschien sein Roman Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters bei Hanser Berlin, 2021 erschien Eine Formalie in Kiew ebendort. Zur gerade bei Claassen erschienenen Anthologie Neue Schule: Prosa für die nächste Generation hat er die Erzählung „Danksagung an meinen ersten Manneslehrer – den Fahrraddrachen“ beigesteuert.

Interviewer: Leander Steinkopf (*1985) lebt nach Stationen in Mannheim, Berlin, Sarajevo und Plovdiv seit einigen Jahren in München. Von ihm erschienen verschiedene Bücher, u.a. der Roman Stadt der Feen und Wünsche bei Hanser Berlin. Er ist Herausgeber der Anthologie Neue Schule: Prosa für die nächstes Generation bei Claassen.

Mit der folgenden zehnteiligen Interviewreihe beteiligt sich Leander Steinkopf an der Fortsetzung von Kultur trotz Corona“, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung bayerischer Literaturschaffender. Alle bisherigen Beiträge der Reihe finden Sie HIER.

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Wann und wodurch entstand Dein Interesse für Literatur?
Ich war zwölf und wir lebten in einem monströsen Leipziger Plattenbau voller grimmiger Leute und Nazis. Doch im zweiten Stock wohnte eine wunderbare, warmherzige und so kluge Frau Namens Gisela. Wie wir uns angefreundet haben, weiß ich leider nicht mehr. Aber Gisela begann, mich mit Büchern aus ihrem Schrank zu versorgen. Stefan Zweigs Schachnovelle, der Reigen von Arthur Schnitzler. Bald kam ich immer wieder und bat Gisela ihr Schränkchen zu öffnen. Heute bin ich ihr unendlich dankbar.

Was kann Literatur, was Serien und Filme nicht können?
Bei Büchern stellen wir uns alles selbst vor. Die Figuren, die Orte, die Flüge, die Abstürze, die Mangos und Melonenkerne. Was wir uns ausdenken, ist einmalig. In gewisser Weise gehört es uns. Leonardo DiCaprio bleibt hingegen für alle Leonardo DiCaprio.

Hast Du als Schüler gern gelesen?
Mit etwa 14 habe ich zumindest gedacht: Hey, dafür dass Lesen eine Hausaufgabe ist, scheint es gar nicht mal so ätzend. Allerdings leuchtet mir auch aus heutiger Sicht nicht ein, wie ein pubertierendes Hormonhirn die Buddenbrooks mit Genuss lesen soll.
Bald genug habe ich so gern gelesen, dass ich die Schule in der Bibliothek schwänzte. Mir dabei ziemlich gewieft vorkommend, weil wer würde einen Schwänzer in der Bibliothek suchen? Niemand!

Hat Dir Schullektüre im Leben weitergeholfen?
Ich weiß jetzt, dass es unklug ist, dem Teufel seine Seele zu vermachen.

Gab es ein Buch, welches Du in der Schulzeit gelesen hast, das Dich in besonderer Weise geprägt hat?
Franz Kafkas Amerikaroman. Das stand gar nicht auf dem Lehrplan. Ich habe es an einem Sonntag angefangen. Und beschlossen, dass ich Montag nicht in die Schule kann (vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass ich statt für die Bio-Klassenarbeit zu büffeln, immer weiter in dem Buch gelesen habe, völlig hypnotisiert). Bin dann morgens los, damit meine Eltern keinen Verdacht schöpfen. Habe mich in die Straßenbahn gesetzt und bin bis vierzehn Uhr lesend durch die Stadt gefahren.

Warst Du ein guter Schüler?
Absolut. Das hat nur leider keiner mitgekriegt.

Wurde in Deiner Familie viel gelesen?
Meine Eltern haben sehr oft betont, dass ich ein Dummkopf werde, wenn ich nicht lese. Selbst allerdings mit den Berufsjahren immer weniger gelesen.

Was war die frustrierendste Unterrichtslektüre Deiner Schulzeit?
Glaube Theodor Fontane hat mich ziemlich abgefuckt.

Was war die schönste Unterrichtslektüre Deiner Schulzeit?
Mario und der Zauberer von Thomas Mann und der Steppenwolf von Hermann Hesse.

Hat Dir Literatur im Leben weitergeholfen?
Absolut. Bei vielen Romanen vergisst man mit der Zeit die konkrete Handlung. Der Blick auf die Welt, den man aber mit jedem Buch verinnerlicht, der bleibt. Das ist Bildung.

Dimitrij, danke Dir für das Interview!

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