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Frequenz: zweimal im Monat bis 1949
Auflage: 20.000-70.000 Exemplare
Preis: 90 Reichspfennig, später 70 Pfennig
Ort: München
Hg.: Alfred Andersch, Hans Werner Richter, Walter von Cube
Verlag: Nymphenburger Verlagshandlung München/Ruf Verlag
Inhalt: Kultur, Politik, Literatur

Der Ruf

Unabhängige Blätter einer jungen Generation

1946 gegründet, kommt der Zeitschrift „Der Ruf – unabhängige Blätter einer jungen Generation“ mit einer Auflagenhöhe von bis zu 70.000 Exemplaren in der Nachkriegszeit eine große Bedeutung zu. Sie ist eines der ersten Sprachorgane der jungen Intellektualität in der neuen westdeutschen Demokratie. Die Herausgeber und Autoren sehen sich selbst als „politisch engagierte Publizisten mit literarischen Ambitionen“. Inhaltlich beschäftigt sich Der Ruf mit kulturpolitischen Themen. Artikel zum Wiederaufbau, zu den Heimkehrern, zu Gefangenenlagern etc. verarbeiten Kriegserlebnisse und spiegeln Bedürfnisse und Sorgen der Nachkriegsgeneration. Ein Beispiel aus der 6. Ausgabe, S. 7:

Die Kunde erreicht uns, daß die Bauern eines bayerischen Kreises eine wahrhaft elegante Art gefunden haben, um ihren Teil zur Lösung der Flüchtlingsfrage beizusteuern, indem sie die „lästigen Eindringlinge” kurzerhand der Hexerei bezichtigen. Zahllose Frauen unter den Ausgewiesenen, begabt mit dem „bösen Blick”, behexen nun nach Herzenslust, sozusagen nach alter Mütter-Sitte, den bäuerlich-bayerischen Viehbestand. Man raunt es von Hof zu Hof. Und man schließt die Tore fester. [...] Eine Bäuerin wurde bereits in ein Sanatorium eingeliefert, da sie der Ansturm so vieler Hexen um den Verstand zu bringen drohte.

Aber auch die politische Rolle und Neurorientierung Deutschlands wird diskutiert. Der Herausgeber Hans Werner Richter vertritt die Idee des „sozialistischen Humanismus“: Deutschland solle die Brücke zwischen Ost und West schlagen und das Beste von Sozialismus und Demokratie in sich vereinen. Das beinhaltet für ihn die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, kultureller Offenheit und der grundsätzlichen Bereitschaft zur Opposition.

Im Ruf werden aber auch Gedichte und Romanauszüge gedruckt, solange sie politisch oder kulturpolitisch ausgerichtet sind, wie zum Beispiel Günter Eichs Gedichte aus dem Lager. Ein Auszug aus dem Gedicht „Pfannkuchenrezept“, gedruckt in der 7. Ausgabe auf S. 12:

Die Trockenmilch der Firma Harrison Brothers, Chikago,
das Eipulver von Walkers, Merrymaker & Co., Kingstown, Alabama,
das von der deutschen Campführung nicht unterschlagene Mehl
und die Zuckerration von drei Tagen
ergeben, gemischt mit dem gut gechlorten Wasser des Altvaters Rhein,
einen schönen Pfannkuchenteig.
Man brate ihn in der Schmalzportion für acht Mann
auf dem Deckel einer Konservenbüchse und über dem Feuer
von lange gedörrtem Gras.
Wenn ihr ihn dann gemeinsam verzehrt,
jeder sein Achtel,
dann spürt ihr, wenn er auf der Zunge zergeht,
in einer üppigen Sekunde das Glück der geborgenen Kindheit [...].
 
Für den Ruf schreiben Autoren wie Bertolt Brecht, Ilse Schneider-Lengyel, Wolfgang Borchert, Karl Krolow oder Walter Kolbenhoff. Alfred Andersch und, ab der vierten Ausgabe, Hans Werner Richter sind die ersten Herausgeber der Zeitschrift, die im Nymphenburger Verlag München zweimal im Monat erscheint. Durch die kritische Haltung zur amerikanischen Besatzung und der sozialistischen Grundhaltung der Zeitschrift bekommt Der Ruf bald Probleme mit der amerikanischen Zensurbehörde und wird im April 1947 verboten. Andersch und Richter müssen die Konsequenzen ziehen und die Zeitschrift verlassen. Unter neuer Herausgeberschaft durch Walter von Cube kann Der Ruf ab Januar 1948 bis zu seiner endgültigen Einstellung 1949 wieder erscheinen.

Das Aus für Richter beim Ruf gilt als die Geburtsstunde der Gruppe 47, die sich parallel zur Konzeption seines Nachfolgeprojekts, der Zeitschrift Skorpion entwickelt. Richter sagt später, dass der Geist des alten Ruf in der Gruppe 47 weiterlebt. Aus der politischen Publizistik abgedrängt, habe die Gruppe 47 „die fehlende Zeitschrift als Kristallisationspunkt durch das Gespräch, durch Kritik und Diskussion ersetzt.“

Kommentare

Irene Schweighofer am 24.09.2014 um 22:44

Sg Damen und Herren ! Ich bin auf der Suche nach der Zeitschrift DER RUF und zwar nach den Exemplaren, in denen eine Fortsetzungsgeschichte "TAGEBUCH AUS SIBIRIEN" abgedruckt ist. Meiner Meinung nach müsste diese Fortsetzungsgeschichte in den Ausgaben der Jahre 1946 bis 1949 erschienen sein. Bedanke mich für Ihre Information. MfG Irene Schweighofer



Peter Czoik am 25.09.2014 um 12:28

Sehr geehrte Frau Schweighöfer, kennen Sie den Autor/die Autorin der Fortsetzungsgeschichte?



Diana Stix am 22.10.2015 um 12:43

Sehr geehrte Damen und Herren! Ich bin auf der Suche nach dem Artikel "Es steht geschrieben" von Rudolf Bohrer vom 1. Februar 1948 (S.8). Wissen Sie zufällig, wie ich zu dem Artikel komme? Mit freundlichen Grüßen, D.S.



Peter Czoik am 10.11.2015 um 12:07

Sehr geehrte Frau Stix, Sie könnten bei der Bibliothek Ihrer Nähe eine Fernleihbestellung aufgeben. Die Bayerische Staatsbibliothek z.B. ist im Besitz der Jahrgänge des "Ruf" und damit auch des gewünschten Artikels von Bohrer. Oder Sie machen eine Aufsatzbestellung über Subito: http://www.subito-doc.de/index.php?mod=subo&task=detail&rid=ID1&cat=ZDB. Diese geht auch aus Österreich. Infos unter http://www.subito-doc.de/cms/files/Preisliste%20Endkunden%20Oesterreich.pdf



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