Über das Werk von Asta Scheib (4): Giovanni Segantinis große Liebe

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Giovanni Segantini, ca. 1890

Die am 27. Juli 1939 in Bergneustadt (Nordrhein-Westfalen) geborene und seit den 1970er-Jahren in München lebende Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin Asta Scheib hat letztes Jahr ihren 80. Geburtstag gefeiert. Mit dem vierten Teil unserer mehrteiligen Blogreihe wollen wir den Streifzug durch ihr vielfältiges literarisches Werk fortsetzen. In ihrer Romanbiografie Das Schönste, was ich sah (2009) porträtiert Asta Scheib den Maler Giovanni Segantini (1858-1899). Der Vertreter des realistischen Symbolismus gilt als Meister der Hochgebirgslandschaft („Van Gogh der Alpen“), die unter seiner Technik eine besondere Form der naturalistischen Ausprägung erfuhr. Ein Beitrag von Nastasja S. Dresler.

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Sie hatten ihn nie geliebt. Beide nicht. Sollte sie doch tot sein, die Mutter. Sein Vater konnte gleich mitsterben. Was hatte er für Eltern? Kein Junge, kein Kind in Arco lebte wie er. Sich selbst überlassen, lief er meist ohne Ziel durch die Gassen [...]. Als er eines Tages herumstreifte, ohne zu wissen, was er mit sich anfangen sollte, und mit einem dünnen Weidenstiel Halbkreise auf den staubigen Weg malte, sah er einen frischgeschlüpften Vogel am Rand eines Gebüschs liegen. Das Vogeljunge hatte noch keine Federn. Mit seinem winzigen Bauch, seltsam rötlich, sah er erbärmlich aus, schutzlos. Der Schnabel war weit offen, so als riefe das Junge laut um Hilfe. Mit der Spitze seines Steckens bewegte Giovanni vorsichtig den kleinen toten Körper. [...] Er schaute nach oben, suchte sorgfältig das Geäst über ihm ab, doch er konnte das Nest nicht entdecken. [...] Wo waren die Eltern? Sie mussten das Junge doch vermissen. Gab es unter den Vögeln auch Eltern wie seine, die ein Ei ins Nest legten, es ausbrüteten und dann sich selbst überließen?

(Asta Scheib: Das Schönste, was ich sah. dtv, 5. Aufl. München 2009, S. 14f.)

Segantini wird 1858 in Arco nördlich des Gardasees geboren. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und erfährt von seinen Eltern nur wenig Zuwendung. Der frühe Verlust der Mutter bedeutet dennoch ein einschneidendes und verstörendes Erlebnis für den Jungen; es ist zugleich seine erste Begegnung mit dem Tod. Trotz ihrer meist fehlenden Liebe wird er lebenslang ein zwiegespaltenes Verhältnis zur Mutter haben:

Da brachten sie auch schon den Sarg, und Giovanni wusste, sie trugen seine Mutter aus dem Haus. [...] Giovanni wusste nicht, wie Sie Luft kriegen sollte in dem engen Gehäuse. Sie hatte in dem Schlafraum mit den hohen Wänden schon keine Luft gekriegt. Er lief los, rief den Männern zu, sie sollte den Sargdeckel aufmachen. Seine Mutter ersticke sonst. Die Männer schauten sich ratlos an. Dann zuckten sie mit den Schultern und gingen weiter, doch Giovanni stellte sich ihnen in den Weg, schrie, dass sie aufmachen sollten: „Aufmachen, aufmachen!“ Die Nachbarn riefen: „O mein Gott, o mein Gott, der Junge dreht ja durch!“ Da ging die dicklippige Maria entschlossen zu den Sargträgern. Sagte ihnen, dass der Junge sich verabschieden müsse von seiner Mutter. Sonst hätte die Seele keine Ruhe. Die Männer sahen einander an, dann stellten sie den Sarg wieder ab, einer holte Werkzeug aus seiner Jackentasche, und sie öffneten den Sarg. Giovanni sah seine Mutter weiß und still auf einem Kissen liegen. Ihre roten Haare hatte man um ihre Schultern drapiert, in den wächsernen Händen steckten ein paar Zweige. [...] Giovanni spürte, wie er fror. Wie sich jedes Haar in seinem Nacken aufzustellen schien. Das war die Strafe. Wie oft hatte er sich gewünscht, dass die Mutter sterben möge. [...] Und nun liebte er sie und wünschte nichts sehnlicher, als sie wieder lebendig zu sehen. (Ebenda, S. 22f.)

Nach ihrem Tod verfrachtet der Vater den Sohn zu seiner Tochter aus erster Ehe, Irene, nach Mailand, von der er regelmäßig ausreißt. Die erzürnte Tochter veranlasst die Behörden Österreichs, deren Regierung über die italienischen Herrschaftsgebiete verfügt, dem Jungen die Staatsangehörigkeit zu entziehen. Segantinis lebenslange Staatenlosigkeit bringt ihm immer wieder Probleme mit den Behörden ein. So beginnt die Autorin auch die Erzählung mit einer Szene, die bezeichnend für den noch späteren Lebensstil des Künstlers ist:

Faustschläge droschen gegen die hölzerne Haustür. [...] Giovanni warf den Schlafrock über [...] und öffnete die Tür erst einmal einen Spaltbreit. Wie erwartet, sah er einen Polizisten. Der zeigte einen Brief vor, den er vom Polizeikommissar aus Chur bekommen hatte. Giovannis Stimme war rau vor Wut, als er fragte, warum man dermaßen früh das Haus aufwecken und die Kinder ängstigen müsse. Absichtlich übersah er den Brief in der Hand des Landjägers. Er wusste ohnehin, was er enthielt, und er weigerte sich, ihn anzunehmen. Stattdessen sah er durch den Mann hindurch zum Gebüsch vor dem Haus, sah den Tau auf den Blättern, auf den dichten Ästen der kleinen Tanne. Er hörte das Vogelkonzert wie jeden Morgen. Ein leichter Wind berührte sein Haar. Hier bin ich zu hause, dachte er, und dass er sich gegen jeden wehren würde, der ihm das streitig machen wollte. (Ebenda, S. 7f.)

Familie Segantini um 1895, Infotafel Maloja

Ohne Papiere wird der Junge 1870 durch die Straßen von Mailand stromernd aufgegriffen und landet in einer Erziehungsanstalt, in der ein Geistlicher sein zeichnerisches Talent entdeckt. 1885 schreibt er sich an der Kunstakademie in Brera ein. 1880 bezieht er sein erstes Atelier – und lernt die Liebe seines Lebens, die erst 17-jährige Luigia („Bice“) Bugatti, kennen, mit der er den Rest seiner Tage verbringen und vier Kinder haben wird. Der Weg dorthin führt über viele behutsame Annäherungen.

So ausgiebig hatte Luigia lange nicht gebadet. Sogar Rosen hatte sie aus dem Garten geholt, aber nur die Köpfe, solche, die schon leicht angegilbt waren. Das Stehlen makelloser Rosen bedeutete Ärger mit Mutter Bugatti. Die kannte jede Rose persönlich. Luigia hatte die Köpfe zerpflückt und in ihr Badewasser gestreut. Zitronen stibitzte sie auch aus der Küche, weil sie gehört hatte, dass Saft und Schale eine weiche Haut machten. [...] Die Haare waren schon gewaschen, in Kamillentee, wie die Mutter das seit Luigias Kindheit machte. Hoffentlich wurden sie unter dem Handtuch noch rechtzeitig trocken. Das war immer Luigias Problem bei ihren üppigen, langen Haaren. Zum ersten Mal würde sie Giovanni Modell stehen. (Ebenda, S. 115.)

Dass die Eltern der Verbindung zustimmen, ist nicht selbstverständlich vor dem Hintergrund, dass Segantini über keine Staatsangehörigkeit verfügt und somit auch Bice in Schwierigkeiten geraten kann.

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Nach Stationen in der Lombardei findet der Maler seine künstlerische Bestimmung im schweizerischen Maloja. Hier feilt er seinen typischen malerischen Stil bis ins letzte Detail aus und fängt die Licht-Schatten-Impressionen der Gebirgswelt ein, die er in ungebrochenen Farbtönen auf die Leinwand projiziert. Sein spezifischer pointilistischer Pinselduktus wird ihm auch den Beinamen „Van Gogh der Alpen“ einbringen. Eines der bedeutendsten Bilder sind Die bösen Mütter (1894), in dem ein lebenslanges Trauma anklingt: die fehlende Mutterliebe.

[W]enn sie [Bice] versuchte, mit ihm über seine Kindheit zu reden, wich er ihr aus. Bice respektierte das. Doch was fühlte Segante, wenn er an seine Mutter dachte? Er liebte und hasste sie zugleich, vermutete Bice. Und er versuchte, diesen Streit seiner Gefühle mit der einzigen Waffe zu schlichten, die er zur Verfügung hatte. Er malte seine Mutter. Immer wieder. Bice zumindest glaubte sie in vielen seiner Bilder zu erkennen. Bislang malte Segante gute Mütter. Er hatte von ihnen genaue Vorstellungen. Wahrscheinlich wurzelten diese in seiner frühesten Kindheit, als er mit seiner Mutter regelmäßig zur Kirche ging und dort die Madonna mit dem Jesuskind sah. Das, was die Madonna ausstrahlte, die schützende Mutterliebe, hatte er selbst nie erfahren. (Ebenda, S. 287.)

Dann beobachtet Bice, dass er ein Bild zu malen beginnt, das ein völlig anderes Frauenbild verkörpert:

Zunächst gefielen Bice seine neuen Überlegungen gar nicht, denn sie fand sie ausgelöst durch ein Gedicht, das sie nicht leiden konnte. Es stammte von dem Dichter Luigi Illica, dessen Poem Nirwana Segante gelesen hatte. [...] Illica schilderte darin geradezu hingebungsvoll, wie Frauen, weil sie die Mutterschaft verweigern, einer grausamen Bestrafung unterzogen werden. Schließlich werden sie durch die Wiedervereinigung mit den von ihnen verlassenen Kindern rehabilitiert, von ihren Qualen erlöst und befreit und können ins Nirwana gelangen. Dieses Gedicht musste Segante im Innersten seiner Seele getroffen haben. [...] Segante hatte es auf jeden Fall zu mehreren Bildern angeregt. [...] Die Bilder sind geheimnisvoll und realistisch zugleich. Man kann die Gebirgszüge klar erkennen, die vereiste Schneedecke bringt Giovanni zum Flimmern, es ist die gemalte Kälte! [...] Bice hatte so etwas noch bei keinem Maler gesehen. Wenn da nicht die seltsamen, gequälten Feen wären, würde man die Bilder für Landschaften halten. Aber so glitten schöne, große Frauen mit ihren entblößten Brüsten durch die Lüfte, oder sie verfingen sich mit ihren Haaren qualvoll in Bäumen. Unerlöst schwebten die bösen Mütter durch die in Todeskälte erstarrte Landschaft. Eine der schwebenden Frauen hat einen Säugling an ihrer Brust. Diese Mutter hat ihr Kind angenommen. (Ebenda, S. 287f.)

Die bösen Mütter (Le cattive madri), Öl auf Leinwand 1894

1899 verstirbt Segantini in seiner abgelegenen Residenz in den Bergen an einem Blinddarmdurchbruch. War er bei den Behörden aufgrund seiner fehlenden Staatszugehörigkeit nicht gut gelitten, so bereiten die Talbewohner dem angesehenen Maler einen Abschied, der dem Charakter eines Staatsbegräbnisses gleichkommt:

Die Menschen gingen stumm hinter dem kleinen Zug her. Die Glocken beider Kirchen begannen zu läuten. Im Ort bettete man den Toten in einen Sarg, der auf eine Kutsche gehoben wurde. In der zweiten Kutsche saß Bice mit den Kindern und dem Arzt. Die angesehensten Männer der Gemeinde Pontresina bestiegen ebenfalls Kutschen und folgten dem Zug. In allen Ortschaften des Tales klangen die Glocken, und Männer in Tracht schlossen sich in ihren Kutschen [...] an. Die Kunde vom Tod des berühmten Malers war in alle Gemeinden gelangt. (Ebenda, S. 406.)

Auch ein Malerkollege und Freund ist gekommen, um sich zu verabschieden – der Bildhauer, Maler und Graphiker der Moderne Alberto Giacometti: „Giacometti weinte, dass es ihn schüttelte. Er hatte viele Kerzen aufstellen lassen in der Kirche, und man öffnete den Sarg. Als er sich etwas beruhigt hatte, begann Giacometti, seinen Freund und Lehrer zu malen.“ (Ebenda, S. 406.)

Bice versinkt in tiefer Trauer. Dabei schildert Asta Scheib anrührend, wie die Witwe mit dem Verlust versucht umzugehen. Sie hat eine Schale auf dem Tisch stehen, in der sie Segantes Briefe aufbewahrt. Und einen davon nimmt sie immer wieder zur Hand und liest ihn:

Frühjahr 1890 – Liebste Bice. Nimm o Liebste diese unansehnlichen Blumen, diese Veilchen als Symbol der größten Liebe. Ich habe sie gepflückt einzig in Gedanken an Dich. Wenn jemals ein Frühling kommen wird, an dem ich Dir nicht solch ein Geschenk überreiche, so wirst du mich nicht mehr unter den Lebenden finden. Dann wirst du jedes Frühjahr diese meine geliebten Blümchen pflücken und dorthin geben, wo ich im Grabesfrieden das vertraute Rauschen deines Kleides erwarten werde [...]. Die Sperlinge werden dazu ein Lied von der Liebe, die niemals stirbt, zwitschern, und ich werde schlummernd dem Gesange folgen, solange noch die Spur von einem Atom von mir auf dieser Erde sein wird, und Du wirst dann an den denken, der dir jedes Frühjahr die ersten Veilchen brachte. – Segantini (Ebenda, S. 409.)

In dem Dokumentarfilm Giovanni Segantini – Magie des Lichts (CH 2015) von Christian Labhart werden autobiografische Aufzeichnungen Segantinis, gelesen von Bruno Ganz, und Passagen aus Asta Scheibs Roman, gesprochen von Mona Petri, mit Bildern des Malers, historischen Aufnahmen und gegenwärtigen Filmsequenzen der Schauplätze verschränkt.