Info
Geb.: 8. 1.1981
Gest.: 7.12.2017, Autor gilt als verschollen.
Fahndungsbild des verschwundenen Autors
Namensvarianten: Tillmann Kessloff

Rick Fürstenbrodt von Fix-Sarg

Über den Schriftsteller Rick Fürstenbrodt von Fix-Sarg ist nur wenig bekannt, das zweifelsfrei belegt werden kann. Denn von Anfang an gehörten das Streuen von Legenden sowie das Annehmen und wieder Verwischen unterschiedlicher Identitäten zu seinem poetologischen Konzept einer „in den Maschen des Netzes sich wie ein Entfesselungskünstler selbst verstrickenden und gleichermaßen befreienden Autofiktion“, wie es in seinem sagenumwobenen Werk Screenshot von hinten durch die Brust ins Auge (München, 2017) heißt.

Zu seiner Zeit verkannt, ist dieser Ansatz heute als epochal konsekriert. Etliche Großschriftsteller wie Wolfgang Hildesheimer oder W. G. Sebald haben sich zum Teil noch Jahre nach ihrem Tod auf ihn bezogen. Auch der Einfluss des experimentellen Essays auf die jüngere Autorengeneration gilt als immens. So verweist etwa Thomas Lang in seiner Dankesrede zum Ernst-Hoferichter-Preis (für Der gefundene Tod, 2018) explizit auf ihn: „Man liest Fürstenbrodts Text mit einer Atemlosigkeit, als machte der Tod ein Selfie neben einem, aber während es hochlädt, unterbricht die Verbindung ... Fest steht: Ohne Screenshot stünde ich heute nicht hier.“

Der Text ist zugleich das einzige nachweislich fertiggestellte Fragment des heute verschollenen Autors Rick Fürstenbrodt von Fix-Sarg.

Seine Biografie gleicht einem Vexierbild: Geboren wird er vermutlich im Januar 1981 in Nümbrecht (NRW) als Tillmann Kessloff. 1985 zieht die Familie nach Eichstätt-Ingolstadt, wo die Mutter Miriam Kessloff (geb. Brander) an der Katholischen Universität lehrt; von ihr stammt u.a. das romanistische Standardwerk Die kleine Form der Prosa (Reinbek 1989), auf das sich Fürstenbrodt von Fix-Sarg im besagten Essay intertextuell bezieht. („Unter ihrem Schreibtisch sitzend beobachtete ich, wie ihr Fuß im Takt der Anschläge auf der Tastatur rhythmisch auf und ab wippte, und alles schien dann um uns herum zu schweben, sobald ihr das Schreiben einmal leicht fiel, als wäre sie nicht die Löwenmutter, sondern der geflügelte Tiger unserer Familie.“) Die frühe literarische Orientierung an Marcel Proust liegt auf der Hand.

Anfang der Neunzigerjahre trennen sich die Eltern, Rick zieht mit seinem Vater Jan-Andreas Ansari nach Wien, wo dieser die Literaturzeitschrift randnummer herausgibt. Darin erscheinen auch die ersten literarischen Fingerübungen des heranwachsenden Jungautors. Seine Kurzgeschichte Das Elster-Experiment löst dabei 1996 einen kurzen szene-internen Skandal aus, als sich herausstellt, dass es sich um eine wortwörtliche Abschrift der Geschichte Metzgersgang des literarischen Haudegens Johano Strasser handelt. Ricks Vater verliert daraufhin seine Stellung und schließt sich dem Wiener Untergrundkommando G 13 an, das erfolglos für die Errichtung eines Poetischen Staates kämpft. Doch der junge Rick weist alle Verantwortung von sich; mit spürbarer Lust an der Provokation gibt er dem Lokalanzeiger (LA) gegenüber trotzig zu Protokoll: „Geht's scheißen! Willkommen in der Postkultur! Ich schreibe nicht, um gemocht zu werden, sondern zum Druckablassen. Literatur ist in erster Linie ein analer Trieb.“ (LA 14/1995, S. 42, siehe Nachlass). Rick ist damals erst fünfzehn Jahre alt; aber Zeugenberichten zufolge trägt er bereits die rote Baskenmütze, die er viele Jahre später bei seinem skandalumwitterten letzten Auftritt in München (s.u.) ins Publikum geschleudert haben soll.

Danach verlieren sich die Lebensspuren von Rick Fürstenbrodt von Fix-Sarg für längere Dauer. Gewiss ist nur wenig. Einige Zeitgenossen wollen mit ihm Anfang der Nullerjahre in Frankfurt das Kolleg Schreibszene besucht haben, doch die dort verzeichnete und archivierte Magisterarbeit mit seinem Namen besteht nur aus 120 klebegebundenen leeren Seiten sowie einem Deckblatt mit dem Titel Statusmeldungen: Interfacekonzepte bei Zoë Beck und Nora Zapf. Andere vermuten, dass Fürstenbrodt von Fix-Sarg in diesen Jahren unter dem Pseudonym Lea Schneider als Übersetzer aus dem Chinesischen und Russischen tätig ist und u.a. den opulenten Historienroman Buchstabenzahlen oder: Zwei Luftballons, von denen einer gequetscht ist eines anonymen Dissidenten ins Deutsche überträgt.

Nachweisbar leibhaftig in Erscheinung tritt Rick Fürstenbrodt von Fix-Sarg nur noch einmal – am Tag seines endgültigen Verschwindens. Am frühen Abend des 7. Dezember 2017 hält er im Literaturhaus München den Vortrag Screenshot von hinten durch die Brust ins Auge. Die Lesung findet als Abschluss der Tagung SCREENSHOTS: Literatur im Netz der Bayerischen Akademie des Schreibens statt.

Die Umstände, unter denen der bis dato fast unbekannte Autor zu der Tagung eingeladen wurde, liegen noch immer im Dunklen. Gerüchte, wonach Rick der verantwortlichen Programmreferentin Dr. Katrin Lange die Teilnahme unter Einfluss gehöriger Mengen Prosecco im nahegelegenen Szene-Lokal Schumann's arglistig abgeschwatzt habe, konnten nie bestätigt werden. Lange selbst schweigt dazu eisern („Einen Voltaire verrät man nicht“). Angeblich arbeitet sie an einem Faction-Roman über die Ereignisse.

Fest steht nur, dass der die ganze Tagung über völlig unauffällige Fürstenbrodt von Fix-Sarg gegen 18 Uhr ans Redepult tritt und seinen furiosen Auftritt mit den inzwischen einschlägigen Worten beginnt: „Jede erfolgreiche Technologie ändert alles, also auch die Literatur, also auch das Sprechen über sie, also jede einzelne Tagung, fangen wir doch einfach damit an! Poetisieren wir uns!“

Der Rest ist Legende: Fürstenbrodt von Fix-Sarg soll daraufhin sein epochales Werk Screenshot von hinten durch die Brust ins Auge mit tiefem, vibrierendem Timbre vorgetragen haben, dabei okkulten Beschwörungsformeln gleich jede Silbe über die Schmerzgrenze hinaus ausreizend – worauf die Zuhörer und anderen Tagungsreferenten immer gespannter zuhörten, schließlich in langsam anschwellendes Johlen ausbrachen, einzelne Passagen beklatschten, mit Pfiffen und Fußgetrampel begleiteten oder wiederkehrende Schlüsselsätze („Fangen wir doch einfach an!“) rhythmisch skandierten, bis die Stimme des Autors in einer gewaltig dröhnenden Brandung aus Beifallsstürmen unterging, sich seine Lippen inmitten des Lärms weiter stumm bewegten und die gellende Begeisterung an ihrem höchsten Punkt plötzlich in eine brutale Massenschlägerei kippte, als wäre sie durch eine winzige falsche Drehbewegung, einen kurzen Moment der Ablenkung in einen benachbarten anderen Zustand ihrer selbst entrückt. Die eben noch jubelnden Menschen fielen jetzt wie in rasender Tollwut über einander her und trachteten sich mit stumpfen Löffeln und zersplitterten Stuhlbeinen nach den Augen. „Alles war Krachen und Tosen und heulende Nacht“, schreibt Antje Weber am übernächsten Tag in der Süddeutschen Zeitung (SZ, 9.12.2017, S. 16).

 

    

Der Autor verschwindet am frühen Abend des 7. Dezembers 2017 spurlos von der Bühne der Tagung SCREENSHOTS im Literaturhaus.

 

Von Rick Fürstenbrodt von Fix-Sarg fehlt seit dem Abend jede Spur. Im wilden Getöse muss er von der Bühne gesprungen und samt seinem Manuskript der kochenden Fieberbrunst entkommen sein. Bereits Stunden später läuft eine Großfahndung an, aber auch weil sich nirgends nur das geringste Bildmaterial zu ihm finden lässt und sich die Ermittlungen bloß auf die unscharfe Aufnahme eines Verkehrsblitzers (s.o.) stützen können, verlaufen sie rasch im Sand. 

Nur eine Schachtel mit einigen Dokumenten und Gegenständen aus dem mutmaßlichen Privatbesitz des Autors ist dem Nachlassarchiv der Bayerischen Staatsbibliothek später anonym zugestellt worden. Darin befindet sich auch das Originalmanuskript von Screenshot von hinten durch die Brust ins Auge. Die Wiederentdeckung des bahnbrechenden Textes gilt als Sensation.

Der große Schriftsteller und visionäre Denker Rick Fürstenbrodt von Fix-Sarg, der selbsterklärte „Houdini der deutschen Literatur“, ist dagegen nach wie vor verschollen. Er fehlt.

 

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek



Sekundärliteratur:

Miriam Kessloff: Die kleine Form der Prosa. Reinbek 1989.

Willi Butze: Alles nur geklaut. Nachwuchsschriftsteller bloß ein kleiner Münchhausen? In: Lokalanzeiger Wien 14/1995, S. 42 f.

Antje Weber: Das Inferno. Eine Tagung im Literaturhaus München eskaliert. In: Süddeutsche Zeitung, 9.12.2017, S. 16.


Externe Links:

Literaturhaus München

Bayerische Akademie des Schreibens

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