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20.01.2026, 12:13 Uhr
Carmen Achter
Text & Debatte

Zur Konkreten Poesie Eugen Gomringers. Eine Würdigung

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Eugen Gomringer © Jacobia Dahm

Heute wäre Eugen Gomringer, der bedeutsame, weltgewandte Lyriker und Begründer der Konkreten Poesie, 101 Jahre alt geworden. Die Lyrikerin Carmen Achter hat sich in ihrer Würdigung des jüngst in seiner Wahlheimat Bamberg verstorbenen Dichters mit der Frage beschäftigt, was Gomringers Konkrete Poesie für sie persönlich so besonders macht.

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Der Blick auf Mauern und Wände

Die meisten Menschen, die sich für Literatur interessieren – aber, und das ist bemerkenswert, auch viele von denjenigen, die sich nicht dafür interessieren – sind Gomringers Werk sicher zunächst in seinem Gedicht schweigen begegnet. 

© edition splitter wien 2011

Das berühmte Schweigen, das verschwiegene Schweigen – die Mauer, die gar keine ist und die ohne die Fähigkeit zur Sprache nicht existent wäre. Gomringers Text ist auch für literarische Laien unmittelbar eingängig und eines der am meisten rezipierten Gedichte über Schweigen, das doch das Schweigen selbst einzureißen versteht. 

Die zweite Mauer, über die im Zusammenhang mit Gomringer zuletzt so viel gesprochen wurde, ist die Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, an der sein Gedicht avenidas schließlich nach Protesten zahlreicher Studierender überstrichen wurde. Ich muss gestehen, dass ich diesen Text – mag man ihn nun für sexistisch halten oder nicht – nicht zu den interessanteren Gomringers zähle. Es scheint mir eher dadurch bedeutsam, dass der Autor mit ihm skizziert, was sich mit dem Gestaltungsprinzip der Konstellation alles anstellen lässt. Eine Neuanordnung, Visualisierung und spielerische Umsetzung von Wörtern, die den Lesenden neue ästhetische Erfahrungen ermöglichen soll. 

Ich selbst verbinde andere Mauern – oder besser: Fundamente – mit Eugen Gomringer: Nach meiner ersten, früheren Begegnung mit einem seiner Texte – es war das Gedicht kein fehler im system, das mir großes Vergnügen bereitete und mich in Erstaunen versetzt hat –, ist er mir erst wieder durch meine Faszination für die Kunst des Bauhaus' ins Blickfeld gekommen. Diese beiden Aspekte – das Spiel und die Grundideen des Bauhaus' sowie der Konkreten Kunst – leben sehr stark in diesen Texten. In meinen Augen beziehen die Eindrücklichsten unter ihnen genau daraus – aus dem Freiheitsversprechen, verbunden mit einem nüchtern-analytischen Vorgehen und der Besinnung auf ein menschliches Maß, das in diesen Ansätzen liegt – ihre bis heute anhaltende Wirkung. In der Bauhaus-Ästhetik ist ja der Umgang mit dem Material transparent und höchst ökonomisch. Dieses gestalterische Prinzip finde ich auch in Gomringers Lyrik wieder:

Der Körper in Räumen

Ein Gedicht von Eugen Gomringer zu lesen ist wie einen Raum zu betreten. Einen sehr reduziert möblierten Raum. Ich gehe in diese Texte hinein wie in ein Bauhaus-Versuchshaus. Jedes dieser Gedichte braucht nur wenige Worte und verwendet Gestaltungsmittel, die sich klar zu erkennen geben. Ein jedes zeigt, wie es gemacht ist und woraus. Diese Texte sind sehr zugänglich, sie öffnen ihre Türen für mich. Eine Ruhe liegt darin, eine vermeintliche Einfachheit und eine Schönheit, die ihre Tiefe nicht auf den ersten Blick preisgibt.

Der Raum in diesen Gedichten gehört den Wörtern. Und die Wörter in diesen Texten sind Gomringers Ästhetik entsprechend ganz konkret. Sie stehen darin wie Gebäude oder Möbel. Sie haben einen räumlich, visuell und klanglich erfahrbaren Körper, einen Innenraum, einen Außenraum, eine Umgebung. Sie haben ein Gewicht, eine Richtung, eine Ausdehnung, eine Zahl – ein menschliches Maß.

„du weiss/du    “

Breitbeinig, gespreizt stehen manche Wörter in diesen Texten da. Dünn andere, schmal. Manche farbig oder durchscheinend: „du weiss/du    “. Du, weiß auf weißem Papier? – Die Frage nach dem, was wirklich (wahrnehmbar) da ist, und die Frage danach, was davon wir nur annehmen, als gegeben voraussetzen, durch Erwartungen oder Wünsche hinzufügen.

© edition splitter wien 2011

Auch zwischen den Wörtern ist Raum, finden sich Weite, Zwischenräume, Lücken, manchmal Auslassungen, Kreuzungen, Überlagerungen; es herrscht Enge, Gedränge. Wir schieben uns durch diese Ordnung, durch dieses Gewirr, durchstreifen diesen Text-Raum. Die Lücken erzählen wie Baulücken von dem, was einst hier gestanden haben könnte, was dort stehen könnte oder eines Tages dort stehen wird. Wir sehen Dinge, die wir ohne diese Lücke nicht sehen könnten.

Durch ihre Räumlichkeit und Materialität zeigen, entblößen sich uns diese Wörter. Sie zeigen ihr Wesen, zeigen, mit was sie angefüllt sind, welche Bedeutungen an ihren Fassaden und Hüllen haften; fest oder lose. Das Sein der Wörter tritt in den Vordergrund, ihr Sein in einer bestimmten Umgebung, die Veränderung ihrer Bedeutung durch Veränderungen dieser Umgebung. Wenn ich eintrete in diese Texte, kann ich das Sein dieser Wörter in meinem Bewusstsein deutlicher wahrnehmen als sonst. Insofern zeigen uns diese Texte als Lesenden sehr unmittelbar, machen sinnlich erfahrbar, wie das Sein das Bewusstsein bestimmt.

Diese Fülle an Erkenntnismöglichkeiten funktioniert auch und vielleicht umso besser in extremer Reduktion. Manche der Gedichte Gomringers kommen mit einem einzigen Wort aus. Das sind die Gedichte, in denen ihr Formprinzip ganz offen und puristisch zutage tritt und die am Klarsten zu mir sprechen. Etwa wenn im Ideogramm mensch der Mensch sich im Menschen neben ihm spiegelt. In dem Menschen über und unter ihm; der rechte im linken. Jeder ist im anderen wiederzuerkennen, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen und Blickwinkeln. Das ist mit geringsten Mitteln: groß.

© edition splitter wien 2011

Keine Herrn, keine Geschöpfe

Gleichzeitig kommt ein großer Teil dieser Texte nicht als „Geschöpf“ daher, das seinen „Herrn“ (das potenzielle Monster) spiegelt, sondern als etwas Eigenes, Neues, das ohne Pathos und Subjektivität auszukommen versucht. Am Anfang ist das Wort. In der Konkreten Poesie Gomringers tritt der Schöpfer sehr zurück (wenn er auch nicht ganz daraus verschwindet, wurde doch das Material, so einfach es sein mag, vom Autor ausgewählt und in die Texte hineingestellt, es entstammt seinen Händen, seiner individuellen Wahrnehmungswelt). Und als in der deutschen Sprache wohnender Mensch freue ich mich immer noch über jede Begegnung mit einem Text aus der Feder eines Nachkriegsautors, dem ich anmerke, dass diesem Autor bewusst ist, welches Unheil er mit einer anderen Haltung in seinen Texten anrichten könnte.

Diese Zurückhaltung des Autors reduziert den Abstand zum Text und ermöglicht uns Lesenden eine Direktheit und Unmittelbarkeit der Erfahrung. Als Leser*innen verstehen wir: Hier ist einer am Werk, dessen Rolle das Zeigen ist, das Ausprobieren, das Durchspielen von Möglichkeiten. Der Text wird zu einer Versuchsanordnung.

Möbelrücken: Fremd werden in der Sprache

Wir betreten den Raum mit dieser Anordnung von Wörtern und Buchstaben wie eine neue Situation. Dass wir die Situation nicht verstehen, irritiert uns. Fremd (kennen wir uns?), angenehm fremd, manchmal blicken wir wie neu auf Wörter, die uns zuvor doch eigentlich bekannt schienen. Haben sie immer schon so dort gestanden? Haben wir sie jemals in einer solchen Konstellation gesehen? Haben wir sie jemals wirklich angesehen? 

Wir gehen in dem Raum umher, wenden uns verwundert um, durchwandern ihn noch einmal. Wir versuchen, die Spielregeln zu ergründen – und ehe wir es uns versehen, sind wir mitten darin, sind wir am Spiel Beteiligte. Wir sind fremd hier, aber wir sind eingeladen und beginnen, es zu genießen. 

Wir kehren von dort, aus den Texten Gomringers, zurück in andere, uns vertraute Sprach-Räume. Wir stellen fest, dass manche Wort-Möbel so dastehen, seit wir denken können: Wörter zur Möblierung des Denkens. Das Wort als Werkzeug, das uns die Welt sehen und uns in der Welt wohnen lässt. Plötzlich können wir das sehen: wie wir darin wohnen. Widerwille ergreift uns, wenn wir uns fragen, ob wir tatsächlich eine vollmöblierte Fertigwelt bezogen haben, die ganze Zeit über in einer solchen gelebt haben, ohne dass uns das oft aufgefallen wäre. Andererseits spürten wir ein Gefühl der Verlorenheit bei dem Gedanken, wir müssten uns in einer gänzlich unmöblierten Welt bewegen. 

Angesichts der Begegnung mit der Konkreten Poesie Gomringers packt uns die Neugierde: Was passiert, wenn etwas verschoben wird, wenn wir etwas verrücken? Wir merken, dass das eine sehr lustvolle Erfahrung sein kann, und wir wissen, dass darin etwas sehr Wichtiges, ein ernster, elementarer Aussagekern liegt.

So ist es mir damals, vor vielen Jahren, mit dem Gedicht kein fehler im system ergangen. Der „Fehler“ auf der Buchstabenebene, der mit fehlerfreier Systematik durch den Text wandert, ihn überall stört und verändert und damit erst ermöglicht. Dieser Fehler, der sich offen zeigt, aber andererseits schon im Titel frech behauptet, gar kein Fehler zu sein und das als produktives Verfahren für dessen Entstehung im Verlauf des Gedichtes auch noch beweist, um mir dann am Ende den rätselhaften Auftrag mit auf den Weg zu geben: „sey festh kleinr mime“! – Ich kann mich noch gut an die Überraschung erinnern, die dieses Gedicht in mir ausgelöst hat. Es hat mir eine erste Ahnung von den Möglichkeiten der (nicht nur Konkreten) Poesie und der Kunst ganz allgemein vermittelt: davon, welche Möglichkeiten zur Befreiung darin liegen könnten.

© edition splitter wien 2011

Diese sehr grundlegende Erfahrung machen wir mit den Texten von Eugen Gomringer. Mit dem Verschieben der Buchstaben, Wörtern und Zwischenräumen ändert sich die Bedeutung. Mit dem Verschieben der Wörter ändert sich der Raum, ändert sich unsere Wahrnehmung, ändert sich unser Denken, ändert sich unsere Welt. Das geschieht genau in dem Moment, in dem wir darauf blicken, unter unseren Augen.

Aussichtspunkte

Wenn ich die Gomringer-Texte heute wieder lese, durchwandere ich sie wie eine Musterhaussiedlung auf den Hügeln hinter der Stadt. Von dort sehe ich hinunter auf die anderen Häuser und denke, was alles möglich war, was alles möglich ist, was alles möglich gewesen sein wird – und was alles möglich wäre. Auch, weil wir die Kunst haben. Das zeigt mir die Konkrete Poesie von Eugen Gomringer.

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Alle Zitate aus: eugen gomringer: gesamtwerk, band I. vom rand nach innen. die konstellationen 1951-1955, edition splitter/Wien 1995 (Neuaufl. 2011), S. 19 (schweigen), S. 36 (mensch), S. 64 („du weiss/du    “), S. 107f. (kein fehler im system 1, 2, 3).