Info
Geb.: 5. 4.1905 in Hannover
Gest.: 6.10.1975 in Berlin
Gerhard Bahlsen, um 1950, unbekannter Künstler © Privatbesitz

Gerhard Bahlsen

Gerhard Bahlsen wird 1905 als dritter Sohn des Fabrikanten Hermann Bahlsen geboren. Der Name Bahlsen steht für eines der bekanntesten Familienunternehmen der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Hermann Bahlsen gründet 1889 die „Hannoversche Cakesfabrik H. Bahlsen“. Der von ihm kreierte „Leibniz-Keks“, benannt nach dem in Hannover wirkenden Philosophen, etabliert sich als eines der ersten deutschen Markenprodukte. Hermann Bahlsen ist nicht nur ein innovativer Unternehmer, der noch vor Henry Ford die erste Fließbandanlage in Betrieb nimmt, sondern auch ein ambitionierter Kunstmäzen. In England begeistert er sich für das Arts and Crafts Movement und beschäftigt selbst herausragende Designer bei der Gestaltung der Keksverpackungen. Er hinterlässt zudem eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Kunst.

In dieser von Unternehmergeist und Kunstsinn geprägten Atmosphäre wächst Gerhard Bahlsen auf. Nach dem Schulabschluss in Hannover studiert er in München Philosophie und Kunstgeschichte. Als einziger der vier Söhne Hermann Bahlsens arbeitet er nicht schwerpunktmäßig im Unternehmen, bleibt aber zeitlebens Miteigentümer. Hauptberuflich engagiert er sich als Verleger, Autor und Journalist. 1933 übernimmt Gerhard Bahlsen den Berliner Verlag „Die Runde“. Unter seiner Leitung erhält der Verlag ein philosophisch-kulturelles Profil. Der mit ihm befreundete Soziologe René König, dessen Werk Vom Wesen der deutschen Universität 1935 in der „Runde“ erscheint, fungiert als Lektor. Während die ersten Verlagspublikationen noch dem nationalen Zeitgeist verhaftet sind, wagt Gerhard Bahlsen nach Hitlers Machtergreifung die Veröffentlichung jüdischer Autoren. So publiziert er in den Jahren 1934 und 1935 die Werke der Philosophen Karl Löwith (1897-1973) und Helmut Kuhn (1899-1991). Beide müssen unter den Nationalsozialisten aus Deutschland emigrieren. Der einstige Gründer des Verlags „Die Runde“, Wolfgang Frommel, flüchtet ebenfalls ins Exil. 1943 stellt der Verlag – auch mangels Papierlieferungen – seine Publikationstätigkeit ein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebt Gerhard Bahlsen zunächst in Hamburg. Er leitet dort eine Sendereihe der Kulturredaktion des Norddeutschen Rundfunks. 1950 bringt er Das Fünfminutenlexikon heraus. Bahlsen versammelt darin Beiträge namhafter Autoren (u.a. C.F. von Weizsäcker, Günter Eich, Walter Jens), deren Themenspektrum die Orientierungssuche der Nachkriegszeit widerspiegelt. Dem bildungshungrigen Leser soll es als „Appetitanreger“ dienen. „Es muß das Material zusammendrängend vergeistigen und faßbar machen, Unwesentliches verwerfen; es muß auf gedrängtestem Raum die weitesten Perspektiven eröffnen“, heißt es zu dem kleinen Lexikon im Vorwort.

Biografisches, Technologisch-Naturwissenschaftliches, Beiträge zu fremden Kulturen und auch esoterische Themen beinhaltet der Sammelband. So lauten die Überschriften „Von Alraunen und Wurzelmännlein“, „Kosmische Rhythmen“, „Regenzauber einst und jetzt“, „Männerbünde und Maskentänze“. Das Fünfminutenlexikon wirft nicht nur Schlaglichter auf aktuelle Wissensthemen, sondern paraphrasiert auch Unwissen und Verführbarkeit. Im Artikel „Geheimbünde“ lautet das Resümee: „Unter welchen Sternbildern alle diese geheimen Gesellschaften auch geboren sein mögen, eines haben sie alle gemeinsam: nämlich die ausgesprochen nationalistischen Tendenzen.“

1950 erwirbt Gerhard Bahlsen den am Chiemsee gelegenen Aischinger Hof (Gstadt) von Freiherr Theodor von Cramer-Klett, dem Vater des Jagdschriftstellers Ludwig Benedikt von Cramer-Klett. Ein Jahrhundert zuvor hielt sich dort öfters der spätere Rechtsprofessor und Schriftsteller Felix Dahn mit Mutter und Geschwistern in der Sommerfrische auf. Gerhard Bahlsen errichtet neben dem alten Bauernhof ein Wohnhaus für seine Familie. Zum Umzug nach Aisching motiviert ihn der Lektor und Hörspielautor Hartmann Goertz, der bereits in Gstadt wohnhaft ist. 1952 zieht der Schriftsteller Horst Mönnich mit seiner Frau Modeste an den Chiemsee. Er lässt sich im benachbarten Breitbrunn nieder, wo auch Ilse Aichinger und Günter Eich eine vorübergehende Bleibe finden. So wird das nordwestliche Chiemseeufer zu einem Fixpunkt der Gruppe 47, an der all diese Schriftsteller teilhaben. Zum Freundeskreis am Chiemsee zählt auch die Schriftstellerin Isabella Nadolny in Chieming. Gerhard Bahlsen und seine Frau Manja, Schauspielerin und Galeristin, pflegen engen Kontakt mit dem Ehepaar Toni und Hans Werner Richter, dem Organisator der Gruppe 47. Gerhard Bahlsen ermöglicht als Gastgeber Austausch und Begegnungen zwischen den Schriftstellern. Hans Werner Richter erzählt davon in seinen Tagebüchern.

Gerhard Bahlsen ist weltoffen und reisebegeistert. Seinem langjährigen Freund, dem Rundfunkjournalisten, Lektor und Schriftsteller Jürgen Eggebrecht (1898-1982), schickt er Ansichtskarten und Briefe aus der ganzen Welt – in bunter Folge: Europa, Peru, Guatemala, Mexiko, Nigeria, Japan, Iran, USA, Indien. Sein besonderes Interesse gilt jedoch Mexiko. Innerhalb der Gruppe 47 nimmt er somit eine Sonderposition ein. Während andere Autoren der Gruppe sich mit der Aufarbeitung der deutschen Geschichte und der Suche nach einem literarischen Neuanfang befassen, recherchiert Gerhard Bahlsen mehrere Monate vor Ort zur mexikanischen Geschichte, einer „Geschichte der mühevollen Befreiung aus den Fesseln des Kolonialismus“. 1961 erscheint sein Werk Mexiko. Aufruhr und Beharrung. Er zeichnet die langjährige mexikanische Revolutionsgeschichte nach, widmet sich aber auch ethnologischen und kulturellen Themen. Im letzten Kapitel befasst er sich mit dem Bekenntnis Mexikos zu seinem indianischen Erbe. Muralisten wie Diego Rivera haben ihm erstmals künstlerischen Ausdruck verliehen. „Seine Apotheose der Indios hatte einen politisch-polemischen und einen romantischen Zug. […] Man idealisierte den Indio, romantisierte die aztekische Vergangenheit, aber man nahm auch, zum erstenmal, diese Vergangenheit überhaupt wahr.“ (S. 282)

Auch mit Ghandis friedlicher Revolution und dem Hinduismus als Modellregion setzt sich Gerhard Bahlsen intensiv auseinander, kann sein geplantes Buchprojekt jedoch krankheitsbedingt nicht mehr verwirklichen. Er stirbt 1975 und wird auf der Fraueninsel beigesetzt.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Birgit Ziegler-Stryczek

Sekundärliteratur:

Baumann, Günter (1996): Wolfgang Frommel und Die Runde (1931-43). Betrachtungen zu einem national-humanistischen Verlag. In: Philobiblon 40, Nr. 3, S. 215-235.

Quellen:

Gerhard Bahlsen: Unternehmer-sein als lebendige Aufgabe. In: Ethik des Berufes. Schriftenreihe: Blätter für deutsche Philosophie (Sonderausgabe). Junker & Dünnhaupt, Berlin 1933, S. 105-114.

– (Hg.): Das Fünfminutenlexikon. Mit 30 Zeichnungen von Gerhard C. Schulz. Schriftenreihe: Bücher der Runde. Schauer, Frankfurt a.M. 1950.

– (1958): Schrecken und Schönheit des alten Mexiko. In: Der Monat, H. 121, S. 67-73.

– : Mexiko. Aufruhr und Beharrung. Cotta, Stuttgart 1961.

– : Burgundische Fahrt. Reisebericht. In: Deutsches Adelsblatt 1964, Jg. 3, S. 139-141.

– : Die Alhambra in Granada. In: Deutsches Adelsblatt 1965, Jg. 4, S. 75-78.

– : Nigeria, ein musisches Land. Geschichte der Rezeption Nigerias in Europa ab 1789. In: Deutsches Adelsblatt 1965, Jg. 4, S. 163-165.

Hans Werner Richter: Mittendrin. Die Tagebücher 1966-1972. Hg. von Dominik Geppert. C.H. Beck Verlag, München 2012.


Externe Links:

Literatur von Gerhard Bahlsen im BVB

Der Verlag „Die Runde“ in der Wikipedia

Das Unternehmen Bahlsen in der Wikipedia

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