Kultur trotz Corona: Schullektüre und Junges Lesen (2). Von Leander Steinkopf

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Frederic Leighton: "Antigone", Öl auf Leinwand, 1882.

Die Corona-Krise hat das Sozialleben gerade junger Menschen stark beeinträchtigt. Darüber hinaus wurde ihre Schulbildung ins Digitale verlagert, wo manches auf der Strecke blieb. Gerade in sozialer Isolation kann Literatur eine Stütze sein, die einem hilft mit den Problemen des Lebens klarzukommen. Somit ist es ein guter Zeitpunkt, um sich mit der Frage zu befassen, welche Literatur in der Jugend gebraucht wird – und was Schullektüre leisten könnte. Dazu soll diese Interviewreihe einen Beitrag leisten.

Im Interview: Shida Bazyar (*1988) studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und lebt in Berlin. Ihr Roman Nachts ist es leise in Teheran erschien 2016, dieses Jahr erschien Drei Kameradinnen. Sie erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Ulla-Hahn-Autorenpreis und den Uwe-Johnson-Förderpreis. Zur gerade bei Claassen erschienenen Anthologie Neue Schule: Prosa für die nächste Generation hat sie die Erzählung „Auf wen die Aubergine zeigt“ beigesteuert.

Interviewer: Leander Steinkopf (*1985) lebt nach Stationen in Mannheim, Berlin, Sarajevo und Plovdiv seit einigen Jahren in München. Von ihm erschienen verschiedene Bücher, u.a. der Roman Stadt der Feen und Wünsche bei Hanser Berlin. Er ist Herausgeber der Anthologie Neue Schule: Prosa für die nächstes Generation bei Claassen.

Mit der folgenden zehnteiligen Interviewreihe beteiligt sich Leander Steinkopf an der Fortsetzung von Kultur trotz Corona“, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung bayerischer Literaturschaffender. Alle bisherigen Beiträge der Reihe finden Sie HIER.

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Warst Du ein eine gute Schülerin?
Ich war Durchschnitt. Ich war auch nur durchschnittlich interessiert und nur durchschnittlich engagiert. Mich hat das hierarchische Verhältnis zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen genervt und dass die Notenvergabe so offensichtlich fehlbar war. Überhaupt dass es Noten gab, fand ich ein Unding (finde ich immer noch). Es ging nicht um das Lernen, das Verstehen, es ging um Leistung und Bewertung, und weil mir klar war, dass ich hierbei nie die Bestnote erreichen würde, habe ich mich lieber mit geringerem Aufwand und durchschnittlichem Ergebnis zufriedengegeben. Heute ärgert mich das, weil ich merke, dass ich mir sehr viel selbst beibringen musste und ich in der Schule sehr viel Wissen bekommen hätte, auf das ich heute nicht zurückgreifen kann.

Was war die frustrierendste Unterrichtslektüre Deiner Schulzeit?
Homo faber von Max Frisch. Ich liebe Max Frisch, ich habe ihn auch zur Schulzeit geliebt, aber mit diesem Buch konnte ich trotzdem so rein gar nichts anfangen. Es war für mich nichts anderes als eine einzige uninteressante, verstaubte Männlichkeit und ich habe nicht eine Seite lang verstanden, warum ich das lesen soll.

Was war die schönste Unterrichtslektüre Deiner Schulzeit?
Antigone von Sophokles. Ich habe nicht damit gerechnet, denn es war in meinen Augen (und auch de facto) uralt und klang nach reiner Langeweile. Und dann ist es aber einfachmal die größte Heldinnengeschichte, die ich je gelesen habe und ehrlich gesagt haben wir in der Schule ansonsten kaum Bücher gelesen, in denen die Hauptfigur weiblich war. Über Antigone zu reden und zu diskutieren war für mich in jeder Sekunde spannend.

Hat Dir Literatur im Leben weitergeholfen?
Auf jeden Fall. Ich glaube, Literatur hat mich nicht nur einmal gerettet, auch, wenn das unglaublich pathetisch klingt. Als Kind lebte ich mit verhältnismäßig wenig Geld in einer verhältnismäßig wenig interessanten Umgebung. Ein Mal die Woche in die Stadtbücherei zu gehen und mit einem Stapel Bücher nach Hause zu kommen, war mein absolutes Highlight (Samstagmorgen Fernsehen zu gucken allerdings auch, das nur der Transparenz halber). Wenn ich heute in Pippi Langstrumpf reinblättere (nicht in die rassistisch-problematischen Kapitel), dann fällt mir erst auf, wie oft Pippi mich als Kind getröstet hat. Wie oft sie mir ein freieres, hierarchiefreieres Leben vorgelebt hat, das mich aus meiner Kindheitstristesse hinausmanövriert hat. Daran habe ich mich lange nicht erinnert. Als im Frühjahr 2020 der erste Lockdown begann und alle sich in ihre Wohnungen zurückziehen mussten, ist mir das erst wieder eingefallen, denn das Lesen hat mich auch in dieser beunruhigenden Zeit einmal mehr aus der Realität hinausgerettet.

Shida, danke Dir für das Interview!