Karl Valentin – Der Kampf mit der Sprache: Sichversprechen

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Notker I., Notker Balbulus, Notker der Stammler in einer Handschrift aus St. Gallen, 10. Jhdt.

Seit Sigmund Freuds Untersuchung Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum von 1904 wird das Phänomen des Sichversprechens als Störung „durch Einflüsse außerhalb des Wortes, Satzes oder Zusammenhangs“ beschrieben, und zwar von Elementen her, „die auszusprechen man nicht intendiert und von deren Erregung man erst durch eben jene Störung Kenntnis erhält“. Im Sichversprechen dringt demzufolge genau jene Idee durch, „die man zurückhalten will“. Dies kann durch „Substitution“ (Vertauschung) eines Lauts, einer Silbe, eines Worts, von Wörtern innerhalb eines Satzes, einer Redensart oder eines Sprichworts erfolgen. Aber auch durch „Kontamination“ (Verschmelzung) verschiedener Wörter, die ähnliche Laute haben, zu multisemantischen Worteinheiten (Beispiel: Motor und Hotel → Motel) bzw. „Antizipation“, also durch Vorklang eines Lauts oder einer Silbe innerhalb eines Worts.

Bei Karl Valentin gibt es unzählige Situationen, in denen sich solche Versprecher einschleichen. In dem Stück Die verhexten Notenständer (1919) möchte Valentin eine Musiknummer ansagen – vergebens, wie sich herausstellt: „Wir erlauben uns, umständlich, ah – anständig –“, „anläßlich des Umstandes –“, „des Einzuges Kaiser Nepomuks –“, „Kaiser Ludwigs in München zum Sendlingerplatztor –“, „Isartor, im Jahre 1940“ etc. In der Szene Die Ahnfrau klagt dieselbe, ihr Mann habe mit der Herzogin ein „Möchteltöchtel“ (statt: ein „Techtelmechtel“) gehabt – unterschwellig verflechten sich hier „möchte“ und „Töchterl“ zu einer nicht zum Aussprechen bestimmten Wortverbindung. Auf dem Oktoberfest (1932) sagt der Wiesnbesucher Benedikt zu seiner Frau, sie solle doch froh sein, dass sie nicht zur Guillotinierung beim Schichtl hineingegangen seien, worauf diese antwortet: „No, gar so zwider waar dir des vielleicht gar nicht gwen“, worauf Benedikt sich peinlich verspricht: „Des will i grad net enthaupten – a behaupten“, und so der Frau indirekt recht gibt – die anschließende Selbstkorrektur kann daran auch nichts mehr ändern. Im Stück Der Bittsteller (1925) redet der hochmütige Geheimrat den armen Bittsteller Brandstetter mit „Herrn Brandstifter“ an – und bringt so seine Furcht vor dem untergründig Aufrührerischen des sozial Deklassierten zum Ausdruck. In der Szene Vor Gericht (1933) sagt der Richter zum Angeklagten: „Aus welchem Grund hat denn der Kläger Ihre Gans eine blöde Frau geheißen, Verzeihung: umgekehrt wollte ich sagen...“, was das lächerlich Bagatellmäßige der Verhandlungssache unterstreicht. Aus „Sich regen bringt Segen“ wird „Sich sägen bringt Regen“, eine Formulierung, die noch der Dadaist Kurt Schwitters in seinem Gedicht Hannover zum Besten gibt. Beispiele für Kontaminationsversprecher sind Valentins „Funktäne“ (aus: Fontäne und Funk) und „Antome“ (aus: Atome und Anatomie), während ungewollte Bekenntnisse und Enthüllungen des Sprechers in der Szene Familiensorgen (1943) durch Antizipation sichtbar werden: „es geht mir scho wieder a bessl bisser, ah – beim Biesln besser, ah – bissl besser“.


Verfasser: Dr. Peter Czoik / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Karl Valentin: Gesammelte Werke. München 1961.

Ders.: Sturzflüge im Zuschauerraum. Der gesammelten Werke anderer Teil. Hg. von Michael Schulte. München 1969.

Schwimmer, Helmut (1977): Karl Valentin. Eine Analyse seines Werkes mit einem Curriculum und Modellen für den Deutschunterricht (Analysen zur deutschen Sprache und Literatur). R. Oldenbourg Verlag, München, S. 27-32.



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