Info
Geb.: 9. 2.1834 in Hamburg
Gest.: 3. 1.1912 in Breslau (Schlesien)
Druck nach einer Radierung um 1881. Aus: Nord und Süd, Juni 1881 (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung)
Titel: Prof.
Namensvarianten: Julius Sophus Felix Dahn; Ludwig Sophus (Pseud.)

Felix Dahn

Felix Dahn wird am 9. Februar 1834 in Hamburg geboren. Er ist das älteste Kind von Friedrich Dahn und Constanze (geb. Le Gaye). Von seinen Geschwistern wird die 1846 geborene Schwester Constanze von Bomhard (geb. Dahn) später ebenfalls als Schriftstellerin bekannt unter dem Pseudonym Hirundo. Die Eltern sind beide Schauspieler. Kurz nach der Geburt ihres Sohnes erhalten sie einen Ruf an das Königliche Hof- und Nationaltheater in München. Die Familie wohnt von 1835 bis 1850 in der Königinstraße 9 (heute 19). Felix Dahn erhält zunächst Privatunterricht. Mit acht Jahren kommt er 1842 als Jüngster in die Lateinschule am Viktualienmarkt. Anschließend besucht er das Wilhelmsgymnasium, damals noch in der Herzogspitalstraße 18. Schon als Gymnasiast begeistert er sich für Geschichte und Sprachen. Er lernt mit „Heißhunger“ Englisch und Französisch, später Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und skandinavische Sprachen. 1850 erhält er das Reifezeugnis für die Hochschule. Im selben Jahr lassen sich die Eltern scheiden. Felix Dahn zieht mit seinem Vater in eine kleine Wohnung in der Schönfeldstraße 13. Die jüngeren Geschwister bleiben bei der Mutter. Felix Dahn klagt über eine „Schwermuth“, die ihn schon in früher Jugend, aber auch später immer wieder befällt. Mit eisernem Arbeitswillen und asketischer Lebensweise hält er dagegen: „Ich habe vom vierzehnten Jahr an täglich meist mehr als zwölf, sehr oft mehr als vierzehn Stunden gearbeitet, richtiger gesagt mit Ausnahme von sieben Stunden Schlaf und sehr knapper Essenszeit (von allerhöchstens einer halben Stunde) – in Wahrheit den ganzen Tag [...].“

Von 1850 bis 1854 studiert er Recht und Philosophie, überwiegend in München. Er schildert sich als äußerst pflichtbewussten Studenten, der zwar keine Vorlesungsstunde ausfallen lässt, aber unter Vereinsamung leidet. Gelegentlich besucht er Vorstellungen der Münchner Bühne und die Kunstsammlungen mit ihren antiken Statuen, Historien- und Landschaftsgemälden. Er bewundert die Bauten Ludwigs I.: „der Knabe sah sie ja überall vor sich aus dem Boden wachsen.“ Von Oktober 1851 bis August 1853 hält er sich in Berlin auf. Dort tritt er der literarischen Gesellschaft „Tunnel über der Spree“ bei, der auch Theodor Fontane und Paul Heyse angehören. Familienanschluss findet er bei der renommierten Schauspielerin und Schriftstellerin Charlotte Birch-Pfeiffer. Bei ihr verbringt er die Sonntage und rezitiert zusammen mit ihrer 16-jährigen Tochter Minna aus deutschen und englischen Dramen. Mit der späteren Autorin der Geier-Wally – bekannt unter ihrem Ehenamen Wilhelmine von Hillern – sollte ihn eine 40 Jahre währende Freundschaft verbinden.

Während der Münchner Herbstferien zieht es ihn, wie mit den Eltern schon, ins bayerische Alpenvorland. Er besteigt zusammen mit Ludwig Steub und Viktor von Scheffel die Gipfel der bayerischen und Tiroler Alpen und fühlt sich wohl unter den Einheimischen: „So war ich denn durch mehr als zehnjährige, reichste Erfahrung nicht ungenügend vorbereitet, als ich im Jahre 1857 die Darstellung der oberbaierischen Lebenssitte in der Bavaria übernahm.“ König Maximilian II., Förderer der Wissenschaften, hat dieses umfangreiche volks- und naturkundliche Werk in Auftrag gegeben. Felix Dahn wird 1857 mit der ethnografischen Darstellung von Ober- und Niederbayern betraut. Er führt die Arbeit des früh verstorbenen Friedrich Lentner (1814-1852) fort, der reichlich Quellenmaterial gesammelt hat. Zudem beteiligt er sich eigeninitiativ am zeitgenössischen Großprojekt der Gebrüder Grimm, dem Deutschen Wörterbuch. Er sammelt hierfür Material aus dem Werk des bayerischen Hofhistoriografen Aventinus.

Da Felix Dahns Familie nicht vermögend ist, bereitet er sich zur Existenzabsicherung auf die juristische Abgangsprüfung in München vor. Er absolviert das juristische Praktikum 1857 mit dem ersten Platz in Bayern und habilitiert sich anschließend mit einer Studie zur Geschichte der germanischen Gottesurteile. Zu dieser Zeit gehört er dem sich um Emanuel Geibel scharenden Dichterkreis „Die Krokodile“ an, der – so die Einschätzung Felix Dahns – im „denkbar schärfsten Gegensatz“ zum Naturalismus steht.  

Felix Dahn heiratet in erster Ehe die Malerin Sophie Fries (1835-1898). Aus dieser Ehe geht ein Sohn hervor. In zweiter Ehe verbindet er sich 1873 mit Therese Freiin zu Hülshoff (1845-1929), einer Nichte zweiten Grades der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Die Ehepartner arbeiten literarisch eng zusammen. Die Gedichtbände der Gesammelten Werke sind von beiden gemeinsam verfasst. Therese Dahn wird die Autorenschaft der Germanischen Götter- und Heldensagen zugeschrieben.

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In seiner Produktivität und Vielseitigkeit ist Felix Dahn eine epochale Ausnahmeerscheinung. 30.000 Druckseiten umfasst das Gesamtwerk des Forschers und Schriftstellers. Seine wissenschaftliche Karriere beginnt er an der Universität in München. 1863 wird er Professor in Würzburg, 1872 in Königsberg und 1888 in Breslau. Es hat alles darangesetzt, dieses Lebensziel zu verwirklichen. So lehnt er nach der glänzend absolvierten zweiten juristischen Staatsprüfung ein Stellenangebot des bayerischen Innenministers ab und hält sich in finanzieller Not mit Artikelschreiben über Wasser. Nach zwei Jahren in Würzburg wird er zum ordentlichen Professor ernannt und ist endlich so etabliert, dass er sich gänzlich Forschung und Lehre widmen kann. Er lehrt Deutsches Recht, Rechtsphilosophie und Geschichte mit Schwerpunkt auf dem europäischen Frühmittelalter. Seine Quellenforschungen erstrecken sich von der germanischen Urzeit bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. Dabei verfolgt er einen dezidiert interdisziplinären Forschungsansatz:

Will man daher das Wesen und die Eigenart germanischen Rechts an der Wurzel fassen, sich nicht mit der geistlosen, leblosen, öden Auslegung der Gesetzesbuchstaben begnügen, muß man die Geschichte des Rechts der Germanen betrachten in Zusammenhang mit ihrer äußeren („politischen“) und Wirthschaftsgeschichte und ihrer ganzen Culturgeschichte, von der auch die Volksreligion und die Volkskunst und das wechselnde Ideal der Sittlichkeit nicht zu scheiden ist, wie denn ferner die Beherrschung der Quellen die Beherrschung der germanischen Sprachen voraussetzt.

Sein zwölfbändiges Hauptwerk Die Könige der Germanen, das Originalquellen aus der Völkerwanderungszeit auswertet, ist heute noch ein Grundlagenwerk zur Deutschen Rechtshistorie und eine Fundgrube für Mediävisten. Hervorzuheben ist außerdem seine Pionierarbeit zu dem frühbyzantinischen Historiker Procopius von Caesarea.

Mit seiner Begeisterung für den Germanenmythos liegt Felix Dahn ganz im Trend der Gründerzeit. Die Reichsgründung von 1871 erzeugt ein breites Bedürfnis nach einer historisch motivierten kollektiven Identität. Dahn ist in diesem Sinn zwar national eingestellt, jedoch nicht völkisch. Schon dem Studenten flößen die deutschtümelnden Burschenschaftler, die „mit allen Anzeichen des Champagnerrausches durch die Straßen fahren“, äußerste Abscheu ein. Ausdrücklich verwahrt sich Felix Dahn seinerseits gegen den Vorwurf „ultra-teutonischer Verranntheit“, dem er sich „sehr mit Unrecht“ ausgesetzt sieht. Bei einem Kuraufenthalt in Meran lernt er die „wälsche, romanische Volksweise [...] von ganzer Seele lieben“. Auch sein mit Enthusiasmus betriebener Fremdsprachenerwerb zeugt von profundem Respekt vor der Vielfalt der Kulturen.

Seine unglückliche erste Ehe stürzt ihn in eine ernste Lebenskrise, aus der heraus er sich 1870 für den Deutsch-Französischen Krieg meldet. Doch tief betroffen und desillusioniert schildert er die in Sedan erlebten Greuel. 1872 schafft die Berufung nach Königsberg den Freiraum für einen privaten Neubeginn. Er heiratet 1873 Therese Freiin zu Hülshoff. Als Wissenschaftler genießt Felix Dahn einen ausgezeichneten Ruf und zieht ein breites Publikum an. 1877/78 amtiert er als Rektor in Königsberg, 1895/1896 auch an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Breslau. Mit 76 Jahren lässt er sich emeritieren.

Felix Dahns literarisches Werk umfasst die verschiedensten Genres. Er schreibt nicht nur historische Romane, sondern auch Balladen und Dramen. Dem Komponisten Richard Wagner, mit dessen motivischen Vorlieben er sich auf einer Wellenlänge wähnt, widmet er ein Opernlibretto. Als Inspirationsquelle für literarische Ideen dient ihm seine Quellenforschung zu den Germanen. Allerdings unterscheidet er explizit zwischen der Realgeschichte und deren literarischer Umsetzung. Er führt „scharf getrennt, doppelte Buchhaltung“. Für die Wissenschaft gilt „strengste, quellenmäßige, nüchternste Gegenständlichkeit“, die Literatur hingegen darf Spielwiese für „Phantasie, kühne Einfälle, verwegene Vermuthungen“ sein. Daher trifft das Etikett „Professorenroman“ – ein die Gunst des damaligen Publikums genießendes Literaturgenre – nur unter den genannten Einschränkungen zu. In den 1880er-Jahren schwindet die allgemeine Begeisterung für den Germanenkult. Der Naturalismus rückt soziale und wirtschaftliche Probleme in den Vordergrund und verdrängt die historisch-pathetischen Epen der Gründerzeit.

 

Dilger, Johann Baptist (1814-1847): Seebruck am Chiemsee, Litographie 1839 © Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung

Zu Felix Dahns Werk zählen fünf Bände autobiografischer Erinnerungen. Sie umfassen den Zeitraum von der frühesten Kindheit in München bis zum Ende der Zeit in Königsberg 1888. Interessante soziologische Details zum Schul- und Studentenleben in München und Berlin sowie zum Geistes- und Kulturleben an den universitären Wirkungsorten München, Würzburg und Königsberg sind ihnen zu entnehmen. Sie lassen teilhaben an der Entwicklung Münchens zum Kunst- und Wissenschaftsstandort unter Ludwig I. und Maximilian II. Darüber hinaus erschließen sie andere Facetten von Felix Dahns Leben: die entspannten, regelmäßigen Sommeraufenthalte im Chiemgau, insbesondere auf der „poesie-umflutheten Fraueninsel“ – Kontrapunkt zum manisch-asketischen Arbeitsleben. Dort vergnügt sich Felix Dahn zusammen mit den Chiemseemalern Max Haushofer, Karl Ruben und Friedrich Lentner. Als Jugendlicher genießt er das Wandern, Segeln und Fischen. Später wohnt er im Wirtshaus an der Alz in Seebruck am Chiemsee-Nordufer. Die melancholische, nebelverschleierte Landschaft inspiriert ihn zur Gestalt des Gotenkönigs Teja (Ein Kampf um Rom): „damals und dort habe ich die Gestalt des schwarzen Teja geschaffen – oder vielmehr: sie tauchte in mir auf wie mit Schicksalsnothwendigkeit.“

Die Zeitgenossen schätzen seine literarischen Werke. Conrad Ferdinand Meyer widmet ihm lange Rezensionen. Richard Strauss und Max Reger vertonen seine Gedichte. Den größten Publikumserfolg (ca. 120 Auflagen) erzielt bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein sein 1876 erschienener Roman Ein Kampf um Rom aus der Serie der Völkerwanderungsromane. Felix Dahn will damit seinen Beitrag leisten zur „Wiederbelebung urgermanischen Fühlens und Denkens, ächt deutscher Weltauffassung“. Zeitlich spielt der Roman in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts und handelt vom Kampf der Ostgoten gegen Ostrom bis zum Untergang des Gotenreichs. Mit pathetischem Glanz ist die Handlung um einen Kreis von Hauptpersonen konstruiert. Die monumentale Ausgestaltung weist Affinitäten zur gründerzeitlichen Historienmalerei auf. Lange Passagen mit direkter Rede dramatisieren den Romantext und erzeugen eine Atmosphäre von Unmittelbarkeit. Es sind überwiegend junge männliche Leser, die den umfangreichen, aber in übersichtliche Kapitel portionierten Roman rezipieren. Heldentum und Heldentod passen einerseits zur Aufbruchsatmosphäre des 1871 neugegründeten Reichs, werden aber andererseits durch „die misslingende Fusion von Volk und Staat“ (Reemtsma) desavouiert. Der Rechtshistoriker Felix Dahn illustriert die Kontingenz und historische Bedingtheit von Staatssystemen.

Während Ein Kampf um Rom als gründerzeitlicher „Professorenroman“ heute schwer zugänglich ist, garantieren in der Literaturgattung „Autobiografie“ die unterhaltsamen und unpathetischen Erinnerungen Authentizität, Frische und lokalgeschichtliche Entdeckungen.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Birgit Ziegler-Stryczek

Sekundärliteratur:

Reemtsma, Jan Philipp (2004): Untergang. Eine Fußnote zu Felix Dahns Kampf um Rom. In: Rechtsgeschichte. H. 5, S. 76-106.

Schwab, Hans-Rüdiger (2009): Helden, hoffnungslos. Felix Dahns Ein Kampf umd Rom als gründerzeitliche Schicksalstragödie. Nachwort zu Felix Dahn: Ein Kampf um Rom. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 1065-1122.

Wahl, Hans Rudolf (2002): Die Religion des deutschen Nationalismus. Eine mentalitätsgeschichtliche Studie zur Literatur des Kaiserreichs: Felix Dahn, Ernst von Wildenbruch, Walter Flex. Winter, Heidelberg.

Walther, Uwe: Felix Dahn, tragisch-heroischer Professorenschwulst und nichts weiter? In: Frankfurter Allgemeine / Blogs - Antike und Abendland, URL: http://blogs.faz.net/antike/2012/01/03/felix-dahn-tragisch-heroischer-professorenschwulst-und-nichts-weiter, (3.01.2012).

Quelle:

Felix Dahn: Erinnerungen. Bd. 1 / 4,2. Breitkopf und Härtel, Leipzig. 1890-1895.


Externe Links:

Literatur von Felix Dahn im BVB

Literatur über Felix Dahn im BVB

Felix Dahn in der BLO

Nachlass Felix Dahn in der ULB Münster

Felix Dahn in der Wikipedia

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